30 April 2005 - 12:30 -- Nichtraucher

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Local Hero

Neues Cover der DVD


Nun direkt zu einem anderen Meilenstein meiner Filmographie, Local hero, die schottische Kultkomödie von 1983.

Es war an einem warmen Sommerabend an meiner FH, Unikino war angesagt, ein beliebter Event, für eine kleine Mark gab es all die coolen Klassiker als Doppelvorstellung im großen Hörsaal. Diesmal waren "The Commitments" und "Der kleine Horrorladen" angesagt. Beide kannte und liebte ich, der Besuch war Pflicht. Mit Bier und Chips bewaffnet hatten wir es uns zusammen mit ein paar hundert anderen Studis gerade auf den harten Bänken bequem gemacht, als ein dürrer ASTA-Vertreter uns mit Piepsstimme verkündete, sie hätten die angekündigten Filme leider nicht bekommen, stattdessen gäbe es nun "Local hero" und "Karnickels". Beide Filme waren mir unbekannt, schienen mir aber keineswegs geeignet, einen Kultfilmabend zu bestreiten. Groß war das Gebuhe und die allgemeine Enttäuschung, etliche gingen wieder, aber wir blieben, immerhin war "Local hero" britisches Kino und ich war auch schon mal in Schottland gewesen, ich wollte dem Film eine Chance geben.

Der Film begann und in den ersten 15 Minuten war kaum Dialog zu verstehen, so hoch war der Lärmpegel im vollbesetzten Hörsaal, Chipstüten raschelten, Bierflaschen wurden entkorkt, alle redeten munter durcheinander, niemand fühlte sich verpflichtet, dem "aufgezwungenen" Film übermäßige Aufmerksamkeit entgegen zu bringen. Doch dann geschah etwas, was ich nie vergessen werde: nach und nach, ganz langsam, wurde es stiller und stiller. Die Gespräche versiegten, die ganz Unwilligen waren irgendwann gegangen, die anderen begannen den Ereignissen auf der Leinwand zu folgen und immer ruhiger wurde es. Mark Knopflers brillante Gitarrenmusik schwebte schwerelos durch den Saal und eroberte den verlorenen Raum Akkord ür Akkord zurück... irgendwann war es mucksmäuschenstill, 500 angetrunkene Studenten hingen an den Lippen der Protagonisten und von Zeit zu Zeit wehte ein leises Gelächter über die gedrängt sitzenden Reihen wie der Wind über ein sommerliches Kornfeld geht. Irgendwann hatte er uns alle! Wie ein so ruhiger und feinsinniger Film eine Horde zerstreuter Partygänger in seinen Bann schlug, das war pure Kinomagie!

McIntyre, ein texanischer Bilderbuch-Yuppie, wird zum Herrgott persönlich bestellt, zum Großen Happer, dem Big Boss von Knox Oil, einem multinationalen Energiekonzern. Beklommen ersteigt er die Designertreppe, die ihn ins Allerheiligste führt. Und schnell ist er ernüchtert - Happer (grandios gespielt vom alten Burt Lancaster), ist ein astronomievernarrter Multimillionär, für den das Wort "verschroben" noch recht schmeichelhaft wäre. Eine burleske Mischung aus Vito Corleone und Dagobert Duck. Happer, der Allmächtige, hat ein Auge auf den kleinen, aber fleißigen Vorzeigeangestellten McIntyre geworfen, er soll für ihn nach Schottland, dem Land seiner Väter fliegen und ein Dorf kaufen, dass einem ehrgeizigen Raffinerieprojekt von Knox Oil im Weg steht. McIntyre ist eigentlich Ungar, aber das verschweigt er lieber und macht sich stante pede auf den Weg in ein Land, das für ihn so fremd ist wie der Mond. Dass ihn kurz zuvor seine Freundin verlassen hat, erleichtert ihm die Entscheidung, Hauptsache raus hier.


Tolle Pullover

In Schottland wird er erst einmal mit den Wundern moderner Raffinerietechnologie vertraut gemacht, schon ganz toll, was alles so machbar ist, eine komplette Küstenlinie soll umgestaltet werden, um der größten Raffinerie der westlichen Welt Platz zu machen. Öl! Das einzige Business, das der Rede wert ist! Noch ist McIntyre voll drin, in der riesigen Geldmaschine des Megabooms der frühen Achtziger. Alles ist machbar, und wenn nicht, machen wir es machbar. Ihm wird ein "schottischer Laffe" zur Seite gestellt, Denny, ein linkischer, schlaksiger Brite, zusammen ergeben die beiden das filmtauglichste Gespann seit den Blues Brothers. Und so macht man sich auf den Weg in den wilden Westen Schottlands, zum kleinen Fischernest Ferness. Es ist ein Weg in eine andere Welt, die Straßen sind eng und kurvig, die Schilder irgendwann nur noch auf gälisch beschriftet und diese Sprache ist, wie der hyperbegabte, multilinguale Denny gestehen muss, keine von meinen. Man übernachtet im Wagen und als der Tag anbricht, ist man in den Highlands. Ich liebe diese Morgenszene, sie hat etwas fast Mystisches.


I`ll take the high road and you`ll take the low road,
and I'll be in Scotland afore you...


In Ferness verläuft erst mal alles anders als geplant. McIntyre war sich sicher, den Deal an einem Vormittag über die Bühne zu bekommen, doch der "Haufen Kartoffelbauern" zeigt sich widerspenstig. Die geldbewehrten Neuankömmlinge müssen erst mal schlucken, dass der erschreckend gewiefte und aalglatte Bürgermeister, eine Art Highland-Yuppie, über die Alleinverhandlungsrechte für die gesamte Gemeinde verfügt, um dann zu lernen, dass sich die ganze Sache etwas hinziehen wird. Urquhart, der selbstsichere Bürgermeister und Besitzer des einzigen Pubs im Ort, hat sich die Sache nämlich ganz schlau ausgedacht: die Yankees sollen gemolken werden wie Kühe, und je länger sie verurteilt sind, untätig in der tiefsten Provinz herumzusitzen, umso höher wird ihr Angebot klettern, so rechnet er. Ein Nervenkrieg beginnt.

"Entschuldigung, haben sie einen Adapter? Ich muss meinen Aktenkoffer aufladen."

Bis hierhin hat der Film bereits mit dem klassischen politisch korrekten Plot gebrochen, den sympathischen Schotten geht es keineswegs darum, das Land ihrer Väter gegen den bösen Ölmulti aus den USA zu verteidigen, sondern nur darum, es möglichst gewinnbringend zu verkaufen. Sie haben alle Dollarzeichen in den Augen! Und gerade, wenn man sich an diesen Plot-Twist gewöhnt hat, kommt der nächste: die Rechnung geht nicht auf. Denn je länger die beiden Großstadtpflanzen gezwungen sind, ihre Zeit in dem idyllischen Fischerörtchen totzuschlagen, umso mehr gerät ihnen ihr eigentliches Ziel aus den Augen. McIntyre steckte sowieso schon in einer Sinnkrise, jetzt, in diesem Zwangsexil am Ende der Welt, kommt seine Desillusionierung zum Vorschein. Stundenlang spaziert er am Strand, sammelt Muscheln, freundet sich mit den schrulligen Dorfbewohnern an und während diese in Gummistiefeln und Öljacken darüber diskutieren, ob ein Rolls Royce besser sei als ein Jaguar, verliert McIntyre immer mehr den Biss und nach und nach überhaupt das Interesse, den Deal in absehbarer Zeit abzuschließen. Urquharts Plan geht nach hinten los. Denny ist auch keine Hilfe, das Lowland-Gestell hat sich mittlerweilen in eine Meerjungfrau verliebt und fährt seinen ganz eigenen Film, eine kleine skurrile Romanze am Rande.

- "Ist das Wasser kalt?"
- "Nicht so kalt wie es sein müsste. Der Golfstrom kommt hier herein. Hier kommt Zeug angetrieben, das kommt von den Bahamas."
- "Oh, ein langer Weg!"
- "Sie schwimmen auch?"
- "Nicht so weit."


Und so driftet die Geschichte, die anfängt wie eine klassische Öko-Moralität, nach und nach in einen Zustand "zwischen Wachen und Träumen".. Die Langsamkeit des Lebens, die Schönheit der Landschaft, die ewige See, das Nordlicht, das den Himmel verzaubert.. es ist schwer, in diesem Umfeld ein knallharter Businessman zu bleiben. Das Schottland in "Local hero" ist Balsam für McIntyres Seele, hier findet sein Frust Linderung, sein Suchen ein Ziel. Dollars oder Muscheln, wo ist der Unterschied? Aber gerade dann, als ein Abdriften in eine fast esoterische Schiene zu befürchten wäre, nimmt der Film noch einmal Fahrt auf, als eine neue Erkenntnis die Pläne beider Verhandlungsseiten über den Haufen wirft und letztendlich Happer selber, den Allmächtigen, auf den Plan ruft...

"Jetzt ist in Houston Arbeitszeit.. ich müsste anrufen..."

"Local hero" feiert die schottische Seele, vermeidet dabei aber doch gängige Klischees. Anders als z.B. im (auch sehr schönen) "Lang lebe Ned Divine" ist der Ort Ferness kein Bilderbuchdorf wie aus dem Freilichtmuseum, sondern ein reales Fischernest, das man auch jederzeit besuchen kann (der Ort Pennan an der Ostküste, nördlich von Edinburgh). Gelangweilte Jugendliche mit 80er-Punkfrisur und aufgebohrtem Mofa gehören ebenso zur Idylle wie moralisch lose Ladenbesitzerinnen und die üblichen Trunkenbolde. Auf dem Pier aber steht Das Rote Telefonhäusschen, eine der kultigsten Filmrequisiten aller Zeiten, es steht da angeblich noch heute, und immer noch verlangt es der Kult, in den Pub zu platzen, um sich Kleingeld für ein Gespräch nach Amerika wechseln zu lassen.


Der Film ist ruhig, aber entfaltet nach einer Weile seinen Sog, nicht umsonst wurde er zum Schottland-Kultfilm, ich kann ihn nur jedem empfehlen, den es irgendwann mal in diese Ecke zieht. Es ist alles so echt, und doch zugleich ein wunderschönes Märchen über Geld, Gier und Menschlichkeit und über die Macht eines verwunschenen Landstrichs. Ein Land, das jeden klein kriegt, oder wie der lebenslustige russische Fischer Victor zu McIntyre sagt: "Für einen Ölmenschen hast du ein verdammt großes Herz, mein Freund." Nebenbei aber bringen viele skurrile Elemente echt britischen Humors genug Gelegenheit zum Lachen, besonders die Szenen mit Happer und seinem durchgeknallten Therapeuten :hehe: Der Film birgt viele schöne Zitate, leider kenne ich ihn nur auf deutsch, es ist eine Schande. Mit den verschiedenen Akzenten ist er sicherlich nochmal so toll.


Das Ganze ist vielleicht an John Millington Synges The playboy of the western world angelehnt, ein satirisches Bühnenstück, in dem ein exotischer Fremder ein kleines Kaff in Irland durcheinander wirbelt. Wir haben es mal in der Schule aufgeführt, ich war der dicke, stets betrunkene Wirt smilie Local hero ist einer schönsten, menschlichsten, bezaubernsten Filme, die ich kenne und hat meine Schottlandsehnsucht gehörig gefüttert. Ein Film, der Lust macht auf grüne Hügel, raue See, Bier und Regen.

P.S.: "Karnickels" haben wir nicht mehr gesehen. Das hätte danach nicht mehr gepasst. Ich kenn ihn bis heute nicht.