30 Juli 2005 - 17:02 -- Ramujan

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Herr Albers und der Versicherungsvertreter

„Ich bin ein Drache“, sagte der Drache.

„Oha“, sagte Herr Albers, der eigentlich nur nach einem Feuerzeug gesucht hatte.

Der Drache hatte die Farbe einer vier Tage alten Banane, Krallen wie Obsidian, eine unter das linke Vorderbein geklemmte Krücke, die verdächtig nach dem seit Tagen vermissten Rohrreinigungspömpel aussah, und ganz gewiss hatte er nichts im Küchenschrank zu suchen.

Genauso wenig wie der Gnom etwas in der Mikrowelle verloren und der Kinderschreck seine Dusche zu blockieren hatte. Der empfindliche Lampenschirm mit den chinesischen Motiven war sicher kein geeigneter Ort für einen Klabautermann und Poseidon, Gott der Meere und Herr über Gezeiten, hätte sich bestimmt einen romantischeren Ort aussuchen können, um die Meerjungfrau zu verführen als ausgerechnet die Spülmaschine. Poseidon hatte Herrn Albers aus dem algenverhangenen Besteckkorb angeschaut, als dieser sein dreckiges Geschirr einräumen wollte, und die Meerjungfrau hatte wie wild angefangen zu kreischen.

Der Drache im Küchenschrank legte nur den Kopf schief und stank nach Schwefel.

Das war zu viel! Herr Albers schlug den Küchenschrank zu, verscheuchte die Dreizehnte Fee mit einer Fliegenklatsche und wählte die Nummer von Herrn Lübeck, mit dem die Geschichte angefangen hatte. Angefangen, jawohl. Ja. Wohl. Herr Lübeck war Versicherungsvertreter. Und wie jeder anständige Versicherungsvertreter, der etwas auf sich und seinen Stand hielt, hatte Herr Lübeck einen Bauch, perfekt geeignet, um auf dessen Wölbung die Arme verschränken zu können, zwei außerordentliche Geheimratsecken und eine Brille aus Horn. Herr Albers hatte an jenem verfluchten Tag die Tür geöffnet und wollte sie schon wieder schließen, weil er an einen leider nicht zu vermeidenden Klingelstreich der Nachbarskinder glaubte, als er nach unten schaute.

Dort schaute Herr Lübeck nach oben.

„Ja, bitte?“ fragte Herr Albers.

„Gestatten, Herr Lübeck“, sagte Herr Lübeck. Wenn sein Grinsen aus Rasierklingen bestanden hätte, die Ohren wären entzwei gewesen:

„Hagelkorn und Feuersbrunst,
versichern, das ist eine Kunst,
Hausflurrisse, Hundebisse,
kaputte Ställe, Unglücksfälle,
die Beulenpest und Mumps und Gicht,
doch das ist unsere Sache nicht.
Erst Irrwegslicht und Grabeswicht,
Gespensterflattern, Todesnattern,
Gnom, samt Troll und Hexenbesen –
wir versichern gegen Fabelwesen.

Haha. Zwinker, zwinker. Ich sehe schon, wir verstehen uns.“

Herr Albers verstand nicht die Hälfte, was Herr Lübeck damit kompensierte, doppelt so schnell zu sprechen: „Nicht zwei, nicht drei, nicht fünf Gnomsichtungen in den letzten drei Wochen – und die Erdbeerfelder habe ich jetzt gar nicht mitgerechnet -, nein: Sieben Sichtungen! Sieben! Und ein zerbrochenes Essservice in der Schillerstraße. Die Zwergtrollkinder haben die Lockenwickler der ollen Leipzig in die Morgenmarmelade von Herrn Ulm getunkt, und keiner will’s gesehen haben. Achtzehn kaputte Dächer, ein Auto ohne Zündkerzen, die olle Leipzig ruht in Ohnmacht und alle Rasensprenger der Umgebung geklaut. Doch wenn Gespenster lachen und die Wichte kichern, kommen wir, um zu versichern. Haha. Wenn Sie hier bitte unterschreiben wollen?“ Herr Lübeck hatte seinen Aktenkoffer geöffnet und eine stattliche Anzahl an Dokumenten hervorgeholt. Er hielt Herrn Albers eine Teilmenge der Papiere entgegen. „Und da auch. Und da. Und da. Und da. Hier bitte doppelt, da rückwärts und das da können Sie getrost ignorieren.“ Herr Albers wollte keine Versicherung kaufen. Keine gegen Hagelkörner und eine gegen Fabelwesen eigentlich auch nicht.

„Ich möchte eigentlich keine Versicherung kaufen“, sagte er.

Das Lächeln im Gesicht des Versicherungsvertreters fiel in sich zusammen, entsann sich knapp unterhalb des Kinns eines Besseren, legte den Rückwärtsgang ein und erstrahlte erneut wie eine Messerspitze im Sonnenlicht.

„Keine Versicherung. Soso. Sie haben den Schaden bedacht, den Sie mit dieser Entscheidung anrichten können? Keine Versicherung? Sie wissen, dass Klabauterkerle binnen vier Komma drei Stunden eine komplette Wohnung auseinander nehmen können? Dass Gnome imstande sind, in der gleichen Zeit die Einrichtung zu fressen? Ihren Rasen zu pflügen? Den Guppy zu töten? Nach dem unvorhergesehenen Auftauchen eines Hausgeistes steigt die Mortalitätsrate von Rosengewächsen um elf Prozent. Um achtzehn Prozent, wenn die Rosen weiß sind. Um vierunddreißig bei Gnombefall. Sie sinkt um fünf Prozent, falls der Geist eine Elfe ist, allerdings haben Sie dann in den meisten Fällen kein Haus mehr. In den letzten Jahren zählte der Verein Zur Bekämpfung Unerwünschter Fabelwesen allein …“

Herr Albers versuchte, sich so unnachgiebig und hartnäckig zu zeigen, wie es derartige Eingriffe in die Privatsphäre erforderten: Er stand etwas verdattert mit offenem Mund da und schüttelte in kalkulierten Intervallen den Kopf. Schließlich unterbrach er den Redefluss Herrn Lübecks: „Keine Versicherung“, versicherte er so betont wie möglich und schlug die Tür zu. Herr Lübeck, ein Experte auf diesem Gebiet, stoppte sie mit dem Fuß. „Allein achtzehn Fälle unerklärlicher Tintenflecke auf Kleinkindern im Großraum Dingstätten“, rief er so laut wie ohne Erfolg – Herr Albers stemmte sich gegen die Tür und drückte sie ins Schloss. Draußen raschelte es kurz. Eine Visitenkarte wurde durch den Briefschlitz geschoben und fiel auf die Fußmatte. Herr Albers nahm a) die Karte auf und b) sich vor, sie unbedingt wegzuschmeißen; allerdings steckte er das Papier mit den goldenen Buchstaben erst einmal in die Hosentasche.

Zwei Tage später zerbrach das erste Porzellan, ein Teller, den er von seinen Großeltern mütterlicherseits geerbt hatte und der so gewaltig war, dass man ihn als Tischplatte verwenden konnte. Herr Albers machte sich keine Gedanken über den Vorfall, und er machte
sich immer noch keine Gedanken, als dem Teller eine dickbauchige Teekanne, sämtliche Tassen mit Zeichentrick-Motiven und der traurige Clown mit dem breitkrempigen Hut folgten, dessen Spardosen-Funktionalität er schon lange nicht mehr in Anspruch nahm. Er hätte stutzig werden müssen, als in der Dusche plötzlich ein Schwall eisigen Wassers auf ihn herabregnete, obwohl er nicht in die Nähe des Temperaturreglers gekommen war. Wer zog ihm des Nachts die Bettdecke weg, was raschelte hinter den Tapeten und Mauern, warum waren die Kleidungsstücke, die er stets am Vorabend auf dem Stuhl zurechtzulegen pflegte, am Morgen auf links gedreht?

Herr Albers wusste es nicht. Er zog die Bettdecke zurück an seinen Körper, ignorierte das Rascheln und drehte – wenn er nicht allzu schlaftrunken war – Hemd und Hose wieder auf rechts. So hielt er es, bis eines Tages ein verschrumpeltes Wesen in der Dusche stand, die Seife fraß und Blasen aus Nüstern und Hintern pustete. Es kicherte und warf die Shampoo-Flasche nach Herrn Albers. Dieser konnte sich gerade noch ducken. Hinter ihm kroch die geplatzte Flasche langsam die Kacheln herab und das Wesen hüpfte erst in die Höhe und dann in die andere Ecke des Badezimmers, wo es im Klo verschwand.

Doch Herr Albers ließ sich nicht einschüchtern, weder von diesem Ereignis, noch von den folgenden. Manchmal griff er zur Visitenkarte, die Herr Lübeck durch den Briefschlitz geworfen hatte, drehte sie in der Hand, betrachtete sie lange und nachdenklich - nur letztendlich legte er sie immer wieder beiseite. Unterdessen legten die Gnome Bücher in die Waschmaschine und Heftzwecken auf den Bettvorleger. Aber mit den Problemen würde jemand, der aus dem Holze eines Herrn Albers geschnitzt war, alleine fertig, er benötigte keine Versicherung. Die Dreizehnte Fee würde mitsamt ihren Zaubersprüchen verschwinden, als deren Folge es über der Spüle fortwährend aus einer Gewitterwolke regnete und blitzte und seine Eltern im sepiafarbenen Portrait über dem Bett lautstark stritten und zofften.

Das Geschirr könnte man ersetzen, das Fahrrad und das Dach flicken, die Leitungen richten, den Fernseher umdrehen – er könnte sich gewiss daran gewöhnen, den Einschaltknopf über der Mattscheibe zu suchen -, der Teppich ließe sich reinigen, der Inhalt des Kühlschranks austauschen – und tapezieren wollte er ohnehin seit zwei Jahren.

Nur der Drache, der Drache im Küchenschrank war zuviel. Irgendwo musste die Grenze gezogen werden. Herr Albers zog die Visitenkarte hervor und wählte die Nummer des Versicherungsvertreters.

„Herr Lübeck“, meldete sich Herr Lübeck. „Herr Lübeck am Apparat – Rat brauchen Sie? In der Tat. Stets zu Ihren Diensten, auch den höheren. Wo brennt es, wer verbrennt es? Juckt es, ziept es …?“

„Herr Lübeck, wir müssen uns unterhalten“, sagte Herr Albers.

Es knackte in der Leitung. Es knackte im Küchenschrank. Die Dreizehnte Fee kroch unter der Fliegenklatsche hervor und bemühte sich, das Telefon zu verwandeln, was aber nur insofern gelang, als dass es die Farbe in schweinchenrosa änderte. Die Schleifgeräusche, die im oberen Stock einsetzten, rührten vermutlich vom Bett, die Stimme ganz sicher von seiner verstorbenen, portraitierten Mutter. „Jaja, schiebt ihr nur“, krächzte sie, gefolgt von der besänftigenden Stimme des Vaters: „Nun lass sie doch!“

Ein erneutes Knacken im Küchenschrank, dann brach er zusammen. Der Drache plumpste auf die Anrichte und schüttelte die Sägespäne ab. Er wurde der Gewitterwolke gewahr, hinkte hüpfend auf den Pömpel gestützt zur Spüle und fauchte sie an. Es blitzte, dann stoben aus seinen Ohren und Nasenlöchern Funken wie von einer Wunderkerze.

Herr Albers hielt die Fliegenklatsche weit von sich und wünschte, man könne mit ihr schießen. Er drehte sich im Kreis, während er verschiedene Strategien zur Problembewältigung verwarf. Die Dreizehnte Fee flog zur Gewitterwolke und bemühte sich, den Drachen zu verscheuchen. Sie richtete ihren Zauberstab auf die Nase des Untiers, aus dem es noch immer Funken regnete. Der Drache schaute lediglich erstaunt drein, breitete Flügel aus, die kaum größer waren als diejenigen einer Fliege, und fiel beim Versuch nach oben zu schweben hinterrücks und Pömpel voraus von der Anrichte. Vom Lärm angelockt kam eine Horde Zwergtrollkinder aus dem Keller und strömte unter euphorischem Grunzen auf den Drachen zu. Aus der Spülmaschine kam der sehnliche Wunsch nach Ruhe – ausgesprochen von der sonoren Stimme Poseidons, des Gottes der Meere und Herrn über Gezeiten.

Ding-Dong – jemand klingelte. Herr Albers bewegte sich rückwärts zur Tür und öffnete sie einen Spalt weit.

„Guten Tag, guten Tag“, strahlte der Versicherungsvertreter.

„Herr Lübeck!“ Herr Albers seufzte erleichtert. „ Wie schön, dass Sie da sind.“

„Und schöner, dass Sie zur Räson gekommen sind“, sagte Herr Lübeck freundlich wie eh und je, öffnete die Tür und trat ein, den Versicherungskoffer wie einen Schutzschild vor sich her tragend.

Er sah sich mit Kennerblick um, schnüffelte mal in jener Ecke und mal in dieser Nische; schließlich befeuchtete er den linken Zeigefinger mit Spucke und hob ihn prüfend, so als wolle er die Windrichtung feststellen. „Gnombefall. Feeninvasion und schlimmer noch: Klabauterberangriff, Trollplage, unerwünschter Besuch verschiedener Wesen, entschieden erschienen, um zu zerstören und Schabernack zu treiben.“

Nun ging er in die Küche. „Und was haben wir denn da?“ Herr Albers folgte ihm. Die Zwergtrollkinder saßen mit versenktem Fell in der Spüle, aus der es dampfte wie aus einer Lokomotive; der Regen hatte aufgehört, dafür kam aus der Wolke ein schwacher Blitz, der eines der Kinder zusammenzucken ließ. Die Fee lag ohnmächtig auf dem Mikrowellengerät. Auf dem Boden hockte noch immer …

„Ein Drache“, rief Herr Lübeck und setzte sich Hände reibend an den Tisch. Er holte Stapel auf Stapel an Formularen aus seinem Koffer – weitaus mehr als dort eigentlich hätten hineinpassen dürfen -, und legte sie vor sich hin. „Wollen mal sehen. Hohe Risikostufe, höhere Risikostufe, höchste Risikostufe, Sonderfall“, murmelte er und blätterte durch die Papiere. „Sonderfall!“ Jetzt sprach er deutlicher: „Selbstverständlich können wir den bereits entstandenen Schaden nicht ersetzen. Und genauso selbstverständlich können wir Ihnen keine Police gegen Gnombefall oder ähnliche Vorkommnisse verkaufen. Aber falls Sie eine Versicherung gegen Kalkriesen oder Seelenfresserchen abschließen möchten, können wir uns sicher einigen, zwinker, zwinker. Sie hatten doch noch keine Kalkriesen? Andernfalls müsste ich Sie noch höher stufen.“

„Eigentlich möchte ich nur, dass es weggeht“, sagte Herr Albers.

„Oh, Sie müssen verstehen, ich bin nicht Ihr Kompetenzpartner für Fabelwesenbeseitigung. Ich bin Ihr Versicherungsfreund: Wenn Sie bei mir eine Versicherung abschließen, können wir gemeinsam hoffen, dass nichts Schlimmes geschieht.“

„Und es gibt tatsächlich keinerlei Möglichkeit …“, setzte Herr Albers an.

„Ich kann mich bemühen, Ihnen ein Angebot vorzulegen, dass optimal für uns beide und insbesondere für Sie auf die gegebenen Umstände abgestimmt ist“, sagte Herr Lübeck.

„Ich bin ein Drache“, sagte der Drache, der unterdessen Richtung Tisch gestolpert war und Herr Lübeck aus großen Augen ansah. „Drache, Drache, Drache.“ Er stieß sich vom Boden ab und kämpfte gegen die Schwerkraft, die Flügel flatterten und schwirrten, aus den Nüstern paffte schweflig-gelber Qualm. „Drache, Drache, Drache.“ Er hatte die Tischplatte erreicht, ließ sich auf ihr nieder und begann freudig und zufrieden eine Hälfte des Papiergebirges in Unordnung zu bringen und die andere in Brand zu setzen.

Herr Lübeck sprang mit einem Grunzen und einem halben Dutzend anderer, weniger dominanter Laute auf – „Geh weg! Weg! Ungeziefer, vermaledeites!“ – und bemühte sich, die kleinen Brände mit dem Aktenkoffer zu ersticken.

Herr Albers schaute dem Schauspiel im ersten Moment verdutzt zu; wenige Sekunden später jedoch eilte er, um die Küche fürchtend, zur Hilfe, indem er mit der Fliegenklatsche auf die Flammen einschlug.

„Weg! Hau ab!“ rief Herr Lübeck und drückte den Drachen Richtung Tischkante. Das Untier fauchte so laut, dass die Dreizehnte Fee aus ihrer Ohnmacht erwachte – dann biss es zu. Im Reflex zog der Versicherungsvertreter die Hand zurück und rettete damit seine Finger. Die Papierhaufen auf dem Tisch waren inzwischen heruntergebrannt, das Feuer gelöscht, die Fliegenklatsche zu einem stinkenden Klumpen Plastik geschmolzen.

Doch der Drache gab nicht auf, erhob sich unter Ächzen und flatterte, bis er die emporgestreckte Hand erreichte. Es machte Schnapp. Herr Lübeck zog die Hand auf seine linke Seite. Der Drache flog wütend hinterher. „Aus“, schrie Herr Lübeck, „Aus!“ Schnapp – das Untier hatte den begehrten Finger erneut verfehlt. „Aus! Aus, aus, aus!“ Der Versicherungsvertreter hob die Hand über seinen Kopf, auf Brusthöhe, fuchtelte auf seiner linken und rechten Seite herum, während der Drache – schnapp! – den Bewegungen mit zunehmender Eleganz und fliegerischer Ästhetik hinterher jagte.

Nun war die Hand auf der rechten Seite. Schnapp. Auf der linken. Schnapp. Oben. Schnapp. Links. Rechts. Schnapp, schnapp. Oben, unten, schnapp, oben, schnapp, schnapp, links, unten, schnapp, schnapp, rechts, schnapp, oben, schnapp, schnapp, unten, schnapp …

„Ahhhhhhhhhhhhhhhhhhhhh ….“ Herr Lübecks Kopf hatte inzwischen die Farbe einer Tomate angenommen, die man in Blut getunkt hatte. Er war nach vorne gesprungen, um den Drachen mit seiner anderen Hand zu verscheuchen und das Untier hatte den Umstand, es auf einmal mit einer zweiten Hand zu tun bekommen zu haben, gnadenlos ausgenutzt, sich von dem fuchtelnden Objekt des Interesses abgewandt und in das zweite, näher kommende gebissen.

„„Ahhhhhhhhhhhhhhhhhhhhh …“, machte Herr Lübeck so laut, dass die Dreizehnte Fee ein weiteres Mal in Ohmacht fiel. Er griff in Schmerz und Panik zu einem Stapel der vom Brand unversehrt gebliebenen Dokumente und hielt sie sich an die verletzte Hand. Das Papier färbte sich rasch rot. Der Drache drehte den Kopf und spuckte den Zeigefinger auf den Tisch. „Ich bin ein Drache, Drache, Drache“, fauchte er. „Ahhhh-ha-ahhh …“ schrie Herr Lübeck gleich bleibend laut und wandte sich an Herrn Albers: „Sie … Sie … Sie … Ahh-ha-hahhaha-ahhhh …“ Darauf machte er einen Schritt rückwärts, wirbelte herum, rannte durch die Küche, durch die kleine Diele, zur Tür hinaus und, eine tröpfelnde Blutspur hinter sich herziehend, die Straße entlang.

Der Drache landete auf den Fliesen, griff sich den dort liegen gelassenen Pömpel und eilte, halb hinkend, halb durch die Luft flirrend, hinterher. An der Tür hatten ihn die Zwergtrollkinder eingeholt und stürmten lärmend nach draußen. Es folgten der Kinderschreck, die Poltergeister und Klabautermänner, selbst Poseidon und die Meerjungfrau tippelten und schlängelten Händchen haltend und Pfützen bildend über Fliesen und Teppich und verließen das Haus. Die zum zweiten Mal an diesem Tage rekonvaleszierte Dreizehnte Fee stupste die Gewitterwolke mit dem Zauberstab an und verstaute sie, nachdem sie auf Erbsengröße geschrumpft war, in ihrer Handtasche. Schließlich flog auch sie davon. Sämtliche Fabelwesen zogen aus, verschwanden aus dem Haus! Herr Albers konnte sein Glück kaum fassen. Er ging zur Tür, um dem Trupp hinterher zusehen und – so nahm er es sich mutig im Stillen vor – diejenigen der Kreaturen, die es sich anders überlegen und die Dreistigkeit besitzen sollten, zurückzukommen, zu verscheuchen. Auf den Eingangsstufen humpelte noch immer der Drache. Er drehte sich zu Herrn Albers um. „Ich bin ein Drache“, sagte er und fauchte und pustete und gluckerte ihm ein paar Funken entgegen. Dann machte auch er sich endgültig auf den Weg.

(c) Juli 2005