08 August 2005 - 11:03 -- Nichtraucher

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Inferno und Ekstase


Als ich mit 16 Jahren zum ersten Mal bei einem Freund im Hobbykeller (seine Eltern waren Segeln gefahren) diesen Meilenstein des Trash-Pornos sah, ahnte ich ja noch nicht, wie sehr mein zukünftiges Geschlechtsleben hiervon beeinflusst werden sollte. Mit offenen Hos.. Mündern saßen wir auf der Kunstledercouch, über uns die Henkelbechersammlung seines Vaters, und wurden von Felicita Shagwell und Lorie Swinger in die hohe Kunst der Triebe eingeführt (eingeführt, höhö..). Erst als in den folgenden Jahren mein Ruf, der einfallsreichste und technisch versierteste Hengst am Platz zu sein wuchs und die jungen Dinger praktisch Schlange standen, um mit mir den "Doppelten Rittberger" oder den "tschechischen Purzelbaum" zu proben, als ich mit dem "Elfensprung" und dem "Schwedentrunk" ungeahnte Erfolge verzeichnete und die vielfältigen Möglichkeiten des "Einarmigen Banditen" mich immer wieder selber verblüfften, da erst wurde mir klar, wie viel ich Sally Tomatoe, dem Produzenten, Drehbuchautor, Regisseur und Hauptdarsteller dieses Genreklassikers verdanke. Und auch heute würde ich jederzeit unumwunden zugeben, dass Tomatoes Visionen mich... äh, nein, falscher Film, sorry. Nochmal:
Inferno und Ekstase


Was klingt wie ein Genreklassiker des erotischen Films ist ein wunderbares, großartiges Hollywood-Epos über die Erschaffung eines der größten Kunstwerke der Welt, die Fresken der Sixtinischen Kapelle.

Die Buchvorlage von Irving Stone, die denselben, etwas unglücklich übersetzten Titel The agony and the ecstasy trägt, ist eine Romanbiographie über Leben und Werk Michelangelos, fesselnd geschrieben, berstend vor Details und jedem zu empfehlen, der sich die Hochkultur spannend und unterhaltsam nahe bringen lassen möchte. Der Prachtschinken von 1965 wählte aus dem dicken Wälzer mit Bedacht und einer glücklichen Hand nur den Abschnitt über die Decke einer eher schlichten Kapelle im Vatikan, ein bis dahin wenig genutztes Nebengebäude der päpstlichen Residenz.

1508 beschließt Papst Julius II. (gespielt von einem meiner allerersten Lieblingsschauspieler, Rex Harrison), das kahle Bauwerk auszuschmücken. Fresken entlang der Wände und etwas aufgemalte Architektur und Schmuck sollen die Kapelle zum würdigen Ort für die päpstlichen Zeremonien machen. Julius, ein ebenso kunstsinniger wie zupackender Mann, sieht sich um in Rom und seine Wahl fällt auf den damals 33-jährigen Michelangelo Buonarotti aus Florenz (gespielt von Mikes allererstem Lieblingsschauspieler Charlton Heston), der praktischerweise bereits in pästlichen Diensten steht, er arbeitet am monumentalen Grabmal des Papstes, das dereinst das Zentrum des Petersdoms schmücken soll. Dieser wird gerade errichtet, unter enormen Anstrengungen, die größte Kirche der Christenheit. Ganz Rom ist eine Baustelle in diesen Tagen, aus einem tausendjährigen Dornröschenschlaf erwacht soll es in antiker Pracht erstrahlen und den Ruhm der Kirche in alle Welt tragen. Die größten Meister der Zeit haben sich am Hofe Julius' versammelt, nichts steht mehr der Auferstehung der Ewigen Stadt im Wege, außer permanentem Geldmangel, Intrigen und endlosen Kriegen mit einer ständig wechselnden Allianz aus Feinden natürlich, aber wann wäre es je anders gewesen? Julius ist guter Dinge.

Leider sieht sich der störrische Buonarotti als Bildhauer, nicht als Maler, zudem fehlt es ihm an Demut, er schreibt ein Spottgedicht über seinen Arbeitgeber und ist überhaupt eine unmögliche Person. Allerdings auch das größte Talent Europas, von geradezu erschreckender künstlerischer Kraft, seine Skulpturen stellen die Meister der Antike in den Schatten und unter seinen Händen erwacht kalter Marmor zum Leben. Julius will die Kapelle schmücken und er will Michelangelo für dessen Rebellion zurechtweisen, so verdonnert er ihn zum Pinselschwingen und schlägt damit zwei Fliegen mit einer Klappe. Zufrieden zieht Julius in den Krieg, der Feind steht in Norditalien, der Kirchenstaat, damals noch weit entfernt von der Machtfülle späterer Jahrhunderte, ist in seiner Existenz bedroht. Julius war eine schillernde Figur, mehr Krieger als Papst, aber fast noch mehr Kunstmäzen als Krieger. Religion, Macht und Kunst fanden unter seiner geschickten Politik zusammen und mit jedem Tag wandelte Rom sein Antlitz, aus dem mittelalterlichen Trümmerfeld erwuchs die Kulturhauptstadt Europas.

Ist der Wein sauer, schütte ihn weg!



Mürrisch geht Michelangelo ans Werk, einem Papst kann man nicht so einfach etwas abschlagen. Er pinselt also die ersten der zwölf Apostel an die Seitenwände, eine für ihn ebenso leichte wie langweilige Aufgabe, ohne Inspiration, ohne Größe. Und dann, eines Abends, in einer lärmenden Taverne, bricht sich die Frustration Bahn: er beanstandet den sauren Wein und der handfeste Wirt packt einen Hammer und schlägt dem Fass den Spund ab, der Wein schießt durchs Lokal. Herausfordernd blickt den Wirt den unzufriedenen Maler an und lacht grimmig: "Ist der Wein sauer, schütte ihn weg!" - Michelangelo steht auf, packt seinen Zeichenblock ein, auf dem er die Gesichter der Apostel entwirft, stürmt in die nächtliche Kapelle und zerschlägt alles, was er bis dahin geschaffen hat, denn ist der Wein sauer, schütte ihn weg! Bei Nacht und Nebel verlässt Michelangelo Rom und versteckt sich als einfacher Steinbrecher in den Marmorbrüchen von Carrara. Julius tobt, der aufsässige Toskaner raubt ihm den letzen Nerv, ihm, der doch täglich an so vielen Fronten kämpfen muss, im Innern wie im Äußern seines brüchigen Staates! Er lässt Italien nach dem Flüchtigen durchwühlen und Michelangelo muss vor den Häschern immer tiefer in die Berge fliehen, wo er dann, ganz biblisch in einer Höhle hausend, eine Vision hat, die Vision, wie die Decke aussehen soll, ja aussehen wird! Hier greift Hollywood ins Volle und malt die Erschaffung des Menschen in wuchtigen Farben in den Abendhimmel. Ganz so dramatisch war das alles nicht, in Stones Buch steht nichts von Vandalismus und Flucht, tatsächlich unterbreitete Michelangelo nach einer Reise durch die Romagna dem verblüfften Julius einen neuen, viel größeren Plan, der alle Fresken der Welt überstrahlen soll: die Genesis, das erste Buch Moses, soll die gesamte Deckenfläche der Kapelle bedecken, von der Erschaffung der Welt bis zur Arche Noah. Ein wahnwitziger Plan, der aber von Julius, der einem größenwahnsinnigen Künstler einfach nichts abschlagen kann, im Kanonendonner unterzeichnet wird : "Ich wollte eine Decke, er verspricht mir ein Wunder!"

Ich habe keine Zeit für Feiertage!

Zurück in Rom macht sich Michelangelo wie ein Besessener an die Arbeit. Und das war er auch, besessen von der Kunst, ein Mann, der überzeugt ist, nur dafür geboren worden zu sein. Zu erschaffen, so viel und so großartig wie es nur geht. Er hatte Jahre zuvor unterschrieben, Julius' Grabmal mit über 40 Figuren zu meißeln, es zeigte sich aber schnell, für jede Figur braucht er zwei bis drei Jahre. Egal, dann muss er eben 100 Jahre alt werden, er muss es schaffen, den wer sonst sollte es tun? Er ist die Hand Gottes, mit dem Auftrag, die Schönheit seiner Schöpfung in Stein zu hauen, für die Ewigkeit. Kurz gesagt, er hatte sie nicht mehr alle. Das gefiel Julius, der in Michelangelos zerrissener Künstlerseele einen Verwandten im Geiste sah. Er selber hatte ja auch Pläne, die seine Kraft und Lebensspanne übersteigen mussten. Julius war damals 64, Rom eine Baustelle und sein Reich, und damit das Papsttum, wie er sich es vorstellte, schwer bedroht. Der Film schöpft seine Faszination zu einem guten Teil aus dem Aufeinanderprallen dieser beiden Männer, beide gleich an Starrsinn und Sendungsbewusstsein. Michelangelo auf eine eher bäuerliche Weise, oft wie ein bockiges Kind, dem man das Spielzeug wegnimmt, Julius sehr viel subtiler, sein eiserner Wille versteckt sich immer wieder unter seiner geschickten Diplomatie, seiner Kunst, Menschen zu manipulieren, sie dazu zu bringen, seinen Willen zu erfüllen, am Besten so, dass sie es gar nicht merken. Charlton Heston liefert hier solide Schauspielarbeit als Berserker im höheren Auftrag, aber Harrison spielt ihn mit Leichtigkeit an die Wand, seine Mixtur aus Raffinesse, Machtkalkül, Sarkasmus und einem Schuss Resignation ist ganz großes Kino! Eine seiner größten Rollen, auch wenn "Inferno und Ekstase" leider nie den Ruhm erlangte wie "Cleopatra" und "My fair Lady", seine beiden anderen großen Filme. Vielleicht war das Thema Kunst zu sperrig für das Publikum der Monumentalfilme, der Film ging bei fünf Oskarnominierungen letztendlich leer aus und verschwand schnell und ungerechtfertigterweise im Spätprogramm der Dritten.

Michelangelo malt also, auch wenn er das gar nicht kann, wie er immer wieder selber versichert. Tag und Nacht, in einem wahnsinnigen Tempo, auf dem Rücken liegend, in schwindelerregender Höhe, bei Kerzenschein, bei Frost und Hitze, ohne Heizung, ohne Kühlung, mit nur einer Handvoll Helfer, die ihm Farben mischen, den Gips auftragen und die Skizzen auf den Untergrund auftupfen. Mit ist es völlig schleierhaft, wie man so was planen kann, ein Bild, das sich über mehrere tausend Quadratmater erstreckt, mal senkrecht die Wand hoch, dann über Wölbungen und Säulenkapitelle und letztendlich zu einem großen Teil über Kopf, an der Decke. Die Figuren stehen mitunter komplett kopfüber, Michelangelo malte sie von den Haaren zu den Fersen, versucht mal, eine noch so primitive Figur umgedreht zu zeichnen. Es ist unglaublich! Er muss schnell malen, bevor der Putz aushärtet, die Farbe wird auf den frischen (fresco) Gips aufgetragen und im Aushärten verbinden sich Farbe und Untergrund unlösbar, Korrekturen sind dann nicht mehr möglich, jeder Strich muss sitzen. Dafür konserviert der Putz die Farbe für die Ewigkeit: als die Deckenbemalung vor einigen Jahren aufwändig restauriert wurde und all der Ruß und Schmutz der Jahrhundert ab war, erstrahlten Michelangelos Figuren so bunt und prächtig, wie sie vor 500 Jahren erschaffen wurden! Meine Dias aus der Bretagne von 1986 sind schon alle ganz gelb :?

Größer als das Leben

Das Werk wächst, aber zu langsam für Julius, dessen militärische Position immer unhaltbarer wird, immer wieder fragt er seinen Maler "Wann wird es enden?" und immer wieder antwortet Michelangelo "Wenn es fertig ist." Julius zieht in den alles entscheidenden Feldzug gegen den deutschen Kaiser und den König von Frankreich, gering ist seine Hoffnung auf Wiederkehr und so lässt er das halbfertige Werk der Öffentlichkeit zugänglich machen, ein unerhörter Akt, der Michelangelo wieder einmal an den Rand der Rebellion treibt. Aber das Volk fällt das Urteil, mit offenen Hos.. Mündern bestaunt es ein Wunder aus Farbe und Gips, ein Bild, wie es die Welt noch nicht gesehen hat. Der junge Raffael, "the next hot thing" in Rom, der gerade an seiner Schule der Philosophen arbeitet, beugt das Knie vor dem Meister, alle Konkurrenz zwischen den großen Malern, die Julius im Vorfeld ab und an geschickt ausgenutzt hatte, ist vergessen. Michelangelo, der mit seinem David zum Gott der Florentiner wurde, wird nun zum Gott Roms. Das hat er nie gewollt, er will ja eigentlich nur Marmor hauen, wenn die Decke fertig ist, so hat ihm Julius versprochen, darf er wieder an dessen Grabmal weiterarbeiten, mit dem er ungefähr um 40 Jahre im Verzug ist. Er ist Bildhauer, kein Maler! Aber Julis weiß, was er seinem Künstler zutrauen darf und was nicht, er hat ihn, so stellt es der Film etwas romantisierend dar, dazu gezwungen, der größte Freskenmaler der Welt zu werden, wir dumm aber auch... Der Film endet mit der Fertigstellung, vier Jahre nach dem Beginn der Arbeiten, immer wieder unterbrochen durch Krieg, Geldnot und Streitereien der beiden Dickköpfe, die Hassliebe zwischen Künstler und Papst ist neben dem Hohelied auf die Kunst das zweite große Thema des Films. Das teuerste Buddiemovie aller Zeiten sozusagen.. :)

Gedreht wurde an Originalschauplätzen im Vatikan, doch die Kapelle musste natürlich nachgebaut werden, um den Prozess der Entstehung zu zeigen, was für ein Aufwand! Ein gigantisches Gerüst bietet die Bühne für zahlreiche Dramen, immer wieder bockt der Künstler, immer wieder muss Julius ihn zur Vollendung seines Werkes zwingen, mit List, mit Überredung, mit Härte und mit Freundschaft. Ein Höhepunkt des Films ist der nächtliche Dialog der beiden vor dem Panel mit der Erschaffung Adams:

"So also siehst du Gott? Weise und gütig?"
"Ich kann ihn nur so sehen."
"Dein Leben war nicht einfach, und doch siehst du ihn mit soviel Liebe?"
"Ich glaube, er liebt seine Schöpfung. Das Böse ins uns kam nicht von Gott, sondern aus uns selber."


Und dann betrachtet Julius in einem Anflug von Resignation seine Hand.

"Könnte ich noch einmal leben, ich wünschte, ich wäre ein Künstler. Aber ich bin nur ein Papst."

Schließlich ist das Werk vollendet und wird mit einer prunkvollen Messe gefeiert und die Kamera streicht in einem schwindelerregenden Schwenk über die gesamte Breite der Decke, bis man nicht mehr weiß, wo oben und unten ist. "Und, bist du zufrieden?" fragt Julius den erschöpften Michelangelo.
"Ja, Herr"
"Es ist ein Wunder!"
"Es ist nur Farbe auf Gips, Herr."
"Nein, es ist viel mehr als das. Es ist größer als wir beide. Was hat dir die Arbeit an dieser Decke gezeigt?"
"Dass ich nicht allein bin."
"Mir hat sie gezeigt, dass die WELT nicht allein ist."


Der Film dramatisiert ordentlich, bei Stone liest sich das etwas ruhiger, sachlicher und weniger titanisch, aber so ist eben Film. Hier wurde dem bürgerlichen Geniekult in vollen Zügen gehuldigt, der Künstler, in dem die göttliche Flamme der Inspiration lodert ect., aber sowas stört mich nicht. Ich glaube ja auch an das Orm :) Außerdem liebe ich diese alten Schinken! Ich liebe sie einfach. Von den bonbonbunten Farben bis zu den theatralischen Dialogen. Ich liebe sie! :D

So, und heute abend schau ich mir "My fair Lady" an.