11 August 2005 - 12:05 -- Thanil

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Enemy at the gates


Ich habe gestern abend Enemy at the gates gesehen. Es handelt sich um einen (weiteren) Film, der die Geschehnisse in Stalingrad, Herbst/Winter 1942, portraitiert. Der Film geht unter die Haut. Allein schon die Eröffnungssequenz läßt einem das Blut in den Adern gefrieren.

Wir erleben die Geschehnisse hauptsächlich durch die Augen eines jungen sowjetischen Wehrdienstleistenden (gespielt von Jude Law), der anfangs zusammen mit hunderten weiteren unerfahrenen Rekruten in Viehwagons an die Front gekarrt wird. Am Fluss von Stalingrad öffnen sich die Wagontüren, und wir sehen nur die Gesichter der Neuankömmlinge: völlige Panik, Angst und Verzweiflung. Wir hören zwar das Gedonner der Front, aber wir sehen nur diese Augen und panikverzerrten Gesichter. Wie die Viecher vor der Schlachtbank versuchen sich einige zu drücken, die anderen taumeln völlig desorientiert aus den Eisenbahnwagons. Andere Soldaten, deren Aufgabe es ist, die Neuankömmlinge auszurüsten und an die Front zu bringen, zwingen die Rekruten mit Waffengewalt, Geschrei und viel Gewalt raus. Dann sehen wir, wohin die Reise geht: die Soldaten müssen auf kleinen Booten vollgezwängt über den Fluss, der unter ständigem Artilleriebeschuss und Flugzeugangriffen der deutschen Wehrmacht steht. Im Hintergrund sieht man die brennenden Ruinen von Stalingrad. Die Rekruten werden in die Boote getrieben, die Boote legen ab, in einer endlosen Kette über den Fluss. Ständig werden Boote versenkt, deutsche Flugzeuge greifen im Tiefflug an und zerfetzen mit ihrem Kugelhagel reihenweise Boote und Menschen. Viele der russischen Soldaten wollen fliehen, indem sie sich in die Fluten stürzen, doch sie werden durch ihre Aufseher in den Rücken geschossen, um eine Massenflucht zu verhindern.

Dann, auf dem anderen Flußufer, drängen die Überlebenden alle in Richtung der Ausrüstungswagen, wo es nur für jeden zweiten ein Gewehr gibt, jeder bekommt gerade einmal zehn Patronen in die Hand gedrückt. Denjenigen, die kein Gewehr bekommen haben, wird gesagt, dass sie sich immer bei einem Soldaten mit Gewehr halten sollen, bis dieser gefallen ist. Dann sollen sie das Gewehr nehmen und ihrerseits auf den Feind schießen.

Der erste Sturmangriff, der gezeigt wird, endet im völligen Desaster. Die Russen stürmen auf eine gut gesicherte deutsche Stellung zu, getrieben von ihren eigenen Leuten, die im Hintergrund darauf achten, dass niemand Reißaus nimmt. Die deutschen Maschinengewehrsalven zerfetzen die anstürmenden Horden jedoch gnadenlos. Die fliehenden russischen Soldaten werden von den eigenen Leuten unter Beschuß genommen, weil "feige" Flucht sofort mit dem Tod bestraft wird.

Der Protagonist überlebt dieses infernalische Blutbad nur durch reines Glück und Zufall. Danach beruhigt sich der Film ein wenig und er geht zur eigentlichen Handlung über. Die Anfangssequenz erinnert ein wenig an "Saving Private Ryan" auf Steroid, aber der Rest des Films macht nicht den Fehler, den Kampf der Russen hemmungslos zu heroisieren. Stattdessen wird die Karriere des Protagonisten, der zum Scharfschützen befördert und zum Held des russischen Widerstandskampfs hochstilisiert wird, durchaus kritisch begleitet. Die Soldaten der Roten Armee werden portraitiert als einfache Leute, die ihre Pflicht tun, weil sie sowieso keine Alternative haben, dabei aber auch in einem totalitären System überleben müssen, das aus politischen Kommissaren und rücksichtslosen Vorgesetzten besteht.

Die eigentliche Handlung besteht - bekanntermaßen - aus einem Zweikampf der Scharfschützen, denn der junge russische Widerstandsheld bekommt es sehr bald nach anfänglichen Erfolgen mit einem deutschen Scharfschützen - gespielt von Ed Harris - zu tun, der extra aus Berlin von der Scharfschützenakademie angefordert wurde, um ihn zur Strecke zu bringen und damit die Moral der Russen empfindlich zu schwächen.

Positiv anrechnen muss man dem Film auf jeden Fall, dass der Krieg nicht heroisiert wird. Vielmehr wird er als ein Gebilde von tödlichen Zwängen dargestellt, in dem es außer Leid und Tod nicht viel zu erleben gibt. Die vielbeschworene Kameradschaft, die in einem Film wie "Saving Private Ryan" so sehr glorifiziert wird, kommt hier gar nicht wirklich auf, denn die Kameraden sterben im Normalfall nach wenigen Szenen. Die Freundschaft zwischen dem russischen Scharfschützen und dem politischen Kommissar, der ihn zum Helden aufbaut, aber letztlich auch nur für seine Zwecke instrumentalisiert, geht letztlich auch in die Brüche, und zwar weil sich beide in eine hübsche Übersetzerin verlieben.

Man könnte kritisieren, dass hier eine Liebesgeschichte eingebaut wurde, aber ich sehe das positiv, denn diese menschliche Liebe ist so ziemlich das einzig erfreuliche an diesem ganzen Film. Die Ideale, für die gekämpft wird - stalinistischer Totalitarismus und Vaterlandsliebe auf der einen Seite, hitlerischer Totalitarismus und Eroberungswahnsinn auf der anderen Seite - geben keinerlei Halt für Identifikation. Das einzige, was in diesem Wahnsinn dann noch Bedeutung erlangen kann, sind einfache und ehrliche menschliche Gefühle. Dafür lohnt es sich dann auch zu kämpfen und zu überleben, und das versuchen die Protagonisten dementsprechend dann auch. Außerdem wird die Übersetzerin von Rachel Weisz gespielt. smilie

In diesem Zusammenhang wird dann auch die Figur des deutschen Majors und Scharfschützen König verständlich. Er wird von Ed Harris wie ein eiskalter Todesengel, eine Mordmaschine gespielt, der nicht davor zurückschreckt, ein kleines hungerleidendes russisches Kind mit Essen und Süßigkeiten zum Verrat an seinen eigenen Leuten zu zwingen, um an ein paar wertvolle Informationen zu gelangen, wo er seinen Gegner finden könnte. Später erfahren wir aber, dass der Krieg auch ihm alles geraubt hat, und dass er natürlich auch nur seine Pflicht erfüllt, willenlos und professionell. Aber im Gegensatz zu seinem russischen Widersacher hat er überhaupt nichts mehr, wofür es sich zu kämpfen lohnt, und deshalb überlebt er am Ende vielleicht auch nicht, obwohl er vielleicht nicht böser oder schlechter als sein Gegenspieler war. Zu der obligatorischen Verbrüderung zwischen den beiden Feinden, die ich angesichts der Hollywood-Konventionen erwartete, kam es aber nicht. Die beiden Feinde haben sich nichts zu sagen, fühlen nicht die so oft beschworene Waffenbrüderschaft, tragisch verbrämt durch die Tatsache, dass die Brüder im Feld gegeneinander antreten müssen. Das war meiner Meinung nach eine saubere Auflösung, kompromißlos, realistisch und ohne falsche Nostalgie oder Ideologie.

Man könnte dem Film ankreiden, dass die Verbrechen der Wehrmacht nicht deutlich werden. Aber andererseits geht es darum einfach nicht. Der Film setzt einfach voraus, dass die Invasion der UdSSR eines der großen Menschheitsverbrechen war.