12 August 2005 - 23:09 -- Gimli

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Du sollst nicht zweifeln

Für einen Moment reißen die mächtigen Wolkenformationen auf und geben vom Himmel den Blick frei auf eine große und doch so unbedeutende Stadt. Von allen Seiten eingeschlossen durch die graue Kahlheit der norddeutschen Winterlandschaft, erheben sich dunkle Wohntürme und schwarz schimmernde Glasbauten aus einem eintönigen in Finsternis liegenden Meer ghettoähnlicher Plattenbauten. Kaltes Licht leuchtet in den Villengegenden am Stadtrand, doch das einzige Licht, welches das Auge eines himmlischen Beobachters festhalten würde, wenn er auf diese Stadt hinabblickte, ist das warme Leuchten, das aus den Fenstern einer alten Kirche kommt und den Häusern, die diese umgeben, eine Spur von Leben einhaucht.

Die Mitternachtsmesse ist beinahe vorüber, Fetzen der Predigt dringen durch die dicken Mauern, die hohen Fenster und erzählen auch denen, die solcherlei Orte meiden, vom Kampf gegen Armut, Ungerechtigkeit, das Leiden der Menschen und einem Gott, der sie alle in diesem Kampf leiten würde. Mit Ende der Messe öffnet sich das Eichenportal, die Menschen verlassen die Kirche mit einem schwachen Leuchten auf den Gesichtern und einem Lächeln – um sich dann in der Dunkelheit der Straßen wieder zu verlieren. Auch in den Fenstern verlischt das Licht nach und nach. Eines nach dem anderen wird dunkel, bis die letzten Strahlen aus dem Tor entweichen, zu verfliegen drohen und sich dann plötzlich in einer ebenfalls heraustretenden Person bündeln. Der Pastor zieht eine füllige Daunenjacke über seine klassische Tracht und den schmächtigen Körper darin. Das letzte Licht verschwindet hinter dem sich schließenden Tor und er wirft einen kurzen Blick in den Himmel. Ein Riss in der Wolkendecke gewährt ihm Einblick in einen mondlosen Sternenhimmel; eine Sternschnuppe zieht über den schwarzblauen Himmel. Die Wolken ziehen sich wieder zusammen und mit einem Mal setzt starker Schneefall ein. Als der Pastor endlich seine Augen gen Boden gerichtet und den Reißverschluss seiner Jacke geschlossen hat, um seinen täglichen Spaziergang nach Hause anzutreten, hinterlässt er schon Spuren in einer dünnen Schneeschicht.

Seine Hände hat er tief in den Taschen vergraben, aber der stahlblaue Blick in einem schmalen Gesicht verschließt sich nicht vor dem, was er sieht. Wie jeden Abend seit seiner Jugend geht er allein durch die dunkle Stadt, sucht neue Wege, sucht nach Menschen, Schicksalen und findet die schrecklichsten beinahe an jeder zweiten Ecke. Die Stadt geht zugrunde, schießt es ihm fast jeden Abend wieder durch den Kopf und die Frage nach dem Warum lässt meist nicht lange auf sich warten dicht gefolgt vom Zweifel an seinem eigenen Wirken. Seine Eltern hatten das nie verstanden, wenn er wieder einmal einem Obdachlosen sein gesamtes Taschengeld zusteckte oder freiwillig in gemeinnützigen Einrichtungen arbeitete, ehrenamtlich natürlich. Sie hatten allerdings auch nie die Ordnung dieser Welt in Frage gestellt, diese Aufteilung in Arm und Reich, Stark und Schwach. Und sie hatten auch nicht jene Predigt gehört, die ihn mehr geprägt hatte als seine gesamte humanistische Bildung oder seine Kindheit in den behüteten Villen der Stadt. Pastor Benjamin, noch heute zaubert der Gedanke an ihn ein Lächeln auf seine Lippen, so wie es jener grauhaarige Mann bei all den armen Seelen der Slums vermocht hatte. Er wartete nicht auf seine Schäfchen, er handelte und holte sie von der Straße in die Kirche, gab ihnen Mut, Zuversicht und eine Hoffnung auf Besserung. Und er wollte, dass auch sie handelten. Er wollte es von jedem Einzelnen und verwies in jeder Predigt wieder darauf, dass auch Jesus die Gesellschaft seiner Zeit nicht nur durch Reden verwandelt hatte. Handeln und den Glauben als Antrieb, als Schild, als flammendes Fanal, das ihnen vorausgehen sollte.

Und zumindest ein Jugendlicher hatte ihn gehört. In der letzten Reihe hatte er gesessen, nicht umsonst achtet er heute während seiner eigenen Predigten mit Vorliebe auf diejenigen ganz hinten. Es hatte ihn berührt und ihm Hoffnung gegeben, die Hoffnung auf eine bessere Welt, eine Welt, die aus diesen grauen Ruinen um ihn herum entstehen sollte. Der Pastor bleibt stehen, fährt sich mit der einen Hand durch die kurz geschnittenen dunkelblonden Haare, welche nass sind vom geschmolzenen Schnee. Seine Augen wandern an einer Häuserwand nach oben, über Risse in Wänden, verrammelte Fenster. Seine Ohren lauschen auf das Jammern der Hinterhofkatzen, das Weinen eines hungernden Kindes und die Schreie einer geprügelten Frau. Für einen Moment durchzieht Trauer sein Gesicht und die altbekannten Zweifel kehren zurück. Dann ziehen sich die Augenbrauen zusammen und mit einem langen Schritt ist er an der Tür und will gerade Sturmklingeln, als sich wütende Stimmen unter die Schreie mischen. Wenig später erklingt eine Polizeisirene in der Ferne. Ein kleiner Hoffnungsschimmer, denkt er bei sich und setzt mit viel Selbstbewusstsein hinzu, Das war sicherlich jemand aus meiner Gemeinde, der dort eingeschritten ist. Der Schneefall endete zwei Stunden nach Beginn seines Spazierganges und die blinkenden Sterne im wieder erscheinenden Himmel scheinen ihm Recht zu geben.

So fühlt er sich tatsächlich wohl in der ihn umgebenden Tristesse, als er durch eine kleine Seitengasse diese übelste Ecke der Ghettoviertel verlassen will. Es ist ein Hohlweg, hohe Wände an beiden Seiten, zerrissene Plakate, das Anarchiesymbol in unzähligen Farben und Größen, dunkle schmale Fenster in drei Meter Höhe, große Müllcontainer und dazwischen ein schmaler gewundener von Schnee und Sternenlicht strahlender Pfad. Er hat noch nie Angst gehabt in solchen Gassen, und auch diesmal geht er festen Schrittes hindurch. Selbst als er von hinten mit seinem Namen angesprochen wird, stoppt er zwar, wendet sich aber ohne Furcht um. „Christoph Fischer, wenn ich mich nicht irre.“
Was der junge Pastor Fischer hinter sich erblickt, wirkt wie ein absurder Fremdkörper in dieser Gasse. Ein edel in schwarz gekleideter Mann hockt dort auf einem der Müllcontainer, einen langen Mantel eng um sich geschlungen, die schlanken Hände vor den Knien verschränkt und sieht ihn aus großen dunklen von hohen Wagenknochen unterstrichenen Augen an.

„Das ist richtig, ich bin der Pastor dieser Gemeinde. Und bevor ich dich nach deinen Wünschen frage, kann ich dir schon einen guten Rat geben: Nimm dir ein Taxi und fahre zurück in die besseren Gegenden dieser Stadt. Dies ist kein Ort für Menschen wie dich.“
Mit einem sparsamen Lächeln, das auszudrücken scheint, dass er mehr erwartet hätte, wirft der Mann mit einem Ruck seines Kopfes einen langen Pferdeschwanz schwarzer Haare auf seinen Rücken, um dann mit einer langsamen Drehung den Blick wieder auf Christoph zu richten.
„Ich dagegen würde sagen, dass dieser Ort wie geschaffen für mich ist, zumindest wenn man all den üblen Gerüchten über meine Person Vertrauen schenken sollte.“
Christophs Stimme wechselt in einen kalten Tonfall, den er normalerweise für die Verteufelung von Politkern in seinen Predigten aufsparte.
„Wer seid ihr denn, wenn ich das fragen darf? Dealer, Zuhälter, Menschenhändler oder doch der Vorsitzende einer großen Bank?“
Diesmal ging das Lächeln des Mannes in ein Grinsen über.
„Fast.“ Und damit erhebt er sich, den Blick wieder abwendend, öffnet seinen Mantel und den oberen Knopf des schwarzen Hemdes darunter. Die Arme ausbreitend, auf dem Müllcontainer wie auf einer Bühne hin und her schreitend und sich hierhin und dorthin wendend, beginnt er mit wohlklingender Stimme zu rezitieren: „Ich bin ein Teil des Teils, der anfangs alles war, Ein Teil der Finsternis, die sich das Licht gebar, Das stolze Licht, das nun der Mutter Nacht Den alten Rang, den Raum ihr streitig macht, Und doch gelingt’s ihm nicht, da es, so viel es strebt, Verhaftet an den Körpern klebt. Von Körpern strömt’s, die Körper macht es schön, Ein Körper hemmt’s auf seinem Gange; So hoff ich, dauert es nicht lange, Und mit den Körpern wird’s zugrunde gehen.“

„Des Chaos wunderlicher Sohn!“, haucht Christoph die Worte über seine Lippen, ohne es zu wollen und mit einer mahnenden Stimme im Hinterkopf sich nicht auf die Phantasien eines Spinners einzulassen.
„Ganz recht, so schrieb der gute Goethe und traf damit beinahe ins Schwarze. Diese paar Zeilen offenbaren ein Wissen über seine Figuren, dass ihm nur ein Engel eingeflüstert haben kann. Das göttliche Licht, also die mächtigen Seelen, die an die schnöde Existenz der Körper gebunden sind. Sie geben den Körpern Schönheit und doch knebeln die Körper sie. Und so kann ich nur hoffen, dass die Körper zugrunde gehen, damit das Licht wieder eins wird.“
„Der Informant muss wohl aus der Fraktion der abtrünnigen Engel stammen, soviel wie er über die schlechten Eigenschaften des Teufels zu wissen scheint.“
„Eher nicht. Das Wissen ist eindeutig zu bruchstückhaft. Es muss eine Seele gewesen sein, die dachte es sei wichtig, dass die Menschheit erfahre wie es nach dem Tode abläuft. Oder so ähnlich, ich weiß es nicht und es interessiert mich auch nicht.“
Christoph schüttelt unmerklich den Kopf, fasst sich, streckt sich und schaut den Mann mit festem Blick ins Gesicht.
„Ihr haltet euch also für den Teufel, wenn ich euch richtig verstanden habe. Mephistopheles, wie er bei Goethe heißt, den ihr ja eben zitiert habt.“
Die dunkle Gestalt zuckt lächelnd mit den Schultern.
„Teufel, Satan, Mephistopheles, der Morgenstern, Luzifer – ich bevorzuge letzteren. Womit ich mich schon von Goethe trennen will, denn auch wenn er wirklich ein kluger Kopf war, so lege ich doch Wert auf meinen gottgegebenen Namen. Aber du glaubst mir nicht, richtig Christoph? Warum solltest du auch, du hast mit deinen 35 Jahren schon viele Verrückte gesehen, schließlich sammeln sie sich beinahe jeden Tag vor und in deiner Kirche.“

„Oh natürlich“, unterbricht Christoph ihn, „jetzt werden selbstverständlich die treuen Anhänger Gottes und Jesus Christus angegriffen, schließlich sind sie ja deine Feinde, und das schon seit Anbeginn der Schöpfung!“
Ein trockenes Lachen entringt sich der Kehle seines Gegenübers.
„Nein, nein. Die Christen stören mich nicht mehr als alle anderen schwachen Seelen. Und auch wenn einige Quellen der Bibel scheinbar recht vertrauenswürdig waren, so spiegelt sie doch nur ansatzweise die Wahrheit wieder. Jesus zum Beispiel hatte nichts mit unserem Schöpfer am Hut, vertrau mir, ich als Engel weiß so etwas.“
„Gefallener Engel.“
„Da fängt es schon an. Ich bin nicht gefallen, wurde nicht verbannt. Was wahr ist, ist dass ein Krieg herrscht im Himmel zwischen zwei Fraktionen. Man kann es auch eine Meinungsverschiedenheit nennen. Und du könntest ein starkes Argument sein – für die Gegenseite. Kurz gesagt: Wenn du stirbst, wird die Seele, die in diesem schmächtigen Körper steckt, Freiheit erlangen und all ihre Macht für diejenigen Einsetzen, die nicht meiner Meinung sind. Wie du siehst habe ich also ein Problem ...“
„Das ist doch alles lächerlich! Mit so was gebe ich mich nicht länger ab.“
Stehenden Fußes dreht sich Christoph weg – und schaut direkt in die tiefschwarzen Augen Luzifers. Er sieht eine Macht in ihnen glühen, eine Macht so alt wie das Feuer selbst, und obwohl nach den Äonen seit Beginn der Schöpfung nur noch ein Schatten des alten Brandes übrig ist, überragt dieser doch noch immer jedwede Seele. Der Blick paralysiert, durchbohrt, erforscht die Tiefen von Christophs Geist und lässt ihn nackt zurück. Er hat das Gefühl, als würde er bei vollem Bewusstsein auf einen Abgrund des Wahnsinns zuschlittern, ohne etwas dagegen tun zu können. Doch kurz davor löst Luzifer den Blick, macht mit gesenktem Kopf einen Schritt an seinem Opfer vorbei. Und Christophs Augen fallen kurz auf die grauen Schläfen im pechschwarzen Haar, bevor er vornüber auf seine Knie sackt und sich mit den Händen im beißenden Schnee abstützt.

„Du hättest mich nicht unterbrechen sollen.“ Die einzige Antwort ist ein Hecheln und Keuchen, als hätte Christoph einen Marathon hinter sich. „Wie ich schon sagte: Ich habe ein Problem mit dir. Dein Tod, der ja wohl zwangsläufig ist, wird das Kräftegleichgewicht stören, es kippen. Und das kann ich nicht zulassen.“
Luzifer dreht sich wieder zu der keuchenden zusammengesunkenen Gestalt am Boden um. Langsam, mit zuckenden Gliedern, kommt Christoph wieder auf die Beine, was seinem Peiniger zumindest ein anerkennendes Nicken abverlangt.
„Ein logisches Problem, denken sie nicht auch, Herr Pastor? Ihr Tod ist negativ für mich. Was mache ich also? Ich sorge dafür, dass er nicht stattfindet.“
Luzifer hebt die Hand und zeigt mit den gespreizten Fingern der rechten Hand auf den noch immer schwankenden Mann wenige Meter vor ihm. Nichts passiert und dann war auch schon alles geschehen. Wieder wendet Luzifer sich ab, machte einige schlendernde Schritte durch den unberührten Schnee – und verharrt.
„Ach ja, sie glauben mir jetzt sicherlich nicht. Aber das Problem ist noch viel leichter zu lösen.“
In einer fließenden Bewegung dreht er sich um und hebt erneut die Hand. Das Letzte, was Christoph sieht, bevor eine Kugel seinen Schädel durchschlägt, war eine im Sternenlicht silbern schimmernde Waffe, die in ihrer Schönheit noch grausamer wirkt.

Die Schwärze vor den Augen weicht dem Gefühl für Schmerz und Kälte. Christoph schaut direkt auf den schmalen Streifen Himmel über sich, spürt die Leblosigkeit in seinen kalten Gliedmaßen und einen leichten Schmerz am Kopf, dort wo er auf den Asphalt aufgeschlagen ist. Doch mit dem Bewusstsein kommt die schmerzhafte Erinnerung. Die Waffe in der Hand Luzifers – und dieser war jener Mann ganz sicher, daran gab es schon jetzt keinen Zweifel mehr für ihn – das Aufblitzen an der Mündung des Laufes, wie sein Kopf zurückgerissen wurde, der Knall, der noch im Fallen an sein Ohr drang. All das verbindet sich nun zu einem Crescendo des Schreckens und lässt Christoph hochfahren. Ich muss tot sein, durchfährt es ihn und packt sich an den Hinterkopf. Verklebtes, halb gefrorenes Blut in den Haaren und Reste von Schnee. Kein Loch, kein blutiger zerfetzter Krater, nicht einmal eine Beule. Hastig rappelt er sich auf, steht schwankend aber steht. Hände und Füße kribbeln, während das Blut wieder in ihnen zu zirkulieren beginnt. Seine Augen gleiten durch die Gasse und er sieht nur wenige Meter vor sich die Waffe im Schnee liegen. Das Metall scheint warm gewesen zu sein, denn ein wenig Schnee ist geschmolzen und erst später wieder zu Eis erstarrt. Auch Fußspuren sind zu erkennen, seine eigenen, die in die Gasse hineinführen, andere die hinausführen – jedenfalls beinahe, denn sie enden abrupt.

Er ist ganz plötzlich aufgetaucht, lässt Christoph die Bilder Revue passieren, erst auf dem Container, dann auf einmal direkt vor mir, als ich mich doch wegdrehte. Und dann ist er scheinbar gegangen, schießt, lässt die Waffe fallen und geht einfach, nur um noch einmal zu verschwinden. Aber er hat geschossen ...
Langsam dreht er sich um. Wo er lag ist ein Abdruck im Schnee zurückgeblieben. Dahinter hat ein Regen aus Blut einen fächerförmigen Tropfenteppich hinterlassen. Sein Blut im Schnee; das Rot kontrastiert selbst im Dämmerlicht der Sterne mit dem Weiß.
Für einen Moment sucht der Verstand nach einer logischen, einer vernünftigen Erklärung. Der Tod als Antwort vielleicht und jetzt hat die Seele den Körper verlassen. Aber der Körper liegt nicht dort, sondern erscheint noch recht lebendig. Nur den Bruchteil eines Augenblicks kreisen die Gedanken auf diesen Pfaden, dann schalten sich die Instinkte ein und stoppen diesen Kreislauf. Christoph dreht sich um und rennt.

Die Tür seiner kleinen Wohnung fliegt hinter ihm ins Schloss und der Knall hallt durch die Stille der ihn umgebenden Dunkelheit. Herr Fischer, Pastor, steht draußen an der Tür und über seinem Briefkasten im Eingangsbereich des Wohnhauses. Diesmal hat er es nicht registriert, aber normalerweise tat er das. Doch diesmal kann er sich nicht einmal mehr daran erinnern, dass er die Türen überhaupt durchquert hat. Sein Körper pulsiert noch immer mit Adrenalin und sein Gehirn kann absolut keine Erinnerung an die letzten zehn Minuten hervorbringen. Er muss nach Hause gerannt sein, das ist aber auch alles und ergibt sich logischerweise daraus, dass er ja jetzt hier ist. Seine Handflächen sind aufgeschürft, ein weiteres Indiz für eine sehr hastige Flucht in die Sicherheit der eigenen vier Wände. Im Dämmerlicht des Flures schaut Christoph auf seine Hände herunter. Für einen Moment glaubt er, dass ihn seine Sinne täuschen, doch er sieht deutlich wie die Wunden auf einmal im Zeitraffer verheilen. Zurück bleiben nur ein wenig eingetrocknetes Blut und der Dreck der Straße. Er versucht es zu ignorieren, doch es gelingt ihm nicht einmal ansatzweise. Also stößt er sich stattdessen von der Tür ab, durchquert den langen schmalen Flur, geht durch die Seitentür in die Küche – Buchenimitat auf Einbauküche – nimmt sich ein Glas, füllt es mit Leitungswasser und flüchtet sich in das angrenzende Wohnzimmer, wobei er mit zitternden Händen einige Tropfen Wasser über den Parkettboden verteilt. Seine Augen gleiten für wenige Augenblicke unstetig über die schlichten Massivholzmöbel und das einfache Kreuz an der Wand. Gemütlich ist praktisch nur der Sessel vor dem Bücherregal, der Rest ist spartanisch kahl. Die eine Hand giert nach dem Lichtschalter, um die Schrecken der Nacht zu vertreiben, aber Christoph zügelt sie und setzt sich einfach so in den Sessel.

Die Minuten verstreichen, die grünen Leuchtziffern eines Weckers zeigen, dass es 3 Uhr nachts ist. Von draußen dringt nur sehr schwach Licht in die Wohnung, denn inzwischen sind die Straßenlaternen in dieser Gegend schon längst ausgeschaltet. Nur dank des Schnees auf den Straßen und dem Balkon ist es nicht völlig finster. Es klingelt. Er ignoriert es. Und es klingelt erneut. Er massiert sich die Schläfen, reibt sich über die Nasenwurzel, nimmt einen Schluck Wasser. Wieder klingelt es, diesmal mit Nachdruck. Die letzten Minuten hat Christoph damit verbracht seinen Geist völlig zu leeren, über nichts nachzudenken, einfach zu existieren, damit ja keine Erinnerung auf die Idee käme sich im Bewusstsein blicken zu lassen. Das ist jetzt vorbei. Mittlerweile klingelt es im Rhythmus einer kleinen Melodie. Die Tatsache, dass es die französische Nationalhymne ist, lässt seine Augenbrauen sich irritiert zusammenziehen. Das war’s. Jetzt springt er auf, knallt sein Glas auf einen nahen Tisch und rennt beinahe zur Tür. Unverriegelt wie sie ist reißt er sie auf und krächzt seinem Besucher ein „Was wollen sie?!“ entgegen. Es trifft ungefähr das Schlüsselbein des Mannes, der ihn um einige Zentimeter überragt.
„Moin. Mein Name ist Alexis, Alexis Borislaw.“ Eine haarige Pranke wird ihm entgegengestreckt, eilig versucht Christoph seine eigene Hand abzuwischen, um die Geste zu erwidern, doch der Fremde hat seine schon wieder eingezogen und drängt sich durch den Türrahmen in die Wohnung. Mit langen Schritten und schweren Stiefeln stapft er durch den Flur, beschaut sich in einem Augenblick alles und verschwindet im Wohnzimmer. Das Licht geht an und in den Flur dringt ein „Rustikal – gefällt mir!“, bevor die Haustür ein zweites Mal am heutigen Tag knallend ins Schloss fällt. Christoph folgt Alexis mit schnellen Schritten. Dieser hat inzwischen das Bücherregal entdeckt und lässt seine Finger über die Buchrücken gleiten. „Nietzsche“, murmelt er vor sich hin, „lustig der Mann, aber Marx bilderreiche Sprache gefällt mir irgendwie besser. Warum lesen sie eigentlich den Mann, der mit ,Gott ist tot!’ berühmt wurde? Vor allem da ihre Wohnung ansonsten wirklich sehr pastorenhaft wirkt. Nun ja, es steht ja auch an der Tür.“ Er ist eindeutig der Einzige, der über seinen Witz lacht. Dafür lacht er aber auch sehr laut. Dann zieht er seine Lederjacke aus, die Muskeln spannen sich unter dem roten T-Shirt darunter, lässt sich in den Sessel fallen, streicht sich durch die langen blonden Haare und schaut Christoph direkt und unverblümt aus eisblauen Augen an. Dieser hat aber im ersten Moment nur Augen für die lange Narbe, die sich von oben nach unten durch das gesamte Gesicht zieht.
Er braucht einen Moment, um sich wieder zu fassen, dann wiederholt er seine Frage, allerdings sehr viel ruhiger: „Was wollen sie?“

„Mit ihnen über Religionskritiker diskutieren. Das mache ich mit Vorliebe, müssen sie wissen.“
„Und das ist alles?“ Wäre Christoph nicht schon vollends irritiert, jetzt wäre er es.
„Nun, nicht ganz. Gleichzeitig würde ich gerne wissen, ob sie, also ihre Seele, wirklich so mächtig ist, wie man es in den himmlischen Sphären flüstert.“
Die Realität hat ihn wieder. Oder das, von dem er seit ungefähr einer Stunde glaubt, dass es die Realität ist, denn noch ein paar Stunden vorher, gehörten Engel nicht gerade zu seiner Vorstellung der Realität.
„Sie sind ein Engel.“
„Ein Engel mit dem Nachnamen Borislaw? Machen sie sich nicht lächerlich! Außerdem bin ich Atheist, was nicht einmal mein Chef von sich behaupten kann. Okay, ich war Atheist. Mit meinem Tod und der Erkenntnis, dass es da doch ein Leben nach dem Tod gibt und Gott und die Engel, den Himmel, den Teufel und alles was dazugehört, hörte das urplötzlich auf, wie sie sich vielleicht vorstellen können. Es irritiert einen, wenn man glaubt, dass alles vorbei ist und auf einmal steht Luzifer vor einem und erklärt, dass er einen gerne für seinen Kampf gegen die anderen Engel rekrutieren würde.“
„Also auch noch auf der falschen Seite. Wie erbaulich, dass sich neben ihrem Boss und ihnen keiner der Guten für mich interessiert“, erwidert Christoph mit kalter leiser Stimme.
„Mal nicht so voreilig“, ermahnt Alexis ihn, „ich bin auf der Seite der Stärkeren, nicht auf der Seite des Bösen, was es meines Erachtens auch überhaupt nicht gibt. Ich habe mich also von denselben Prinzipien leiten lassen, wie in meinem letzten Leben. Wie sie vielleicht wissen prägt dies die Seele mehr als die anderen Leben, auch wenn diese viel dazu beitragen der Seele ihre Macht zu geben. Allerdings hat mich zum Beispiel die Liebe zu einer überzeugten Christin, die ebenfalls mein Leben als Alexis Borislaw prägte, nicht so stark beeinflusst, dass ich auf der Stelle zu den Heerscharen Gottes übergetreten bin. Und sie hat keinen Gedanken daran verschwendet sich Luzifer anzuschließen.“ Er lacht wieder, doch seine Augen lachen nicht mit, was Christoph vielleicht bemerkt hätte, wenn er nicht gerade jetzt einem Wutausbruch erliegen würde.
„Das Recht des Stärkeren also? Das ist es, was das Leben bestimmt, in ihren Augen? Wissen sie was? Leute wie sie kotzen mich an! Ich verabscheue sie zutiefst! Rund um den Globus sterben Menschen, leiden Menschen, sie hungern und verdursten, ob unserer Arroganz, unserem Glauben, dass wir nicht teilen könnten, ohne dadurch zu verlieren. Wir versorgen Terroristen mit Waffen, auf dass sie blutige Bürgerkriege führen können, worauf wir Anteilnahme heucheln und doch in unserem Inneren davon überzeugt sind, dass halt der Stärkere überleben wird und die Schwachen halt nicht. Wobei wir natürlich ebenfalls davon überzeugt sind, dass im Endeffekt wir die Stärksten sein werden und daher sowieso mit der Welt machen können was wir wollen.“

„Moment mal!“, unterbricht ihn Alexis, „Die Natur hat uns doch eindeutig gezeigt, dass es sinnvoll ist, wenn die Stärkeren überleben und nicht die Schwachen. Wo wäre die Menschheit heute, wenn dem nicht so wäre?“
„Falsche Frage, mein junger Freund! Die Frage müsste lauten: Wo wären wir heute, wenn wir dem Recht des Stärkeren gefolgt wären? Das sind wir nämlich nicht und damit einige Jahrtausende sehr gut gefahren. Stark gemacht hat uns unser soziales Verhalten. Das Teilen von Nahrung, das Beschützen der Schwachen, zu versuchen immer die gesamte Gruppe durch die harten Zeiten zu bekommen. Der Mensch hat sich nicht durch körperliche Kraft, Schnelligkeit oder besonders lange Krallen zum Herrn über die Natur aufgeschwungen, sondern dadurch, dass er ein soziales Wesen war – und ist! Solche machtgeilen arroganten Arschlöcher wie sie und ihr Chef dagegen waren schon immer die langfristigen Verlierer in der menschlichen Gesellschaft. Große Feldherren und ähnlicher Abschaum sind am Ende immer tot und prägen die Welt nur im negativen Sinne. Luzifer scheint den Krieg ja auch zu verlieren, ansonsten hätte er sicherlich nicht solche Angst vor der Macht einer einzelnen kleinen Seele wie mir gehabt. Und vielleicht schaffe ich es ja sogar noch meine Macht irgendwie einzusetzen, um diesen Krieg für diejenigen zu entscheiden, denen ich es von Herzen gönnen würde.“ Ein triumphierendes Lächeln huscht über sein schmales Gesicht.
Alexis sitzt unerschütterlich im Sessel, die Hände entspannt auf den Lehnen. Er lächelt. Er grinst. Er ist kurz davor zu lachen. Und Christophs eigene Selbstsicherheit beginnt zu bröckeln.
„Am Anfang“, beginnt Alexis zu erzählen, „war das Recht der Starken. Die Engel waren das mächtigste, was Gott erschaffen hatte und sie waren sich dessen durchaus bewusst. Das Leben auf der Erde dagegen war schwach und auch die menschliche Existenz war nicht gerade das, was man machtvoll nennen würde. Nur das göttliche Licht, der Funke, der in allen Menschen steckte, machte sie zu etwas besonderem. Allerdings konnte dieser Funke nur in das Meer aus Licht, das wir den Himmel nennen, zurückkehren, wenn er stark genug war die körperliche Existenz hinter sich zu lassen. Die Schwachen schafften das nicht und kehrten nach dem Tod in einem anderen Körper wieder ins Leben zurück. Keiner hatte gegen dieses Prinzip etwas einzuwenden und viele unter den Engeln fanden die Vorstellung, dass schwache Seelen mit ihnen bei Gott seien konnten auch sehr störend, denn schließlich konnten nur die starken Seelen mit den Engeln mithalten. Und so kehrten nur gleichwertige Seelen in das Meer des Lichtes zurück, gleichwertig, also den Engeln ähnlich.

Doch Gott sah das alles ein klein wenig anders. Ihm gefiel nicht, dass die Engel mit Arroganz auf die schwachen Seelen hinabblickten und ihnen den Zugang zum Himmel verwährten. Komischerweise hatte Gott es so erschaffen, aber er ist natürlich trotzdem unfehlbar.“ Alexis verdrehte die Augen und schnaufte verächtlich. „Jedenfalls rief er die Engel zusammen und erläuterte seinen Plan. Er wollte das Prinzip ändern und es allen Seelen ermöglichen in den Himmel zurückzukehren, auch wenn sie nach einem Leben wahrscheinlich noch zu schwach waren. Die einen Engel bejubelten die Idee, die anderen Engel murrten unhörbar akzeptierten aber die Entscheidung – und einige andere, darunter der Morgenstern, kritisierten es offen, ja sie lehnten sich gar dagegen auf. Der Krieg begann. Es wurde übrigens niemand verbannt, erst recht nicht von Gott, denn der hält sich seitdem vornehm im Hintergrund und niemand weiß wirklich was er gerade macht oder plant oder wo er überhaupt ist. Unter den Engeln sind die Fronten da schon klarer. Es gibt Luzifer und die anderen Verteidiger der alten Ordnung und auf der gegnerischen Seite die Engel, die die neue Ordnung durchsetzen wollen. Darunter drei Erzengel.“
„Nur drei? Was ist mit den anderen? Müssten sich nicht alle himmlischen Heerscharen gegen Luzifer und seine Anhänger wenden, damit Gottes Plan in die Tat umgesetzt wird?“
„So könnte man denken. Aber nur drei Erzengel kämpfen. Michael, Raphael und Samael. Die anderen vier halten sich da raus. Oder anders gesagt: Sie gehören zu der schweigenden Masse, die unter den Engeln eindeutig dominiert. Wie gesagt, die meisten finden es gar nicht so schlecht so wie es ist. Schließlich sind sie ja keine schwachen Seelen, die immer und immer wieder das Leben durchmachen müssen, leiden, hungern und sterben, nur um wiedergeboren zu werden. Wer selbst nicht leidet, nie gelitten hat und von Beginn der Schöpfung an auf Seiten der Sieger steht, hat meist nicht viel übrig für die Schwachen.“
Wieder flackert der Zorn in Christoph auf: „Ich schon! Und ich komme auch aus sehr guten Verhältnissen, stehe also von Geburt an auf Seite der Starken und nicht der Schwachen. Trotzdem helfe ich den Schwachen wo ich nur kann und setze mich mit allem was ich habe für sie ein!“

„Das habe ich auch gar nicht bestritten“, fährt Alexis mit einem verschmitzten Lächeln fort, „aber so wie du denken nur drei der Erzengel und der Rest, nun ja, denkt wie der Großteil der Menschen in den Industriestaaten denkt, wenn du diesen Vergleich nicht für zu weit hergeholt hältst und wenn man bei solchen Menschen oder Engeln überhaupt noch von einem klaren Gedanken ausgehen kann, denn ich bin der Meinung, dass solch eine Haltung allerhöchstens von stupider Ignoranz zeugt und nicht von gottähnlicher Weisheit, wie man sie ja zumindest bei den Engeln erwarten dürfte.“
Christoph antwortet nur noch flüsternd, seine Augen sind leer und hängen irgendwo in der Ferne: „Also herrscht im Himmel die gleiche Hölle wie auf Erden.“

Wann und wie Alexis verschwand bekam Christoph nicht mehr mit. Er hatte sich an das Fenster zum Balkon gestellt und schaute von da aus in die Dunkelheit der Nacht hinaus. Als er sich wieder dem Zimmer zuwendet, ist Alexis verschwunden. Verschwunden wie ein Traum, denkt er bei sich, wie ein Alptraum, setzt er hinzu. Seine Blicke gleiten wieder einmal durch seine Wohnung. Sie wirkt kalt. Obwohl er keine Neonröhren an der Decke hängen hat, erscheint ihm alles unwirtlich und irgendwie fremd. „Ich muss hier raus“ sagt er zu der Wohnung und lässt seinen Worten auch gleich Taten folgen.

Diesmal kann er sich an seine Flucht erinnern. Sie führte ihn aus seiner Wohnung durch die dunklen Straßen auf altbekannten Pfaden zurück zu dem Ort, wo an diesem Abend alles begonnen hatte. Düster ragt das Kirchenschiff vor ihm auf, kein Licht brennt hinter den Buntglasfenstern und überall um sie herum scheint kein Leben zu herrschen. Mit aller Kraft stößt er das Kirchenportal auf, die alten Angeln quietschen trotz täglicher Benutzung jedes Mal wieder. Bedächtig schließt er die Flügel wieder, als könnten sie irgendetwas aufhalten, wo er doch diesen Abend schon zu häufig gesehen hatte, dass gewisse Personen sich von rein gar nichts aufhalten ließen. Zitternd schwankt er durch den Mittelgang der Kirche. Es war draußen sehr kalt gewesen und er hatte vergessen seine Jacke zu schließen. Oder vielleicht wollte er die Kälte auch spüren, jetzt weiß er das schon nicht mehr. Doch er registriert schnell, dass es innerhalb der Kirche nicht sehr viel wärmer ist, als draußen. Die Wände sind kahl und aus kaum behauenen Findlingen zusammengesetzt, die Buntglasfenster schlicht und aufgrund ihres hohen Alters schon lange nicht mehr völlig winddicht. Weder gibt es Säulen noch einen hohen Turm und überhaupt fragen sich einige Gemeindemitglieder, wie dieses karge alte Bauwerk die Jahrhunderte überleben konnte, ohne von Grund auf erneuert zu werden. Der einzige Stolz der Gemeinde ist das große runde Buntglasfenster hinter dem Altar. Wie das wiederum hierher in den Norden gekommen war und warum es in diese kleine Kirche gesetzt wurde, ist eine weitere große Frage. Nur das es wunderschön ist, steht außer Frage.
Der Pastor hat nun die halbe Kirche hinter sich gelassen und wünscht sich, dass die Sonne scheint. Sie würde diesen großen Raum erhellen und das Fenster zum Leuchten bringen. Doch so, in dieser frostigen Winternacht, ist hier nichts weiter als ein kalter Hauch, Dunkelheit und einige wenige flackernde Kerzen in den Haltern zu beiden Seiten des Hauptschiffes. Die meisten von ihnen sind schon erloschen und ihr Flackern lässt Christoph kaum die Möglichkeit das große Holzkreuz hinter dem Altar zu erkennen. Er bleibt stehen, die Hände in den Achselhöhlen; er zittert.

,Und das ist alles? Ich werde ewig leben, die Welt um mich herum betrachten und zusehen müssen wie sie langsam zugrunde geht? Ich werde die Armen und Schwachen, die Kinder und die Alten, die Hungernden und die Verdurstenden, ich werde sie alle sterben sehen, immer und immer wieder, Generation auf Generation, ohne ihnen auch nur den kleinsten Funken Hoffnung geben zu können? Weil ich selbst keine Hoffnung mehr habe, weil ich selbst an meinem Glaube zweifle .. nein, das ist falsch. Ich habe schon vorher nicht richtig geglaubt, habe den Glauben nur benutzt, um diesen Menschen Hoffnung zu geben ohne Rücksicht darauf, ob diese berechtigt ist oder nicht. Schließlich sollten sie in diesem Leben hoffen und aus dieser Hoffnung heraus handeln. Und es hat ja auch funktioniert. Aber was bringt es ihnen? Sie werden ja doch nicht in ein besseres Leben einkehren sondern nur wiedergeboren werden und das Alles noch einmal durchleben. Wie viele Seelen werde ich wohl zweimal zu Sehen bekommen, ohne dass ich es bemerke? Wie viele habe ich schon zweimal gesehen? Ich habe ja niemanden gerettet. Ich habe in diesem Leben nur Kleinigkeiten bewirkt und es dürfte nicht gereicht haben diese schwachen Seelen auf ein Niveau mit den Engeln zu heben. Wofür habe ich dann gekämpft? Dafür dass Wesen wie Alexis und Luzifer sich über die Schwachen amüsieren können, während sie selbst sich an dem ewigen Ringen mit den kämpfenden Erzengeln erfreuen? Das kann doch nicht alles gewesen sein. Das darf einfach nicht alles gewesen sein! Oder war mein Leben wirklich absolut sinnlos? .. ja, war es. Es hat die Personen, die ich heute Abend getroffen habe, nur wenige Sätze gekostet, aber jetzt kann ich zumindest dies mit Sicherheit sagen: Mein Leben war und ist sinnlos. Bisher war ich, was das betrifft, immer am zweifeln, jetzt kann ich mir sicher sein. Und durch meine Unsterblichkeit wurde mir sogar die Möglichkeit genommen im Leben nach dem Tod etwas zu bewirken. Was soll ich jetzt also noch tun? Den Menschen verkünden, dass sie ihre Seelen stärken sollen, damit sie noch eine Hoffnung auf etwas Besseres haben? Leicht gesagt, ich weiß ja nicht einmal wie! Ich weiß nicht mal warum ich so eine starke Seele sein soll. Ich habe keinen starken Glauben und selbst meine Überzeugungen und Ideale wurden in dieser Nacht zugrunde gerichtet. Wahrscheinlich habe ich dadurch all meine Macht verloren.’

Ein trockenes Lachen entringt sich seiner Kehle und hallt schaurig in den Weiten der Kirche wieder.
,Das wäre mal eine Ironie! Machtlos, weil diejenigen, die meine Macht fürchten, mir erschienen, um mich vom Eingreifen abzuhalten. Dabei hätte ihr Erscheinen gereicht, unsterblich machen hätte Luzifer mich wirklich nicht. Dann könnte ich jetzt zumindest Schluss machen und müsste nicht weiter in dieser Welt vor mich hinvegetieren. Ach nein, ich würde ja wiedergeboren werden. Allerdings hätte ich dann alles wieder vergessen, was wirklich ein Segen wäre. Das wäre mal ein sinnvoller Grund für einen Selbstmord, auch wenn ich den Freitod bisher nie als Ausweg anerkannt habe.’
Spielerisch hebt er die zu einer Pistole geformten Finger an die Schläfe.
„Bamm.“
,Aber woher die Waffe, wir sind ja nicht in den Staaten. Scheinbar hat unser Land aus irgendwelchen Gründen etwas gegen Selbstmorde und Amokläufe mit legal gekauften Waffen.’
Diesmal kichert er und es wirft ein Echo, das den Eindruck aufkommen lässt, dass die gesamte Kirche voller Wahnsinniger ist, die sich überall verstecken und vor sich hinkichern.
Plötzlich spürt er ein Gewicht in der Tasche seiner Jacke. Langsam greift er hinein und zieht ohne hinzuschauen eine Waffe heraus. Es ist die Waffe mit der ihn Luzifer vor wenigen Stunden schon einmal gerichtet hatte. Hatte er sie aufgehoben und eingesteckt? Oder war sie so in seiner Tasche erschienen, wie ihr Besitzer und seiner Gefolgsleute überall einfach zu erscheinen schienen? Doch Christoph verschwendet daran keinen weiteren Gedanken. Er hebt sie, wie zuvor seine Finger, an die rechte Schläfe und drückt das kalte Metall beinahe sanft gegen seinen Kopf. Kurz bevor er die Augen schließt merkt er noch, dass es heller geworden ist in der Kirche. In den Augenwinkeln registriert er das Aufflackern einiger Kerzen und es scheinen mehr zu werden. Es wird auch wärmer. Doch es ist leichter die Augen zu schließen …

„Das wäre sinnlos. Luzifer hat gründlich gearbeitet. Außerdem ist sie noch gesichert.“ Ein glockenhelles Lachen erklingt, Christoph öffnet die Augen, sieht die aufkeimende Helligkeit und spürt die aufkommende Wärme. „Alexis hätte jetzt ganz bestimmt ein halbes Dutzend Filme genannt, in denen irgendwelche Amateure den Bösewicht nicht erschießen können, einfach weil die Waffe noch gesichert ist. Irgendwie schade, dass er jetzt nicht hier ist. Es hätte ihn in seiner Theorie bestätigt, dass selbst die dämlichsten Drehbücher im Endeffekt doch durchaus vom Leben hätten geschrieben worden sein können.“
Christoph dreht seinen Kopf nach Links, von wo die Stimme gekommen war, und das Erste, was er sieht, ist ein Lächeln. Das zarte Gesicht der jungen Frau, mit den großen braunen Augen, wird umrahmt von langem Haar und eingehüllt von Kerzenlicht. Auch sein eigenes Gesicht versucht ein Lächeln zustande zu bringen, allerdings geht dieses unter in einem so erstaunten Blick, dass er die Waffe in seiner Hand für einen Moment völlig vergisst. Er schaut sie an und meint in ihrer sitzenden Gestalt die vielen Darstellungen der Mutter Gottes wieder entdeckt zu haben. Allerdings macht sie einen sehr viel jüngeren Eindruck, fast kindlich, als würde man die noch nicht erwachsene Maria sehen. Sie hat die Hände in ihrem Schoß gefaltet und ihre Augen auf das Kreuz an der Rückseite der Kirche gerichtet. Eine tiefe Ruhe und Versunkenheit umgibt sie wie eine Aura, die langsam beginnt die ganze Kirche auszufüllen.

„Wer sind sie?“ sind die ersten Worte aus Christophs verdutztem Mund und schon bereut er sie, denn das förmliche Sie erscheint ihm absolut unangebracht gegenüber dieser irgendwie so kindlichen Erscheinung.
„Mein Name ist Katja. Katja Johansson mit vollem Namen. Und sie sind Pastor Fischer, wenn ich mich nicht schwer täusche. Ich muss aber zugeben, dass ich nicht gedacht hätte eine integere Person wie sie jemals Selbstmord begehen sehen würde. Zumindest versuchter Selbstmord. Ist zum Glück nicht so strafbar wie der versuchte Mord.“ Wieder schallt ihr helles Lachen durch die letzten Reste der Dunkelheit und der Kälte und drängt sie weiter zurück.
„Wie du schon sagtest, ich hätte es eh nicht tun können, es wäre so gewesen wie in der schmalen Gasse, in der Luzifer so freundlich war mir zu demonstrieren, dass ich nun unsterblich bin.“

„Unsterblichkeit. Was für ein großzügiges Geschenk von unserem rebellischen Erleuchter.“ Diesmal ist es nur ein Kichern und mit diesem zusammen erhebt sie sich, um sich zu bekreuzigen. Sie schaut Christoph immer noch nicht an, als sie fortfährt: „Alexis wollte immer unsterblich sein, als er noch nicht wusste, dass er als Seele schon seit tausenden von Jahren ziemlich unsterblich ist und immer wieder die Schönheit der Welt erkundet .. oder sie vernichtet. Aber wahrscheinlich zählte das nicht, denn er konnte sich ja nicht daran erinnern, nicht wahr?“ Sie wendet den Kopf und lächelt ihn an.
„Das ist wahrscheinlich wahr.“ Er stutzt. „Du kennst Alexis?“
Für ein Blinzeln wird ihr Lächeln hart, doch sofort ist es wieder so zart wie zuvor.
„Ja, ich kenne ihn und ich kannte ihn auch schon vor meinem Tod.“
„Also bist du die Christin, die er einst geliebt hat!“ unterbricht er sie, bevor sie weiteres erzählen kann. Das Lächeln wird schmaler.

„Ja. Aber das tut nichts zur Sache. Wir haben uns geliebt doch das hat keinen von uns bis in dieses Leben hinein beeinflusst.“ Sie schließt das Thema mit einer sehr gründlichen Endgültigkeit. In ihrer weiten wehenden weißen Kleidung und dem sandfarbenen langen Mantel darüber, gleitet sie an Christoph vorbei in den Mittelgang und auf den Altar zu.
„Wahrscheinlich hat ihnen mein slawischer Exfreund etwas vom Recht des Stärkeren erzählt, davon dass der Himmel nur den Seelen offen steht, die auch mächtig genug sind mit den Engeln mitzuhalten und darüber, dass es in dieser Welt ganz genauso läuft und dass daher, logischerweise muss man wohl sagen, auch nur die Starken aus dieser Welt im Himmel als stark gelten.“ Sie hält inne und dreht sich um. „Aber lassen sie sich etwas gesagt sein, Vater: Das stimmt alles nicht! Oder zumindest ist es eine arg verdrehte Form der Wahrheit.“

Christoph fühlt sich leicht zitterig auf den Beinen und setzt sich auf eine der Bänke, wobei er etwas von Stress und Schlaflosigkeit murmelt, wodurch sich Katja allerdings keineswegs ablenken lässt.
„Alexis stammt aus den Karpaten. Eine ziemlich urtümliche Region Europas kann ich ihnen sagen. Er liebt Wölfe und dort kann man ihr Heulen auch noch jede Nacht hören. Mir läuft dabei ein Schauer über den Rücken.“ Wie zur Demonstration schüttelt sie sich ein wenig. „In so einer Umgebung, nicht zu vergessen seine Jugend in einem deutschen Waisenhaus, beginnt man wahrscheinlich an solche Dinge zu glauben. Ein Atheist und Tierliebhaber, der das Recht des Stärkeren aus der Natur auf den Menschen überträgt. Kurz zusammengefasst: Er spinnt, genau wie Luzifer.“
Die Augenbrauen des sonst eher weniger zu überraschenden Pastors wandern nach oben.
„Luzifer – ein Spinner? So wie es aussieht bist du nur eine weitere recht mächtige Seele und kein Engel. Ist es da so klug sich mit dem mächtigsten der Engel anzulegen?“
„Der Erste Engel ist nicht Gott, er weiß nicht alles und er hört nicht alles. Er müsste schon hier sein, um mitzubekommen, was ich hier von mir gebe. Und selbst wenn, so leicht lässt er sich von seinen Gegnern nicht beleidigen, dafür ist er zu arrogant. Alexis übrigens auch.“
Mit wenigen Schritten geht sie auf Christoph zu und kniet sich auf die Bank vor ihm, so dass sie ihm, trotz ihrer eher geringen Größe, direkt in die Augen sehen kann.

„Nun zur Sache. Ich bin gestorben. Nicht auf dem Schlachtfeld, nicht als heroischer Krieger in einem ehrenvollen Krieg und überhaupt war ich kein bisschen mächtig. Kein Geld, keine politische Macht, gar nichts. Also was mache ich hier?“
„Mir eine wirklich furchtbaren Nacht noch ein klein wenig versüßen.“, entgleitet es seinen Lippen und für diesen Moment ist er sehr froh, dass er kein katholischer Pfarrer ist. Katja antwortet mit einem zaghaften, schüchternen Lächeln, doch tief in ihren Augen liegt dabei eine Traurigkeit verborgen, die auch schon in Alexis Augen zu finden war, doch im Gegensatz zu jenen fällt es Christoph in diesen auf. Sein eigenes Lächeln vergeht ihm wieder. „Entschuldigung“ nuschelt er hervor und schaut zur Seite wie ein kleiner Junge und nicht wie ein erwachsener Mann, der seine Dreißiger schon bald hinter sich hat. Katja lächelt auch nicht mehr, aber es liegt kein Ärger in ihren Zügen.

„Ich habe diesen Effekt auf viele Männer gehabt, ohne dass ich es wollte oder willentlich provoziert hätte. Die Gesellschaft der Engel, denen Fortpflanzung ein Fremdwort ist, empfand ich daher bisher als sehr angenehm.“
Für einige Augenblicke schweigen sie, dann schließt sie an ihre Frage an, als wäre nichts passiert. Wahrscheinlich hat sie das in ihrem kurzen Leben sehr häufig gemacht, kommt es Christoph in den Sinn.
„Also. Sie haben meine Frage noch nicht beantwortet, Vater.“
Ungerührt zuckt er mit den Schultern. „Ich weiß es nicht. Aber bitte, erleuchtet mich, meine Tochter.“
Mit kindlichem Vergnügen in den Augen beginnt sie, als wollte sie ihren Eltern erklären wie sie sich den Regenbogen selbst begründet hat.
„Es ist der Glaube! Ich wurde von klein auf in meinem christlichen Glauben erzogen, habe ihn mein gesamtes Leben vor mir hergetragen, ihn beschützt und verteidigt und voll und ganz danach gelebt – ohne Kompromisse! Ich war darin gefestigt in einer Weise, wie es heute nur noch selten ist. Ich bin Protestantin, keine Katholikin, trotzdem erschienen meinen Altersgenossen meine Positionen zu verschiedenen Dingen so altmodisch, dass ich immer sehr schnell abgestempelt wurde. Dabei bin ich einfach nur davon überzeugt und zwar absolut. Der Glaube hat mich stark gemacht – und da er sich nach meinem Tod in Wissen verwandelte, wurde ich noch stärker – und mich alles ertragen lassen. Er ließ mich in mir ruhen, gab mir Sicherheit und führte mich durch alle schwierigen Passagen meines Lebens. Um genau zu sein auch noch darüber hinaus. Selbst im Angesicht des Todes hat er mich beschützt. Ich konnte ihn wie einen Schild vor mir hertragen und meinem Mörder ins Antlitz blicken ohne zu Zweifeln. Ja, er tötete mich, aber ich hatte keine Angst.“ Ein triumphierendes Grinsen zieht sich über Katjas ganzes Gesicht. Dann fügt sie etwas leiser hinzu: „Außerdem habe ich mir meine Jungfräulichkeit bis in den Tod bewahrt, was sicherlich auch ein gutes Zeichen ist.“ Jetzt überzieht leichte Schamesröte ihre Wangen.
„Und wissen sie was das bedeutet?“, ruft sie aufgeregt.

„Aber warum dann ich“, murmelt Christoph vor sich hin, ohne ihr wirklich weiter zuzuhören.
„Sie können den Menschen doch noch helfen! Ihr fester Glauben, der ihnen im Leben nach dem Tod genügend Macht gegeben hätte selbst den Teufel herauszufordern, wird in dieser Welt so überzeugend auf die Menschen wirken, dass sie alle ebenfalls anfangen werden zu glauben und dann können sie alle in den Himmel einziehen! Sie können noch soviel bewegen!“ Jetzt beginnt sie schon angeregt mit den Armen zu wedeln, doch Christoph schenkt ihr noch immer keine richtige Aufmerksamkeit.
„Warum ich“, sagt er immer wieder vor sich hin und schüttelt langsam den Kopf. Katja dagegen lässt sich nicht beirren.
„Es ist unglaublich wie viele Menschen schon durch ihre Predigten zum Handeln und Glauben motiviert wurden, ich habe mich da mal informiert, wirklich gigantisch.“ Sie strahlt über das ganze Gesicht.
Da packt er ihre Handgelenke und hält ihre rudernden Arme fest. Sie stutzt und er schaut ihr direkt in die Augen. Langsam betont er jedes weitere Wort.
„Ich – glaube – nicht – an – Gott.“
Jedweder Glanz verfliegt aus ihrem Gesicht. Ein „Aber …“ rutscht über ihre Lippen, dann ist sie still. Nun beginnt Christoph immer schneller zu reden und treibt damit auch die letzte Freude aus ihrem Gesicht.
„Ich habe noch nie an Gott geglaubt, es ist nicht so, dass ich erst diese Nacht oder nach einem ach so schrecklichen Ereignis in meinem Leben damit aufgehört hätte. Nein, ich glaube einfach nicht an ihn! Ich bin in einem regelrecht atheistischen Elternhaus groß geworden, mit Eltern die sich einen Scheiß um den Glauben und die Religion scherten! Wie hältst du’s mit der Religion? Gar nicht! hätten sie dir ins Gesicht geklatscht. Und ich war genauso. Mit dem einzigen Unterschied, dass ich Mitgefühl hatte für die Schwachen dieser Welt. Und aus diesem Mitgefühl heraus distanzierte ich mich zu meinen Eltern, tat Dinge, die sie nie getan hätten und interessierte mich dann sogar für Personen, die ebenso zu denken schienen wie ich. Der vorherige Pastor dieser Gemeinde hat mich bekehrt, so sah es jedenfalls für die Menschen meiner Umgebung aus. In Wirklichkeit sah ich die Möglichkeiten der Religion. Sie bewegt die Menschen, bringt sie dazu übermenschliche Dinge zu tun, sie wachsen über sich selbst heraus, und das nur weil sie glauben. Du hast schon recht mit dem was du gerade gesagt hast. Ich kann sie dazu bewegen etwas zu verändern. Aber was bringt das? Was bringt das?!“

In Katjas Augen zerbricht ein Traum und ihre Stimme verkommt zu einem kläglichen Flüstern: „Was denn sonst? Was kann es sonst sein, dass dir eine solche Macht verleiht. Luzifer kann sich doch nicht geirrt haben, das ist praktisch unmöglich. Engel spüren die Macht der Seelen.“
Schwankend steht sie auf, Christophs Hände lösen sich von ihren Handgelenken, nach zwei Sekunden folgt er ihr in den Mittelgang zurück. Die eine Hand an den Kopf gelegt geht sie langsam wieder auf den Altar zu, den Blick auf den Boden gerichtet. Dann dreht sie sich wieder um und eilt auf Christoph zu. „Ich will einen Blick riskieren!“ Mit ihren schlanken warmen Händen umfasst sie seine Wangen und schaut ihm tief in die Augen. Als sich ihre Hände wieder lösen taumelt sie, wie von einer unsichtbaren Faust getroffen rückwärts. Für einen Moment ist Christoph verwirrt, doch dann erkennt er die Symptome wieder. Er war genauso vor den Kopf geschlagen, als er zwangsweise in Luzifers Augen geblickt hat.
„Diese Macht“, stottert Katja fast nur zu sich selbst, „Diese Macht – sie ist einfach unglaublich. Ich muss zugeben, dass ich noch nie direkt in die Augen eines Engels gesehen habe, aber für eine einfache Seele ist diese Macht schon beinahe mehr als ich vertragen kann. Doch jetzt wird die Frage nach dem Warum tatsächlich sehr drängend. Bei dir ist es jedenfalls nicht der Glaube, der dir diese Macht verleiht. Nur was ist es dann? Hast du vielleicht selbst eine Idee?“
Wie er dort steht, immer noch in seinem Priestergewand, schaut er so auf sie herunter, als wäre sie eines seiner verirrten Schäfchen. „Dein Glaube ist wirklich nicht leicht zu erschüttern.“, flüstert er bevor er weiter spricht.
„Ich habe jedenfalls keine Idee. Ich gehöre nicht zu den Mächtigen dieser Welt, ich habe keinen Glauben. Das einzige was ich zu haben scheine ist eine Macht, die ich in dieser Welt nicht anwenden kann.“
Katja hebt den Kopf. „Und wenn doch?“, fragt sie, „Was wäre wenn du die Macht, die deine Seele innehat, trotz des Körpers, der sie bindet, freigesetzt werden kann?“
„Und wie soll das bitteschön funktionieren?“
„Ja was weiß ich denn?“ In einer Geste der Verzweiflung reißt sie die Arme in die Luft. „Ich bin doch nicht Gott, und wenn doch hätten wir ganz bestimmt weniger Probleme.“
In einer spontanen Anwandlung hüpft sie auf die schmale Rückenlehne der Bänke und beginnt, darauf herumbalancierend, laut nachzudenken.

„Die Engel halten sich für diesen Krieg nicht ständig im Himmel auf, um genau zu sein wird der Krieg vollständig auf der Erde ausgetragen und niemals im Himmel. Das liegt nicht daran, dass Luzifer und seine Anhänger verbannt wurden, es ist nur so dass zwar noch alle in den verschiedenen Regionen des Himmels residieren, aber dort nicht kämpfen dürfen – oder wollen, ehrlich gesagt das ist mir bisher nicht so ganz klar geworden. Ich vermute aber, dass es an den Engeln liegt die nicht kämpfen und den Frieden im Himmel bewahren wollen. Sie hassen diesen Konflikt unter den Engeln, musst du wissen.“
„Ich habe gehört der Krieg interessiert sie einfach nicht.“
Mit einem Sprung landet sie wieder im Mittelgang. „Das mag sein, aber in erster Linie wollen sie nicht sehen wie Engel sich gegenseitig verletzen oder gar töten. Also haben sie den Krieg aus dem Himmel verbannt, nicht den Morgenstern.“
„Diese Engel sind wirklich sehr menschlich“, stellt Christoph mit einem resignierten Unterton fest.
Katja plappert weiter: „Jedenfalls finden die Kämpfe somit auf einem Terrain statt, das für dich als Mensch praktisch ein Heimspiel ist. Also warum sollte es nicht möglich sein deine Mächte hier auf der Erde gegen die Engel freizusetzen? Aber wenn es nicht der Glaube ist, der euch diese Macht verleiht, die wir beide uns irgendwie zu Nutze machen wollen, dann können wir sie sicherlich nicht freisetzen indem wir Gebete sprechen oder uns mit Kreuzen behängen. Aber vielleicht Meditation oder ähnliche Dinge, wer weiß …“

Sie hält inne. Den Rücken Christoph und somit dem Portal weit hinter ihm zugewandt, legt sie den Kopf leicht schief, als würde sie hinter sich lauschen. Ihre rechte Hand hängt herab und schließt sich langsam um einen imaginären schmalen Gegenstand. Da beginnt es zwischen ihren Fingern metallisch zu schimmern und zu glitzern. Das Funkeln wächst in die Länge nach unten, doch bevor es eine konkrete Gestalt annehmen kann, erklingt in der leeren Kirche ein trockenes, langsames Klatschen. Sie öffnet ihre Hand wieder und der Schimmer verschwindet.
„Alexis.“ Eine Feststellung, keine Frage mehr.
Langsam dreht sie sich um und mit tiefer Trauer in den Augen blickt sie an Christoph vorbei, den Mittelgang hinunter in Richtung des Portals. Auch Christoph dreht sich um und erblickt den Mann aus den Karpaten, wie er bedächtig klatschend und gehend auf sie zukommt. In solch entspannter Haltung wirkt er gar nicht mehr so massig und muskulös, wie er noch in der Wohnung des Pastors zu sein schien. Ein Grinsen breitet sich auf seinem Gesicht aus und er beendet sein sarkastisches Klatschen, um in einem ebensolchen Tonfall weiterzumachen.
„Da hat das ach so gläubige Fräulein Johansson also endlich kapiert, dass der Glaube nicht alles ist, keine Bedeutung hat für das Leben der Menschen und schon gar nicht für die Zeit danach. Wie kommt’s? Eine plötzliche Erleuchtung durch den Morgenstern? Ist auch egal. Nimm es einfach hin, dass unser geliebter Pastor Fischer hier“, verächtlich wedelt er mit einer Hand in dessen Richtung, „schlichtweg einen sehr starken Charakter hat, der seiner Seele diese unglaubliche Macht verleiht. Und wahrscheinlich kommt noch hinzu, dass er in seinen vorherigen Leben einige große Persönlichkeiten vorangebracht hat. Würde es nicht so ablaufen, hätte ich, als Atheist, der ich ja nun mal bin, nach dem Tod sicherlich einen Großteil meiner Macht wieder verloren, weil mein ganzer Glauben zusammengebrochen ist. Ich bin aber nicht ins Nirwana verpufft, sondern stehe hier vor dir und bin auch noch mächtiger als du.“

„Hör auf“, flüstert Katja mit einem zornigen Beben in der Stimme, „Im Moment kann ich eine weitere deiner Hetzreden gegen die Religionen im Allgemeinen und den Glauben im Besonderen nicht mit anhören, nicht gebrauchen und außerdem hängen sie mir eh zum Halse raus.“
Alexis ist unberührt. „Erinnerst du dich noch an deinen Tod?“ Er beginnt auf sie zuzugehen, schaut sie dabei unaufhörlich an, ignoriert den Pastor, der zwischen ihnen steht und geht dann sogar an ihm vorbei, ohne ihn eines Blickes zu würdigen.
„Dunkel“, antwortet sie trocken und abweisend.
„Wie du vielleicht noch weiß waren wir ein Paar und das nicht nur für ein paar Tage oder Wochen, sondern schon über ein halbes Jahr, als wir an jenem schicksalsschweren Abend diese Disko in Hamburg betraten, um uns mit einigen Freunden und Bekannten einen netten Abend zu machen. Alleine wären wir auch sicherlich nicht in eine Disko gegangen, so wie ich uns kenne.“
Du kennst mich doch gar nicht richtig, hast mich nie richtig verstanden, denkt Katja bei sich.
„Der Abend wurde länger, wir hatten Spaß, tranken ein wenig oder auch ein wenig mehr. Dann kam Er. Ich sehe ihn noch genau vor mir, wie er durch die Menge der Tanzenden streift, dieser unstete Blick, das bedrohliche Funkeln in den Augen, wie ein Raubtier, allerdings kein sehr elegantes. Dieser schmale Schnurrbart, das ölige Haar, die dünnen Lippen – es hat mich schon von weitem angewidert …“

„Sie klingen wie jeder verblödete Neonazi!“, ruft Christoph von der Seite dazwischen, aber Alexis ignoriert ihn weiter.
„… und dann wurde auch noch alles bestätigt. Du hattest dich für deine Verhältnisse recht freizügig angezogen, dein goldenes Kreuz, wie auch jetzt noch, an der Kette um deinen Hals bis in deinen Ausschnitt hängend. Ich hatte mich gerade von dir abgewendet, wollte einem der Türsteher Bescheid geben, war zwei Schritte gegangen, da hörte ich in einer kleinen Pause des andauernden Lärms einen Schrei, dann noch einen und noch einen. Du hast nicht geschrieen. Dafür er umso lauter. Sein gezücktes Messer hatte die Schreie ausgelöst, er hatte dich gesehen und geflucht und gezetert. Du Hure von Babylon! Du Christenschlampe! Und so weiter … Er stach zu. Du sankst zu Boden. Dann griff ich ihn an. Wie das Messer durch mein Gesicht fuhr spürte ich nicht mehr, auch nicht wie er zustach und auch mich tödlich verwundete. Aber ich tötete ihn noch, rammte ihm meinen Ellenbogen ins Gesicht, brach ihm den Kiefer, zerquetschte seinen Kehlkopf. Er brach blutüberströmt und tot zusammen, ich ging blutüberströmt neben dir in die Knie.“ Mit jedem weiteren Wort steigen ihm mehr Tränen in die Augen und gleichzeitig wird seine Stimme hasserfüllter. „Du bist in meinen Armen gestorben. Dein Blut war an meinen Händen, vermischte sich mit meinem und dem des Mörders. Und warum das alles? Warum das alles?! Der Glauben, die Religionen. Nenn sie Ideologien oder sonst wie. Ich nenne sie einen Wahn, Irrsinn!“ Inzwischen hat er Katja gegen den Altar gedrängt. Er legt seine Hände neben ihr darauf, beugt sich vor und schaut ihr in die Augen. Seine Stimme ist auf einmal wieder sehr leise geworden.
„Was hat der Glaube uns angetan? Was, frage ich dich? Er hat alles zerstört … und wir haben uns doch geliebt …“
„Ich liebe dich immer noch.“, haucht sie ihm entgegen, nun auch Tränen in den Augen. Ein sanftes Lächeln breitet sich auf Alexis Gesicht aus. Da wischt sich Katja die Tränen aus den Augen und schaut ihm fest in die Augen. Mit klarer Stimme verkündet sie: „Aber es war reiner Fanatismus, der uns ins Verderben gestürzt hat, nicht die Religion oder gar der Glauben an sich!“ Alexis Lächeln verschwindet von einem Moment auf den anderen. Katja drückt ihm den ausgestreckten Zeigefinger auf die Brust und drängt ihn auf Armeslänge von sich weg.

„Nicht der Glauben vernichtet das Gute und Schöne in dieser Welt, er sorgt dafür, dass wir es erhalten. Aber der menschliche Geist neigt zum Fanatismus und dieser zerstört den Glauben, korrumpiert ihn und wendet ihn dann gegen die Menschen, um sie zu vernichten. Wir haben es am eigenen Leib erlebt. Du hast doch selbst immer den Islam verteidigt und ihn als friedlicher als das Christentum dargestellt, wenn irgendwelche Christen ihn verurteilten und verteufelten. Und dann ist der plötzlich auch böse?“
Mit einem zerknirschten Gesichtsausdruck weicht Alexis langsam aber sicher zurück.
„Und ich weiß wie fanatisch du deine vorherigen Leben gestaltet hast, mein lieber Alexis. Oder sollte ich sagen Alexander? Oder Karl, Saladin, Dschingis Khan, Napoleon? Oh ja, du hast in deiner Existenz schon viele Kriege geführt, riesige Reiche erobert und dabei tausende abgeschlachtet oder abschlachten lassen. Es war widerlich, es war grauenerregend und brutal bis zum Exzess. Wie viele Frauen hast du vergewaltigt, wie viele Kinderköpfe aufspießen lassen und wie viele Städte in Flammen aufgehen lassen? Du warst ein Schlächter und hast einen heiligen Krieg nach dem anderen geführt. Angetrieben vom Fanatismus! Oder vom Glauben, wenn dir das besser gefällt.“
„Ich habe immer für eine gute Sache gekämpft, habe Diktaturen oder Könige gestürzt und Reiche zerschmettert, die bei weitem brutaler waren als ich. Ein gemeinsames Recht und Freiheit habe ich den Menschen gebracht.“ Alexis Verteidigung kommt nur sehr halbherzig rüber und er weicht in den Mittelgang zurück, nähert sich wieder Christoph, der sprachlos vor Bestürzung den Kampf der Liebenden verfolgt.

„Und dafür getötet, getötet und noch mal getötet!“ Der Zorn, der in ihren Augen flackert, verlischt für einen Moment.
„Was glaubst du warum es nicht schon vorher gereicht hat?“ Alexis schaut sie fragend an. „Du warst die Seele so vieler mächtiger Persönlichkeiten, überragender Persönlichkeiten, denen die Menschen zu tausenden in unzählige Kriege folgten. Und das reichte nicht aus, um dem Kreis der Wiedergeburt zu entkommen? Glaubst du das wirklich?“ Traurig schaut sie ihm in die Augen. „Willst du wissen was ich glaube? Nicht deine Macht, deine Stärke hat dir das ermöglicht, es war deine Schwäche. Als ich starb, da schaute ich in deine Augen, ich sah dich weinen, schluchzen, sah deine Verzweiflung über diese Niederlage, die dich mehr getroffen hat, als alle verlorenen Schlachten in den Jahrtausenden zuvor. Diese Schwäche, die Erkenntnis, dass du zu schwach warst jenen Fanatiker zu stoppen und die Person zu retten, die du liebst, das hat dich stark gemacht. Die Stärke der Schwäche. Die Erkenntnis der eigenen Bedeutungslosigkeit …“
„Hör auf!“

Hastig weicht Alexis mehrere Schritte zurück. Er reißt seinen rechten Arm hoch, die Hand formt sich um einen noch nicht sichtbaren – Oder noch nicht existenten? schießt es Christoph durch den Kopf – Griff.
„Tu es nicht. Das wagst du nicht!“, zischt Katja ihn an.
Doch schon manifestiert sich ein Schwert, das fast so lang ist wie Katja, ein schlanker Zweihänder, dessen Spitze direkt auf Katjas Kehle weißt. Aber da hält Katja auch schon ihr eigenes Schwert senkrecht vor ihr Gesicht, das in die Klinge eingravierte Kreuz genau vor der Spitze von Alexis Zweihänder. Es ist ein Katana mit weißem Griff.
Alexis packt mit der linken Hand an den Griff, reißt das Schwert beidhändig in die Luft und lässt es mit einem animalischen Schrei auf Katja niedersausen. Behände springt sie zwei Meter zurück, der Bedrohung ausweichend, die krachend in eine Kirchenbank einschlägt. Es folgt ein kurzer aber heftiger Kampf. Beide springen durch die Kirche, als gäbe es keine Erdanziehungskraft, das Metall surrt durch die Luft, zerschneidet weitere Bänke, schrammt über den Steinfußboden, es fliegen Funken. Direkt vor dem Altar kommt es zu einem letzten Kreuzen der Klingen, beide drücken sich aneinander, ihre Nasen berühren sich beinahe, Alexis knurrt, Katja fletscht nur die Zähne vor Anstrengung. Sie stoßen sich voneinander ab und kommen jeweils drei Meter entfernt wieder auf den Boden. Die Klingen in Abwehrhaltung, mit den Füßen eine feste Position suchend, bleiben sie wie angewurzelt stehen. Katja wirkt mitgenommen, sie atmet schwer, einige Strähnen hängen ihr ins Gesicht und die Spitze des Schwertes zittert.

Christoph schaut sie an, hat den ganzen Kampf mit den Augen verfolgt und kann es jetzt nicht mehr ertragen. Er zweifelt an seiner Berufung, er zweifelt welcher der beiden Recht hat, aber er ist sich absolut sicher, dass dieser Kampf enden muss – und zwar sofort!
Alexis greift wieder an. Die Spitze voran rennt er los, Katja geht in die Knie, die Klinge wartend über dem Kopf, Alexis stoppt, täuscht oben Links, kommt von unten Rechts – in dem Moment steht Christoph zwischen ihnen, die offenen Hände Alexis entgegengestreckt ruft er nur ein Wort: „Zurück!“
Mit einem Laut der Überraschung auf den Lippen wird Alexis zurückgeschleudert, fliegt durch die halbe Kirche und stürzt in eine Bank, die sein Körper krachend in Stücke haut. Verwundert schauen er und Katja den schmächtigen Pastor an – und dieser guckt nicht minder verblüfft aus der Wäsche.

„Ihr beiden seit wirklich sondergleichen.“
Drei Köpfe rucken in Richtung des Altars. Dort sitzt mit gesenktem Kopf, die Beine über die Kante baumeln lassend, Luzifer und massiert sich mit einem entnervten Gesichtsausdruck die Schläfen.
„Ich sehe die Gefahr in dieser Person dort, denke mir einen wirklich teuflischen Plan aus, um diese auszuschalten und ihr vermasselt das Ganze in nur wenigen Stunden einzig und allein durch einen kleinen, törichten, liebestollen Ehestreit!“
Sein Kopf zuckt hoch und die schwarzen Augen glühen voll Zorn.
Elegant hüpft er von dem Altar und macht einige Schritte auf Katja und Christoph zu. Katja weicht zurück, das Schwert wieder vor sich, doch mit einer solchen Angst in den Augen, dass klar wird, dass sie nicht glaubt auch nur die kleinste Chance zu haben. Doch Luzifers Augen ignorieren sie bisher vollständig. Sie sind voll auf sein eigentliches Opfer, seinen scheinbar größten Feind gerichtet und durchbohren diesen voller Hass.
„Du hättest nicht gedacht, dass du deine Kräfte auch ohne tot zu sein einsetzen kannst, oder? Wie auch, es konnte dich ja eigentlich niemand auf die Idee bringen. Oder dich so provozieren, dass du es selbst herausfindest, wie es ja jetzt der Fall war.“
Für einen Moment zucken seine Augen zu Alexis, der sich langsam wieder aufrappelt, und zu Katja, die beide unter dem Blick zusammenschrecken.

„Oder vielleicht … Alexis, alter Freund“, seine Augen richten sich auf Alexis, der, das Schwert noch immer in der Hand, wieder im Mittelgang steht, die zerschmetterte Bank neben sich. „Es tut mir irgendwie tief in meinem Inneren weh auch nur daran zu denken dich ausschalten zu müssen. Schließlich habe ich dich durch die Jahrtausende begleitet und dich beobachtet. Feldherr, Kämpfer, Held geradezu und Verführer unzähliger Frauen! Menschenschinder, Schlächter, Verbrecher und nicht zu vergessen die ungezählten Frauen, die du geschändet hast. Und wenn ich deine Mimik richtig in Erinnerung habe, dann hat es dir wirklich Spaß gemacht.“, ein kaltes Lächeln huscht über seine dünnen Lippen, „Ich will dir das nicht vorwerfen, keineswegs, nur habe ich mich auch Jahrtausende lang gefragt warum es mit dir nicht funktionierte. Ich muss zugeben ich war überrascht, als du auf einmal vor mir standest und nicht gleich in deine nächste Existenz entschwandst, an jenem Abend in der Hamburger Disko. Es schien ein so armseliger Tod gewesen zu sein, das kurze Leben kaum dafür gemacht dich weiter zu stärken, aber scheinbar reichte es. Und auch doch wieder nicht. Dieser letzte Kick hat dich auch gleichzeitig geschwächt, habe ich das Gefühl.“
Immer näher kommt Luzifer dem bleich gewordenen Alexis, der sein Schwert mit einer Hand krampfhaft umklammert hält und dabei langsam zurückweicht. Doch noch hat er zuviel Respekt vor seinem Gebieter und wagt nicht entweder zu fliehen oder zu kämpfen. Beinahe strahlt er die Ergebenheit eines Lammes aus, das zur Schlachtbank getrieben wird – aber nur beinahe.