15 August 2005 - 10:07 -- Nichtraucher

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Don't call it a Western!

Irgendwie sieht die Perspektive schief aus...?


Ein weiteres Meisterwerk aus den letzten Tagen der Technicolor-Ära, ein klassischer Edelwestern, der aber nie den ganz großen Bekanntheitsgrad erreichte wie andere Genreklassiker und der ihm doch zustände, denn "Big Country" braucht sich hinter diesen nicht zu verstecken. Vielleicht liegt das aber auch daran, dass der Film so oft gar nicht wie ein Western wirkt, die klassischen Westernelemente des Kampfes zwischen Gut und Böse oder der Eroberung des Westens werden kaum ausgespielt. Im Vordergrund des 200-Minuten-Epos' steht das Drama der Akteure und eben das "big country", die staubtrockene, endlose Weite im Südwesten der USA. So erinnerte mich der Film auch oft an "Giganten" oder "Gone with the wind", er bedient sich eher der Bildsprache dieser Monumentalstreifen, seiner Szenerie angemessen, denn weiß Gott, es ist ein "weites Land"!


Endlos wie ein Ozean aus Staub und Gras brütet das Land unter der Sonne des Südens, wie winzige Inseln wirken die weit verstreuten Ansiedlungen, verloren geradezu. Die Kamera schwelgt bereits in der allerersten Einstellung in den ungeheuren Dimensionen und stellt von Anfang an die Verhältnisse klar: aus großer Distanz gefilmt wirkt die Postkutsche, die durch den Titelspann zieht, wie ein Gefährt aus dem Flohzirkus, das Städtchen, das ihr Ziel ist, wie eine Spielzeugkulisse und die Menschen dort wie Ameisen. Fast zögerlich folgt der Fokus der Kutsche und wir sehen Gregory Peck als Ostküstengentleman John McKay mit steifen Knochen aussteigen, eine schier endlose Fahrt ist zu Ende. Gerade im Westen angekommen wird er schon zur Zielscheibe des Spotts, in seinem grauen Anzug und der stutzerhaften Melone. Steve Leech, ein grimmiger Charlton Heston, Vorarbeiter der Terrill-Ranch, erlöst ihn und schafft ihn samt Koffer und Hutkarton in die Arme von McKays Verlobter, der Rancherstochter Pat. Es gibt eine kussreiche Wiedersehensszene, Pat verliebte sich während ihres Bildungsaufenthaltes in Baltimore in den schmucken Erben einer Reederei, und nun soll die Hochzeit standesgemäß hier draußen, auf der Ranch ihres Vaters, gefeiert werden.

McKay passt so gut in die raue Welt des Westens wie ein Fisch in einen Sandkasten. Man erfährt auch nicht, was ihn trieb, hierher zu reisen, anstatt, wie sicher üblich, seine Frau zu sich zu holen, aber genau davon lebt der Film, von dieser umgedrehten "Giganten"-Geschichte, dem Zusammenprall zweier Kulturen desselben Landes. McKay wird von seinem Schwiegervater in spe, dem "Major", ein waschechter Rinderbaron, in rauer Herzlichkeit aufgenommen, aber schnell eckt er an, trotz oder vielleicht gerade wegen seines ruhigen, höflichen Wesens. Er lässt sich von den Hannassey-Brüdern schikanieren, local trash und Söhne des verhassten Nachbarn, ohne sich zu wehren, ja, er sieht darin nicht einmal einen Grund zum Zorn! Er weigert sich, das wildeste Pferd zu reiten, wie es von jedem Neuen auf der Ranch erwartet wird und er ist einfach immer nur höflich. Er ist kein Mann! Leech, ein eisenharter Bursche, ein auf der Ranch aufgewachsenes Findelkind, sieht sich schnell in seiner Ablehnung des Neuen bestätigt: nicht nur, dass dieser Stutzer ihm die bildhübsche Pat, auf die er sich Hoffnungen gemacht hatte, unter der Nase weggeschnappt hat, nein, er ist nicht mal ein Kerl, der sie auch verdient hätte, was für eine Verschwendung!


Buck Hannassey stellt sich vor

McKay sieht sich um in seinem neuen Leben und was er sieht, missfällt ihm: er scheint zwischen die Fronten eines Bürgerkriegs geraten zu sein, die mächtigen und reichen Terrills und ihre Nachbarn, die ärmlichen, aber vielköpfigen Hannasseys stehen sich in unversöhnlichem Groll gegenüber, jede Gelegenheit, dem anderen das Leben schwer zu machen, wird genutzt, denn hier draußen sind wir unser eigenes Gesetz, wie der Major ihm erläutert. Der Honeymoon versinkt hinter dem staubigen Horizont und Ärger zieht auf. Pat, die ihren Vater anbetet und seine engstirnige Weltsicht bedingungslos teilt, kann ihren Verlobten nicht verstehen, es ist, als hätte sie einen anderen Menschen geliebt, drüben in Baltimore, sicher nicht diesen Feigling! Aber McKay ist nicht feige, er macht nur die Dinge gerne auf seine Art. Er ist zur See gefahren, er kennt raue Sitten und harte Kerle zur Genüge, er weiß, wie sie ticken und er lässt sich nicht gerne von ihnen sagen, wann er ein ganzer Kerl zu sein hat. Er ist einfach zu alt für den Scheiß. Er reitet "Wild Thunder", das Schreckenspferd, aber erst, als keiner zusieht. Er schlägt sich auch mit Leech, der ihm das Leben schwer macht, aber nicht, als dieser ihn unter den Augen aller herausfordert, sondern mitten in der Nacht, unter Männern. Es wird ein furioses Duell bis zum Morgengrauen, ein großartiges Geknüppel! Und kein Schuss ist bisher gefallen. Wer eine Bleioper erwartet hat, ist hier wirklich im falschen Film.

Doch dann spitzen sich die Ereignisse zu, an der privaten Front ebenso wie in der endlosen Prärie: Die Dürre plagt die Herden und der Kampf ums Wasser entbrennt, wie jeden Sommer. Wer seine Herde durch diese schwere Zeit bekommt, kann weiter existieren, wer nicht, wird langfristig das Feld räumen müssen. Die Nerven liegen bloß bei den Terrills und den Hannasseys und das ergiebigste Wasserloch befindet sich auf dem Land der pragmatischen Julie Maragon, einer Freundin von Pat, die damit das Zünglein an der Waage darstellt. Sie bearbeitet die Ranch nicht mehr und lebt in der Stadt, aber sie teilt die Wasserrechte mit beiden Nachbarn, genauso wie es ihr Großvater einst hielt und wie sie es zu halten ihm versprach. Sie ahnt als Einzige, dass der Verkauf der Ranch an eine der beiden Familien zum Blutbad führen wird, denn diese würde sofort der anderen das Wasser verweigern. Als Einzige? Vielleicht nicht, denn völlig überraschend kauft der stille Yankee McKay ihr die Ranch ab, genau wissend, dass er sich damit in die Schusslinie begibt. Weiß der Teufel, was ihn reitet, aber er macht damit seine Existenz zum Unterpfand des Friedens. Beide Seiten bekommen ihr Wasser oder keine, da stellt er klar. Und Pat kann sich die Hochzeit an den Hut stecken, das macht er auch klar, wenn er es auch netter formuliert. Pat ist wie vor den Kopf geschlagen, gut, sie hatten gestritten, gut, sie war von seinem Verhalten enttäuscht gewesen, aber sie lieben sich doch! Nun, anscheinend nicht mehr, niemand kann in den verschlossenen McKay hineinschauen, aber irgendetwas in ihm hat sich grundlegend gewandelt. In einer sehr rührenden Szene macht er Schluss mit Pat und man hat direkt Mitleid mit der verzogenen Schnepfe, ich mein, wir reden hier immerhin von Gregory Peck! :)



Nun also haben wir links die Terrills, mit einem heulenden Töchterlein, einem zusammengeprügelten Leech und einem Major, der sich für das Gesetz hält und entschlossen ist, die Sache noch in diesem Sommer zu regeln. Rechts hausen die Hannasseys im Blanco Canon, abgerissen und roh, aber mindestens genauso stolz und dickköpfig und ebenfalls zu allem entschlossen. Mittendrin das hagere Greenhorn mit seinen unergründlichen Plänen. Eine großartige Konstellation und irgendwann schwirrt dann doch noch das Blei durch die Luft, in einem raffiniert konstruierten Finale, das das typische Westernpublikum damals ziemlich auf die Folter gespannt haben dürfte. Das unvermeidliche Duell findet statt, aber so, wie es kein Western je sah, und wer schließlich wen erschießt ist kaum vorherzusagen. Machtvoll prallen die Charaktere aufeinander, jeder so prall und farbig gezeichnet wie es ein Technicolor-Film verlangt und doch vielschichtiger und überraschender als im Genre üblich - Rufus, das dickleibige, struppige Oberhaupt der Hannasseys, wandelt sich vom Abziehbild des rohen Schurken zum Hüter der Fairness, während der selbstgerechte Major seine Maske der Wohlanständigkeit verliert. Leech, sein Quasi-Ziehsohn, sieht sich in einen schweren Loyalitätskonflikt geworfen, etwas viel für sein schlichtes Gemüt, und Julie Maragon bekommt einen dramatischen Auftritt als Jungfrau in der Drachenhöhle. Oft wirkt der Film wie ein Kammerspiel, viele Szenen stehen sich einfach nur Akteure gegenüber und reden, aber dann fährt die Kamera auch immer wieder zurück, weit weit hinaus in den Himmel über der Prärie und degradiert der Kampf der Menschen um etwas Wasser und etwas Liebe zum Gewusel kleiner Insekten im Sand.

Ein wunderbarer Film mit einem tollen Score, ideal für trübe Sonntagnachmittage und Käsekuchen, und Mr. Peck auf dem Höhepunkt seiner Karriere ist nun wirklich ein prächtiger Anblick. Eigentlich ist "Weites Land" ein Schmachtwestern.. :)