16 August 2005 - 10:07 -- Morgoth

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Die Menschen sind nicht gleich

Prolog

Meiner Krankenakte nach zu urteilen lautet mein Name Janus Ludwig. Ich soll 43 Jahre alt sein und zudem auf richterliche Verfügung Insasse der Sebaldusklinik für Psychiatrie. Viel mehr ist es nicht, was sich gesichert über mich sagen ließe, meinte gerade eben kopfschüttelnd Dr.Schwarz bei seiner Visite. Mein Leben solle ich aufschreiben, Schreibblöcke und Kugelschreiber habe ich reichlich von der jungen Schwester mit dem scheuen Blick auf meine Zelle bekommen. Wie sie mich fürchten. Wie sie alle schwitzend mit zittrigen Händen auf den Boden blicken, wenn sie bei mir sind. Wie sie mehr sich selbst als mir zu suggerieren versuchen, dass ich ihnen ähnlich sei, ihre Launen und Gelüste teile. Aber ich stehe außerhalb. Ich bin ihr Spiegel und zugleich ihr Richter. Und nun muss ich reden.



Kapitel I

Geboren wurde ich am siebzehnten November 1962, an einem Tag, an dem eine helle, weißgraue Wolkendecke wie ein dünnes Leichentuck das Land überspannte, von Zeit zu Zeit feinen Nieselregen auf die schmutzige Asphaltstraße zwischen den beiden Reihen alter Backsteinhäuser sendend. Die Wehen setzten früh ein, früher, als sie es sollten. Die schmerzerfüllten Schreie meiner Mutter, als sie verkrümmt, mit Tränen in den Augen und zuckenden Beinen aich auf dem Rücksitz wand, waren die ersten Signale, die ich in diese Welt sandte. Keiner der Ärzte in der städtischen Klinik hatte ernsthaft Hoffnung, dass sie die Geburt überleben könnte. Doch nachdem ich mich in einem mehr als zehnstündigen Kampf aus meiner Mutter herausgequält hatte und ohne Schrei an das Licht der Welt getreten war, legte sich eine tiefe Entspannung über ihren gepeinigten Körper. Und während ich, das zu kleine, zu leichte Frühchen, die nächsten Tage im Brutkasten lag und mit allem versorgt wurde, was mich auf dieses Leben vorbereiten sollte, genas meine Mutter wie durch ein Wunder, wie die Ärzte es gewiss ausgedrückt haben werden. Kaum eine Woche war vergangen, seit sie in einem Ringen auf Leben und Tod moch ins Diesseits befördert hatte, da konnte schon mein Vater uns aus der Klinik abholen. So, wie sie wieder gesund und kräftig wurde, so schlug auch das Wetter um. Blau strahlte nun der sonnige Himmel auf die kahlen Bäume und das noch immer sattgrüne, von bunten Blättern betupfte Gras des Klinikgartens. Im Arm meiner lächelnd auf mich schauenden Mutter atmete ich weißen Rauch in die klare und reine Kälte des Spätherbsttages, bis sie sich mit mir auf den Beifahrersitz setzte. Da, nach kaum zehn Minuten Fahrt, auf einer leeren Allee aus alten Mandelbäumen, brach ich nach einer Woche mein Schweigen mit einem ohrenbetäubenden Schreien. Als mein Vater vor Schreck in den Baum raste, zog er sich kaum einige Schrammen zu. Meine Mutter aber saß still vornübergebeugt in ihrem Sitz. Der Glassplitter aus der Windschutzscheibe, der ihre Kehle durchschnitten hatte, war schnell gewesen. Auf ihrem Schoß lag ich, in Decken gewickelt, mit seligem Gesichtsausdruck.

Janus. Warum haben sie mich Janus genannt? Als ich alt genug war, mir über diesen Umstand Gedanken machen zu können, waren alle, die es hätten wissen können, schon tot. Ich muss also spekulieren. Was hat sie bewogen , dieses rosengesichtige, zartbäckige kleine Bündel Mensch zu einem Janus zu machen? Hatte dieses kleine Wesen, das ich einmal war, schon den sonderbaren Glanz in den Augen, den später fast alle Menschen, denen ich begegnet bin, mit einer Mischung aus Angst und Bewunderung, Faszination und Entsetzen bemerkt haben? War ich von Anbeginn an ein Bruder Demians mit dem Kainsmal in den Augen? Wie dem auch sei, wenn schon im kleinen, pausbäckigen Janus etwas von der merkwürdigen und beängstigenden Sonderlichkeit des späteren Janus durchgeblitzt haben sollte, war es doch nicht dasselbe, was die Zeitgenossen des heutigen Janus dazu bewogen hat, ihn für prädestiniert zu halten für einen Aufenthalt in diesem ehrwürdigen Tempel der modernen Psychologie. Der nämlich, der damals Janus Ludwig genannt wurde, war ein anderer Mensch als ich, so, wie ich ein anderer Mensch bin als der, der in zwanzig Jahren meinen Namen tragen wird. Der Einfachheit und Bequemlichkeit zuliebe geben sich die meisten Menschen gedankenlos der Illusion hin, dass das, was einen Körper bewohnt, von der Wiege bis zur Bahre derselbe Mensch sei. In Wirklichkeit aber durchläuft Jeder unzählige Metamorphosen, gehen im Laufe eines Lebens in jedem Körper unzählige Persönlichkeiten unter und werden ersetzt durch neue, aus der Asche geborene. Nur einzelne Grundlinien ziehen sich im Dunkeln durch den Wust abgestorbener und neu entstehender Existenzen im Menschen - ganz wie bei einem Insekt, dessen Körper durch alle Verwandlungen hindurch einige charakteristische Grundzüge bewahrt. All die Persönlichkeiten, die man im Leben bildet, sind nur Ausprägungen dieser Grundlinien. Wenn ich vom Pantheon - oder ist es ein Pandämonium? - meiner Persönlichkeiten immer mit "ich" spreche, so tue ich das wegen der Unzulänglichkeit der menschlischen Sprache, auszudrücken, was man finster ahnt.
Da wurde es mir doch zu bunt, und mit dem Ausdruck ehrlichsten Empörens wollte ich die Sache richtigstellen.
"ICH soll Sie - soll dich - gerufen oder mich an dich gewandt haben? Also, es war ja immer noch so, dass..."
Mein angefangener Satz erstickte im Lachen, das aus der anderen Ecke dröhnte.
"Wenn du meinst - warum nicht! Illusionen und Ideen sind eine schöne Sache, und wenn du sie weder bei unserer heutigen Sitzung noch später verlierst, dann gratuliere ich dir, dann bist du geheilt und alle Möglichkeiten stehen dir offen. Unverbrüchlich treue Liebe mit sonntäglichem Puffbesuch, die besten Fußballspiele frei Haus auf den wohzimmerlichen Schirm, Busfahrten an die sonnigen Küsten Spaniens zum Kollektivbesäufnis und glänzende Abendunterhaltung mit Fernsehquiz und kühlem Bier - alles wird dein sein! Und das beste kommt erst noch, du kannst Kinder in die Welt setzen und dafür sorgen, dass die Gaudi unverändert weitergeht, wenn es mit dir einmal zu Ende ist. Na, wenn das nichts ist! Hereinspaziert! Freier Eintritt für Werte und Moral, ehrbare und anständige Windbeutel halber Preis und famose Trostpreise!"
Vor Lachen liefen ihm Tränen aus den zusammengekniffenen Augen. Als handle er auf einen inneren Befehl, wurde er von einem Moment auf den anderen wieder stumm, sein Gesichtsausdruck erstarrte. Sogar einen Zug von Härte wurde sichtbar, und ich meinte, diesen Zug als natürlich für ihn zu erkennen, als habe der übermäßige Heiterkeitsausbruch seinen ganzen Vorrat an Gelassenheit und Milde weggespült, um ihn endlich unverhüllt zu zeigen, groß und schrecklich und beklemmend. Eng wurde es mir in meinem Sessel, als diese kalten und unendlich tiefen Augen mich durchbohrten und als er schroff zu sprechen begann.

Wenn ich mir überlege, was mich in meiner frühen Kindheit von anderen Menschen unterschieden hat, dann fällt mir vor allem meine für ein Kind ganz ungewöhnliche Distanziertheit zu den Menschen meiner Umgebung auf. Meinem Vater gegenüber war ich völlig gleichgültig. Nicht, dass ich Angst vor ihm gehabt oder ihn gehasst hätte. Ich sah nur keinen Bezug dieses Mannes zu mir, der tiefer ging als die Erkenntnis, dass er mir Essen kochte, mit mir ritualhafte Sonntagsspaziergänge ans Rheinufer, in den Wald oder auf einen Berg mit schöner Aussicht unternahm. Mit kindlichem Instinkt, wenn auch nicht so klar und ausformuliert, wie ich es heute sehe, mag der fünfjährige Janus auch erahnt haben, wie schrecklich durchschnittlich der Vater war und dass in mir etwas steckte, das mich von ihm trennte. Dieser korrekte Finanzbeamte durchschnittlicher Größe, mit dem durchschnittlichen Ansatz eines Wohlstandsbauches, mit durchschnittlichem kurzem schwarzem Haar und mit der durchschnittlichen runden Brille mit Plastikrand hatte keine Eigenschaften, die mich hätten fesseln können. Die Arbeitskollegen, die oft zu uns nach Hause kamen, um sich mit meinem Vater im Wohnzimmer um den schweren, dunkelbraunen Holztisch zu versammeln, rauchend und biertrinkend Skat zu spielen und dümmliche Witze zu reißen und die mich nach bester Biedermännerart tätschelten und mir Bonbons zusteckten, glichen meinem Vater in jeder Hinsicht. Verachtung für diese austauschbaren Massenmenschen bildete sich erst im späteren, reiferen Geist. Aber schon als Kind war ich tödlich gelangweilt von diesen belanglosen Gestalten. Noch verstärkt wurde die Distanz zwischen meinem Vater und mir durch das ratlose Befremden, mit dem er auf die schon damals sichtbaren Anzeichen eines ungewöhnlichen Charakters reagierte. An einige Episoden erinnere ich mich noch immer. Einmal, als ich fünf oder sechs Jahre alt war, jedenfalls noch vor meiner Einschulung, machten wir, wie so oft an Sonntagen, einen Spaziergang in den Auwald, der sich an den geschlungenen Armen des Altrheins entlangzieht. Es war ein schöner und sonniger Maitag, die Wärme tat sehr wohl auf der Haut, wenn es auch ungewöhnlich heiß war für einen Frühlingstag. Hellgrün schimmernd fiel das Sonnenlicht durch das Dickicht der Eschen, Eichen und Hainbuchen auf einen märchenhaft von Efeu, Maiglöckchen, Gräsern und moosbewachsenen alten Baumstämmen bedeckten Boden. Verschiedene Schmetterlinge, blaue Libellen und schöne bunte Vögel flatterten durch diesen Zauberwald. Aber wir waren nur wenige Minuten in den Wald hineingelaufen, da ergriff inmitten dieser friedlichen Idylle eine sich ständig steigernde Unruhe von mir Besitz. Als ich wenig später einen Trampelpfad sah, der in den Wald abzweigte, fühlte ich einen geradezu körperlichen Drang, dem Weg zu folgen. Die verärgerten Mahnungen meines Vaters konnten mich nich davon abbringen, langsam, aber zielstrebig weiterzugehen, sodass er gezwungen war, mir zu folgen. Bald mündete der Pfad in eine weite Lichtung aus hohem Gras, die zu drei Seiten vom Wald begrenzt wurde, auf einer Seite aber von einem grasbewachsenen Erdwall. In der Mitte der Wiese ragte eine Art Insel aus Büschen und knorrigen Bäumen hervor. Zu dieser Insel nun zog es mich hin, und von einem inneren Zwang geleitet setzte ich mich an einer bestimmten Stelle auf den Boden. Zunächst sah ich nichts Besonderes zwischen den hohen Halmen. Dann aber bemerkte ich eine große Kreuzspinne, die gerade eine gefangene Mücke verspeiste. Kaum hatte das Tier mich wahrgenommen, begann es, mich mit seinen tiefen, dunklen und uenrgründlichen Facettenaugen anzustarren. Wie lange die Spinne und ich uns völlig regungslos, Auge in Auge, gegenüberlagen, weiß ich nicht. Erst die auf meine Wange knallende Ohrfeige, die mein Vater mir gab, holte mich in die Welt zurück. Ich war nicht etwa wütend auf meinen Vater, wenn er bei meinen "Aussetzern", wie er es nannte, die Geduld verlor und mich ohrfeigte. Ganz im Gegenteil. Abgesehen davon, dass der biblische Grundsatz "Wer sein Kind liebt, der züchtigt es" damals seine Gültigkeit für die meisten Eltern noch nicht verloren hatte, fühlte ich schon als kleiner Junge, dass meine Absonderlichkeit, mein merkwürdiger und für die meisten Menschen beängstigender Charakter in krassem Gegensatz standen zur biederen, kleinbürgerlichen Welt, die mein Vater repräsentierte. Ahnungsweise spürte schon das Kind den unüberbrückbaren Graben zwischen der "normalen", sauberen, anständigen Welt des Durchschnittsmenschen und meiner Wesensart. Und oft - sehr oft - löste diese Erkenntnis, von damals bis heute, in mir den brennenden Wunsch aus, zu verleugnen, zu vergessen, was ich war und mich einzuschmuggeln in diese heile Welt der anständigen Beamten, Lehrer, Handwerksmeister und Abteilungsleiter. Aber niemand kann etwas sein, was seinem Wesen völlig widerspricht. Außergewöhnliche Menschen - gleich, ob ihre außergewöhnlichen Züge sie in den Augen ihrer Mitmenschen als krank oder genial erscheinen lassen - können nur Größe erlangen, wenn sie sich den Eigenheiten ihres Wesens bedingungslos hingeben und keine Rücksicht auf Sitten, Gesetze und Konventionen nehmen, in deren Bahnen sich das Leben gewöhnlicher Menschen vollzieht. Der Versuch, das Dasein eines normalen - und das heißt mittelmäßigen - Menschen zu leben, wenn man pochend in seinem Inneren spürt, für etwas viel Höheres oder viel Niedrigeres berufen zu sein, muss zu Misserfolg, Verzweiflung und geistigem Untergang führen. Dem erwachsenen Janus ist es schwer genug gefallen, das zu akzeptieren, und so war mein Leben immer durchzogen von unglücklichen Versuchen, mich in die Gemeinschaft der Herde einzufügen. Das Kind jedoch konnte unmöglich die Stärke haben, seine offensichtliche Andersartigkeit als Gnade und nicht als Last anzunehmen. Ich schämte mich und fühlte mich schuldig für meine Art. Jeder Schlag der väterlichen Hand war eine Wohltat, denn es war gerecht und gut, dass ich bestraft wurde.