19 August 2005 - 11:24 -- Nichtraucher

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Ben Hur


Ich war zehn oder elf, als ich mit meinem Vater in "Ben Hur" ging, der lief da nämlich im Programmkino, nachmittags, glaube ich. Mein Vater geht nie ins Kino und ich kannte nur das Schulkino, wo "Star Wars" lief, wenn man Glück hatte und "Ein Käfer gibt Vollgas", wenn nicht. Somit war entweder "Ben Hur" oder "Excalibur" der erste Film, den ich im Kino sah. Ich bin für "Ben Hur", hätte mehr Stil.

Ich fand ihn toll, ich liebte Sandalenfilme, während ich heute dem Genre weit weniger abgewinnen kann. Wenn ich mal zufällig in einen reinzappe, stelle ich immer wieder fest, dass zu 70 Prozent der Zeit Leute in Tüchern in Kulissen rumstehen und schmachten und/oder intrigieren. Die Massenszenen, für die diese Filme berühmt sind, nehmen, wohl aus Kostengründen, vergleichsweise wenige Filmminuten ein. So auch hier, es gibt die Seeschlacht und das Wagenrennen, der Rest ist Herumstehen in Kulissen. Aber mich störte das damals nicht, ich fand fast alles toll. Ich habe mit Ben Hur mitgelitten, wie er unschuldig auf die Galeere geschickt wird und die Seeschlacht hat mich ziemlich mitgenommen. Als die Sklaven befreit werden und auf Deck stürmen, fehlt einem ein Unterarm, ich hab's genau gesehen, das hat mich noch in den Schlaf verfolgt. Ich war ein Weichei.

Dann kam die Pause und wir mussten raus und draußen rumstehen, das fand ich merkwürdig. Mein Vater erzählte davon, wie er den Film im Wirtschaftswunderplüschkino einst sah, für 50 Pfennig oder so und er musste dafür 12 Kilometer barfuss durch den Schnee laufen, glaub ich.

Dann kam der Araber, den fand ich super, er war so charmant und dick, er war mir sehr sympathisch. Tolle Pferde. Dann kam endloser Schmus mit seiner Schwester und Mutter und mit Jesus, da habe ich mich ziemlich gelangweilt, das weiß ich noch. Jesus fand ich doof. Die Leprahöhle war recht gruslig, aber dann endlich - das Wagenrennen, von dem ich soviel gehört hatte! Muss wohl von meinem Vater gewesen sein, wer sonst kannte den Film schon in meinem damaligen Umfeld? Das war natürlich grandios, obgleich ich ganz tief drinnen eigentlich für Massala mitgefiebert habe, er war mir irgendwie sympathischer. Ich mochte halt diesen knochigen, humorlosen Heston nicht, gleich beim ersten Film. Außerdem sah Massala besser aus und der Film ist ja schon eine homoerotische Ikone, das habe sogar ich in meinen unreifen Lenden gespürt.. Leider hat der Knochenmann gewonnen und Massala, mein schwarzgelockter Held, starb eines ekligen Todes, das ist eine traumatische Kindheitserinnerung: voll mit Blut und Sand und Schmodder hing er da in den Seilen, konnte kaum reden, hat immer wieder gewürgt und geröchelt und die Ärzte wollten ihm die Beine abschneiden.. Das hat mich mitgenommen, ich habe noch nächtelang davon Alpträume gehabt, nur von dieser Szene.

2 Jahre später habe ich dann "Spartakus" gesehen und war restlos begeistert: kein Jesus und kein Knochenmann, dafür Kirk mit dem Kinngrübchen *schmacht* In den letzten Jahren habe ich beide Filme mal wieder gesehen und weiß wirklich nicht so recht, was ich so toll fand, in beiden Fällen. Es gibt soviel Leerlauf und die Massenszene haben mittlerweilen fast was Betuliches, wie so Reenactment-Gruppen, die alte Schlachten nachspielen, am Sonntag Nachmittag. Sic transit gloria mundi...