27 September 2005 - 13:20 -- Nichtraucher

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Eine Lanze für Baz Luhrmann Romeo + Julia

Claire Danes sieht heute fast immer noch so aus


Liebt ich wohl je? Nein, schwör es ab, Gesicht!
Du sahst bis jetzt noch wahre Schönheit nicht.


Okay, jetzt mal ein paar Worte zur Luhrmann-Verteidigung... Bild

Vorab, ich kenne den Branagh-Hamlet nicht und möchte auch keineswegs die beiden Filme gegeneinander ausspielen. Shakespeare muss natürlich nicht so radikal modernisiert werden, ich liebe auch "Viel Lärm um nichts", aber wenn er in die Gegenwart verlegt wird, dann sollte es so aussehen wie bei Luhrmann. Das werde ich nun zu belegen versuchen.

Der Ort
Das Stück handelt von hormonsprudelnden rivalisierenden Jugendbanden, die sich in einem exotischen, semifiktionalen Italien bis aufs Blut bekämpfen. Shakespeare hat, wie wohl die meisten seiner Landsleute damals, England nie verlassen, siedelte aber seine Stücke gerne im Mittelmeerraum an, die ewige Faszination des Südens für uns bleiche Nordeuropäer.

Zudem geht es hier um große Dramatik, lodernde Leidenschaften, Blutrache, Familienehre und eine Liebe bis in den Tod, starker Stoff für kühle Briten. Das passt einfach besser ins prall-katholische Italien als ins nüchtern-protestantische England. Die Wahl des Ortes war kein Zufall, Shakespeare hätte die Geschichte ja auch verlegen können, wär keinem aufgefallen. Aber er brauchte diese gewisse düstere Exotik einer ehrversessenen Blutfehdegesellschaft. Wenn man jetzt die Geschichte ins moderne Amerika verlegt und sich überlegt, wo ist "unser Italien", wo duellieren sich junge Hitzköpfe, wo stirbt man für die Familienehre, wo werden Teenager zwischen flammender Liebe und verkrusteten Strukturen zermalmt..? Dann kommt man fast zwingend nach Lateinamerika. Die Außenaufnahmen wurden zum Teil in Mexico City gedreht, Verona Beach könnte man in Südkalifornien ansiedeln oder an der mexikanischen Pazifikküste, auf jeden Fall in einem hispanischen Umfeld, das für den Durchschnittsamerikaner eben diese Exotik mitbringt wie Italien für den Renaissancebriten. Eine gute Wahl.

Der Plot

Two households, both alike in dignity,
In fair Verona, where we lay our scene..


So beginnt das Stück, ein Sprecher skizziert von der Bühne herab die Sachlage, herausgelöst aus dem Stück, eine Stimme von außen, die keinen Zweifel daran lässt, dass es sich nur um ein Stück handelt, eine Geschichte:

Is now the two hours' traffic of our stage;
The which if you with patient ears attend,


Der Bildungsauftrag kommt bei Shakespeare nie zu kurz, man soll sich nicht zu gemütlich zurücklehnen, sondern gut zuhören, denn man kann was lernen:

From ancient grudge break to new mutiny,
Where civil blood makes civil hands unclean.


Oha. Gewalt, Bürgerkrieg, schlechte News. Folgerichtig übernimmt bei Luhrmann eine Nachrichtensprecherin diese Rolle, das zeigt uns, von der ersten Minute an, es geht nicht nur um Liebe und so, sondern um ein Geschehen, das die Gesellschaft erschüttert, das das Zusammenleben in der Stadt und den sozialen Frieden gefährdet. Shakespeare ging es meiner Ansicht nach weniger darum, die erste Liebe zu feiern, als mehr, darauf hinzuweisen, dass etwas ganz entschieden falsch läuft, wenn etwas so Harmloses wie eine Teenagerliebe in ein Blutbad führt. Und deshalb beginnt das Stück auch nicht mit Romeos Liebesplänkeleien, die müssen warten, sondern mit dem eigentlichen Plot, der inneren Gewalt. Angehörige der beiden mächtigen Familien duellieren sich, zuerst mit Zoten, dann mit Degen und jede werktreue Inszenierung muss mit einem wilden Kampf beginnen, da handelt Luhrmann absolut im Geiste des Stücks. Leider kann dieses laute, krachige Eröffnung viele Leute abschrecken, die befürchten, dass es so weitergeht. Später beruhigt sich der Film, genau wie das Stück, und wartet noch mit vielen wunderschönen, ruhigen Szenen auf, aber erstmal MUSS geballert werden, denn hier wird gleich die grundsätzliche Dramatik installiert: Der Staat greift ein, verdonnert die Familien zur Waffenruhe, mit dem Tod soll jede Regelverletzung geahndet werden. Ohne diese Anordnung ist die weitere Geschichte nicht denkbar. Die Familien ziehen sich in ihre Höhlen zurück und lecken ihre Wunden, der Groll aber glüht weiter und die Stimmung in der Stadt ist zum Zerreißen gespannt. In diese Situation hinein tändelt nun der weltfremde, liebestolle Romeo, blind für das Damoklesschwert, das über aller Köpfe baumelt.


Die Bilder
Eine wunderbare Konstruktion, der Film bringt sie kongenial auf die Leinwand. Die Hitze, die südliche Atmosphäre, die Halbstarken, die mit gebundenen Händen missmutig an den Straßenecken herumlungern, die Waffen, die locker sitzen und sich nach Arbeit sehnen, die mürrischen Familienoberhäupter, die die Zügel fester anziehen, weil sie um ihren Status bangen, die zornige Staatsgewalt, deren Geduld zu Ende ist (bei Luhrmann ein bedrohlich kreisender Hubschrauber, der zeigt, wer letztendlich am längeren Hebel sitzt), und mittendrin kommen zwei Teenager auf die klasse Idee, sich ineinander zu verlieben.

Das passt alles zusammen: ehrverliebte Südländer, die ihre Waffen mit Madonnenbildchen und blutenden Herzen schmücken, eine strenge, althergebrachte Gesellschaftsordnung, in der sich Gewaltverliebtheit und Familiensinn keineswegs ausschließen, ja, geradezu bedingen, wenn es die Ehre verlangt. Der namenlose Kitsch, das Machogehabe, der Bilderrausch, das muss so sein, es geht hier nicht um verliebte englische Internatszöglinge, sondern um Klischee-Italiener/Hispanos, die im Film, wie auch bei Shakespeare, die Leinwand bilden, auf die wir Nordeuropäer unsere unterdrückten Phantasien von dramatischer Liebe und schillernder Gewalt projezieren. Damals wie heute. Der schnelle Schnitt, die Musik, das folgt dieser Logik, wir erleben die Welt junger, mediterraner Hitzköpfe, bzw. das, was wir uns darunter vorstellen. Der MTV-Vorwurf verliert auch schnell an Gewicht, denn im Verlauf des Filmes zeigt Luhrmann, dass er seine Geschichte ernst nimmt, dass er die beiden verliebten Teenager ernst nimmt, in genug Szenen beruhigt sich die Dramaturgie und lässt der Geschichte jeden Raum, den sie braucht (während eine "MTV-Verfilmung" von Anfang bis Ende nur mit der Kamera rumgehampelt hätte, um jung und hip zu wirken).


Die Personen
Denkt nur an die Szene, als sich Romeo und Julia erstmals wahrnehmen, durch das Aquarium hindurch. Ruhig, traumhaft, wunderschön, wie sich da durch die rose Brille der Liebe anschauen, von Anfang an zeigt der Film das romantisch Überhöhte ihrer Liebe, wie auch in den Kostümen, die sie in der Szene tragen, er als schimmernder Ritter, sie als Engel. Man ahnt, dass es die beiden Schwärmbrötchen schwer haben werden, in einer Stadt voller automatischer Waffen. Und hier breche ich auch eine Lanze für DiCaprio, eine seiner wenigen Rollen, die mir gefallen. Hier passt sein Jungengesicht hin, sein naiver Charme, ja sogar diese gewisse juvenile Dumpfheit und Arroganz, die er gerne mal ausstrahlt. Romeo ist nicht allzu helle, ein Wirrkopf, schwärmend, ein bisschen selbstverliebt, poetisch. Julia ist die Praktischere von beiden, auch wenn sie die Jüngere ist, das bildet der Film gut ab. Die Chemie zwischen den beiden stimmt, Claire Danes ist bezaubernd, aber keine unterkühlte Schönheit, sondern ein quirliger Backfisch mit vielen dummen Ideen im Kopf. Gerade diese gewisse Albernheit der beiden ist wichtig, die Unschuld ihrer Liebe, das Harmlose, Schwärmerische daran. Vor dieser bunten Kinderliebe zeigt sich die institutionalisierte Feindschaft der Familien um so bedrohlicher und unmenschlicher, eine unselige Konstruktion, die nicht einmal etwas so Harmloses und Selbstverständliches wie eine Teenagerliebe zulassen kann. DiCaprio und Danes sind perfekt gecastet, sie sind die unsternbedrohten Liebenden.

Schritt für Schritt begleitet der Film die beiden auf ihrem Weg ins Verderben, werktreu, aber nicht werkhörig, und wenn dann Julia in diesem gigantischen Kerzenmeer aufgebahrt liegt, wie die Königin des universalen Kitschwunderlandes, dann sind das die großen Gefühle, die die Geschichte einfach braucht, um zu funktionieren, denn nie verdarben Liebende noch so wie diese: Julia und ihr Romeo. Die Familien versöhnen sich, zu schmerzvoll ist ihr Verlust. Das muss GROSS sein, das braucht Kitsch, Rosen Kerzen, Tränen, das ist kein Vernunftfrieden der Mächtigen, das ist die Erschütterung einer Welt und ihrer Tradition. Denkt an den Paten, als er seinen toten Sohn ansieht. Großes Kino. Und wenn ein paar MTV-Kids nun auf die Idee kamen, mal Shakespeare zu lesen, schadet das auch nicht. Punkt :D


P.S.: Für Arwen und Mike gibt es immer noch die hochgelobte Zafirelli-Verfilmung aus dem 70ern, die ich mal sehr geliebt habe, aber seit Luhrmanns Version nicht mehr anschauen kann.