29 September 2005 - 10:09 -- Ramujan

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Herr Albers im Büro

„Die Herr Düsseldorfer Zahnstocher- und Zahnstocherzubehörproduktions-GmbH ist stolz, Ihnen das neueste Mitglied unserer Zahnstocherzubehörproduktpalette präsentieren zu können: Der Zahnstocherigel kann problemlos bis zu sechsundneunzig Zahnstocher (zwölf Reihen zu je acht Zahnstochern) aufnehmen, wobei die Zahnstocher einzeln hinzugefügt werden können, als auch einzeln entnehmbar sind. Wir bieten den Zahnstocherigel in vier geschmackvollen Farben an (schwarz, weiß, rot, grün) – Sie haben die Qual der Wahl. Der Zahnstocherigel passt in jedes Badezimmer und in jede Küche. Stellen Sie noch heute Ihren Zahnstocherigel neben den Zahnputzbecher oder den Elektroherd. Beeindrucken Sie Ihre Freunde mit einem Zahnstocherigel auf dem Nachtschränkchen. Bitte beachten Sie, dass wir nur für Zahnstocher der Herr Düsseldorfer Zahnstocher- und Zahnstocherzubehörproduktions-GmbH hundertprozentige Kompatibilität zum Zahnstocherigel garantieren können.“


„Das ist ein ausgezeichneter Text zu einem ausgezeichneten Produkt“, sagte Herr Düsseldorfer und legte Herrn Albers eine Hand auf die Schulter. „Sie können sehr zufrieden mit sich sein.“

Herr Albers legte den Zettel, von dem er vorgelesen hatte, zur Seite und wurde rot im Bemühen, nicht rot zu werden.

„Sie können Ihre Position einnehmen, bitte, bitte, aber nicht doch!“ sagte der Fotograph und Herr Albers stellte sich zwischen den Direktor und den Sohn des Direktors. Herr Düsseldorfer lächelte breit und bereit für die Aufnahme. Herr Düsseldorfer junior lächelte noch breiter und noch bereiter. Herr Albers hielt mit beiden Händen einen mit sechsundneunzig Zahnstochern aufgefüllten Zahnstocherigel auf Brusthöhe.

„Etwas mehr nach rechts bitte, rechts und ja, zusammen, zusammen! – und Sonne, Sonne, so ein Licht! Aber nicht doch.“ Der Fotograph schaute durch den Sucher und überprüfte das Licht, das durch die oberen Fenster ins Foyer fiel. Es schien nicht nur hell, sondern auch in Ordnung zu sein. Dann überprüfte er das Licht, das durch die offen stehende Tür hereinströmte.

„Und Zähne will ich sehen und Zähne und bitte – bitte! Und sagen Sie Iiiiiiiiiiiiiiihhh-gel: Iiiiiiiiiiiiiiihhh-gel … Und herrlich: Herrlich!“

Es blitzte, dann nahm Herr Düsseldorfer den Zahnstocherigel von Herrn Albers entgegen und stellte ihn zurück in die Vitrine. Sie schüttelten sich die Hände. „Großartig, wirklich ganz, ganz, ganz toll, was Sie da erfunden haben.“ Herr Düsseldorfer junior lobte ebenfalls: „Auch von mir die allerherzlichsten Glückwünsche zu dieser ausgezeichneten Idee.“

Es war ein Tag wie jeder sein sollte. Die Kollegen grüßten, als Herr Albers zum Fahrstuhl ging und auf dem Weg nach oben pfiff er eine fröhliche Melodie. Die Hände hinter den Rücken verschränkt und die Augen gen Decke gerichtet, stolzierte er zum Büro. Er hatte sich den Ruhm redlich verdient, ihn mit harter Arbeit erkämpft. Wochenlang hatte er die Dicke von Zahnstochern ausgemessen, Igelfiguren mit Modelliermasse geformt, die Mimik der Tiere verbessert und bis in die Träume hinein über die perfekte Anordnung der Lochmatrix nachgedacht. Er hatte die Igel verschiedenfarbig angemalt und sie immer wieder mit Zahnstochern be- und entstückt; er hatte verschiedene Größen ausprobiert und sie überall im Haus verteilt, um zu sehen, wie handlich sie waren und ob sie mit Tapete, Gardine und Küchengerät harmonierten.

Als er sein Büro betrat, brandete Applaus auf.

„Herr Albers, Sie wollen wohl ganz nach oben, was?“ Das sagte Herr Prag, der am Schreibtisch gegenüber der Tür arbeitete. Herr Prag rechnete den ganzen Tag und er hatte mit der Zeit auch das Aussehen der Zahlen angenommen: Die Krawatte saß wie eine Eins, die Brille wirkte wie eine Acht, die auf die Seite gekippt war, und im Profil konnte man seine Erscheinung vom Schmerbauch aufwärts über den Hals bis zum Kopf für eine grandios gekringelte Sechs halten. Wenn Herr Prag sich erhob, standen seine Beine so dicht zusammen wie die Ziffern der Elf und wenn er jemanden etwas an einer Tafel erklären wollte, formten sich Daumen, Mittel- und Zeigefinger zu einer Drei.

„Dann bekommen Sie ja bald den Ansteckzahnstocher in Gold!“ Das sagte Frau Wanne-Eickel, die ihren Schreibtisch links von der Tür und Herrn Albers gegenüber hatte. Welche Funktion sie in der Herr Düsseldorfer Zahnstocher- und Zahnstocherzubehörproduktions-GmbH ausübte, das wusste niemand so genau. Vielleicht hatte man sich an sie gewöhnt oder man befürchtete, dass ohne ihr Dasein die Telefonleitungen eintrockneten, aber wahrscheinlich lag der Grund ihrer Wichtigkeit in dem Kuchen, der sie jeden Mittwochmorgen begleitete. Herr Albers setzte sich an seinen Platz. Frau Wanne-Eickel wandte sich ihrem Telefonhörer zu und entschuldigte sich für die Unterbrechung. Herr Prag begann, Kugeln auf seinem Rechenschieber von links nach rechts und wieder zurück zu schieben.

„… ja genau, ist gerade ins Büro gekommen. Der Zahn-stocher-igel , ja, ganz genau …“, sagte Frau Wanne-Eickel. „Sechsundneunzig Zahnstocher in zwölf Reihen zu je acht. Ganz genau, hat er erfunden.“

Herr Albers griff sich einen Bleistift und ein Blatt Millimeterpapier. Zwei frühe Versionen der Zahnstocherigel zwinkerten ihm von der anderen Seite des Tisches als Anreiz zu weiteren kreativen Höhenflügen zu. Hinter ihm baumelten auf einem Plakat zwei Füße, darunter verkündete eine rote Schrift: „Zahnseide kann Leben nehmen.“

Herr Prag machte Klack-Klack, Klack-Klack. Er murmelte: „Siebenundsiebzig Prozent und sieben im Sinn, dies auf Aktiva und dies in die Tasche und eine Flasche Gin.“

Es war Montag. Am Dienstag hatte Herr Albers fünf Striche auf das Papier gezeichnet. Er hatte die Striche mit Pfeilen versehen und beschriftet. Bepfeilte Striche und bestricheltes Papier türmten sich im Abfallkorb. Zerknüllte Kugeln lagen daneben.

„Sieben Kinder“, sagte Frau Wanne-Eickel zum Telefonhörer.

„Sieben Prozent Überproduktion“, murmelte Herr Prag in die Richtung des Rechenschiebers.

„Meine Rede – und das in dem Haus.“

„Keine Rede – räumt das Lager aus.“

„Sie können kaum drei ernähren.“

„Schon zwei erschweren …“

„Und wie sie sich raufen!“

„ … effizientes Verkaufen.“

„Und wie sie weinen und grienen.“

„Drosselt die Maschinen!“

„Da muss das Sozialamt dran.“

„Facht die Werbung an!“ Klack-Klack.

„Ich kann dir sagen …“

Herr Albers ignorierte das Gerede seiner Mitarbeiter und schaute auf das Papier, das vor ihm lag. Fünf Striche unterschiedlicher Dicke. Auf beiden Seiten spitz. Doppelseitige Zahnstocher verschiedener Größen.

Neben ihm dampfte eine Tasse Kaffee. In ihm dampfte der Zweifel: Ließ sich die Idee verkaufen? Die Zahnstocher-Süd hatte jüngst eine Edition für Milchzähne in den Handel gebracht, die sich überaus formidabel an Mann und Kind bringen ließ. Ein anderer Konkurrent eroberte mit spülmaschinenfesten Kunststoffzahnstochern Marktanteile. Doch Herr Albers Idee, ebenfalls in diese Bresche zu springen, war bei seinem Vorgesetzten auf taube Ohren gestoßen: „Holz ist ein Naturprodukt“, hatte Herr Düsseldorfer gezetert. „Kunststoff, sagen Sie? Kunststoff? Warum nicht gleich in Zahnseide machen?“

Eine neue Innovation musste her! Wie wäre es mit Zahnstochern für ausgewählte Zielgruppen: Zahnstocher für Grillliebhaber und Zahnstocher für Vegetarier? Dünne Zahnstocher für empfindliche Zähne und gekrümmte für die hinteren Zahnreihen?

Am Mittwoch dampfte eine weitere Tasse Kaffee. Herr Albers nahm einen Schluck. Er verwandelte Koffein in Zahnstocherkonzepte. Der Mülleimer war in der Zwischenzeit geleert worden und schon wieder zur Hälfte aufgefüllt. Klack-Klack, machte es bei Herrn Prag, Tuschel-Tuschel bei Frau Wanne-Eickel. Es ging um Bilanzen und Haushalte, um Scheidungen und Abschreibungen. Bei ihm ging es um den besten und effizientesten Zahnstocher aller Zeiten: Die Bastion der Essensreste wollte endgültig genommen werden. Er spülte Kehle und Hirn mit dem letzten Schluck der erkalteten Flüssigkeit und machte sich auf dem Weg zur Küche, um eine neue Tasse zu holen.

Dort standen bereits Frau Kiel und Herr Bern vor der Kaffeemaschine. Oder besser: Sie standen vor dem Platz, wo die Kaffeemaschine sich hätte befinden sollen.

„Weg“, bemerkte Frau Kiel ganz richtig.

„Da sagen Sie was“, bestätigte Herr Bern.

„Und nun?“ fragte Frau Kiel.

„Kein Kaffee“, flüsterte Herr Bern.

„Die Kaffeemaschine …“, fiel Herr Albers ein, während er sich den beiden Mitarbeitern näherte.

„Die Kaffeemaschine!“, bestätigten Frau Kiel und Herr Bern unisono.

„Da sieh mal einer an.“ Nun war Herr Prag zu der Gruppe hinzugetreten. „Zwei und eins addiert, das ist aber mal eine Versammlung, was? Ja, Herr Albers, Sie hätten aber die Güte aufbringen können, so freundlich zu sein und mir eine Tasse mitbr … Oh!“

„Die Kaffeemaschine“, nickten Frau Kiel, Herr Bern und Herr Albers.

„Verschwunden“, keuchte Herr Prag.

„Ja, was ist denn hier passiert?“ Mit der Sekretärin Frau Zwickau wuchs die Gruppe um eine weitere Person. Sie benötigte keine Antwort auf ihre Frage. „Aber das ist doch die Höhe!“

Herr Albers blickte auf die leere Tasse in seiner Hand, die sich in absehbarer Zeit auch nicht füllen würde. Die Gesichter seiner Kollegen zeigten die Enttäuschung in nach unten gekrümmten Mundwinkeln und Ratlosigkeit in zu Furchen gekreuselten Stirnen.

„Aber vor fünf Minuten – da habe ich doch noch neues Wasser aufgesetzt.“ Frau Zwickau war sich keiner Schuld bewusst. „Aber wer kann denn bloß …?“

Frau Kiel begann mit der Notwendigkeit der Anschuldigungen. „Frau Zwickau, nun konzentrieren Sie sich mal: Sagen Sie, wer hat sich zu guter Letzt eingeschenkt?“

Frau Zwickau konzentrierte sich mal. Vor exakt fünfzehn Minuten hatte sie nach der Maschine gesehen, deren Kaffeekanne bis auf einen wirklich kaum erwähnenswerten Schluck leer gewesen war. Sie hatte den Schluck in den Abfluss geschüttet und den Kaffeesatz im Müll entsorgt. Sie hatte einen neuen Filter eingelegt und die Kanne so gründlich gereinigt, wie sie es selbstredend immer tat, bevor sie neuen Kaffee kochte. Sie hatte frisches Wasser nachgefüllt. Sie hatte …

„Ein Zettel“, rief Herr Albers.

„Nein, kein Zettel. Dann habe ich sechs gehäufte Löffel Pulver in …“

„Aber so sehen Sie doch!“ Am Küchenschrank über der Maschine hing ein Stück Papier, das mit Buchstaben beklebt war, die jemand aus einer Zeitung ausgeschnitten hatte. Kleine Buchstaben aus Fußnoten, große aus Überschriften, schwarze aus Artikeln, bunte aus der Reklame. Die so gefügte Nachricht lautete:

[code]
17 uHR
schicken siE 2 Pers.
heizungskeller
[/code]

Sie zogen Zahnstocher. So konnte niemand von mangelnder Gerechtigkeit sprechen, als das Los auf Herrn Albers und Herrn Prag fiel. Noch drei Stunden, dann sollte die Mission beginnen, dann sollten sich die zwei Personen im Heizungskeller einfinden.

„… ganz genau, die Kaffeemaschine“, sagte Frau Wanne-Eickel in den Telefonhörer. Herr Prag klackerte lustlos auf dem Rechenschieber. Herr Albers ordnete die Papiere neu, legte die Notizen jüngeren Datums auf die linke Seite des Schreibtischs und die älteren Zettel auf die rechte; er sortierte die besseren seiner Ideen nach oben; er blätterte ohne Konzentration und in Gedanken versunken in einem Katalog der Zahnstocher-Süd. Der Sekundenzeiger der Uhr neben der Bürotür drehte rastlos seine Runden über die Ziffernskala. Der Minutenzeiger folgte. Die Zeit verstrich. Der Zahnstocherigel zwinkerte Herrn Albers zu: Das schaffen Sie! „… ja, gleich – gleich, da geht es los …“ Frau Wanne-Eickel erstattete ihrer unsichtbaren Freundin Bericht. Um halb fünf standen Herr Albers und Herr Prag gleichzeitig auf, keiner von beiden sagte ein Wort. Auf dem Flur drückten die Mitarbeiter die Daumen.

„’s wird mal nichts Schlimmes sein“, munterte Frau Kiel auf.

„Wenn Sie in einer Stunde nicht zurück sind, rufen wir die Polizei“, machte Frau Zwickau Mut.

Sie gingen durch die Glastür, betraten das Treppenhaus. In der Ferne hörten sie die Sägen kreischen. Holzstaub verdichtete die Luft und bildete Woche um Woche einen Film auf den Marmorfliesen, den die Putzfrau erst am Freitag entfernte; das Atmen schmeckte nach morschem Wald.

Ein Stockwerk tiefer forschten die Wissenschaftler. Herr Albers vernahm das Knacken von durchbrechendem Holz, das den Tests nicht standhielt; hinter den Scheiben der Labore saßen Probanden, die Weißkraut aßen, Fleisch kauten, in Äpfel bissen. Manche lagen in Zahnarztsesseln und ließen es über sich ergehen, dass ihre Gebisse untersucht wurden. Assistenten kritzelten Blöcke voll, Forscher debattierten komplexe Formeln, die sie auf Wandtafeln geschrieben hatten, oder stocherten mit verschieden großen Holzstäbchen in Modellen von Zähnen und Nachbildungen von Kiefern aus Draht. Hier wurden die Konzepte erprobt, die Herr Albers sich oben in seinem Büro ausdachte: die Ingenieure und Wissenschaftler setzten seine Zeichnungen um, konstruierten die Zahnstocher und die Maschinen, die sie herstellen sollten, und prüften anhand von Freiwilligen die Prototypen auf ihre Leistungsfähigkeit.

Im Erdgeschoss ging es auf der einen Seite zum Foyer, die andere Tür führte ins Lager, in dem sich Stämme bis zu einer Decke türmten, die nur unwesentlich unter dem Himmel lag; Stämme von einstmals stolzen und von verkrüppelten Eichen, von Rotbuchen, Birnbäumen und Kiefern.

Von Kiefern.

Die Zahnstocher, die aus diesem Holz geschnitzt waren, verkaufte die Herr Düsseldorfer Zahnstocher- und Zahnstocherzubehörproduktions-GmbH unter dem Werbespruch „Kiefer für Kiefer“ – ausgedacht und ins Leben gerufen von Herrn Albers. Das lenkte ihn für kurze Zeit ab. Was für ein Spruch!

„Sieben, acht - gleich neun mal Kirsche“, zählte Herr Prag.

„Die Luxusedition verkauft sich gut“, sagte Herr Albers.

„Noch siebzehn Minuten“, bemerkte Herr Prag. Darauf sagte Herr Albers nichts.

Zwei Arbeiter ketteten Stämme an einen Kran und hievten sie auf ein Förderband, das zur Sägerei führte. Immer, wenn die Klappe vor dem Band sich öffnete, und der Stamm in die Produktionshalle ruckelte, nahm der Lärm ohrenbetäubende Ausmaße an; der Stamm erzitterte; Späne, Splitter, Holzstaub schossen in das Lager.

Am anderen Ende des Lagers wandten Herr Albers und Herr Prag sich nach links, gingen durch eine Seitentür und kamen in einen Flur. Milchglasfenster gaben einen verschwommenen Blick auf die Produktion frei, auf die Schemen flirrender Sägeblätter und auf die Silhouetten von Maschinen, aus denen dickbäuchige Rohre wuchsen und aus deren Rümpfen Schläuche pulsierten. Sie wirkten wie die Schattenschnitte exotischer Pflanzen; sie saugten die Silhouetten von Brettern an, spuckten Latten aus, spitzten Holz, machten Krach. Herr Albers spürte die Vibrationen bis in den Flur hinein. Spinnen hüpften in ihren Netzen auf und ab wie Kinder auf einem Trampolin. Vor ihren Schuhen flüchteten Sägespäne.

„Hier geht es … zum Keller“, hauchte Herr Prag.

„Also dann: Zählen Sie“, sagte Herr Albers. „Das ist Ihre Aufgabe.“

„Eins“, zählte Herr Prag und sie öffneten die Tür.

„Zwei“, und sie gingen die Holztreppe in die Katakomben hinunter. Hier gab es so etwas wie ein Zahnstochermuseum: Vergilbte Bilder der Gründungsjahre hingen an den Wänden; es gab ein Portrait von Herrn Düsseldorfer senior und den ersten Zahnstochern; ein Plakat der großen Zahnseide-Verbrennung. Fotographien von der Feier, als Herr Düsseldorfer die Firma übernommen hatte. Reklametafeln, Werbeprospekte, Hinweise auf Sonderangebote. In einer Ecke verstaubte eine Litfasssäule. Eine lächelnde Hausfrau aus Pappe mit funkelnden Zähnen hielt ein Kästchen in die Höhe: „Der Vorratspack. Jetzt sichern und zwanzig Stocher gratis.“ Und überall und über allem Kartons, Pakete und Paletten mit den Zahnstochern der verschiedenen Serien, anfangs noch chronologisch sortiert – „1967, ein guter Jahrgang für Tanne“, dann: Die bunten und farbenfrohen Zahnstocher der Siebziger und die überwiegend splitternden Zahnstocher der Achtziger –, später dann in Tohuwabohu übergehend.

„Drei.“ Der Heizungskeller: Sie atmeten tief durch und traten ein. Sekunden, nachdem sie den Schalter gedrückt hatten, flackerte das Licht auf. Sie sahen die Konturen der Ölleitungen und der Öfen. Die Luft fühlte sich warm und trocken an; von weit her kam das gedämpfte Brausen der Sägen. In der Mitte des Raumes stand auf einem Klapptisch die Kaffeemaschine.

„Und nun?“ fragte Herr Prag.

„Nehmen wir sie einfach mit“, schlug Herr Albers vor. Sie machten einen vorsichtigen Schritt nach vorne, so als ob das Gerät plötzlich zubeißen und sie mit einem Happs verschlingen könnte.

„Und was ist …?“ Herr Prag duckte sich hinter Herr Albers.

„Was ist wann?“

„Was ist, wenn die Sache einen Haken hat?“

„Einen was?“
„Einen Haken.“

„Die Sache hat keinen Haken.“

Die Sache hat einen Haken.

Jemand war in die Tür getreten. Die Person trug einen Kaschmirmantel und einen wollenen Schal um Hals und Mund. Der Versuch, sich unkenntlich zu machen, setzte sich in der Sonnenbrille und der tief über die Stirn gezogenen Mütze fort. Nur die Nase blieb frei.

„Herr Düsseldorfer junior“, erschraken sich Herr Albers und Herr Prag.

„Nennen Sie mich nicht beim Namen“, rief der Erkannte und zog den Schal höher. „Die Sache hat einen Haken.“

Eine dramaturgische Pause entstand.

„Äh, ja?“

„Einen Haken hat die Sache. Ich nehme alles mit. Zuerst die Kaffeemaschine. Die hab ich sogar schon. Dann nehme ich die Sekretärin, also mit nehme ich sie, und den Kaffee und die Filter und alles andere. Ich räume die ganze Abteilung leer. Den Kühlschrank nehme ich auch mit und den Wasserkocher auch. Und die Steckdosen. Ich werde sie alle abschrauben. Es sei denn …“ Es folgte eine weitere dramaturgische Pause.

„Es sei denn, was?“ setzte Herr Albers zögernd an.

„Es sei denn … Aber hier muss ich abschweifen: Mein Vater ist ein Narr! Also nicht mein Vater, also der auch, aber ich meine Herrn Düsseldorfer. Herr Düsseldorfer ist ein Narr. Ein Narr! Er wird die Firma zugrunde richten. Die Verkäufe gehen zurück. Die Umsatzziele werden nicht erreicht, wir fahren Verluste.“ Er räusperte sich. „Und Schuld trägt die Sturheit, diese … diese Halsstarrigkeit meines … Herrn Düsseldorfers. Holz ist tot! Niemand kauft mehr Dinge aus Holz. Die Leute wollen spülmaschinenfeste Kunststoffzahnstocher. Möglichst bunt. Möglichst nicht aus Holz. Bei Holz denken die Leute an Eichhörnchen und Raupen und Spechte. Das ist unhygienisch. Die Zukunft heißt Kunststoff. Und was spricht eigentlich gegen Zahnseide? Was? Unsere Kampagnen gegen Zahnseide sind lächerlich. Zahnseide ist nicht aus Holz.“

„Aber, äh, ja, was haben wir damit zu tun?“

„Zählen Sie Eins und Eins zusammen Herr Prag. Sie sollen die Kunde verbreiten. Reden Sie mit Herrn Düsseldorfer. Sagen Sie ihm, Kunststoff lautet der Schlüssel zum Erfolg. Erläutern Sie ihm die Vorteile von Zahnseide. Entwickeln Sie einen Zahnstocherigel für spülmaschinenfeste Kunststoffzahnstocher.“

Herr Düsseldorfer junior war nun ganz nah herangetreten. Sie konnten erkennen, dass dort, wo der Schal den Mund bedeckte, der Stoff feucht von Speichel war. Die linke Hand hatte der Firmenerbe zur Faust geballt. Er wollte erneut zum Sprechen ansetzen, als etwas passierte, mit dem er nicht gerechnet hatte.

„Sohn!“ Die Stimme hallte von den Rohren wieder.

Herr Düsseldorfer junior drehte sich um.

„Vater …“

Herr Düsseldorfer betrat den Heizungskeller. Sein Gesicht war rot vor Zorn, der Blick so scharf und durchdringend wie ein Zahnstocher aus Diamant. „Ich hätte vieles von dir geglaubt, aber das, mein Sohn, das nicht.“

„Vater, was machst du hier?“

Ich bereite kein Komplott vor!“

„Nein, kein Komplott, ich doch auch nicht. Du verstehst das falsch. Ich will doch nur das Beste …“

„Pah! Das Beste!“ Herr Düsseldorfer spuckte aus. Eine Motte umschwirrte eine der Lampen, warf flackernde Schatten auf das Gesicht des Firmenchefs. Hell, dunkel. Hell, dunkel. „Du bist nicht mein Sohn. Du bist ein Bastard. Du hast dich doch nie für die Familie interessiert. Ich hätte wissen müssen, dass du kein Düsseldorfer bist, die ganze Zeit. Hast im Laufstall mit Plastikklötzen um dich geworfen. Hast dich nie in der Produktion sehen lassen, noch nicht einmal beim großen Streik damals, als alle mit anpacken mussten und die ganze Familie hätte zusammenhalten sollen. Dich interessiert doch höchstens die Pressearbeit, in deren Ruhm du dich sonnen kannst. Für die Firma bist du nicht zu haben.“

„Aber Vater, …“

„Kein Wort mehr, Bastard.“

„Ich habe die Bilanzen durchgesehen.“

„Kein. Wort. Solange ich noch da bin, wird kein Plastik die Hallen der Herr Düsseldorfer Zahnstocher- und Zahnstocherzubehörproduktions-GmbH verlassen.“

„Vater …“

„Nenn mich nicht Vater, Bastard.“

„Ich habe alles durchgerechnet.“

Herr Düsseldorfer junior schaute sich Hilfe suchend um, doch Herr Albers und Herr Prag hatten sich in eine Ecke verzogen und wünschten, bald wieder zur Arbeit gehen zu können. Herr Düsseldorfer riss in seiner Raserei Mütze und Sonnenbrille vom Sohn, der kein Sohn mehr war. „Du kannst so viel reden, wie du willst, du wirst die Firma nicht bekommen, nie. Du bist enterbt. Lieber gebe ich einer Wanze das alles hier. Enterbt, hörst du? ENTERBT!“

Herr Düsseldorfer keuchte vor Wut. „Hau ab, verschwinde!“ Die Sägen schienen auf einem anderen Kontintent zu sägen, von weit entfernt kam ihr Heulen, schwach, kaum vernehmbar. Herr Düsseldorfer junior sagte nichts mehr. Geduckt schlich er davon. Kurze Zeit später kam aus dem Museum der Zahnstocher das Geräusch umfallender Kisten, gegen die er gestoßen sein musste.

„Sie gehen wohl auch besser zurück ins Büro.“ Herr Albers und Herr Prag lösten sich aus dem Schatten, gingen zur Tür.

„Und nehmen Sie das Ding da mit.“ Herr Albers griff sich die Kaffeemaschine, Herr Prag nahm die Kanne. Die beiden machten sie sich auf dem Weg nach oben.