06 Oktober 2005 - 12:59 -- Nichtraucher

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Wissenswertes über "Das Boot"


Das Boot sollte eigentlich ein Hollywoodfilm werden, Bavaria, die die Filmrechte hielten, trauten sich eine Produktion dieser Größenordnung nicht zu und hatten sich in Columbia Pictures einen finanzstarken Partner gesucht. John Sturges (Gesprengte Ketten, Eisstation Zebra und viele mehr) reiste mit einer Crew an, aber bekam sich mit Lothar Günter-Buchheim, dem Buchautor, derart in die Wolle, dass er nach fast einem Jahr Vorbereitungen das Projekt hinwarf. Robert Redford hätte dabei übrigens den Kaleun gespielt. Schwer vorstellbar. Buchheim muss ein unausstehlicher Menschenfeind sein, auch Petersen lässt im Audiokommentar durchblicken, dass er es mit ihm nicht leicht hatte, aber in diesem Fall muss man ihm wohl dankbar sein.

Eine Weile ruhte das Projekt, dann kam eine zweite US-Crew unter einem ebenfalls bekannten Regisseur, aber ich komm grad nicht auf den Namen. Diesmal sollte Paul Newman den Kaleun spielen, das wird ja immer besser. Dieser Anlauf versandete, weil Columbia das Budget zusammengestrichen hatte und schließlich fragte Bavaria Wolfgang Petersen, ob er nicht Interesse hätte. Es sollte nun eine rein deutsche Produktion werden, auf deutsch und nur mit deutschen Schauspielern. Durch die Idee mit der TV-Langversion als Zweitverwertung kam das nötige Geld zusammen und man legte los, mit nichts als der Vision, den größten, realistischsten und besten U-Boot-Film aller Zeiten zu drehen.

Ein Jahr lang wurde gecastet, Jürgen Prochnow war von Anfang dabei, er brachte Klaus Wennemann ins Boot, ein guter Freund von ihm, der aber bis dahin nur Theater gespielt hatte. Später wurde er als "Fahnder" TV-Urgestein. Fast alle Schauspieler waren vor dem Boot No-names, die maximal in kleinen TV-Rollen zu sehen gewesen waren, für viele war es die erste Arbeit. Man castete in Deutschland und Österreich, in Schauspielschulen, Boxschulen und Unis, verschiedene Dialekte und Bevölkerungsschichten sollten vertreten sein, um eine authentisch wirkende Mannschaft zusammen zu bekommen. Und man machte seine Sache gut, im Boot saßen schließlich neben Prochnow und Wennemann Uwe Ochsenknecht, Herbert Grönemeyer, Ralf Richter, Heinz Hoenig, Martin Semmelrogge und in anderen Rollen waren noch Günther Lamprecht, Otto Sanders und Sky Dumont zu sehen. Ein beachtliches Who's-who, wer damals ein junger deutscher Schauspieler war und nicht im "Boot", muss sich ja vorkommen wie jemand, der nicht in Woodstock war, weil er an dem Wochenende was anderes vorhatte..

Die Dreharbeiten waren die Hölle. Petersen entschied, nicht wie geplant von außen ins Boot hinein zu filmen, sondern die abnehmbare Außenwand wieder einzusetzen und alles von innen zu filmen, in der qualvollen Enge des Stahlröhre. Es war so eng, dass kein Platz für ein Stativ war, fast der ganze Film ist mit Handkamera gedreht, für die berühmten Rennszenen, in denen es in wilder Jagd durch die Röhre geht, wurde so etwas wie eine kleinere Version der Steadycam erfunden, Marke Eigenbau. Diese Kamera surrte so laut, dass alle Innenaufnahmen nachsynchronisiert werden mussten. Doch Petersen war es wichtig, die klaustrophobische Enge des Bootes auf die Leinwand zu bekommen, und das gelang ihm, weiß Gott. Es war so eng, dass sich die Filmcrew, die ja auch noch reinpassen musste, sich mitunter gegenseitig auf die Schultern nahm, um Platz zu sparen. Andere mussten sich unter Tischen und Röhren verstecken, um nicht ins Bild zu kommen (in einer Szene allerdings kann man verschwommen einen Frauenkopf im Hintergrund erkennen, das "Propgirl" ).

Alle Innenaufnahmen entstanden in einem Nachbau eines Originalbootes im Innern einer Metallröhre, die auf einem hydraulischen Gerüst, dem Gimple, gelagert war und in alle Richtungen gedreht werden konnte. Der Nachbau war extrem detailversessen, bis zur letzten Schraube wurde Wert auf absolute Authentizität gelegt. Jedes Kabel, jedes Rädchen, jedes kleine Schildchen ist authentisch, bis hin zur Biermarke (Beck's, die sich sicher gefreut haben für die kostenlose Werbung), unglaublich! Alles ist aus Originalmaterialien, Eisen und Holz, keine bemalten Pappen o. ä. . Es wurde fast nur mit Originallicht gedreht, also mit dem, was das Boot bietet, ohne Filmleuchten. Die Einrichtung, die wenigen persönlichen Dinge, die die Besatzung überall verstaute, wo noch Platz war, das Essen, das überall rumhängt, die Versuche, die Kojen mit Fotos und Bildchen aufzuhübschen, all das wurde nach den Originalfotos von Buchheim angefertigt, der ja als Kriegsberichterstatter zwei Feindfahrten mitgemacht hatte. Die Fotos in den Kojen zeigen die Schauspieler in einem fiktiven Zivilleben, viele Gegenstände sind Originale, auf Flohmärkten und Sammlerbörsen zusammengekauft, alles andere wurde nach Buchheims Fotos angefertigt. Faszinierend dieser Detailwahn.

Neben dieser Röhre baute man noch ein schwimmfähiges Boot in Originalgröße, das war aber nur eine leere Hülle, die gerade mal bei stiller See ein bisschen tuckern konnte. Das Ding zerbrach bei einem Sturm und versank, was die ganze Produktion an den Rand des Ruins brachte. Sie hoben es wieder und flickten es zusammen, aber danach durften sie es nicht mehr komplett ins Bild bringen, zuviel war daran rumgeschweißt worden. Durch raffinierte Schnitte schaffte es Petersen bei den Aufnahmen im U-Boot-Hangar in La Rochelle (der echte übrigens), es so aussehen zu lassen, als würde dort ein halbes Dutzend Boote liegen, es gab aber nur dieses eine. Für die Aufnahmen in voller Fahrt gab es ein leistungsstarkes 11-Meter langes Modell, das anfangs von einem Mann gesteuert wurde, der darin in Taucherausrüstung auf dem Bauch lag. Nachdem er sich bei hohem Seegang (sie filmten all diese Szenen im offenen Meer vor Helgoland) komplett vollkotzte, wurde er durch eine Fernsteuerung ersetzt. Auf dem Turm standen Barbypuppen (kein Witz), die als U-Boot-Fahrer verkleidet waren und sich ferngesteuert unter die Reling ducken und winken konnten. Petersen, der sie selber bediente, schwärmt immer noch von ihnen, muss ihm Spaß gemacht haben. Desweiteren gab es noch drei kleine Modelle, die tauchen und Torpedos abfeuern konnten. Übrige Kulissen wurden kaum gebraucht, man konnte alles in die Boote stecken.

Für die Sturm- und Wasserbomben-Szenen wurde die Röhre so durchgerüttelt, dass die Männer darin wild herumpurzelten und sich Rippen prellten und Platzwunden schlugen. Von außen schlugen Männer mit Vorschlaghammern gegen die Bordwand, um Explosionen zu imitieren und Petersen ließ die Mannschaft bewusst im Unklaren, wann der nächste Rüttler kommt. So ging das stundenlang, der pure Sadismus. Die Panik in den Gesichtern der Besatzung, die sich an allem festkrallen, was in der Nähe ist und mit weit aufgerissenen Augen nach draußen lauschen ist echt! Das war kein Spaß. Zur Abwechslung wurden sie bei Wassereinbrüchen und Turmszenen mit Tonnen und Tonnen von Wasser überschüttet, ganze Sintfluten wurden auf sie herabgelassen, kaltes Wasser, denn für Heißwasser reichte das Budget nicht. Petersen geriet selber mal in eine fehlgeleitete Welle, die ihn fünf Meter durchs Boot wirbelte, danach war er etwas netter seinen Jungs gegenüber. Er meinte, heute könnte man das aus versicherungsrechtlichen Gründen gar nicht mehr so drehen.

Man drehte chronologisch, denn die gesamte Mannschaft musste sich ja einen Bart wachsen lassen, wie es früher üblich war. Daher musste jede Szene genau zur richtigen Zeit gedreht werden, Nachdrehs waren lästig, da mit künstlichen Bärten gearbeitet werden musste, die nie echt genug aussahen. Man kann den Unterschied in ein, zwei Szenen sehen. Dieses Vorgehen hatte aber noch andere Vorteile: die Dreharbeiten dauerten ein Jahr und waren furchtbar anstrengend und der gesamten Mannschaft war es verboten, in dieser Zeit in die Sonne zu gehen (junge junge, was für Sitten.. smilie ). Sie sollten den bleichen U-Bootfahrer-Look haben, und wenn man dann noch bedenkt, dass sie täglich gedreht haben, dabei zwischen München, La Rochelle und Helgoland pendelten und sich nicht rasierten, kann man sich vorstellen, wie echt, nämlich ziemlich fertig, sie schließlich wirkten. Das Gehalt war schlecht, das Budget reichte vorne und hinten nicht, aber alle hielten durch, zusammengeschweißt durch die Strapazen. Dazu wurden sie noch als U-Bootsoldaten gedrillt, sie mussten ja ihre Handgriffe im Schlaf können, zwei U-Boot-Veteranen brachten ihnen alles bei, was sie wissen mussten. Am Schluss hätten sie so ein Ding beinahe wirklich fahren können.

Das Ergebnis kann sich sehen lassen. Der ursprüngliche Kinofilm, in Deutschland heiß diskutiert, wurde zum Überraschungshit in England und den USA, es regnete 6 Oskarnominierungen, dann begann ein für den deutschen Film bis heute beispielloser Erfolgszug um die ganze Welt. Dabei war diese 2 1/2-Stunden-Version übelst geschnitten gegenüber der sechsstündigen TV-Fassung und nie ließ Petersen die Idee los, den "perfekten Cut" zu schneiden. 1995 dann trat Columbia, die die Vermarktungsrechte in den USA haben, auf ihn zu und bot ihm genau das an. Ein Jahr lang wurde neu geschnitten, restauriert, neu vertont. Alle Geräusche bis auf die Dialoge mussten neu eingespielt werden, auch die Musik, die aber Doldinger noch in brauchbarer Qualität in seinem Privatarchiv hatte. Teile der Synchro wurden neu aufgenommen, aber die ist so murksig, die Mühe hätten sie sich auch sparen können. Einige Schauspieler haben sich selber gesprochen wie Prochnow und Grönemeyer, mit starkem deutschen Akzent, die Besatzung wurde, wohl in Hinblick auf die deutschen Dialekte, von Engländern in verschiedenen Dialekten gesprochen, was für ein Durcheinander... der Kaleun befiehlt in deutschem Schulenglisch, ein Schotte antwortet, ect. Dazu wurde auch noch mitunter der Sinn grob entstellt und alle sexuellen Anspielungen entschärft oder entfernt, mal wieder. Kleine Kostprobe:

Matrose (freut sich auf den Landgang):
D: Ahh, ein schöner, gemütlicher Nachmittagsfick!
US: Ahh, a Valkyre, in shiny armour, big and fat!

Matrose (sinniert über Gibraltar):
D: Das ist wie ne Jungfrau - da müssen wir unseren Kahn mit Vaseline einschmieren, wenn wir da durchwollen.
US: It's like the eye of a needle - almost impossible to get through..


Tut euch die nicht an, höchstens zum Lachen.

Die 3 1/2-Stunden-Extended Edition, die bereits 1996 als Laserdisc raus kam, gibt es für unter 10 €, ein lohnender Kauf. Zumindest solange es die TV-Version nur auf VHS gibt, was irgendwie echt peinlich ist. Man muss eine DVD kaufen, die für den US-Markt gemacht ist, mit englischen Texttafeln, englischem Kommentar ect. Man bekommt hier alle Folgen von "Friends" in schicken Pappschubern, aber der erfolgreichste deutsche Nachkriegsfilm? Fehlanzeige. Wir müssen Columbia danken, dass sie wenigstens überhaupt diesen Cut möglich gemacht haben. Sitzen die bei Bavaria auf ihrem Gehirn oder was? smilie


Noch ein paar "Trivias":

- Der echte U-96-Kapitän, Heinrich Lehmann-Willenbrock, besuchte die Dreharbeiten und krabbelte mit Buchheim zusammen durchs Boot, wobei der erfolgreiche Autor gegenüber dem alten Mann wieder zum kleinen Befehlsempfänger wurde, wie Petersen staunend erzählt. Die Rollen hätten sich nicht geändert. Willenbrock legte nach dem Krieg weiter ein steile Karriere hin und kommandierte das erste und einzige deutsche Atomschiff, die "Otto Hahn". Er starb 1986.

- Die 1:1-Replik taucht auch in "Indiana Jones I" auf, sie haben sie Spielberg ausgeliehen. Kurz darauf sank sie dann, was Petersen bis heute scherzhaft Spielberg ankreidet.

- Bei imdb hält sich der Film mit Platz 45 der Top 250 als höchstbewerteter deutscher Film.

- Petersen dreht seitdem nur Müll. Warum?