18 Oktober 2005 - 23:26 -- Ramujan

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Darren Aronofsky - Requiem for a Dream


Heute: Darren Aronofsky

Dem Mainstream-Publikum ist Darren Aronofsky bisher kaum bekannt, und es ist fraglich, ob er je einer der großen Blockbuster-Macher wird; bei Kennern gilt er bereits als neuer Kubrick, aber auch das ist fraglich, die Stile unterscheiden sich einfach zu stark: Wo Kubrick eher der nüchterne, kühle, perfektionistische Analytiker ist, da zielt Aronofsky darauf ab, den Zuschauer zu treffen, durchs Hirn, in die Magengrube, in die Seele, in das Herz. Seine zweite Regiearbeit "Requiem for a Dream" aus dem Jahre 2000 und mit einem Budget von 4,5 Millionen Dollar schon etwas teurer, aber immer noch klar in der Independent-Ecke anzusiedeln.

Requiem for a Dream ist ein Drogenfilm und Drogenfilme gibt es derer nun wirklich viele - manche mit einem stark erhobenen Zeigefinger und brav moralisierend, andere bieten selber einen Rausch.

Man sollte meinen, das Genre hätte sämtliche Klischees durchexerziert, "Cold Turkeys" in allen Einstellungen abgehandelt, jede Droge verwertet, doch "Requiem for a Dream" ... ja, was ist eigentlich "Requiem for a Dream" ...? Ich hab den Film vor drei oder vier Jahren das erste Mal gesehen, völlig unverbereitet, ich hatte noch nie von dem Film gehört, kannte auch keinen der Darsteller, und ich muss sagen, dass ich wenige Filme kenne, die ihre Zuschauer so dermaßen packen (der filmwissenschaftliche Teil in mir hat dann dafür gesorgt, dass ich ihn mir am gleichen Abend noch ein zweites Mal angeschaut habe, einfach um ihn besser sezieren zu können ;) )

Hier unten sehen wir zwei der Hauptfiguren: Harry und Sara Goldfarb, Mutter und Sohn:


Der Sohn hat gerade mit gestrecktem Heroin eine hübsche Summe Geld gemacht und nimmt das zum Anlass der Mutter einen neuen Fernseher zu schenken. Die Mutter nimmt Appetitzügler, um bald wieder in ein altes Kleid zu passen, das sie jugendlicher machen soll. Die Appetitzügler wirken aufputschend, die Mutter knirscht mit den Zähnen. Der Sohn ist entsetzt, fragt ob sie Speed nimmt. Ein Dealer hält eine Moralpredigt, ein Opfer rechtfertigt sich. Dies ist der Punkt, an dem das Leben der Protagonisten wegzurutschen droht, noch ist alles in Ordnung, aber so kann es nicht weitergehen, bald schon ist Sommer und dann kommt der Herbst. Die Kamera fängt die Szene ruhig ein, nimmt sich Zeit für den Dialog und die Charaktere, sie ist einer der wenigen langsamen Momente des Films.

Bei "Requiem for a dream" ist der Name Programm, es gibt nur wenige Titel, die so passend die Handlung umschreiben. Vier Hauptdarsteller. Vier Träume, von denen am Ende nichts bleibt. Harry Goldfarb und Tyrone, der Kumpel, träumen vom Reichtum, der mit Dorgenverkäufen zu holen ist, scheitern aber an ihrer eigenen Sucht. Marion Silver, die Freundin, träumt davon, Modedesignerin zu werden und von einer eigenen Kollektion, verliert sich aber im Kokain, der ihr den kreativen Input bringt. Sara Goldfarb, die Mutter, träumt von Anerkennung, die ihr ein Auftritt in einer Fernsehshow bringen soll und scheitert am Eskapismus der Medienwelt, deren Schönheitsvorstellungen sie nicht erfüllen kann.

Das klingt schwarz, ist aber schwärzer. Arronofsky nimmt diese Episoden, schneidet sie zusammen, jagt sie durch einen cienastischen Strudel dem dunklen Untergang entgegen, und er macht das ganz virtuos. Er verwendet schnelle Schnitte, was in den meisten Filmen nerven mag, hier aber durchaus Sinn macht: Das Erwärmen des Heroins, der Schuss in den Oberarm, der Griff zur Fernbedienung, alles ist ritualisiert, funktioniert mechanisch. Er verwendet Split-Screens, um Distanzen herauszukristallisieren. Er verwendet Zeitraffer, verfremdete Soundeffekte, Handkamera und visualisiert gekonnt Trugbilder und Wahnvorstellungen. Er verwendet eine neue Kameratechnik, indem er seinen Schauspielern eine Steady-Cam auf die Brust bindet und sie sich selber filmen lässt. Das erzeugt eine sehr surreale subjektive Sicht auf die Protagonisten.

Neben der Kamera und dem Schnitt sollte auch noch der Soundtrack vom Kronos-Quartett erwähnt werden - die Streicherklänge legen eine ganz eigene Atmosphäre unter die Bilder. Und natürlich die Schauspieler, die allesamt eher aus der B-Liga kommen, hier allerdings spielen, als ob es um ihr Leben ginge. Jennifer Connelly hätte für diesen Film den Oscar verdient, nicht für "A beautiful mind". Jared Leto und Marlon Wayans spielen sehr gut. Aber besonders erwähnt werden muss Ellen Burstyn als Sara Goldfarb, die hier völlig aufs Ganze geht, bis zur völligen Erschöpfung spielt und völlig in ihrer Rolle aufgeht - dabei zeigt sie einen Mut zur Hässlichkeit, der in Hollywood Seltenheitswert hat. Sie war für diese Rolle völlig zu Recht für den Oscar nominiert, hat den Glatzkopf aber Julia Roberts überlassen müssen. Julia Roberts! Das muss man sich mal vorstellen. Ich kann die Academy nicht mehr ernstnehmen.

Nachdem man "Requiem for a dream" gesehen hat, sollte man sich unbedingt einen fröhlichen Film vornehmen, sozusagen als Antipode, damit man schnell daran erinnert wird, dass das Leben auch hübsche Seiten hat. Heidi fällt mir ein. Oder "Die fabelhafte Welt der Amelie". "Requiem for a dream" will verstören. Ich kenne keinen Film, der das so gut schafft.

Ach ja:
Darren Aronofsky ist in New York aufgewachsen, hat dort meines Wissens eine recht normale Kindheit gehabt, ab und zu U-Bahnen besprüht, später in Harvard studiert, nichts Besonderes also. Auf seine Kurzfilme sind ein paar Leute aufmerksam geworden, die ihm den ersten Spielfilm ermöglicht haben: PI - eine spottbillige Independent-Produktion, die gerade mal 60.000 Dollar gekostet hat, die aber mehrere Preise gewann, so unter anderem den Regie-Preis des Sundance-Filmfestivals. Über PI kann ich leider nicht sonderlich viel erzählen, er steht bei mir immer noch auf der Liste der Muss-ich-unbedingt-sehen-Filme.