28 Oktober 2005 - 09:14 -- Tyler, Dies, und, Das
Netzwelt
Kampagnen-Huren
Der Beitrag kommt vier Wochen zu spät und eigentlich braucht man gar nichts darüber schreiben, denn es wurde schon alles (wirklich Alles!) gesagt:278 Blogs linken zur Homepage von "Du bist Deutschland".
Aber erstens laufen die Werbespots noch quälende drei Monate und zweitens gab es Streit mit meiner Freundin, als ich ihr die Flickr-Gegenkampagne vorstellte:

Johnny Haeusler, der angespuckte Hurensohn... *fg*
Um das mal aufzudröseln:
Die Mutmacher-Kampagne
Sie sollte schon im Juni starten, musste dann aber wegen den überraschend hereinbrechenden Neuwahlen verschoben werden. Es war dann merkwürdig, eine Woche nach dem bescheidenen Machtrausch als bürgerlicher Souverän und schon die Weltmeisterschaft im eigenen Land in Aussicht, von einer Vaterlandsliebe-Kampagne überrascht zu werden. Überdosis! Dann ausgerechnet von Harald Schmidt zu hören bekommen, dass mir und damit Deutschland Flügel wachsen können, während er am selben Abend in seiner Show Witze über den Slogan und das eigene Mitwirken reisst, ist kein guter Start.

Jaaa... gna.... ich kann mir gut vorstellen wie ein Praktikant in der Werbeagentur Jung von Matt die Idee hatte die diversen Fotoaktionen im Web ( "Ich bin Papst" bis "We are not afraid") zu kopieren. Nur hatten diese Projekte eine klaren Zielrichtung, man kann nicht viel falsch machen, wenn man ein "Sorry, World! Didn't vote for Bush" in die Webcam hält. Dagegen sind die Beiträge in der "Deutschland-Galerie" entweder komisch (seltsam) oder komisch (unfrewillig). Realsatire eben.

Suchbild: Wieviele diskriminierte Randgruppen befinden sich auf diesem Bild?
Was mich an den offiziellen Zeitungsanzeigen und dem Fernsehspot stört ist das reine Arbeiten mit der Emotion und dem Pathos. Es werden keine Informationen transportiert oder Ziele angestrebt. Es wird John F. Kennedy zitiert ohne eine Vision wie er damals zu vermitteln. Dabei erstellt die Initiative hinter der Kampagne Leuchtturmprojekte für z.B. intelligente Produktion oder Lernpartnerschaften. Das ist doch gut, das sollte man herausstellen! Da würde auch die Aufforderung mitzumachen und sich selbst was auszudenken Sinn ergeben.

by waldar
Die Gegenkampagne
Im Sommer tauchte auf einigen Blogs plötzlich der "Ihr, Nicht Ich!" Button auf, was mich einigermaßen verwirrte und ich auch erst später durchblickte worum es ging, denn es gab ja noch gar keine Kampagne über die man meckern konnte.

"Ihr, die ihr uns erklären wollt, was wir sind, um euer Image aufzupolieren.
Ihr seid Deutschland!
Also räumt den Saustall endlich auf. Und hört auf, mich dauernd zu duzen."
Spreeblick (wir erinnern uns: Der Hurensohn) hatte am 7. Mai die "Du bist Deutschland"-Presseankündigung als Anlaß einer Unmutmacher-Kampagne genommen. Gemeint hat er das lustiger als es rüberkam und gerechnet hat er mit ein paar lachenden Kommentaren, anstelle der Welle an Beifall klatschenden “Richtig so! Hau drauf!" Bekundungen, erklärt er in einer fast erschrockenen Klarstellung drei Tage später.
Lesenswerten Widerspruch gabs kaum. Einer der wenigen war lumma.de:
"Daran beteiligt sind etliche Unternehmen und noch bevor die Kampagne startet, springen die Kritiker reflexmässig los, um ja als erster dagegen zu sein. Ich hingegen kenne auch noch keine Details der Kampagne, finde sie aber erst einmal gut....Erinnert sich noch jemand an Cool Britannia? Das war der Versuch Blairs, eine gemeinsame Marschroute für das Land zu finden, ein Aufbruch aus den Thatcher-Jahren, der vor allem durch Bilder und Emotionen klappen sollte."
Wie gesagt, eine Marschroute fürs Land vermisse ich eben.
Ich finde es interessant wie sich das alles selbst organisierte, wie detailliert (manchmal brilliant, teilweise bis zum Haare spalten nervig) gestritten oder schultergeklopft wurde, wie das Thema in Dutzenden Blogs mit jeweils wieder Aber-Dutzenden Kommentaren und Trackbacks auswucherte ins chaotische. Es ist aber deswegen sehr mühevoll und zeitlich aufwändig sich im Nachhinein den Verlauf und alle Aspekte zusammenzuklauben. In einem Internetforum verlaufen Diskussionen dagegen stringenter, man hat es einfacher die Argumentationen noch Monate später nachzuvollziehen und hat alles an einem Ort. Die Meinungsführerschaft im Netz haben trotzdem nicht große Politikforen und Portale sondern Klein-Bloggersdorf. Ist doch auch was. In der Szene gibt es ja immer Bemühungen die eigene Relevanz im Vergleich zu den Giganten wie Spiegel-Online zu verorten.
Und man ist jetzt endlich Virus-Marketing-Kampagnenfähig:
"Bisher galt dies höchstens für die USA... Die Onlinegalerie auf Flickr animierte Fernsehmedien zur Berichterstattung. Der Onlinevirus verbreitet sich über andere Medien hinweg."

by madmaharaja
http://www.flickr.com/groups/dubistdeutschland/pool/
Die BDB-Prominentenwerbung schreit geradezu nach Parodie und es gibt ja mehr als genug dankbare Zielscheiben. Viele gebastelte Bilder sind aber auch einfach banal oder verunglückt. Und einige wie die obige halten sich nicht an die ironische Vorgabe. Sozusagen die Contragegenkampagne. "Du bist Adolf Hitler" findet man natürlich auch, ist eben unvermeidbar, ebenso die übliche Politikerschelte und Kapitalismuskritik. Aber wenn eine Landesbischöfin von einem Religions-Blogger angegangen wird, wird es abstrus. Einige gar zu abseitige Bilder wurden wohl auch aus der Flickr-group gelöscht. Blogs sind eben oft destruktiv.
-Einer fehlt noch, dann sind wir fertig. Wer macht "Du bist Bertelsmann"?
+Ich finde aber kein gutes Foto mit Puppenspielern oder grauen Eminenzen, und Kraken auch nicht...