29 Oktober 2005 - 12:46 -- Thanil

A History of Violence

David Cronenberg ist nicht dafür bekannt, leicht verdaubare Filme zu machen. Diesem Image wird er in seinem neuesten Werk gerecht, ohne dabei jedoch allzu deutlich an die Surrealität früherer Werke wie eXistenZ anzuknüpfen.

A History of Violence ist die Geschichte des kleinstädtischen Restaurantbesitzers Tom Stall, seiner Ehefrau Edie, seines jugendlichen Sohnes Jack und seiner kleinen Tochter Sarah. Ihre liebliche Alltagsidylle wird eines Tages gestört, als zwei Räuber Toms Restaurant überfallen und Tom dabei ungeahnte kämpferische Fähigkeiten und Killerinstinkt beweist, indem er in dieser brenzligen Situation beide Räuber kaltblütig ausschaltet und einen mit einem gezielten Kopfschuß tötet. Daraufhin wird Tom für kurze Zeit zum Medienheld und Idol seiner Stadt, die ihn als "American Hero" feiert. Doch die ungeliebte Popularität hat zur Folge, dass kurze Zeit später drei Mafiosi in der Stadt auftauchen und Tom für den untergetauchten Mafiaboss Joey Cusack halten. Sie wollen ihn zu seinem Bruder Richie nach Philadelphia bringen, wo es noch alte Rechnungen zu begleichen gibt. Doch Tom leugnet mit diesem Joey identisch zu sein. So kommt es zum gewaltvollen Showdown mit dem von Ed Harris gespielten Mafiosi und seinen Leibwächtern. Als später jedoch Richie Cusack anruft und Tom androht selbst vorbei zu kommen, stellt sich Tom seiner Vergangenheit, vermutlich um die Leben seiner Familie zu schützen und sie aus der Sache herauszuhalten.

Cronenberg portraitiert eine Gesellschaft, in der Gewalt als Universalwährung gilt. Dies wird bereits in der ersten Sequenz deutlich, in der zwei Männer aus einem Motel "auschecken" und mit Blei aus ihren Revolvern statt Geld aus ihren Brieftaschen bezahlen. Später wird dieses Motiv in verschiedenen anderen Situationen aufgegriffen und verbreitert. Beispielsweise gelingt es dem Sohn der Hauptfigur Tom Stall nur durch einen Gewaltausbruch den Belästigungen und Nachstellungen eines anderen Schülers zu entrinnen. Besonders tragisch ist hierbei die Tatsache, dass Jack eigentlich ein junger Mann ist, der seinen grobschlächtigen Widersacher an Witz, Charme und Intelligenz weit übertrifft.

Doch diese Fähigkeiten, seine klare Analyse der Situation und die Bereitschaft sich seinem Gegner sogar unterzuordnen, um dem körperlichen Konflikt zu entgehen, können nicht verhindern, dass es trotz allem nur durch Gewalt zu einer Lösung des Problems kommen kann. Dies ist ein doch sehr pessimistischer Blick auf die Gesellschaft, wenngleich hier natürlich nur ein kleiner Ausschnitt symbolhaft behandelt wird.

Überhaupt sind brutale Gewaltausbrüche, die lange Phasen der Ruhe und der Alltagsnormalität durchbrechen, das vielleicht markanteste Merkmal dieses Films. Dabei sind die Gewaltdarstellungen selbst von realistischer Eindringlichkeit, was sich angenehm von der weichgespülten und familientauglich gemachten Mainstream-Actionkino-Unterhaltung abhebt. Sie schockieren wirklich und unterhalten nicht einfach nur. Cronenberg verschont sein Publikum hier nicht und schafft es, die Auswirkungen der gezeigten Gewalttaten deutlich zu zeigen, ohne sich an ihnen jedoch zu weiden oder sie zum Mittelpunkt der eigentlichen Handlung zu machen. Im Gegensatz zu typischen Actionfilmen werden hier Gegner nicht sauber "entsorgt", sondern man sieht als Zuschauer, was es bedeutet, wenn jemandem in den Kopf geschossen wird, oder jemand anders mehrere harte Schläge gegen die Nase bekommt. Das ist sicher nichts für zarte Gemüter.

Am bemerkenswertesten sind aber vielleicht die zwischenmenschlichen Beziehungen. Der Regisseur betreibt einen großen Aufwand, um die tiefe Liebe und das Vertrauensverhältnis zwischen Tom und seiner Frau Edie zu inszenieren. Darum ist das eigentliche Zentrum des Films wohl der Bruch in diesem Vertrauensverhältnis, der in dem Moment eintritt, als Edie ihrem Mann Tom nicht mehr glaubt, dass er wirklich Tom und nicht der Mafiakiller Joey ist. Dieser Vertrauensbruch geht einher mit der vielleicht befremdlichsten Szene des ganzen Films, die mich im Moment des Erblickens zutiefst peinlich berührt hat. Als Tom und Edie gemeinsam, aber auf Initiative von Edie hin, einen freundlichen Polizisten abgewimmelt haben, der anfing darüber nachzudenken, ob Tom nicht vielleicht doch irgendetwas mit der Mafia zu tun hätte, kommt es zum handfesten Ehekrach, der sogar in einem Handgemenge ausartet, bei dem sich beide gegenseitig schlagen. Doch bald kippt die Situation völlig um, und beide fangen an sich zu lieben. Aus einer "Schlägerei" wird so innerhalb von Sekunden ein wilder Liebesakt, doch wer gedacht hätte, dass dies eine Versöhnung sei, der wird schwer enttäuscht. Edie spricht danach kein Wort mehr mit ihrem Mann, selbst als er am Ende von seiner Reise nach Philadelphia, in der er die Angelegenheit mit seinem Bruder erledigt hat, in das Heim zurückkehrt und von seinen Kindern zögerlich willkommen geheißen wird, bleibt die Beziehung zwischen Edie und Tom ungeklärt. Vielleicht ist da etwas zerbrochen, das nie wieder geheilt werden kann. Der Liebesakt auf der Treppe, der Elemente von Gewalt, Leidenschaft, Vergewaltigung, Liebe, Hass und Vertrautheit in sich trägt, symbolisiert die Zerrissenheit und Vielschichtigkeit der Beziehung zwischen Tom und Edie und steht in scharfem Kontrast zu einer Sexszene gegen Anfang des Filmes, als die Welt noch heil erscheint.

A History of Violence ist somit ein hochinteressanter Film über die Entstehung und die Konsequenzen von Gewalt, sowie ihrer Bedeutung in der gesellschaftlichen Praxis. Zwischenmenschliche Gewalt - das ist die Lehre aus einer eher subtilen Szene des Films, als Tom Stall als Held gefeiert wird und sein Restaurant plötzlich jeden Tag voll ist - wird von der Gesellschaft nicht generell tabuisiert oder gebannt, sondern als Konfliktlösung akzeptiert, und gesellschaftliche Konflikte - ob zwischen harmlosen Highschool-Teenagern oder brutalen Killern - sind so konstruiert, dass nur gewaltsame Wege zu einer endgültigen Lösung führen können. Hier spricht natürlich ein recht düsteres und pessimistisches Gesellschaftsbild zu uns als Zuschauer, das von einem hehren Idealismus weit entfernt scheint.