31 Oktober 2005 - 09:36 -- Parasite

Wonderland


Der Regisseur bediente sich meisterhaft moderner Schnitt- und comicartiger Collagetechnik, die die Ereignisse zwar verkürzen und zusammendampfen (wie man es etwa aus „Blow“ oder „Snatch“ gewohnt ist), es somit aber auch ermöglichen deren Komplexität durch Gegenüberstellung von subjektiven Ansichten einleuchtend zu veranschaulichen. Der Film nimmt seine Charaktere ernst. Auch wenn eine wirkliche Identifikationsfigur letztendlich fehlt, behält man die Übersicht und bleibt mit Spannung dabei.

Die Besetzung ist durchweg hochwertig. Eine Glanzleistung von Val Kilmer. Weiterhin kann ich mich noch an Lisa Kudrow (Phoebe Buffay aus "Friends")) erinnern, mal in einer ernsten Rolle. Ausserdem war für mich das erste Mal Carrie Fisher in einem Film, der nicht Star Wars heisst, zu sehen.

Los Angeles, 1981. In der Wonderland Avenue werden 4 mit Bleirohren übel zugerichtete Mordopfer gefunden. Und obwohl in L.A. Drogenkriminalität und Gangrivalitäten zur Tagesordnung gehören, schlägt dieses Ausmaß an Gewalt hohe Wellen in der Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit.

Die Wonderlandclique, aus der die 4 Mordopfer stammten, war vor allem ein Sammelbecken resignierter und orientierungsloser Restbestände der "Summer of Love" Generation, die sich schon vor langer Zeit von ihren Idealen verabschiedet hatten und mit Drogen und Parties ihren Lebenswandel fristeten. Auch John Holmes, der erste, große Star der damals noch jungen Pornofilmindustrie, war nach dem Ende seiner Karriere in den Drogenkonsum abgeglitten und trieb sich häufig im Wonderland rum. Kein Wunder also, dass er schnell mit den Morden in Zusammenhang gebracht wurde. Doch ist einem charakterschwachen Menschen, der nur über die Größe seines Geschlechtsteils definiert wird, die Motivation für eine solch grausame Tat überhaupt zuzutrauen?

Der Film beginnt mit dem Verbrechen und in Ermittlungsgesprächen der Polizei werden durch Rückblenden die subjektive Sichtweisen mehrerer Beteiligter gezeigt, die die Ereignisse schildern, die schliesslich zu der unfassbaren Tat führten. Dabei nähert sich der Zuschauer schrittweise der Wahrheit, allerdings ohne Eindeutigkeit am Ende.

John Holmes (gespielt von Val Kilmer) stellt sich als heruntergekommene Persönlichkeit dar, die scheinbar unbedarft und getrieben von der eigenen Drogensucht immer tiefer in die Konflikte des L.A.er Nachtlebens schlittert. Am Ende stellt sich die Frage, ob der Typ einfach nur Glück hatte, lebend aus der Sache rauszukommen, oder ob er selbst treibender Teilnehmer der Ereignisse war, der seine Konkurrenten berechnend miteinander ausspielte und als einziger schadlos aus der Sache herauskam. Vermutlich ein Stück weit beides.

Wonderland handelt von wahren Begebenheiten und bleibt meines Erachtens sehr nah an den Tatsachen. Diese Authentizität macht einen gewissen Reiz des Filmes aus, denn man bekommt auch einen Eindruck des Untergrundes von Hollywood zu einer Zeit, als die Blütenträume der Peace & Love Jahre längst ausgeträumt waren und ihre Protagonisten ein verkatertes Erwachen in der Realität erfolgreich verdrängten (höhö). Man taucht in eine Welt ein, die man zwar aus Filmen bereits kennt, aber bisher für eine Überzeichnung ihrer selbst hielt. Für mich war „Wonderland“ ein intensives Filmerlebnis.

Es gibt eine Bonus-DVD und das zusätzlich Material ist üppig. Neben Interviews, rausgeschnittenen Szenen und den ganzen alt bekannten Kram, gibt es eine anderthalbstündige Dokumentation über das Leben von John Holmes, der Ende der 80er dann an Aids starb. Die Doku hält sich allerdings nur relativ kurz mit den Wonderlandmorden auf und geht eher auf Holmes' bahnbrechende Leistungen in der aufblühenden Pornoindustrie ein und zeigt ihn zum Schluss als ziemliches Wrack.
Der Film ist ab 16 und es überraschte mich, unter dem Bonusmaterial auch das ungekürzte, etwa 30 minütige Polizeivideo des Tatortes zu finden. Das ist ziemlich harter Stoff, untermauert aber die Intensität des Filmes und erhellte mir die Tatsache, wie übertrieben doch die Darstellung von Blut in Hollywoodfilmen (auch in „Wonderland“) eingesetzt wird.
Es war Zufall, dass ich mich für diesen Film in der Videothek entschied. Glück gehabt, hat sich in dem Fall gelohnt. Ich hatte im Vorfeld nichts von „Wonderland“ gehört.