16 November 2005 - 10:36 -- Helcaraxe

Waldvenushexenfallen - Ein feministisches Schauermärchen

Rotmäntelchen, das Mädchen aus dem Finsterforst, beschleunigte seinen Schritt, um noch rechtzeitig vor der Dämmerung daheim zu sein. Natürlich war Rotmäntelchen ein sehr mutiges Mädchen, welches die Dunkelheit nicht fürchtete - denn es war ja im Finsterforst praktisch ständig finster, wie man sich denken kann. Finsterforst - huuuh - das war sozusagen ein sprechender Name und keine dieser höchst euphemistischen Schmeicheleichen, die irgendwelche Ammen zur Kinderabschreckung einem, sagen wir mal, lichten Laubwald angedeihen lassen. Nein, im Finsterforst standen nadel- und dornenbewehrte Bäume bedrückend dicht beieinander, ließ tiefschwarzer Humus sonolumineszente Pilzgewächse sprießen. Ja, ihr habt richtig gehört, die finsterwäldischen Pilze leuchteten nicht nur in der immerwährenden Dunkelheit, sie gaben auch, sobald die Sonne hinter dem Horizont verschwand, einen lieblichen Gesang zum besten, der jeden unachtsamen Wanderer in den Wahnsinn trieb. Sie sangen, doch was sie sangen war hirnerweichend:

Wurzli, knurzli, piffelmiff.
Schrumki, trurpel, okkekriff.
Wirlewurlewürlewü.
Knickelritwerpumketü.

Summselbrummsel, roderwüms,
schmiebelziebl, jürletrüms.
Akkelwaggelsümseputz.
Hikbelzumtelartenschutz .


Dem Wanderer hingegen klang dies so süß wie die Schalmei, Gesang und Leuchten wiesen ihm den Weg ins eigene Verderben. Sobald er einen der Pilzkreise erreicht hatte, überfiel ihn nämlich der unwiderstehliche Drang, leichtfüßig tänzelnd ins Zentrum des Kreises zu treten, wo sich dann jedes Mal ein vielzahniges Maul geifernd und schmatzend öffnete, um das Opfer mit Haut und Haaren, Rucksack, Gamsbarthut und allem zu verspeisen. Während sich die Sonne über die Wipfel des Forstes senkte, ging sie für einen weiteren leichtfertigen Reisenden ohne Ortskenntnis für immer unter.
Rotmäntelchen, nicht nur mutig, sondern auch hübsch und klug, kannte freilich die Gefahr und umging die pilzverseuchten Gebiete weiträumig. Tatsächlich hatte es dem alten besorgten Großmütterchen versprechen müssen, das Gehölz nicht des Nachts zu durchwandern, und daran hielt es sich. Wir haben hier also ein Mädchen vor uns, das nicht nur mutig, hübsch und klug, nein, das zudem ausgesprochen ehrlich war und das sich immer und unter allen Umständen an ein einmal gegebenes Versprechen hielt. Immer. Denkt mal darüber nach! Der Ehrlichkeit halber sei gesagt: Rotmäntelchen war darüber hinaus außergewöhnlich hungrig, denn der Weg zwischen Großmutter und elterlichem Heim war lang und beschwerlich. Sicher wartete die Mutter schon mit der "feisten Suppe", einem Gemisch aus Kräutern, Graupen und richtig viel Speck - Rotmäntelchens Leibgericht. Und da Rotmäntelchen immer so viel wanderte, war es auch so schlank wie eine Gerte, trotz der feisten Suppe.

Nun ja, es gab natürlich noch einige weitere, kaum erwähnenswerte Gefahren im Finsterforst, die ein erfahrenes Mädchen nicht schrecken konnten. Zum Beispiel hatte der alte Holzmichel mit den zusammengewachsenen Augenbrauen vor einigen Jahren an der Türschwelle der Großmutter auf sie gewartet und dabei irgendwie sardonisch in seinen zauseligen Blätterbart gegrinst. Allerdings nur so lange, bis ihm Rotmäntelchen die stahlkappenbesetzten Wanderstiefel in seine fiese Fresse gerammt hatte. Das hatte sich herumgesprochen und seitdem behandelten alle Waldbewohner das Rotmäntelchen mit dem ihm gebührendem Respekt. Sogar die zwielichtigen taten das, d.h. Forstfenggen, Waldabbeißer, Baumbrecher und Wurzelweibchen. Tja, ihr habt bestimmt schon gemerkt, dass es sich beim Rotmäntelchen um ein Spitzenmädchen handelte. Eines, in das sich alle Jungs außerhalb des Forstes (genauer: im nahebei gelegenen Dorf) sofort verliebten, wenn Frau Rotmantel senior mit ihm einmal in der Woche den Markt besuchte. Selten genug, was?

Nun, wie dem auch sei, Rotmäntelchen hatte jetzt dreiviertel des Weges zurückgelegt, als es mit einem Mal hinter dicht an dicht stehenden Baumstämmen Gesang vernahm. Dieser Gesang war krächzend, vielstimmig und misstönend, ganz anders als bei den sonolumineszenten Pilzen.

Die erste Stimme sang:

"Wutanfall, Wutanfall,
ach, du bist mein Lieblingsball.
Ja, ich kick dich in die Ecke
und in Nachbars Lieblingshecke."


Und eine zweite Stimme erwiderte:

"Denn dann bist du meilenweit
fort von mir, nur Nachbar schreit,
beißt vor Wut sich in den Hintern.
Kannst du bei ihm überwintern?"


Eine dritte Stimme entgegnete:

"Wutanfall, Wutanfall.
Kommst du wieder, ab in 'n Stall.
Ich vertreib mir meine Stunden.
Lieber mit Du-weißt-schon-Runden."


Und dann sagte die erste Stimme in keifendem Tonfall: "Dreimal verfluchte Neune, warum funktioniert der Stuhl nicht? Sie müsste doch längst hier sein!"
Worauf die zweite entgegnete: "Mehr Eulenscheiße! Wir benötigen mehr Eulenscheiße. Und Blindwurmgedärm! Man kann nie über genug Blindwurmgedärm und Eulenscheiße im Sud verfügen."
Darauf sagte die dritte Stimme ungehalten: "Potzdonner, seid ruhig, ihr Vetteln! Ich glaube nämlich, sie kommt gerade."

Richtig, Rotmäntelchen kam gerade rechtzeitig zwischen den Zweigen hervor, um Zeugin einer höchst denkwürdigen Szene zu werden. Da tanzten nämlich drei Mädchen um einen riesigen Kessel herum, alle drei kaum älter als sie selbst, so sechzehn oder siebzehn höchstens. Eine war rothaarig, eine blond, die letzte trug pechschwarzes Haar und alle waren sie völlig nackt. Jetzt wollte Rotmäntelchen natürlich wissen, wer sie seien, was sie hier veranstalteten und ob sie nicht wüssten, dass offenes Feuer im Wald strengstens verboten sei. Übrigens auch nackttanzen, aber hmm, nun gut. Man sieht: Rotmäntelchen war wieder sehr furchtlos und fühlte sich für "ihren" Wald auch irgendwie verantwortlich.

Da sagte das erste Mädchen: "Ich bin Arianrhod, Spezialistin für Sude, Essenzen und Räucherwerk."
Das zweite: "Man nennt mich Adraorien, ich bezaubere Mensch und Tier mit meinem einnehmenden Wesen."
"Und ich heiße Luthien Tunieviel, ich schmeiße den Laden hier. Wir sind nämlich ein Hexenzirkel, musst du wissen." So sprach die dritte.

"Ein Hexenzirkel? Ihr seht nicht aus wie Hexen." Das war ein berechtigter Einwand des Rotmäntelchens. Es verwies auf fehlende Buckel, Hakennasen, Warzen und schwarze Kater. Alle vier Attribute des Hexentums glänzten nur so vor Abwesenheit.

"Mein liebes Kind", sagte die Hexe Tunieviel, "du hast längst überkommene Vorstellungen vom Hexenhandwerk. Wir mögen zwar innerlich buckelig, hakennasig, verwarzt und meinetwegen auch verkatert sein, aber rein äußerlich können wir jede beliebige Gestalt annehmen. Kähä! Kähähähä! Hättest du nicht gedacht, hmm? Da sieht man's mal wieder: Die heutige Jugend lernt eben nichts, aber auch schon gar nichts über die wahren Gefahren im Finsterforst. So! Und jetzt wird wieder gesungen. Los, Mädels!"

"Ich muß schreien, ich muß kreischen,
und um euer Mitleid heischen.
Wozu hab ich mich entkleidet,
wenn der Schlaf darunter leidet,
daß er nicht zum Zuge kommt!
Mach schon! Komm schon!! Aber prompt!!!"


Auf einmal fühlte sich Rotmäntelchen ziemlich benommen, irgendwie blümerant und nicht ganz sie selbst. Plötzlich stand sie sogar ohne ihr rotes Mäntelchen da, quasi nackt wie die drei Hexen, die mit ihren Händen über den Körper des Mädchens strichen, über Arme, Brust und Beine. Und Rotmäntelchen wehrte sich nicht, sie genoss es sogar. Denn, liebe Jungs, die drei Hexen waren die [size=18]bekackten lesbischen Waldvenushexen[/size], und auch Rotmäntelchen war der gleichgeschlechtlichen Liebe nicht ganz abgeneigt, wie sie jetzt zum ersten Mal feststellen durfte. Was die vier dann aber im angenehm heißen Sud des Hexenkessels trieben, soll hier verschwiegen werden. Keine Widerrede, bitte. Märchen sind per definitionem jugendfrei. Deshalb sei nur so viel gesagt: Das Rotmäntelchen blieb zeitlebens verschollen.

Was war passiert? Nun, denkt doch mal nach: Wurden bis jetzt irgendwelche Jungs in der Geschichte erwähnt? Sicher, auf dem Wochenmarkt gab es welche, aber wie hätte das Rotmäntelchen diese denn kennenlernen sollen, unter den wachsamen Augen der Mutter? Außerdem: Der Vater war wahrscheinlich schon lange tot, dem Holzmichel hatte sie die Fresse poliert und die Wanderer waren gefressen worden. Es ist nur natürlich, dass das arme Mädchen eine Vorliebe für das eigene Geschlecht entwickelte, die ihm dann zum Verhängnis wurde. Naja, was heißt Verhängnis? Rotmäntelchen starb ja nicht, es erlebte im Gegenteil noch viele, viele Abenteuer. Der Sud im Hexenkessel sah nämlich so aus:

Bild



Jetzt kann man sich ja schon denken, wohin das führte. Alles ist mit allem verbunden. Wenn ein Schmetterling in Moskau mit den Flügeln schlägt, fällt in Peking ein Sack Reis um. Oder so ähnlich.

[size=18]ENDE[/size]