02 Dezember 2005 - 14:03 -- Thanil

,

Der Totmacher - keine Theorie des Serienmords

...einmal seiner Anonymität beraubt keinerlei Schrecken mehr für die Gesellschaft


But now for something completely different. Ich habe vorgestern abend auf Morgis TV-Tipp hin Der Totmacher mit Götz George geguckt. Ja, es war ein guter Film, sicher sehr überdurchschnittlich für deutsche Produktionen, und George zeigt in diesem Kammerspiel, dass er mit Sicherheit einer der besten Schauspieler überhaupt ist. Das war fesselnd. Aber dennoch fehlte mir in dem Film irgendetwas, was ihn zu einem großartigen Film gemacht hätte.

Okay, man gewinnt sicher einen guten Einblick in die verquere Psychologie eines Massenmörders. Vor allem erscheint mir dieses Portrait bei weitem schlüssiger und realistischer als beispielsweise die mythische Überhöhung des Psychopathen zum superintelligenten Überwesen à la Hannibal Lecter. Bei Schweigen der Lämmer ging es wohl eher darum eine Art Monster zu zeigen. In Der Totmacher hingegen sollte eben gerade der Mensch gezeigt werden, ganz ohne Illusionen, ohne Beschönigungen, ohne Glorifizierung und Mysthifizierung.

Die Filmfigur hatte für mich auch keinerlei "Faszination". Ich hatte Mitleid mit diesem zurückgebliebenen, jämmerlichen, von seinen Trieben gesteuerten Wesen, das einmal seiner Anonymität beraubt keinerlei Schrecken mehr für die Gesellschaft darstellte. Ich denke gerade das wurde im Film überdeutlich, weil der Mörder ja kein einziges Mal hinter Gittern gezeigt wurde. Im Gegenteil konnte er sich frei im Raum bewegen, durfte sogar einen Stift haben, den er ja leicht einem der Gesprächspartner jederzeit in den Hals hätte rammen können. Es gab keine Sicherheitsvorkehrungen, weil der Professor und der Sekretär absolut sicher vor ihm waren. Das "Böse", das von dem Mörder ausging, war immer nur das Resultat bestimmter Umstände, niemals die Person selbst, d.h. dass das Böse keine eigenständige Kraft ist, sondern "nur" das Ergebnis menschlicher Regungen, Zufälle und niedrigster Instinkte.

Aber irgendwie fehlte mir deshalb die soziale Dimension. Der Killer erschien mir irgendwie zu zeitlos. Ich konnte nicht einordnen, unter welchen sozialen Bedingungen ein solcher Mensch heranwachsen und zu dem werden kann, was er ist. Ich hatte das Gefühl, dass abgesehen von den zahlreichen Anspielungen auf die Zeitgeschichte des Kaiserreichs und der Weimarer Republik dieser Film durchaus auch mit leichten Modifikationen 1960, 1999 oder sogar 2020 hätte spielen können.

Sind Psychokiller wirklich zeitlos, oder sind sie nicht doch eher ein spezifisches Phänomen bestimmter gesellschaftlicher Bedingungen? Ich glaube die Erörterung dieser Frage fehlte mir ein wenig!

Ich hab ja keine Massenmördertheorie, aber ich denke mal das ist ein Phänomen der modernen Industriegesellschaft mit der Anonymität der Großstädte, der sozialen Entwurzelung von Menschen und anderen Dingen, die in diesen Zusammenhang gehören. Hinzu kommt noch - meiner Meinung nach - dass es der Kern eines konservativen Weltbilds ist, den Menschen und seine "Natur" als Ursache von Entwicklungen, nicht als deren Ergebnis zu sehen. Das hat uns doch der alte Brecht schon gelehrt, dass der Mensch kein Ding an und für sich ist, sondern ein Produkt seiner Lebensumstände. Aber vielleicht auch nicht? Dass ich diese Fragen stelle und so im Dunkeln tappe, deutet für mich darauf hin, dass mir der Film dahingehend nicht viel Erkenntnis gebracht hat.

Aber diese fehlende Erkenntnis verstörte mich nicht, es blieb mir als filmischer Mangel im Gedächtnis. Es kam mir einfach so vor, als hätte da jemand was wichtiges vergessen zu erwähnen.