04 Dezember 2005 - 22:28 -- Celebrian

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Die zehn Rechte des Lesers

1. Das Recht, nicht zu lesen
2. Das Recht, Seiten zu überspringen
3. Das Recht, ein Buch nicht zu Ende zu lesen
4. Das Recht, noch einmal zu lesen
5. Das Recht, irgendwas zu lesen
6. Das Recht auf Bovarysmus, d.h. den Roman als Leben zu sehen
7. Das Recht, überall zu lesen
8. Das Recht herumzuschmökern [damit ist nicht gemeint "Schmöker zu lesen", sondern einzelne Stellen lesen]
9. Das Recht, laut zu lesen
10. Das Recht zu schweigen


Vor einiger Zeit bekam ich ein Buch geschenkt mit dem Titel "Wie ein Roman", von David Pennac. Es ist ein Buch über Bücher, übers Lesen, ein schmales Bändchen, in dem ein passionierter Leser ein paar Wahrheiten über das Lesen verkündet, und zwar weder sonderlich pathetisch noch zeigefingerwedelnd oder gar bildungsbeflissen, sondern mit flinken, klaren Worten und viel Begeisterung. Wer gern liest und sich mal so richtig im Innersten verstanden fühlen will, dem sei dieses Buch ans Herz gelegt.

Sehr vergnüglich liest sich ein Kapitel, in dem er erzählt, wie er als Lehrer eine Schulklasse zu packen versucht hat: er hat vorgelesen, stundenlang. Mit Erfolg. Aber trotz dieses Erfolges weiß er um eine der Hauptschwierigkeiten des Literaturunterrichts: daß "Lesen Zurückgezogenheit und Stille erfordert".

Und er ruft all jenen besorgten Ahnungslosen, die da kritisch anmerken, Tolkienlesen sei Weltflucht, ein lautes "Ja naTÜRlich!" entgegen - natürlich ist Lesen Weltflucht, aber auch Weltfindung. "Wenn das uns das Gehabe von Flüchtlingen gibt, wenn es der Realität nicht mehr gelingt, uns hinter dem "Zauber" unseres Buches zu erreichen, so sind wir Flüchtlinge, die dabei sind, sich aufzubauen, Ausreißer, die im Begriff sind, geboren zu werden. Jedes Lesen ist ein Akt des Widerstands. Richtiges Leben rettet vor allem, einschließlich vor einem selbst. Und insbesondere lesen wir gegen den Tod. [...] Das Lesen bietet dem Menschen keine endgültige Erklärung seines Geschicks, webt aber ein Netz von Einverständnissen zwischen dem Leben und ihm. Winzig kleinen und geheimen Einverständnissen, die das paradoxe Glück zu leben selbst dann noch ausdrücken, wenn sie die tragische Absurdität des Lebens verdeutlichen. Demnach sind unsere Gründe zu lesen genauso seltsam wie unsere Gründe zu leben.

Das Buch schließt mit den zehn Rechten des Lesers. Zu Recht Nr. 2 (Seiten zu überspringen) erzählt er von seiner Begegnung mit Krieg und Frieden, als er zwölf war: "Ich habe drei Viertel des Buches übersprungen, weil ich mich nur für Nataschas Herz interessierte." Und er empfiehlt allen Kindern (naja, wohl mittelbar über die das Buch lesenden Eltern), es ebenso zu machen, Moby Dick ohne Walfangtheorie und antiquierte Cetologie, Die Brüder Karamasow ohne das Testament des Starez Sossima usw. "Wenn sie nicht selbst entscheiden, was für sie verständlich ist, und Seiten ihrer Wahl überspringen, lauert eine große Gefahr auf sie: Andere werden es an ihrer Stelle tun. Da kommen schreckliche Sachen heraus. Moby Dick oder Die Elenden auf 150 Seiten verkürzt, verstümmelt, verkrüppelt, versaut, mumifiziert, für sie in eine blutarme Sprache umgeschrieben, die man für die ihre hält! Ungefähr so, wie wenn ich mir herausnähme, Guernica neu zu malen, weil Picasso für ein zwölf- bis dreizehnjähriges Auge angeblich zuviel Einzelheiten hineingepackt hat."
Dieser Vergleich ist einfach herrlich. Man stelle sich dann noch eine vereinfachte Beethovensymphonie vor, und der Würgereiz ist perfekt. Komischerweise grassieren die vereinfachten Bücher trotzdem.

Es lag nahe, mal zu überlegen, welche Rechte ich eigentlich wann in Anspruch genommen habe... Wie ist das bei Euch?

1. ...wann immer meine Deutschlehrerin verlangte, daß ich was las, habe ich mich auf dieses Recht berufen.
2. ...tatsächlich Moby Dick, Harry Potter...
3. ...Dantes Comedia (bin gescheitert), Don Quichote (ist eh zweigeteilt), Radetzky-Marsch (lahm)...
4. ...Herbst im Mumintal und noch einige Kinderbuchklassiker, ansonsten vor allem Stellen
5. ...jede Menge Star-Trek/Wars-Bücher, Fantasy á la Eddings, Hohlbein & Co...
6. ...wohl nie sooo wörtlich wie Madame Bovary (woooo ist das Arsen) – aber immer ein bißchen...
7. ...in der U-Bahn, in der Badewanne, im Seminar, auf Bäumen, im Gehen...
8. ...selten, in der Regel nur in schon Gelesenem
9. ...Gedichte, Dramen, Kipling, Conrad
10. ...*nick*

Anmerkung von Tyler:
1. ...ich lese keine Frauenliteratur. Selbst wenn mich ein Buch verführerisch anlächelt und "kauf mich!" ruft; wenn es in der Buchhandlung in einer bestimmten Ecke steht, dann verliert es jeden Reiz.
2. ...nie! Immer tapfer durchhalten und selbst die langweiligsten Abschweifungen talentloser Autoren mitmachen. Ebenso bei Musikalben, da muss man auch die nichtssagenden Lieder ertragen, daran leiden, um die Gassenhauer richtig genießen zu können.
3. ...Wenn, dann ging es über ein anlesen nicht heraus.
4. ...sehr wenige. Das meiste wirklich nur seiten/kapitelweise wiedergelesen.
5. ...ich bin Spießer. Wenn der Roman nicht wenigstens 3 Sterne bei Amazon hat, muss er mich schon sehr berühren, damit ich ihn auch gut finde.
6. ...verstehe ich so, dass man für Bücher schwärmen darf. Aber immer doch!
7. ...ich kann nur auf einem bequemen Sofa liegend lesen. Allerhöchstens noch auf langen Zugfahrten. In der Badewanne, beim Spazierengehen, auf Bäumen, in Seminaren... das alles habe ich probiert und es klappt einfach nicht.
8. ...In Büchern weniger. Im Internet herumschökern umso mehr.
9. ...Die meisten Gedichte muss man laut lesen. Deklamieren. Ich habe davor leider eine Hemmung, selbst wenn ich allein bin.
10. ...Und so sehen wir betroffen / Den Vorhang zu und alle Fragen offen.