05 Dezember 2005 - 23:37 -- Nichtraucher

, ,

Leonard Cohen - Chelsea Hotel

Cheers


Cohen, einer der ganz Großen. In diesem Song besingt er Janis Joplin, eine andere ganz Große. Sie hatten mal was, aber nicht viel. Der Song ist genial, sehr ruhig, sehr entspannt, mit einer traurigen Note, aber nicht depri. "Unterkühlt" träfe es wohl. Er fängt gleich recht vulgär an, sie hat ihm einen geblasen, damals im Chelsea Hotel. Später aber wird es zärtlicher, er mochte sie ja schon, auch wenn er im Trubel der Rock'n'Roll-Jahre sich nicht an alle Frauen erinnern kann, mit denen er in die Kiste stieg oder so ähnlich würde ich es interpretieren. Sie blieb ihm im Gedächtnis, ihre Kraft und Lebensfreude und das Außenseitergefühl, das er mit ihr teilte ("..we are ugly but we have the music."). Er vermisst sie, auch wenn er nicht oft an sie denkt. Ich finde das auf eine unsentimentale Weise sehr nett ausgedrückt.

I remember you well in the Chelsea Hotel,
you were talking so brave and so sweet.
Giving me head on the unmade bed,
while the limousines wait in the street.
Those were the reasons and that was New York,
we were running for the money and the flesh.
And that was called love for the workers in song
probably still is for those of them left.

Ah but you got away, didn't you babe,
you just turned your back on the crowd,
you got away, I never once heard you say,
I need you, I don't need you,
I need you, I don't need you
and all of that jiving around.


I remember you well in the Chelsea Hotel
you were famous, your heart was a legend.
You told me again you preferred handsome men
but for me you would make an exception.
And clenching your fist for the ones like us
who are oppressed by the figures of beauty,
you fixed yourself, you said, "Well never mind,
we are ugly but we have the music."

And then you got away, didn't you babe...

I don't mean to suggest that I loved you the best,
I can't keep track of each fallen robin.
I remember you well in the Chelsea Hotel,
that's all, I don't even think of you that often.


Cohen war schon immer alt, wurde erst recht spät als Musiker bekannt, mit 34, vorher schrieb er Gedichte und Novellen. Sein sehr erfolgreiches Debüt als Singer/Songwriter aber knallte 1968 mitten ins Herz des Sturms, der damals die Popkultur auf den Kopf stellte. Besser (oder schlimmer) kann man es nicht treffen. Cohen wurde über Nacht zur Independent-Ikone, spielte neben, mit und gegen Leute wie Bob Dylan, die Stones und die Doors, war aber 10-20 Jahre älter als sie und sowieso immer auf seinem ganz eigenen Trip. Auch wenn er nicht in Woodstock dabei war und mit langen Haaren die Revolution feierte, prägten seine schlichten, schwermütigen Songs mit ihren düsteren Texten eine Generation und die nächste gleich mit. "Sisters of mercy", nur als Beispiel, heißt einer seiner Songs, seine Songs, Texte, selbst einzelne Songzeilen wurden immer wieder benutzt, abgewandelt, interpretiert und neu vertont wie es sonst nur bei Bob Dylan zu finden ist. Ja, ich denke, die beiden spielen in derselben Liga, irgendwie. Lebende Legenden.

Cohen verbringt heute viel Zeit in einem buddhistischen Kloster, was seine Fans nicht unbedingt so toll finden, da seine Musik mittlerweilen sehr entspannt ist, bis an die Grenze der Belanglosigkeit. Aber gut, er ist 71, hat alles erlebt, die Hälfte seiner Weggenossen ist tot, die andere Hälfte fett oder geldgeile Arschgesichter. Was soll er schon groß noch machen? Wenn man in den 60er und 70ern ein Superstar war, muss dann nicht alles, was danach kam, blutarm und fade wirken? Obwohl, Cohen lieferte in den späten 80er, frühen 90ern nochmal einige geniale Scheiben ab, mit Meisterwerken wie "Dance me to the end of love", dem damals sehr erfolgreichen "First we take Manhattan" und dem wunderschönen "Take these waltz". Er ist immer für eine Überraschung gut.