06 Dezember 2005 - 09:56 -- Celebrian

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Napola


Vor ein paar Tagen habe ich mir Napola angesehen, einen zurückhaltend kritisierten Film vom letzten Jahr (die Meinungen waren meist vorsichtig lauwarm, mit entweder wohlwollendem oder säuerlichem Unterton). Der Film möchte anhand des Einzelschicksals eines etwa Siebzehnjährigen einen Blick in die Nationalpolitische Erziehungsanstalt des 3. Reichs werfen. Es ist in erster Linie ein Internatsfilm geworden, die NS-Kritik kommt für manche Rezensenten zu kurz. In meinen Augen ist das eher ein Vorteil: wenn ein Film in erster Linie etwas kritisieren will, läuft er Gefahr, vom Kunst- ins Predigtfach zu wechseln. Und es ging mir da ähnlich wie beim Untergang (den ich gut fand, Asche auf mein Haupt): die Geschehnisse selbst sind Kritik genug, eindringlicher vielleicht sogar als eine überzeichnende Moralkeule.

Die beiden Hauptfiguren sind auf den ersten Blick Gegensätze: Da ist Friedrich, Sohn eines Fabrikarbeiters, der wegen seines Talents beim Boxen auf eine Napola darf. Er freundet sich mit Albrecht Stein an, dem Sohn eines Gauleiters, jedoch zum Leidwesen seines widerlichen Vaters ein empfindsamer, schmal gebauter Junge, der lieber Aufsätze schreibt als boxt.

Eine Zeitlang zeigt der Film einige Jungensinternatklischees, ohne die offensichtlich kein Film über wie auch immer geartete Männergemeinschaften auskommt: die beiden Freunde beobachten heimlich eine Frau beim abendlichen Entkleiden, die Hemden im Spind sind nicht auf Kante gelegt und werden vom Vorgesetzten herausgerissen, der Sportlehrer ist ein zackiger, sadistischer Leuteschinder, er schikaniert den obligatorischen Bettnässer, der am System zerbricht usw. usf. Das ist ein bißchen heikel: diese Szenen sind alle gut gefilmt bzw. gespielt und glaubwürdig, manchmal auch poetisch, aber man muß schon etwas guten Willen aufbringen, um bei so vielen Klischees nicht ein wenig die Augen zu rollen.

Zu einer kurzen Dissonanz in der Freundschaft Friedrichs und Albrechts kommt es nach einen Boxkampf, an dem Friedrich seinen Gegner k.o. schlägt, obwohl der bereits am Boden ist (allerdings wird genau das auch von ihm gefordert). Albrecht befremdet diese Mitleidlosigkeit, Friedrich sieht nicht ein, wieso. Als Friedrich ein Wochenende bei Albrecht verbringt, weil dessen Vater Geburtstag hat, wird es nochmals schwierig: Für Gauleiter Stein ist natürlich das Boxtalent Friedrich der bessere Jungmann als sein Sohn, er bietet ihm das Du an. Friedrich hat neben Heinrich Vogler, dem Lehrer für Boxen und Deutsch (*g*) nun im Gauleiter einen zweiten Ersatzvater gefunden (sein richtiger Vater war gegen den Besuch der Napola), allerdings beschleicht ihn wegen Albrecht bereits leises Unbehagen, inwieweit diese Ersatzväter als Vorbilder taugen.

Richtig stark wird der Film meiner Ansicht nach in vier Schlüsselszenen (für die, die den Film nicht kennen, aber noch sehen möchten, sei eine Spoilerwarnung ausgesprochen – lest besser nicht weiter). Diese Szenen sind teils ein wenig vorhersehbar, was sie nicht weniger eindringlich macht. (Allerdings wäre manchmal weniger Zeitlupe mehr gewesen...)

Erste Szene:
In einer Winternacht taucht Gauleiter Stein auf dem Schulgelände auf: einige russische Gefangene seien entkommen, sie seien bewaffnet und im nahen Wald untergetaucht. Die Jungmänner, die die Gegend kennen, sollen los und sie wieder einfangen. Es kommt, wie es kommen muß: die Jungen sind schrecklich nervös und schießen, sobald sie jemanden sehen. Die Opfer sind in der Tat russische Kriegsgefangene, aber unbewaffnet und sehr jung. Einer stirbt vor Friedrichs Augen, der ihm völlig ratlos dabei zusieht, ein anderer überlebt zunächst. Albrecht versucht panisch und zum Gotterbarmen ungeschickt, ihn zu verbinden, da taucht sein Vater auf und erschießt den Russen. Als die Gruppe der Jungmänner wieder allein ist, wird die Unterschiedlichkeit der Reaktionen deutlich: nur einer von fünf, nämlich Albrecht, begreift, was gerade geschehen ist, die anderen starren etwas hilflos ins Leere und murmeln was von „es war aber doch befohlen zu schießen“. Selbstschutz und fast sofortiges Wegdrängen.

Am nächsten Tag stellt Deutschlehrer Vogler ein Aufsatzthema: „Die winterliche Landschaft als Bestandteil germanischer Heldensagen“ (*glucks*). Albrecht soll vorlesen. Sein Aufsatz beginnt recht sentimental, jugendlich-gezwungen und von der Logik her arg sprunghaft, wird aber dann freier – und im Verlaufe der Szene wird deutlich, daß sich da ein Mensch entschieden hat.

„So kindlich es auch sein mag, so erfüllt uns Menschen die Winterzeit und der Anblick von frisch gefallenem Schnee immer mit einem unerklärlichen Gefühl von Glückseligkeit. Vielleicht, weil wir als Kinder mit dem Schnee das Weihnachtsfest verbanden. Ich jedenfalls war in meiner Vorstellung ein Held, der Drachen besiegt und Jungfrauen rettet. Jemand, der die Welt von dem Bösen befreit.“
Hier lächelt der Deutschlehrer, nicht spöttisch, sondern gerührt, doch das Lächeln schwindet beim folgenden Satz:
„Und als wir gestern loszogen, um die Gefangenen zu finden, da kam ich mir wieder vor wie dieser kleine Junge, der die Welt von dem Bösen retten will.“
„Albrecht, hör auf“, unterbricht der Lehrer – er hat also ein Unrechtsbewußtsein, er weiß jetzt schon, wohin die Logik führen muß.
„Doch als wir zurückkamen, da war mir klar geworden, daß ich selbst Teil des Bösen bin, vor dem ich die Welt immer bewahren wollte.“
„Albrecht, hör auf!“
„Gefangene zu erschießen ist Unrecht; sie waren weder bewaffnet, wie Gauleiter Stein angab, um uns aufzuhetzen --“
„Hör auf!!“ Der Lehrer greift nach dem Heft, Albrecht sagt den Schluß auswendig:
„...noch waren es Männer, sondern Kinder, die wir erschossen haben.“

Großartig dabei die Stimme des Schauspielers Tom Schilling, klein und unsicher am Anfang, am Ende immer noch erregt und etwas zittrig, aber entschlossen – ein frodoesker Held, der seine Angst nie verliert.
Natürlich wird Albrechts Vater alarmiert, und der beschließt, seinen Sohn bei nächster Gelegenheit zur Waffen-SS in die Ukraine zu schicken und verlangt außerdem einen weiteren Aufsatz von ihm, einen Wiederruf des vorherigen.

Die dritte Szene ist wie die erste ein wenig vorhersehbar: die Jungen versammeln sich morgens auf dem zugefrorenen See und sollen von einem Eisloch etwa zehn Meter weiter zum nächsten tauchen – die Ausgangssituation allein spricht Bände, lediglich die Art der anstehenden Katastrophe ist noch nicht klar.
Einer der Jungen taucht und zieht dabei ein Seil mit sich, an dem die folgenden sich orientieren können. Friedrich folgt als zweiter, dann Albrecht.
Ein Internetrezensent hat das Geschehen als „kitschigsten Selbstmord der Filmgeschichte“ bezeichnet – aus Selbstschutz vielleicht? Zögernd nur läßt Albrecht nach etwa der Hälfte der Strecke das Seil los, es ist nach dem Deutschaufsatz seine zweite Entscheidung, keine verzweifelt-dramatische, sondern still und unspektakulär. Friedrich kniet genau über ihm, die Eiswand trennt Tod und Leben: doch Leben bedeutet NS-System, letztlich so lebensfeindlich wie das dunkle Eiswasser, und Albrecht verweigert sich dem System mit dem einzigen Ausweg, den er sieht. Gleichzeitig ist seine Entscheidung eine Botschaft an den Freund.

Die vierte Szene klingt geradezu klischeehaft simpel: Friedrich läßt im entscheidenden Boxkampf einfach die Fäuste sinken und sagt sich damit von seinen Ersatzvätern los, die fassungslos mitansehen, wie er den Kampf verliert. Die Szene funktioniert trotz ihrer Klischeehaftigkeit, weil der Film insgesamt nicht sagen will: sehet, Pazifismus ist das Heil. Er sagt bloß: Der einzige Weg, der Friedrich und Albrecht aus dem System herausführen kann, ist das Sich-Verweigern. Bei Albrecht in einer extremeren Form, weil ihn das System fester im Griff hat; Friedrich dagegen zieht am Ende nur die Uniform aus und geht in den kurzen Hosen vom Anfang durch den Schnee nach Hause. (Klar gäbe es theoretisch noch die Möglichkeit, daß Friedrich und Albrecht gemeinsam ausreißen und sich einer Untergrundorganisation anschließen – das wäre ein hübsches „Seht ihr wohl“-Exempel, aber zum Erbrechen unglaubwürdig.)
Diese beiden letzten Momente sind vielleicht deshalb so berührend, weil einem als Zuschauer das Schmerzliche und gleichzeitig Befreiende dieser Entscheidungen so unmittelbar aufgeht; da ging kein langes Reflektieren voraus. Es geht nicht mehr nur um naturalistische Darstellung der NS-Zeit oder erhobene Zeigefinger, sondern zwei Menschen durchbrechen die Dynamik aus Gewohnheit und Verdrängung und ergreifen die einzige Möglichkeit, die sie für sich sehen, um Mensch bleiben zu können. Ist das pathetisch oder gar Vaterlandskitsch, weil deutsche Siebzehnjährige im Jahr 1943 keine Helden sein dürfen? Vermutlich war es diese Haltung, aus der heraus bemängelt wurde, daß der Film auf die Frage, warum so viele junge Menschen sich so einfach fanatisieren und instrumentalisieren ließen, keine Antwort habe. Diese Frage will der Film aber gar nicht beantworten, denke ich (hoffe ich). Er will die Geschichte zweier Jungen erzählen, und das, finde ich, ist ihm – mit ein paar Abstrichen – gelungen.