13 Dezember 2005 - 22:44 -- Celebrian

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Das geliebte 19. Jahrhundert

Mahler – Symphony No. 5. Kräftig, nicht zu schnell


Mein Mahler-Booklet enthält einen Text von Leonard Bernstein (aus dem Jahr 1967). Es ist schon toll, wie der über Musik schreiben konnte... bzw. er hat sich wohl aufgrund seiner Berühmtheit und Angesehenheit schlicht herausgenommen, Gefühlsassoziationen freien Lauf zu lassen und aus musikalischen Erscheinungen Rückschlüsse auf die Natur des Menschen zu ziehen. Liegt ja auch nahe, warum sonst hätte Musik solche Macht.

"The first spontaneous image that springs to my mind at the mention of the name Mahler is of a colossus straddling the magic dateline 1900. There he stands, is left foot (closer to the heart!) firmly planted in the rich, beloved nineteenth century, and his right, rather less firmly, seeking solid ground in the twentieth. Some say he never found his foothold; others (and I agree with them) insist that twentieth-century music could not exist as we know it if that right foot had not landed there with a commanding thud. [...]

It was a terrible and dangerous heritage. Whether he saw himself as the last symphonist in the long line started by Mozart or as the last heilige deutsche Künstler in the line started by Bach, he was in the same rocky boat. [...]

He took all (all!) the basic elements of German music, including the clichés, and drove them to their ultimate limits. He turned rests into shuddering silences; up-beats into volcanic preparations as for a death-blow.[...] Ritardandi were stretched into near-motionlessness; accelerandi became tornadoes; dynamcis were refined and exaggeratet to a point of neurasthenic sensibility. Mahler’s marches are like heart attacks, his chorales like all Christendom gone mad. Mahler is German music multiplied by n.

The result of all this exaggeration is, of course, that neurotic intensity which for so many years was rejected as unendurable, and in which we now find ourselves mirrored. And there are concomitant results: an irony almost too bitter to comprehend; excesses of sentimentality that still make some listeners wince; moments of utter despair – often the despair of not being able to drive all this material even further, into some kind of para-music that might at last cleanse us.[...] "


Daran hängt irgendwo ganz Europa, an diesem rich, beloved 19th century, erkennbar vor allem an der Popkultur, die sich hartnäckig am 19. Jahrhundert festklammert, und zwar nicht aus kunsttheoretischen Beweggründen, sondern weil der Markt es so will.

Die Leute wollen Tonalität (ob im Radio oder in Filmmusik), unabstrakte Bilder (Comics, Poster), unexperimentelle Bücher mit klarer Handlung (Geschichtsromane – der Siegeszug des Romans vollzog sich weitgehend im 19. Jh.). Mich selbst nehme ich da übrigens nicht aus, nur neige ich eher dazu, an den tatsächlichen Produkten des 19. Jh. zu hängen, weniger (aber auch) an den nachempfundenen. Tonalität usw. sind natürlich keine Erfindungen des 19. Jh., aber es ist schlicht der uns am nächsten liegende Zeitraum, in dem man noch tonal usw. sein „durfte“ (und davon abgesehen ist die heutige Rock/Pop/Musical/Film-usw.-Musik natürlich, was das musikalische Bezugsystem angeht, der Harmonielehre des 18./19. Jh. mehr verpflichtet als dem Kontrapunkt der Jahrhunderte davor).

Letztlich ist es wirklich der Markt, denke ich, der den Experimenten des 20. Jh. eine Absage erteilt hat. Was sich in Sachen Neue Musik abspielt, hat nichts mehr gemein mit den großen Bewegungen im 19. Jh., wo jeder halbwegs aufgeschlossene Bürger selbstverständlich die neue Mendelssohn-Symphonie o.ä. hören wollte; heute haben sich kleine Zirkel gebildet, die in immer dünner werdender Luft in Verkopfung oder Mystifizierung abgleiten, um die gängigsten Richtungen zu nennen. Jeder Komponist ist sein eigener Gesetzgeber, da es kein verbindliches System mehr gibt. Die Rezipienten reagieren mit Unverständnis und deshalb Desinteresse.

In der Literatur gibt es immerhin Stimmen, die verlauten lassen, das Erzählen sei vielleicht doch nicht tot, wie im Laufe des 20. Jh. immer wieder proklamiert. Im übrigen kommt mir die Situation in der Literatur nicht gar so schräg vor wie in der Musik; die Hörer von atonalen Abenteuern scheinen mir in der Minderheut gegenüber den Lesern von schwieriger zeitgenössischer Literatur, aber da kann ich mich auch irren.

Eine enorme Menge von Rezipienten hat sich dagegen die bildende Kunst ins späte 20. Jahrhundert hinübergerettet, egal wie abstrakt sie ist. Ein Grund dafür mag sein, daß Museen prinzipiell mehr Möglichkeiten haben, ein unzugängliches Werk zu erklären (ein Musikstück oder Buch muß man zunächst mal unvorbereitet über sich ergehen lassen). Ich muß zugeben, mich in der Kunst nicht besonders auszukennen, aber mich beschleicht der Verdacht, daß die Zahl der Kunstbeflissenen auch deshalb so hoch ist, weil die bildende Kunst sehr viel anfälliger für Scharlatanerie ist als Literatur und Musik. (Ich zitiere den Genossen Thanil – ich glaube jedenfalls, das er das war – aus dem Gedächtnis: „Ich scheiße auf eine Säule, und es ist Kunst.“) Dazu kommt schließlich, daß es sich eine Art ungebildete Oberschicht als Mode auserkoren hat, durch Galerien und Museen zu schlendern – das ist leichter und schicker als ein Buch zu lesen. (Und ich kenne solche Leute privat – die sind genau so wie das Klischee uns vermuten läßt.) Die bildende Kunst wäre also von den dreien in der dramatischsten Situation: das Verhältnis zu den Rezipienten ist vom Stadium der Gespaltenheit bzw. Ratlosigkeit in das der Heuchelei übergetreten...