16 Dezember 2005 - 14:05 -- Gimli

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Full Metal Jacket

I wanted to see exotic Vietnam... the crown jewel of Southeast Asia. I wanted to meet interesting and stimulating people of an ancient culture... and kill them. I wanted to be the first kid on my block to get a confirmed kill!


Ich würde dem Film beinahe ohne nachzudenken 10 von 10 Vollmantelgeschoßen geben. Ich sehe ihn da ganz klar auf einer Höhe mit anderen überragenden Werken wie Apocalypse Now, The Thin Red Line und Platoon. Er ist sicherlich nicht schlechter als diese, aber in meinen Augen ganz klar besser als Saving Private Ryan.

Zumindest ermöglicht es die klare Dreiteilung des gesamten Filmes ihn einfach zu beschreiben und zu bewerten.

Es beginnt mit der Ausbildung der Rekruten, wobei ich Ausbildung etwas euphemistisch finde, es ist eher eine unmenschliche Abhärtung, Verrohung, Austreibung von Emotionen und moralischen Vorstellungen. Wie Joker es sehr treffend sagt, das Marine Chor will keine Roboter, es will Killer. Und was dies bewirkt sieht man auch sehr schnell. Niemand hinterfragt was passiert oder wehrt sich dagegen, selbst Joker, die Indentifikationsfigur, hält sich doch sehr bedeckt. Und dann natürlich Pyle. Ein Paradebeispiel für einen Menschen, der an diesem Drill, an diesem gewaltverherlichenden System zugrunde geht. Gleichzeitig auch ein Beispiel dafür, dass gar kein richtiger Krieg nötig ist, um einen Menschen zu zerbrechen, Pyles Geist zerbricht schon vorher.
Natürlich entbehrt dieser ganze Abschnitt nicht einer gewissen Komik, das will ich gar nicht leugnen, und es soll Leute geben, die sich nur diesen Teil des Filmes anschauen, um sich zu amüsieren, danach schaltet man aus. Aber wenn dann die Szene kommt, als die Rekruten Pyle nachts verprügeln, oder spätestens bei der Schlussszene, sollte einem klarwerden, dass es mehr ist als Klamauk, wenn Hartmann jeden zusammenscheißt, der nicht hart genug ist.

Today... is Christmas! There will be a magic show at zero-nine-thirty! Chaplain Charlie will tell you about how the free world will conquer Communism with the aid of God and a few marines! God has a hard-on for marines because we kill everything we see! He plays His games, we play ours! To show our appreciation for so much power, we keep heaven packed with fresh souls! God was here before the Marine Corps! So you can give your heart to Jesus, but your ass belongs to the Corps! Do you ladies understand?


Und dann der Krieg, erst aus Sicht von Joker dem Kriegsberichterstatter und dann die lange Sequenz mit dem Scharfschützen. Ich weiß nicht, ob Saving Private Ryan den Krieg besser darstellt, aber er setzt wohl auch andere Schwerpunkte. Bei Kubrick geht es, wie in sovielen seiner Filme, um den Menschen. Und diese Menschen, diese ausgebildeten Soldaten, legen wirklich viele Facetten an den Tag. Der Tod erscheint beinahe normal, dann kommt doch wieder die Angst hoch, man lacht und reißt Witze, während neben einem die Artellerie am Werk ist. Man reagiert abgebrüht auf den Tod und Animal Mother bringt es auf den Punkt: "Better you than me", und spricht damit allen aus der Seele. Joker dagegen nimmt es sehr lange auf die leichte Schulter. Seine Beschreibung des Krieges - "... meet different people and kill them" - hat es nach meinem Wissen sogar auf ein T-Shirt geschafft. Wo im ersten Teil die Situationen einfach komisch wirken, werden hier wirklich Witze gerissen.

Hey, you got girlfriend Vietnam? Me so horny. Me love you long time.


Allein die Musik in diesem Abschnitt spricht Bände. Der Soundtrack nötigt einen dazu mit dem Fuß zu wippen oder mit dem Kopf zu nicken. Sie ist unbeschwert, fröhlich und albern.
Trotzdem schwankt die Stimmung, als könnte sie sich noch nicht entscheiden. Wenn Joker und Raftaman mit dem Helikopter fliegen und der Kerl am Maschienengewehr lacht, ballert und brüllt "Krieg ist die Hölle!" und dann schallend weiterlacht, wird die Szenerie grotesk und man sieht es den beiden unerfahreneren Soldaten an, dass es sie irritiert. Scheinbar haben sie sich einen Funken Menschlichkeit bewahrt.

Doch dann beginnt der Film, so habe ich es jedenfalls immer wieder empfunden, Klartext zu sprechen. Die Umgebung wird apokalyptisch, Häuserruinen, Flammensäulen, Schutt und Dreck überall, keine Menschenseele weit und breit zu entdecken. Man verirrt sich, wie überaus passend. Die Gruppe Soldaten ist vom Weg abgekommen und scheint verloren. Der eigentliche Chef ist tot, weil er einen Plüschhasen hochgehoben hat, der eine Bombe versteckte und nun muss man zurückfinden.

Private Cowboy - Hey, start the cameras. This is Vietnam The Movie.


Dann fällt der erste Schuss. Eightball windet sich schreiend, brüllend, sterbend und blutüberströmt auf dem Boden - und seine Kameraden reagieren auf die Art, die sie gelernt haben: Sie ballern um ihr Leben.

Eine Zeit lang scheinen sie auch wirklich nichts anderes auf die Reihe zu bekommen, Panik greift um sich und sie greifen zur Gewalt. Und die Gewalt nützt ihnen nichts, was die Panik nur noch verstärkt. Es dauert lange bis sie einen vernünftigen Plan auf die Beine stellen, Cowboy stirbt, Eightball ist inzwischen auch tot. Doch dann schaffen sie es - und der Zuschauer fiebert mit. Hier scheint man den Gegner noch hassen zu können, dieses hinterhältige Aas! Und nun können sie das tun was sie gelernt haben, was ihnen mit Hass und Gewalt eingetrichtert wurde: Hassen und töten und zwar möglichst effizient.

Rafterman ballert sich die Seele aus dem Leib


Bis sie dann die Realität des Krieges einholt. Vorher war "Charlie" so gesichtslos, wie er wohl für viele amerikanische Soldaten den ganzen Krieg über geblieben ist, doch jetzt sehen wir den ersten Feind vom Nahen, den Feind, für den uns die negativen Gefühle geradezu aufgedrängt wurden. Und es ist ein Kind. Es ist ja nicht nur eine Frau, es ist ein Kind! Allerhöchstens 16 Jahre alt, die Augen aufgerissen und die Kalashnikow in den Händen wirkt unnatürlich groß. Und an diesem Punkt fokussiert der Film sehr stark auf Joker, wo vorher immer noch andere Sichtweisen ins Spiel kamen und der Blick einen größeren Ausschnitt zeigte.

Die Scharfschützin


Joker stockt, zögert und stirbt beinahe. Für einen Augenblick mag man sich fragen, was dieses Mädchen dazu getrieben hat so gewalttätig zu werden. Und man erinnert sich an "Jeder der wegläuft ist ein Viet Cong, jeder der stehenbleibt ist ein disziplinierter Viet Cong", an die Propaganda der Kriegsberichterstatter, an die Apokalypse, die die amerikanische Militärmaschinerie zurückgelassen hat. Scheinbar hat bei ihr der Krieg getan, was bei den Marines Hartmann zu erledigen hatte. Dann wird sie von einem anderen angeschossen und nach quälend langen Momenten wird ihr der Gnadenschuss gewährt.

Es endet in einer Welt voll Scheiße - und dem Mickey Mouse Club. Joker lebt und er ist froh darüber. Er ist ein intelligenter Bursche, er weiß sicherlich was er dafür getan hat, tuen musste. Will der Film ihn verurteilen? Ich denke nicht. Aber was will der Film? Sicherlich kein Bild des Vietnamkrieges abliefern (das denke ich übrigens auch von Apocalypse Now), es hätte auch jeder andere Krieg sein können. Harten Drill gibt es schon in Im Westen nichts Neues, halt nur im preußischen Kasernenhofstil. Im Endeffekt geht es aber nicht einmal umbedingt um den Krieg ansich, sondern um die Menschen und wie sie mit unmenschlichen Situationen umgehen.
Interessanterweise zerbricht zuerst der einfältige Pyle an der Unmenschlichkeit der Ausbildung. Nicht etwa der intelligente Joker lehnt sich dagegen auf oder irgendeiner der anderen, die beugen sich, ertragen es, fügen sich ein. Pyle scheitert daran, oder besser gesagt: Er scheitert nicht. Er schafft es ja, doch sein Verstand zerbricht dabei. Im weiteren Verlauf sehen wir dann unzählige Facetten des Umgangs. Einige Soldaten scherzen mit einer Leiche im Arm, andere wollen unbedingt in die Scheiße, glorifizieren Krieg und Gewalt. Manch anderer sieht es pragmatisch, fügt sich ein und genießt das Leben, solange es die anderen erwischt. Am Ende baut sich beinahe selbstverständlich der Hass auf, als Reaktion auf Gewalt, die aber auch nur das Ergebnis von schon geschehener Gewalt ist. Dann sieht man Joker wie er durch die Dunkelheit schreitet und sich des Lebens freut. Den Punkt an dem er sich Sorgen macht, hat er überschritten.

Jokers Gesicht im Feuerschein


Soll Joker ein Vorbild sein? Sicherlich nicht. Eher ein Paradebeispiel. Irgendwann hat ihn die Unmenschlichkeit überwunden und er fügt sich ein, befolgt Befehle, tötet, ist froh damit nicht selbst tot zu sein. In gewisser Weise ist Pyle der heimliche Held. Er mag einfältig sein, aber auf diese Art und Weise, mit dieser schon beinahe natürlichen Menschlichkeit, kann er diese systematische Unmenschlichkeit nicht ertragen und zerbricht. Die Einzigartigkeit dieses Zerbrechens im Film zeigt auf, dass sich die Masse der Menschen ab einem bestimmten Punkt an die Unmenschlichkeit gewöhnt, sie hinnimmt, sich damit abfindet und sie dann auch praktiziert. Die Menschlichkeit scheint nicht sehr fest im Menschen verankert zu sein.