18 Dezember 2005 - 22:01 -- Tyler

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15 Minuten beim Döner

Nach alter Väter Sitte muss der Mann das Essen erlegen, also wandere ich durch die dunkle, kalte Nacht hinaus zum "Happy Döner". Die Tür dort ist einen Spalt offen, zwei bärtige Männer sitzen auf Barhockern an einem Tisch und schauen sich ausdruckslos nach mir um. Der Dönermann, normalerweise würde ich ihn hier Hassan nennen, aber Hassan ist nicht da, sondern ein anderer, vielleicht sein jüngerer Cousin, der sitzt rauchend auf einem Tisch und liest die Bild am Sonntag. Er springt ab, streicht sich die Schürze glatt und lächelt mich fragend an.

"Zwei Pizzen bitte. Eine Salami und einmal Calzone mit Oliven." sage ich. Eilfertig läuft der Dönermann hinter seine Theke, macht plötzlich kehrt, stürzt zurück zum Tisch und drückt dort in einem Aschenbecher seine Zigarette aus. Dann verschwindet er im uneinsehbaren Raum hinter der Theke, kommt wieder vor und fragt mich nochmal nach der Bestellung. "Salami und eine Calzone mit Oliven" sage ich und fühl mich dabei etwas dumm. Meine Freundin formuliert alle Sachen nochmal neu wenn sie etwas wiederholt, ich dagegen sage alles nur nochmal. Der Dönermann verschwindet wieder und ich höre ihn werkeln. Es gibt einen Pizzaladen die Hauptstraße runter, kein richtiges Restaurant, nur eine Art Pizzafertigungsstation, aber dort hätte ich zusehen können wie der Teig rund und dünn gewirbelt wird.

Jetzt muss ich hier warten und schaue mir erschöpfend die Auslage an. Dann werfe ich einen Blick zur Seite auf die Bild, sie ist von letzter Woche. Nichts ist ja trauriger als eine alte Zeitung, noch dazu so ein Käseblatt und ganz besonders so Boulevard-Kram wie Heidi Klums verunglücktes Kleid bei der Weltmeisterschafts-Verlosung. Und dann habe ich den Ohrwurm, Zack, einfach so. "Weißes Papier" von Element of Crime. Und dazu immer wieder der erste Vers eines Gedichts von Sven Regener was ich vor dem Weggehen gelesen habe:

Am Dönerstand gibt's Glühwein zum Fest
Und zum Aktionspreis 'ne Früchtebrotschnitte
Und Atze sagt: Das heißt Stulle bei uns
Dann fällt er und ruft: Watten ditte?!


Unentschloßen wandere ich ziellos im Raum umher, schaue mir einen Adventskalender an, aber das kann man auch nicht zehn Minuten lang machen, setze mich endlich an einen Tisch neben dem Eingang und lasse meinen Blick gravitätisch ins Leere gleiten. Und die ganze Zeit singt in meinem Kopf Regener wehmütig von billigen Früchtebrotschnitten. Fünfzigmal denselben Liedfetzen, dieselben paar Takte, immer sentimentaler, immer falscher - immer im Rhythmus dessen, was ich gerade tue... in diesem Fall nicht gerade viel und so verwandelt sich der Text leicht in einen völlig wahnsinnigen Haiku:

Döner mit Glühwein
Die festliche Adventszeit
Spuren im Schnee


Das klingt nach der einundsechzigsten Wiederholung ganz menschlich. Auch kann man es pfeifen.

Einer der bärtigen Männer, sie tragen Werkzeugwesten mit vielen Taschen, trinkt aus seiner Cola Dose einen großen Schluck und behält mich dabei im Auge. Die Tische sind blau. Von hinten zieht es mir in den Rücken hinein, die Eingangstür ist ja nur angelehnt, aber ich darf mich nicht umdrehen und sie schließen, jede Bewegung würde die Perfektion des Augenblicks stören. Außerdem wurde geraucht.

Ein Mädchen mit Jeansjacke kommt herein und läuft zur verwaisten Dönerverkaufstheke. Dort bleibt sie geduldig stehen, den Blick fest auf die Wand geheftet. Die Bärtigen halten im Essen inne und schauen auf ihren Hintern, aber nur kurz, es ist ein fetter Arsch. Rechts in der Ecke hängt ein ausgeschalteter Flachbildschirmfernseher. Zwei Fernbedienungen liegen darunter auf der Fensterbank. Ich könnte um den Tisch gehen und sie nehmen. Mach ich aber nicht. Das geht ja so gar nicht, Kunden, die Unordnung in den Laden bringen, alles antatschen müssen, obwohl sie in 5 Minuten schon wieder gehen. Man muss sich auch nicht immer berieseln lassen.

Ein junger Kerl mit nichtssagendem Gesicht kommt rein, stellt sich hinter das Mädchen und dann passiert sehr lange gar nichts, außer, dass das Akkordeon in meinem Kopf den fallenden Atze beweint. Bis endlich alle, die zwei Bärtigen, ich, das Mädchen und der neue Typ nach vorne blicken, wo der Dönermann per Zaubertrick erscheint und mir stolz zwei eckige Pappschachteln präsentiert. Ah. Oh! Ich krame einen Zehner aus der Tasche, bekomme einen Euro zurück, und gehe zurück in die dunkle, kalte Nacht.

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Ja. Hätte man alles auch kürzer fassen können. Aber die Oliven wurden vergessen, das musste ich mir mal von der Seele schreiben.