22 Dezember 2005 - 23:30 -- Nichtraucher

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Sehenswerte Bukowski-Verfilmung

Stimmung!


Factotum ist eine durchaus sehenswerte Bukowski-Verfilmung, die in mir den Wunsch weckte, mal wieder die Bücher zu lesen. Das allerdings auch, weil ich doch einiges vermisst habe. Aber der Reihe nach.

Der erste Schock war heftig - die Geschichte spielt in der Gegenwart! Bukowski, bzw. sein alter ego Henry Chinaski, im Jahr 2005, das ging mir erst mal völlig gegen den Strich, wie soll das funktionieren? Für mich ist Bukowskis Werdegang so untrennbar mit der bewegten Mitte des 20. Jahrhunderts verbunden, er war doch auch Chronist seiner Zeit, seine Geschichten atmen die Jahrzehnte, in dem sie entstanden: von seiner Jugend in den ärmlichen 30ern über seine Aushilfsjobs in den rauen 40ern und den spießigen 50ern bis zu den flowerpowerbewegten 60ern, deren umgekrempelte Weltanschauung ihm schließlich zum Durchbruch verhalf.

Schwer, sich davon zu lösen und ihn als Zeitgenossen zu akzeptieren. Wenn heute ein Hilfsarbeiter abends billigen Fusel trinkt und derbe Gedichte schreibt, hat er doch Bukowski zwangsläufig im Hinterkopf, er muss sich mit ihm auseinandersetzen, so oder so, zudem gibt es heute Poetry-Slams in jeder Großstadt, eine Underground-Szene, das Internet... der Film aber schafft eine Art Parallelgegenwart, in der es nie einen Bukowski gab und in der dieser Hank Chinaski mutterseelenallein wie der erste Undergrounddichter aller Zeiten seine Verse in schäbigen Absteigen auf kleine Ringblöcke kritzelt.

Ist das Bier halb voll oder halb leer?



Im Lauf des Films wurde deutlich, dass Regisseur Bent Hamer einen Mittelweg wählte, einen gewagten Spagat: Chinaski torkelt zwar durch unsere Gegenwart, die aber wird so "40er-Jahre-mäßig" wie möglich abgefilmt. Es gibt keine Handys und selten Computer, benutzt wird nur Technik, die es damals schon gab, Telefone, Autos, Spielautomaten, U-Bahnen... Chinaski trägt exakt die Kleidung, wie man sie von Bukowskis Fotos kennt, eine Anzugshose, Hemden, ärmellose T-Shirts. Das Licht ist schummrig und gold-braun, die Farben sind gedämpft, die Zimmereinrichtungen wirken angestaubt und altmodisch. Anachronismen werden kurzerhand akzeptiert, ich glaube nicht, dass heutige Arbeitslose in den USA jede Wochen einen Scheck an einem Schalter abholen, andererseits, wer weiß? Nach und nach versöhnte mich diese Art der Umsetzung, es wurde nicht versucht, den Stoff zu aktualisieren, ihn in einen Kontext von Globalisierung und Neoliberalismus zu pressen oder Chinaski als gealterten Generation-Xler zu portraitieren (was thanil wahrscheinlich genau kritisieren würde :D )

Ihr Schnürsenkel ist offen



Die Geschichte des Films setzt sich aus verschiedenen einzelnen Szenen des Buches und einigen Kurzgeschichten zusammen, die über eine Lovestory lose verbunden werden. Das passt gut zu Bukowskis unchronologischem Erzählstil und der Ziellosigkeit seines Lebens. Matt Dillon spielt beeindruckend, schlurft mit hängenden Schultern und müdem Blick durch die Ruine eines Lebens, er ist einfach ein toller Schauspieler, der es aus irgendwelchen Gründen nie nach ganz oben geschafft hat. Bräuchte sich aber hinter Stars wie Brad Pitt oder Edward Norton nicht zu verstecken. Natürlich ist er viel zu schön als Chinaski, darunter leidet mitunter die Glaubwürdigkeit seiner Loser-Darstellung, so könnte er mit seinem kurz geschorenen Bart und der antrainierten Massigkeit auch der Hauptdarsteller des nächsten Schwertschwingopus' aus Hollywood sein. Schon sehr viel kaputter sieht Lili Taylor aus, die seine Säuferliebe Jan spielt, ihr nimmt man das verpfuschte Leben sofort ab. Der Film betont die ruhigen, zarten Seiten Bukowskis, und das ist nicht verkehrt, denn zu oft wird er immer nur als Ozeane aussaufender Pöbelbarde kolportiert, und dieses Bild wird ihm nicht gerecht. Seine stille Verweigerung, seine Art "gewaltloser Widerstand" gegen das System der Megamillionenmaschine USA kommt gut rüber, diese sanfte, fast buddha-artige Resignation. Er WILL einfach nicht mitspielen, auch wenn er keine bessere Idee hat. Ein politischer Revoluzzer war er nie, eigentlich wollte er nur, dass man ihn in Ruhe lässt. Alle, die Behörden, die Chefs, die Alkis an der Bar und auch die Frauen, denn die sind die Schlimmsten. Und so lebt er halt weiter, weil ihm nichts anderes einfällt, schlicht aus Mangel an Alternativen. Und treibt von einem schlecht bezahlten Aushilfsjob zum nächsten, die er alle ohne den geringsten Ehrgeiz angeht und in der Regel nach Tagen, wenn nicht Stunden, wieder schmeißt.

Das alles bringt Factotum wirklich gut rüber, bleibt aber zu brav, besonders im sexuellen Bereich, der nun für Hank weiß Gott sehr wichtig war. Sein wüstes Herumvögeln wird allemal angedeutet, seine existenzielle Gier nach Frauen, der er Geld, Zeit, Beziehungen und Jobs opferte, wird kaum sichtbar. Bukowski in einer TV-tauglichen Version sozusagen, hier wurde vorauseilend geschnitten und glattgebügelt, was für den Mainstream zu gewagt sein könnte. Ich meine, eine Bukowski-Verfilmung ohne eine einzige Möse? Da gibt es ja in Sex and the City mehr nacktes Fleisch. Bild

Fazit: Stimmungsvoller Film über die zarte Seite der Saufikone, familientauglich.