06 Januar 2006 - 23:59 -- Thanil

, ,

Jarhead - Warten auf den Krieg

1990 - Celine Dion veröffentlicht ihr erstes englischsprachiges Album

"Das ist ein Vietnam-Song. Gibt's für unseren Krieg nicht einmal ein eigenes Lied?"

In seinem Kern ist Jarhead ein Kriegsfilm über Kriegsfilme. Er beginnt mit einer Hommage an "Full Metal Jacket", zeigt eine Aufführung von "Apocalypse Now" vor einem Rudel aufgestachelter Marines und wenn ich "Platoon" gesehen hätte (oder mich erinnern würde), dann würde ich sicher auch Anspielungen auf diesen Film finden. "Jarhead" reflektiert über die in unserer Kultur verankerten Vorstellungen, wie ein Krieg beschaffen ist, was dazu gehört und was nicht, und wie die gezeigten Filmfiguren damit umgehen. Als Meta-Kriegsfilm funktioniert er somit hervorragend.

Als Beispiele für die Adaption gängiger Militärfilm-Klischees könnte man den obligatorischen Drill Sergeant à la "Full Metal Jacket" sowie die typischen martialischen Initiationsrituale der Waffenbrüder nennen. Doch Jarhead verläßt immer wieder diese etablierten Muster, hinterfragt sie und kommentiert sie somit ironisch. Unter dem Strich sehen wir einen Kriegsfilm, in dem der Krieg Mangelware, das Warten und Vorbereiten auf den Krieg jedoch allgegenwärtig ist. Somit spricht Jarhead auch über Kriegslüsternheit und zieht durch die angesprochene Filmvorführung von "Apocalypse Now" auch Parallelen zwischen dem blutrünstigen Marine, der die Schlacht nicht erwarten kann, und dem Filmzuschauer im Allgemeinen, der sich auf die Kampfdarstellungen freut wie das Publikum eines Boxkampfs. Symptomatisch dafür ist der Moment, in dem die beiden Scharfschützen endlich den Schießbefehl auf zwei irakische Offiziere erhalten, auf den sie über ein halbes Jahr in der Wüste gewartet haben. Doch im letzten Moment wird der Befehl geändert und es soll ein Luftangriff stattfinden, woraufhin einer der Scharfschützen wütend losheult, weil er sich um seinen ersten (und einzigen) Abschuss betrogen fühlt.

Linienflug, okay, dass Militär muss eben sparen. Aber in ganzer Kampfmontur?

"Wir wünschen Ihnen einen schönen Aufenthalt und würden uns freuen, wenn Sie bald wieder mit TWA fliegen würden."

Jarhead ist voller interessanter Themen, Situationen und Elemente, die teilweise auch ironisch-komische Wirkung entfalten, so zum Beispiel, wenn die Vorhut der amerikanischen Elite-Truppen mit TWA Linienflügen in Saudi-Arabien eintrifft, oder wenn sich einer der Marines beim Überflug eines Helikopters und der dazu begleitenden Apocalypse-Now-Musik darüber beschwert, dass es für diesen Krieg nicht einmal eigene Musik gäbe. Der Krieg selbst dauert vier Tage, das Warten darauf jedoch eine langweilige Ewigkeit. Der Zuschauer bekommt vom Krieg nicht viel zu sehen, und das ist vielleicht das Beste, was ein Antikriegsfilm leisten kann.

Gesamturteil:
9/10 wild ballernde Marines