07 Januar 2006 - 15:28 -- Nichtraucher

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Carmen - Eine schmissige Oper

So sehen spanische Kneipen in Gelsenkirchen aus...


Carmen ist schon ein sehr schmissiges Stück und die Liebe, die ein bunter Vogel ist ging mir den ganzen Abend nicht mehr aus dem Kopf. Gesungen wurde auf französisch, beim Sprechen klang es manchmal etwas holprig, aber da das Ensemble international war, ist das wohl nie zu vermeiden, egal, welche Sprache man wählt. Hat mir alles ganz gut gefallen, auch wenn ich die Arien nicht so besonders wertschätzen konnte. Das Fachgesimpel, wer nun am besten gesungen und wer den verdientesten Applaus bekam, war für mich Ansiedlungen im Protektorat Böhmen und Mähren. Ich habe mir aber sagen lassen, dass Carmen einen guten Wumms hatte, Micaelas Stimme ganz frei war und Don Jose waschlappig gesungen hätte und dafür beim Schlussapplaus abgestraft wurde. Glaube ich jetzt mal so.

Die Kritik schrieb:
"Hilsdorf und Leiacker gehen über die historische Annäherung an die Gegenwart einen Schritt hinaus und bringen dem Essener Opernpublikum das Stück auch geographisch näher. Es spielt in einer – real existierenden – spanischen Kneipe in Gelsenkirchen. Zu diesem realistischen Einheitsbild, das alle vier Akte umspannt, wird lediglich auf einem Zwischenvorhang eine Stierkampfarena geliefert: als heimatliches Wunschbild von lauter Gastarbeitern. Und im dritten Akt ist der Schmugglerzug durchs Gebirge in eine nostalgische Folklorekantate umfunktioniert. Das Konzept überzeugt, weil Bizet selbst sich sein Spanienbild erträumen musste."

Die Inszenierung war frisch und ständig ist immer irgendwo was passiert, teilweise waren 50 und mehr Menschen auf der Bühne, turbulent durcheinander wuselnd, wie man es sich von einem spanischen Familienfest vorstellt. Ich glaube, der Regisseur hat sich etwas von Pieter Brueghel-Bildern inspirieren lassen, es gab zahllose Details und kleine Geschehnisse am Rand zu entdecken. Einmal rannten 30 Kinder auf die Bühne, sangen ein Stück als Chor und rannten giggelnd wieder raus, zwei gertenschlanke Tänzerinnen begleiteten die Story in ihrer Rolle als Bedienung mit grazilen Verrenkungen und haben mir sehr gut gefallen, ähm ja.. *hüstel* und beim Einmarsch des Stiers ging dann vollends alles drunter und drüber:

...und das passiert nach der Sperrstunde



Fazit: Eine schmissige Oper in schmissiger Inszenierung, auch für Bulturkanausen auszuhalten.


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Übrigens noch bis Ende Januar im Aalto-Theater auf dem Spielplan.