14 Januar 2006 - 12:53 -- Tyler

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Ein deutscher TV-Comedian

Man muss sich Atze Schröder als gebrochenen Mann vorstellen. Dann werden seine Auftritte erträglich, ja bekommen eine komische Traurigkeit.


Der ausgezeichnete Deutsche Humor:
2000 Deutscher Comedypreis Bester Comedy-Act für Alles Atze
2003 Deutscher Comedypreis Bester Schauspieler in einer Comedy für Alles Atze
2003 Deutscher Fernsehpreis Beste Sitcom für Alles Atze
2005 Deutscher Comedypreis Beste Comedy-Serie für Alles Atze

"Deutschland ist das Wunderland", sagt Atze Schröder und breitet die Arme aus. "Das sieht man an der Nationalmannschaft, die so deutsch noch nie war: Kuranyi, Asamoah, Podolski, Owomoyela ... Wir könnten im Prinzip die Weltmeisterschaft ohne ausländische Beteiligung durchziehen."

Der Gag ist erprobt, man muss danach nur eine Pause setzen und wartend ins Leere starten, und das Publikum lacht wie auf Knopfdruck. Eine Frau rechts außen kichert bei "Owomoyela" besonders schrill auf. Ihr Gesicht ist schon ganz rot angelaufen vor Gackern. Hört sie denn überhaupt nicht mehr auf? Plötzlich wünscht er sich, dies wäre ein Auftritt beim Scheibenwischer. Atze wendet sich von dem dummen Huhn ab, geht ein paar Schritte nach links und versucht trotz der grellen Scheinwerfer ein Grinsen. Jetzt kommt der Politikteil. Eine abgespulte Routine, läuft von selbst, und man braucht nichtmal Pointen. Praktisch nur Name-Dropping: Die alte Regierung, die neue Regierung, Merkel, Bush. So, aus, fertig. Zum Schlussapplaus hebt er die Hand und ruft "Aber es gibt auch wirklich schöne Seiten. Einen Bundes-Schröder braucht ja die Nation." Atze zeigt dabei auf sich, erntet Gelächter, winkt nochmal und tritt ab.

Würde jemand genauer hinsehen, man würde vielleicht erkennen wie plötzlich hinter der Bühne seine Statur etwas zusammenfällt. Wie sein Schrit schwerer wird und ihm der Begriff "innere Immigration" in den Sinn kommt. Mario Barth kommt ihm entgegen, er hat den nächsten Auftritt, und gratuliert zu einer tollen Show. Atze trottet zur Maske und lässt sich erschöpft auf einen Stuhl fallen. Mit einem Seufzen nimmt er die juckende Perücke ab und massiert sich müde die Schläfen. Vor ihm liegt eine aufgeschlagene Zeitung. Nanu? Es ist die FAZ, jemand hat einen Artikel mit neongelbem Textmarker unterstrichen und "ha ha" daneben geschrieben:

"Egal, ob er Galas moderiert oder Talkshows besucht: Atze Schröder ist Atze Schröder ist Atze Schröder ...
Es ist, als wäre eine einzige Sketchfigur von Diether Krebs zum Leben erweckt worden, oder genauer: als sei ein armer Komiker in einer einzigen Rolle erstarrt und nun für immer in ihr gefangen. Daß sich diese Figur nun schon seit fast zehn Jahren im Fernsehen herumtreibt und einfach nicht wieder weggehen will, wäre schon beunruhigend genug. Viel schlimmer aber ist: Unser Fernsehen ist plötzlich voll von solchen eindimensionalen Kunstfiguren. Und je häufiger man sie sieht, um so hartnäckiger wird die beunruhigende Frage, ob hier überhaupt ein Komiker eine Witzfigur darstellt oder ob er selbst diese Witzfigur ist."


Atze dreht sich abrupt um, niemand ist da. Er stürmt in den Flur raus und brüllt mit überschlagender Stimme "Haha, sehr witzig!" Einem Unsichtbaren schmeißt er zornig die Zeitung entgegen, aber mit viel Blättergeraschel fliegt sie gerade mal vier Meter weit. "Ihr Penner!" setzt er nach. Er geht zurück ins Zimmer. Man müsste was neues machen. Den ganzen Prollmist aufgeben. Tja, eine kluge und selbstironische Sitcom wie der Pastewka, das wär was. Bastard! Er setzt sich vor einen Spiegel, der mit einem Dutzend Glübirnen umrahmt ist. Ein alter vierzigjähriger Sack mit Halbglatze, übergroßer Brille und zerlaufenem Make-Up schaut ihm entgegen. "Was glotzt'n so!" bellt Atze. Und fängt erst an zu lachen und dann zu weinen.


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Anfang Dezember stolperte ich beim Zappen über die Talkshow "Unter vier Augen" im bayrischen Rundfunk. Erkan & Stefan outeten sich dort in gewähltem Hochdeutsch und in legeren Anzügen zu ihrer echten, bürgerlichen Identität: John Friedmann (Diplom Ingenieur) und Florian Simbeck (1.Staatsexamen Jura). Nicht nur Abitur, sondern auch studiert, ich staunte nicht schlecht. Das macht ihre dämlichen Döner-krass-Witze jetzt auch nicht besser, aber es war faszinierend diesen völlig konträren Gegensatz zu sehen. Und interessant wie sie aus dem Nähkästchen plauderten und welche Schwierigkeiten es bringt 10 Jahre lang eine Doppelexistenz zu führen, um das Privatleben zu schützen.