16 Januar 2006 - 23:45 -- Nichtraucher

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Filmlob: Inzest ist gar nicht so wichtig im Zementgarten

Hat einen Silbernen Bären in Berlin gewonnen


Es gibt keine Kritik über Der Zementgarten, in dem nicht das Thema Inzest abgehandelt wird, das reicht von biblischer Verdammung bis zu blanker Lüsternheit (oder beides gleichzeitig), aber, und jetzt kommt meine These, das Inzestmotiv ist gar nicht so wichtig! Da staunt ihr jetzt, besonders, da ihr den "Zementgarten" gar nicht gesehen habt und nicht wisst, von was ich rede, aber das ist erst mal egal, denn ich rede auch davon, wenn ihn keiner sonst kennt, das bringt mir ja die Möglichkeit, euch mal wieder einen richtig guten Film nahe zu bringen. Und er ist nicht mal französisch, auch wenn Charlotte Gainsbourg mitspielt, aber sie ist ja Halbbritin, ein Bastardgezücht, entsprossen den Lenden der beiden Erzfeinde. Und wenn nach Jahrhunderten der Kriege und gegenseitigen Animositäten die Annäherung zweier Nationen etwas so Wunderbares hervorzubringen vermag wie Charlotte, dann sollte das uns allen Hoffnung geben und weniger miesepetrig ins doch noch so junge neue Jahr blicken lassen. *lächel*

Vergesst also die Inzucht. Das Thema ist ein anderes, nämlich die Pubertät mit all ihren Facetten. Vier Kinder wachsen in einem heruntergekommenen Haus in einer Einöde am Rand einer namenlosen Stadt im Nirgendwo auf, allein das völlig unbestimmte Setting zeigt schon, wir sind im Märchenland, Freud lässt grüßen.

Der Wunschtraum aller Kinder wird wahr, die Eltern sterben und hinterlassen genug Geld und eine Bankvollmacht, um ihren Kindern ein selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen. Der Vater war sowieso ein Ekel, er hasste alle Menschen und Pflanzen mochte er auch nicht, zubetoniert hat er sie, also nicht schade, dass er gleich zu Beginn abnippelt. Die Mutter ist eine Nette, man hätte sie vielleicht noch gerne länger um sich gehabt, aber sie legt sich ins Bett und steht nicht mehr auf. Sie ahnt wohl, dass ihre Kinder etwas Zeit für sich brauchen, richtet noch besagte Kontovollmacht für ihre beiden Ältesten, Jack und Julie, ein und stirbt. Um nicht im Waisenhaus zu landen, tun die Kinder das Naheliegendste, was jeder von uns getan hätte, sie betonieren ihre Mutter im Keller ein und leben ihr ganz normales Leben weiter. Gehen zur Schule, kaufen ein, das Haus versifft etwas, aber man kommt über die Runden. Nicht überraschend, dass sich Jack und Julie in dieser doch etwas seltsamen Situation näher kommen, die typische Geschwisterrivalität weicht einem Art Vater-Mutter-Spiel, sie sind schließlich für die Rumpffamilie verantwortlich, sonst gibt es ja niemanden.

Die Kids leben völlig isoliert, die Schule ist der einzige Ort, der außerhalb des Hauses noch eine Rolle spielt. Das Haus ist ihr Kosmos, und ich musste an "Shining" und "The others" denken, Filme, in denen das Haus sowas wie ein weiterer Darsteller ist, der eigentlich im Abspann auftauchen müsste. Auch toll gefilmt übrigens, sehr morbide, man möchte die ganze Zeit die Fenster aufmachen und mal gut durchlüften. Tja, und so hausen sie... niemand besucht sie, sie haben keine Verwandten oder Bekannte, sie leben in einer Art Blase, frei schwebend in Raum und Zeit. Sogar schwer zu sagen, in welchem Jahrzehnt die Geschichte angesiedelt ist. Wie gesagt, ein Märchen. Das soll auch alles gar nicht konkret sein, oder gar realistisch, das merkwürdige, leicht kafkaeske Setting ist nur die Bühne, um eine Geschichte über Liebe, Eifersucht, Pubertät, den ersten Sex und das Erwachsenwerden zu erzählen. Julie reizt ihren Bruder immer wieder, lockt ihn aus seiner Zurückgezogenheit, teils wohl, weil sie seine Mitarbeit braucht, teils, weil sie ihn liebt und nicht verlieren will. Jack zögert, windet sich, entbrennt dann doch in Eifersucht, als seine Schwester einen älteren Knaben datet, einer von denen, die schon ein Auto haben, ein Erwachsener, ein Feind.

Er muss was tun.... am Ende stellt sich Jack seiner Verantwortung als Mann im Haus, verpuppt sich von einem autistischen Jugendlichen in einen liebesfähigen jungen Mann und legt seine Schwester flach. Es gibt eben mehr als einen Weg, zu sich zu finden Ein leicht kranker Film für alle, die als Kind ihre Eltern mit dem Chemiebaukasten vergiften wollten, um danach die Lieblingscousine zu heiraten und mit ihr einen Ponyhof in Irland zu gründen.

Der Zementgarten, England 1992, 101 Minuten, ab 18 (lächerlich und auch mal wieder allein dem Inzestthema geschuldet. Philister... )