22 Januar 2006 - 14:16 -- Nichtraucher

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Populärmusik aus Vittula

Rocken bis der Elch kommt - Wenn man in den 60er in Nordschweden an der Grenze zu Finnland aufwächst, ist es gut, wenn man gerne viel trinkt, sauniert bis zum Umfallen und Elche mit der bloßen Faust erlegen kann. Schlecht ist, wenn man gerne Rockstar werden will, wie die unzertrennlichen Freunde Matti und Liina.


Populärmusik aus Vittula ist eine derb-komische Burleske vom Nordrand Europas und ich habe viel gelacht Es ist alles sehr deftig. Kein Platz für knapsu, Weicheier. Die Kindheit ist ziemlich schräg, die Jungs stammen aus den beiden einzigen sozialen Schichten in Vittula, den Finnen, die Schwedisch können und denen, die es nicht können. Finnen sind sie alle, gehören aber zu Schweden, und damit sind sie nie so recht klar gekommen. Über diese kulturelle Verlorenheit tröstet man sich mit archaischen Mannbarkeitsritualen, strengstem Protestantismus und viel Schnaps. Der Film parodiert diese Welt, ohne sie lächerlich zu machen und beschwört sie, ohne sie zu idealisieren. Die wunderschöne Landschaft, Wälder, Mitternachtssonne und Nordlicht, stehen im krassen Kontrast zu Bigotterie, unglaublicher Rückständigkeit und häuslicher Gewalt, die sich gewaschen hat.

Mittendrin versuchen die beiden Jungs so etwas wie eine Jugend zu haben, mit Rockmusik, Gitarren und Mädchen. Nicht ganz einfach und bitter-komisch erzählt. Es wimmelt von schrulligen Gestalten, fiesen Kinderhassern und versoffenen Brutalos, es ist meistens sehr kalt und dunkel und das Europa, wie wir es kennen, ist 2000 km entfernt. Ganz schön fies, wenn man sich das so überlegt. Der Film rockt, von Anfang an erzählt er seine Geschichte (die Vorlage ist ein schwedischer Bestseller) mit grimmigem Humor, viel Authentizität und gerne wird auch mal eine Ekelgrenze überschritten und die eine oder andere Körperflüssigkeit kommt zum Einsatz. Kaurismäki meets Kusturica meets "The Commitments"... Lustig und verschroben, aber auch mitunter nordisch-schwermütig und morbide. Als Beispiel für den lapidaren Stil des Films das Männergespräch, das jeder Vater eines Tages mit seinem Sohn führen muss, nachdem er ihn beim Onanieren erwischt hat (und bitte mit dem aus "American Pie" vergleichen):

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Vater und Sohn sitzen in der Waschküche, saunieren und sehen der Waschmaschine beim Schleudern zu.

Vater: Schau dir deine Füße an.
Sohn: *schaut sich seine Füße an*
Vater: Die werden mit jedem Tag größer. So wie alles an dir.
Sohn: *ahnt was*
Vater: Also, du bist jetzt alt genug, du musst ein paar Sachen erfahren, bevor du ein Mann wirst. Erstens: dein Großvater war ein Schürzenjäger. Ich habe noch zwei Halbgeschwister, sie haben selber Kinder. Du hast sechs Cousins, von denen du nichts weißt. Drei sind Mädchen, das solltest du wissen, damit es nicht zur Inzucht kommt. Sie heißen Jina Pallaström, Ina Lenessen und Peila Matissen.
Sohn: Peila? Aus der Parallelklasse?
Vater: *nickt*
Sohn: *scheiße*
Vater: Zweitens, und das ist noch Schlimmer: wenn wir hier oben trinken, neigen wir dazu, aggressiv zu werden. Trink also erstmal Zuhause und überleg dir dabei, ob du Lust auf eine Schlägerei hast, okay?
Sohn: *nickt*
Vater: Drittens, und das ist das Schlimmste: es gibt zwei Familien, die wir hassen, die Lindströms und die Pellvarens. Da gab es mal einen Meineidprozess, anno `29, das darf niemals vergessen werden. Es ist wichtig, dass du ihnen so oft es geht, Schaden zufügst. Was immer in deiner Macht steht, ihnen das Leben schwer zu machen, musst du tun, versprich mir das!
Sohn: *nickt*
Vater: Viertens, und das ist das Allerschlimmste: es gibt eine Geisteskrankheit in unserer Familie, sie bricht bei enttäuschter Liebe aus. Es ist also wichtig, dass du dir immer eine Frau suchst, die gerne Sex hat und dich nicht zurückweist. Oder du machst es wie ich und suchst dir gleich eine mit einem gebärfreudigen Becken! *lacht und haut Sohn auf den Rücken*
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Damit weiß Matti alles, was er wissen muss, aber es hilft ihm nicht wirklich weiter, wenn er seinen Freund ganz süß findet, raus will aus Vittula oder von der angeheirateten finnischen Matrone entjungfert wird. Ich war die ganze Zeit froh, nicht so aufgewachsen zu sein, andererseits habe ich nun auch das unbestimmte Gefühl, etwas verpasst zu haben. :-p

Bisher bin ich mit dem Kinojahr 2006 sehr zufrieden.