31 Januar 2006 - 12:39 -- Thanil

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Steven Spielberg - München

Weltstadt mit Herz


Also gut, wir sahen gestern nachmittag München, den neuen Film von Steven Spielberg, dessen Hauptfigur Avner (gespielt von Eric "Hulk & Hector" Bana) vom israelischen Mossad den Auftrag erhält, die Drahtzieher des Terrorattentats auf die israelische Olympiamannschaft zu ermorden. Leider machte ich den Fehler direkt nach dem Kinobesuch das lange Review von Suchsland zu lesen, das mich so verwirrt hat, dass ich meine eigenen Gedanken über den Film kaum noch hören kann. Die ganze Debatte über den Film scheint inzwischen auch so stark politisch überzeichnet, dass man sich in einem Minenfeld bewegt.

Ich denke "München" ist ein handwerklich außerordentlich guter Film, die Ereignisse sind spannend und mitreißend inszeniert. Brutalitäten, die bei Attentaten wohl unvermeidlich sind, werden nicht ausgeblendet oder weichgezeichnet. Der Realismus erinnerte teilweise an Saving Private Ryan. Ich denke man kann "München" nicht als wahrheitsgemäße Aufarbeitung der damaligen Ereignisse verstehen. Man lernt nichts über die Geschichte, aber unter Umständen einiges über die Funktionsweise der menschlichen Psyche.

Der Film beginnt mit einem klaren Feindbild und einer klaren Freund-Feind-Zeichnung: auf der einen Seite die arabischen Terroristen, die mit großer Brutalität Juden umbringen, auf der anderen Seite der wehrhafte Staat der Juden, der Vergeltung will. Doch im Verlauf des Films verwischen die Grenzen zwischen legitimer Vergeltung und Terrorismus zunehmend. Alle machen sich die Hände schmutzig, auch die vermeintlich "guten". Vor allem jedoch wird die Seele kontaminiert. Avner findet keine Ruhe mehr, wird völlig paranoid, und je mehr man über das Geflecht von Geheimdiensten und dubiosen Mafia-Organisationen nachdenkt, desto schwindliger wird es. Die interessantesten Gedankengänge hat Carl, einer der Untergebenen Avners. Er spekuliert darüber, dass sie im Prinzip die Handlanger eines beliebigen Geheimdienstes oder einer beliebigen Sektion sein könnten. Vielleicht erfüllten sie eigentlich gar nicht mehr die Ziele des Mossad und Israels, sondern helfen sie der PLO dabei, innerhalb der eigenen Führungsspitze "aufzuräumen". Denn die Informationen, die zu den Zielen führen, stammen aus dubiosen Quellen, von französischen Mafiosis und unbekannten Informanten, die wiederum den Mossad mit Informationen fütterten. Diese Paranoia wird vom französischen Kontaktmann Louis noch genährt, indem er mit großer Bestimmtheit Avner klar macht, dass er überhaupt nicht wisse, für wen er arbeitet.

Letztlich lernt man vielleicht weniger über den Nahostkonflikt - auch wenn die Milieustudien sehr interessant sind, die Schauplätze überaus authentisch erscheinen - als über die Weltsicht eines amerikanischen Juden namens Steven Spielberg: am Ende wird sehr deutlich, dass die Lösung des Nahostkonflikts auf einer höchst persönlichen Ebene für manche Menschen nur bedeuten kann, in die USA auszuwandern und dort in relativem Frieden zu leben. Die USA als das bessere Israel - da kann man schon ein bisschen verstehen, dass manche Israelis nach Sehen dieses Films vor Wut schäumten.

Die letzte Einstellung des Films zeigt dementsprechend konsequent die Twin Towers des World Trade Centers und ist somit ein klassisches Foreshadowing kommender Ereignisse in dem ständig eskalierenden Konflikt unserer Zeit: sie sind der Fluchtpunkt einer Gewaltspirale, an der von allen Seiten immer weiter fleißig gedreht wird.

Wertung:
Unbedingt sehenswert! Politisch jedoch mit Vorsicht zu genießen.