02 März 2006 - 20:46 -- Kaylee

Syriana – Contra


Syriana

Wie ich schon kurz erwähnte, kam ich aus dem Kino und war sehr enttäuscht. Das war's jetzt? Irgendwas muss furchtbar an mir vorbei gegangen sein, irgendwas habe ich bestimmt komplett nicht mitbekommen, so belanglos KANN der Film nicht gemeint gewesen sein. Der ganze Film besteht aus einer Aneinanderreihung von Szenen, in denen Männer sich unterhalten. Man kann wirklich nicht sagen, ich wäre unerfahren in der Rezeption von Agentenfilmen, aber trotzdem fürchte ich, die gesamte Tragweite der Intrigen nicht richtig mitbekommen zu haben. Ansonsten kann ich mir nicht erklären, was an dem Film so besonderes sein soll, was andere Filme nicht auch schon längst gezeigt haben. Und das mit wesentlich mehr Drive.

Im Groben geht es um die nahende Regierungsnachfolge eines Emirs im Nahen Osten und einer Ölkonzern-Konklusion, deren Berechtigung überprüft werden soll. Insgesamt gibt es fünf verschiedene Handlungsstränge. Bei jedem dieser Stränge weiß man sofort wer der Gute ist, sobald er das erste Mal auf der Leinwand gezeigt wird:

Der eine Prinz (und mögliche Nachfolger des Emirs) haut etwas debil erzürnt auf der Fernbedienung seiner kostspieligen Fernsehüberwachungsanlage rum, weil die Poolbeleuchtung eines Pools nicht funktioniert, statt mal schnell zu schauen, warum diese Poolbeleuchtung nicht funktioniert und dadurch Spoiler: den Tod von einem Filmkind von Matt Damon verursacht. GANZ böse. Der andere Prinz tippt eifrig irgendwelche Wirschaftsdaten ins Laptop und kümmert sich um die Gäste und das Geschäftilche. Das ist natürlich Winnetou. Wer das noch nicht bei der ersten Szene kapiert hat, dem erzählt er deswegen in jeder zweiten seiner Szenen, wenigstens vor unterschiedlichem Publikum, dass er Reformen, Gleichberechtigung, freie Wahlen und mündige Entscheidungen will. Sicherheitshalber hält Matt Damon dann auch nochmal seiner Frau gegenüber ein flammendes Plädoyer für den Prinz. Gut, die war bei den anderen Szenen auch nicht dabei, die kann das ja nicht wissen.

Leider fürchten wir, wir sitzen in Winnetou Spoiler: III. Das fürchten wir, weil wir in einem realistischen Hollywoodfilm sitzen. Die enden nie gut. Sonst würden sie sich ja nicht von einem unrealistischen Hollywoodfilm unterscheiden. Dass wir in einem realistischen Hollywoodfilm sitzen, wissen wir seit in der ersten Szene George Clooney gezeigt wurde und ständig Leute durchs Bild liefen. In keinem trivialen Hollywoodfilm würde die Dauer der Clooney-Leinwandpräsenz auch nur Sekunden durch irgendwelche Schemen geschmälert werden, auch wenn es in einem Lokal eventuell nahe läge. Die Realistik würde noch unterstrichen, säßen wir in der OV. Denn 100%tig nuschelt George in diesen Szenen auch. Man sieht es den Szenen geradezu an, dass man die Leute kaum versteht, was nicht nur an Clooneys Vollbart liegt. Zu dem Zeitpunkt schimpfte ich noch heimlich auf die deutsche Synchro, bei der man natürlich alles klar und deutlich verstand. Später war ich froh, dass ich wenigstens alles dem Wortlaut nach verstanden hatte, sonst hätte ich mein Filmunverständnis meinem schlechten Englisch zugeschoben.

Gut, ok, ich muss zugeben, ich war etwas geschockt durch eine wirklich fiese Folterszene, in der George Clooney Spoiler: die Fingernägel ausgerissen werden. Das kam sehr überraschend. Vor allem weil sie ja sonst nur die ganze Zeit geredet haben. Mag sein, dass ich deswegen irgendwas Relevantes übersehen haben mag. Aber irgendwie erschliesst sich mir der Twist nicht so richtig, bis auf das betont nicht typische Hollywood-Ende. Aber gerade dass es so nicht typisch sein würde, war doch von Anfang an klar. Wen überrascht denn heutzutage noch, dass ein Regierungswechsel von völlig verschiedenen Interessensgruppen versucht wird zu beeinflussen?! Und wen überrascht es wirklich noch, dass nicht immer die Guten gewinnen?? Vor allem wenn die Bösen sich durch einen einfachen gandalfbösen Blick und eine linkische Provokation simpelst manipulieren lassen!? Wie die Manipulation von statten ging und warum der alte Emir sich schliesslich für einen der beiden Söhne entscheidet blieb mir bis zum Schluss unklar. Mögliche Gründe, siehe oben.

Ok, der grosse Twist ist wahrscheinlich, dass der eine Sohn gar nicht wirklich böse ist, sondern nur extrem beeinflussbar von den wirklichen Bösen in der USA. *nicknicknick* Vermut ich mal. Die anderen Twists werden schulbuchhaft von einem Vorzeigeschwarzen vorgelesen. Uuiuiui…da hat der eine Ölkonzern doch tatsächlich irgendwelche Internatsschulen für irgendwelche Zöglinge bezahlt, GANZ schlimme Korruption. Und hat nicht der eine blöde Obermacker-Gutachter auch seine Finger im Spiel gehabt? Wenn nicht, dann sagen wir das jetzt einfach mal so, is ja für die gute Sache, wie wir zwischendurch dozierender Weise erfahren durften, und den konnten wir eh nie so richtig leiden. Ach nee, da fällt mir ein, der eigentliche Twist ist, dass der eine Schmierlappen von Ölkonzernboss, dann doch nicht der Oberschurke ist, zumindest nicht nachweisbar, OBWOHL er nicht wusste, was ein Emir ist und rumschreit. Was nach Hollywoodrechnung mindestens zehn Abzüge in der G(uten)-Note und ebensoviele Ignorantenpunkte bedeutet. Die Welt ist tatsächlich aus den Fugen.

Den Eindruck hatte ich aber nach Filmen wie 'die Dolmetscherin' oder ähnlichem mehr und eindrücklicher und trotzdem unterhaltender. Da bekomme ich das wenigstens nicht mit dem trockenen artsy-fartsy-Realistikhammer eingebleut.
Gut gefallen hat mir allerdings wie Clooney den alternden Alltags-Büro-Agenten gibt. Völlig Unbondhaft. Und das muss man mit seinem Aussehen erst mal überzeugend und nicht aufgesetzt hinkriegen.