03 März 2006 - 00:01 -- Thanil

Syriana – Pro


Wer bereits Traffic von Steven Soderbergh gesehen hat, und bei dem Stephen Gaghan, der Regisseur von Syriana, das Screenplay beigesteuert hat, der konnte von der Machart dieses neuen Gesellschafts-Thrillers nicht im Geringsten überrascht sein. Wie in Traffic wird auch in Syriana in erster Linie versucht, einen Querschnitt durch die Gesellschaft zu zeigen. Zunächst könnte man geneigt sein zu argumentieren, dass sich der Fokus im Vergleich zu Traffic nunmehr von den USA auf die ganze Welt ausgeweitet habe, doch auch in Traffic wurde das Thema des Films bereits grenzüberschreitend abgehandelt, denn bedeutende Teile des Plots waren in Mexiko angesiedelt, über dessen Grenze Drogen für die amerikanischen Konsumenten geschafft wurden.

Bemerkenswert ist meiner Meinung nach in erster Linie, dass sich Syriana genau wie Traffic des Instruments der Heldenstilisierung und der Dämonisierung des "Gegners" erfreulicherweise enthält. Überhaupt fällt es schwer, einen richtigen "Gegner" eindeutig auszumachen. Wer ist hier eigentlich "der Böse"?

Sind es die beiden Selbstmordattentäter, die am Ende den Öl-Supertanker in die Luft sprengen? Oder ist es ihr charismatischer Verführer, der die beiden immerhin aus Armut und Verzweiflung erretet hat? Oder ist es vielleicht die korrupte Despoten-Regierung des portraitierten Golfstaats, welche die enormen Reichtümer aus dem Ölgeschäft auf dekadenten Parties verprasst und ausländische Leiharbeiter ausbeutet, statt ihnen ein menschenwürdiges Leben zu ermöglichen? Oder sind es die multinationalen Ölkonzerne, die gedeckt durch ihre Anwälte diese Art der Ausbeutung gedeihen lassen? Oder ist es vielleicht die US-Regierung, die all diese Machenschaften deckt und Opposition gegen das System mit Hellfire-Raketen erstickt?

Jeder hat Dreck an den Händen. Es gibt nicht den einen Schuldigen, den man - wie in einem "James Bond"-Film - in einem High-Noon-artigen Zusammenprall besiegen kann, so dass die Welt gerettet ist. Auch die Figur Bob - ein CIA-Agent gespielt von George Clooney - ist ein Werkzeug dieses Systems. Er bemerkt es viel zu spät, und es blieb zumindest mir unklar, ob er es überhaupt merkte. In jedem Fall kann er nichts bewirken und verliert am Ende alles. Solange er die Aufträge seiner Regierung ausführte, hat er etwas bewirkt. In dem Moment, als er sich gegen sie stellte, wurde er wie eine Fliege an der Wand zerquetscht, unser Real-Life-James-Bond. Genau so viel Macht hat ein "James Bond" nämlich in der wirklichen Welt.

Ich denke alle Szenen des Films dienten nur dazu, das komplizierte Gewebe, das unsere heutige Welt ausmacht, möglichst detailgetreu und wertungsneutral darzustellen. Prinz Nasir, der Sohn des Emirs (überzeugend gespielt von Alexander Siddig, bekannt als Dr. Bashir in Star Trek: Deep Space Nine), der dem idealistischen Anlageberater Bryan Woodman (gespielt von Matt Damon) erklärt, dass er gegen den Willen seines Vaters die Macht ergreifen will, um sein Land zu reformieren, für Bildung, Demokratie, ein Sozialwesen und eine richtige Wirtschaft zu sorgen, sehe ich nicht eindeutig als Heilsbringer. Natürlich verbindet man als Zuschauer mit ihm automatisch die Hoffnung auf eine Besserung. Umso deprimierender, dass er am Ende vollständig scheitert. Doch zumindest ich habe auch mitbekommen, dass er die ganze Zeit von der US-Regierung verdächtigt wird, die Al Quaida zu unterstützen. Es wäre ja auch denkbar, denn die Terroristen um Osama Bin Laden kämpfen in unserer Welt angeblich auch gegen die despotischen Machthaber in den islamischen Ländern. Die Versprechen von Nasir könnten Blendwerk sein. In jedem Fall bereitet er einen Militärputsch vor, und zumindest ich habe Skrupel, ihn unkritisch als positive Identifikationsfigur des Films zu bezeichnen. Dafür bleibt einfach zu vieles im Dunkeln.

Syriana ist für mich Kino, das bis an die Grenzen der Realität kommt. Auf typische Spannungsbögen, die man in einem Thriller erwartet, wird völlig verzichtet, weil sie unrealistisch sind. Auf typische Charakterisierungen wird aus dem gleichen Grund verzichtet. Syriana ist kompliziert, komplex, der Film führt den Zuschauer an den Rand des im Kino an Informationen und komplizierten Verbindungen Verarbeitbaren. Am Ende wird einem auch jede Art von cinematischer Katharsis vorenthalten. Es tritt kein Gefühl der Befriedigung ein. Man geht leicht traurig und nachdenklich aus dem Kinosaal. Der Film macht die Realität greifbar. Es ist fiktionales Doku-Kino, natürlich nicht ohne politischen Standort, den man sicher kritisieren kann. Es ist eine mögliche Interpretation der Realität. Aber gerade weil es so brandaktuell ist, ist es auch wichtig. Filme wie Syriana formen unser Verständnis der Realität. Es wäre aber unfair dem Film dies vorzuwerfen, denn darin unterscheidet er sich durch Nichts von Nachrichtensendungen oder Reportagen, außer, dass diese (oft ungerechtfertigterweise) mit dem Nimbus des Unangreifbaren, Faktischen, Objektiven behaftet sind.

Ich kann nur jedem empfehlen sich Syriana anzuschauen. Der Film ist anstrengend und wenig unterhaltsam im klassischen Sinne, aber - vergleichbar mit Jarhead - in jeder Hinsicht bemerkenswert.

Wertung:
9/10 Ölbohrtürme