07 März 2006 - 12:46 -- Nichtraucher

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Johnny Cash, The man comes around, revisited

Ü-60-Coverart


1. The man comes around
Düsteres Endzeitdrama. Die Offenbarung des Johannes + Johnny Cash, das wird nicht lustig. Die Apokalypse kommt und niemand kann etwas dagegen tun. Der Text ist religous as hell (Holden Caulfield), aber doch distanziert genug, um auch zwischen den Zeilen lesen zu können. Johnny war kein Fanatiker, er phantasiert nicht von der Vernichtung der Ungläubigen im eitlen Bewusstein, zu den wenigen Auserwählten zu gehören, wie es Vertretern unangenehmer fundamentalistischer Denkrichtungen zu oft zu eigen ist. Nein, wir alle sind Sünder und werden gerichtet werden, ABER, wir können bis dahin so leben, wie wir es für richtig halten. Dann wird man sehen.
Der Song zeigt gut, was ich an seiner Musik prinzipiell schätze: Einfachheit. Am Ende der ersten Strophe kommt eine Akkordwechsel, die Gitarre fällt mehrere Oktaven oder wie man das nennt nach unten, synchron zu den Worten "and a golden ladder reaching down..", dieser Akkordwechsel beschert mir jedes mal eine Gänsehaut, was noch so ausgetüftelte Gitarrensoli nicht schaffen. Boom boom boom... ER wird kommen und wir haben ausgeschissen, aber gut... so läuft's halt. Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr, ect.
Grandios. Wuchtig, final, furchtbar, aber nicht bösartig oder rechthaberisch. Die Aussage, die ich sehe: Schau, was du mit deinem Leben machst, denn zu schnell ist es vorbei und dann wirst du dich eventuell dafür rechtfertigen müssen, vor wem auch immer. Vielleicht nur vor dir selber, aber wäre das so beruhigend? Ein ganz großes Lied, das eine ganz große Scheibe eröffnet

2. Hurt

Gleich an zweiter Stelle das beste Stück der Scheibe, finde ich. Ein Vermächtnis, ein Testament, geschrieben mit Noten und dürren Worten. Die nicht mal von ihm sind, sich aber so anhören. Jedes Wort passt, wie könnte man daran zweifeln, dass Johnny "had seen it all"? - "What have I become, my sweetest friend? Every one I know goes away in the end.." Gruslig. Johnny hatte sicher den Großteil seines Bekanntenkreises überlebt, inklusive seiner Frau. Ein ganzes Leben, in die dürre Zeilen eines Rockcovers(!) gepresst. Das Video sagt alles, das einzige Musikvideo, dass mich je zu Tränen rührte

3. Give my love to rose
Ein älteres, klassisches Country-Stück. Eine Erholung nach den beiden ultradüsteren Openern. Reichlich kitschig, und auch wenn es um Tod und ewige Liebe geht, berührt es mich nicht in dem Maß wie seine Vorgänger. Erinnert mich immer etwas an den Superheuler "Tell Laura I love her", und dann ist schnell Schluss mit der Ergriffenheit, denn dann wiederum muss ich an eine Szene aus "High fidelity" denken und dann bin ich ruckzuck bei Jack Black, und dann isses schnell Essig mit der ewigen Liebe...

4. Bridge over troubled water
Doch diese leichtfertige Stimmung ist schneller vorbei, als man "Vogelgrippe" keuchen kann. Johnny nimmt ein altes, grenzpeinliches Hippie-Lied aus bester, THC-geschwängerter Friede-Freude-Eierkuchenzeit und macht es sich zu eigen. Als würde er einen Kiesel am Strand aufheben und in seinen mächtigen Pranken drehen und wenden und überlegen, was man daraus wohl machen könnte.. Und dann singt er es einfach, den ganzen kitschig-christlichen Text, und jedes Wort klingt so.. wahr. Ein Lied, dass einen Menschen dazu treiben könnte, an Gott zu glauben. Was Simon & Garfunkel vor 30 Jahren schrieben, in welcher Stimmung und Absicht auch immer, wird zu einem ruhigen, aber unerschütterlichen Bekenntnis zum Glauben. Ein Glauben, den ich nicht teile, aber in dieser Form genieße und respektiere. Oder wie mein Religionslehrer sagte: "Der Glaube ist wie ein Messer. Man kann damit Menschen töten oder ihre Fesseln durchschneiden."

5. I hung my head
Wieder ein Cover, glaube ich. Egal. Was Johnny singt, ist Johnny. Er nimmt von jedem Song derart Besitz, dass ich Angst hätte, ihn meine Sachen covern zu lassen, wäre ich Musiker. Es könnte mich beschämen. Dass ich nicht diese Tiefe in meinen eigenen Worten zuvor gefunden habe, z.B. Grandios, in welch knappen Worten hier eine komplette Geschichte erzählt wird: ein Junge geht raus, mit dem Gewehr seines Bruders, halt mal so rumspielen. Natürlich erschießt er aus Versehen jemanden. Und büßt dafür, dabei wollte er das doch nicht, das Gewehr ging einfach los. Aber ein Mann muss nicht nur tun, was ein Mann tun muss, er muss auch für das einstehen, was er getan hat, ohne es zu wollen. Puh...

6. The first time ever I saw your face
Ein sehr langsames, elegisches Liebeslied. Johnny wird weich. Er besingt die Liebe seines Lebens und jedes Wort klingt wahr und echt. Allerdings muss ich wohl noch 35 Jahre älter werden, bevor ich die Liebe meines Lebens mit einem so getragenen und düsteren Lied beglücken würde. Das richtige Lied fürs Totenbett, der Rückblick auf ein gemeinsames Leben. Gänsehaut auch wieder hier, aber nichts für ein romantisches erstes Date.

7. Personal Jesus
Ich kenne das Depeche Mode-Original nicht, aber kann es mir auch gar nicht vorstellen. Zu weit scheinen Cash und die super-stylischen 80er-Popper auseinander zu liegen. Ein größerer Gegensatz scheint kaum denkbar. Das ist, als ob Marylin Manson John Denver covern würde... die Ärzte Hans Albers.. Rammstein Tokyo Hotel...obwohl? Und wieder: es klingt, als hätte Johnny es gerade eben erst auf eine Serviette gekritzelt, es MUSS von ihm sein, dieser Disput mit Jesus, die Einsamkeit, das Ringen mit sich und dem Glauben und der Welt... ich frage mich, ob er am Ende seines Lebens wirklich auch solche Musik gehört hat oder ob es an ihn herangetragen wurde. Ich mein', Johnny Cash covert Depeche Mode! Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen.

8. In my life
Johnny Cash covert die Beatles, schon weniger abwegig. Und hier wieder ähnlich wie in "Hurt" der Effekt, dass der Text viel besser auf ihn zu passen scheint als auf den Songwriter selber. Der 20-, 30-jährige McCartney mag gesungen haben, "All these places I remember, all my life, though some have changed, some forever, not for better, some are gone and some remain.." und er hat es sicher auch so gemeint, aber wenn der 70-jährige, todkranke Cash, mit einem Gesicht wie Mount Rushmore das singt, "All these places have their moments, with lovers and friends I still can recall. Some are dead and some are living, in my life I loved them all...", dann bekommt das noch noch mal ein ganz anderes Gewicht. Cash nahm sich einfach die Songs, die seine Gefühle am besten ausdrückten und es schien ihm bumsegal zu sein, wer sie einst schrieb, ob Superstar oder Nischenmusiker. Ein ganz, ganz großes Cover, ohne das grandiose Original in irgendeiner Weise schmälern zu wollen. Ich bin sicher, Paul hat geweint, als er es gehört hat.

9. Sam Hall
Johnny, so wie man in Erinnerung hat: derb, rotzig, rebellisch. Die letzen Worte eines zum Tode Verurteilten an seine Henker, scheiß der Hund drauf, ich gehe, ihr bleibt, aber bildet euch bloß nichts drauf ein! Damn your eyes, my name is Sam Hall, Sam Hall! Ein ganz klassisches, gradliniges Countrystück in Tradition seiner alten Hits wie "Folsom prison blues", "San Quentin", "25 Minutes to live" ect. Und hier, noch einmal, bekommt seine Stimme dieses leicht Überschlagende, atemlose, wie man es aus den 60ern kennt. Damn your eyes!

10. Danny boy
Im Anschluss wird's mal wieder getragen. Oh nein, "The man comes around" ist kein Stimmungsalbum.
Mit dem irischen Folksong "Danny boy" singt Cash sowas wie sein eigenes Requiem, eine gewichtige Kirchenorgel schafft den nötigen Background. Die reduzierte Melodik irischer Volksmusik passt hier sehr gut zum sparsamen Arrangement. Johnnys Stimme trägt allein den ganzen Song, muss Höhen und Tiefen ohne jede melodische Begleitung allein ausloten, ganz auf sich gestellt. Das Ganze ist auch schnell vorbei, ein kurzes, gradliniges Stück Musik aus der alten Welt, mal eben eingenommen und interpretiert von einem Mann aus Arkansas. Auch wenn man weiß, wie herzzereißend irische Volksmusik sein kann, keine schlechte Leistung. Cash kannte wenig Berührungsängste, was Musikstile anging.

11. Desperado
Ein klassisches und eigentlich furchtbar kitschiges Cowboystück, wieder ein Cover, wenn ich nicht irre. Und hier versucht Cash gar nicht, seine Country-Wurzeln zu verbergen, hier dürfen auch schon mal Backgroundsänger mit einstimmen, die Country-Gitarre swingt, der Gesang schraubt sich in nicht mehr möglich gehaltene Höhen, aber Schnickschnack bleibt außen vor. Ein Lagerfeuerstück, mit genau dem Country-Touch, den es braucht. A warm campfire, a hot cup of coffee, and a good smoke...und irgendwo heult ein Kojote...

12. I'm so lonesome I could cry
Ein Hank Williams-Cover, sehr grenzwertig. Das typische, wohl unvermeidliche Country-Ich-bin-so-allein-und-unglücklich-Rührstück. Johnnys Stimme bewahrt das Stück vor Peinlichkeit, aber für mich ist es dennoch das schwächste Stück (was auf einer solchen CD noch nicht so viel zu sagen hat). Jaja, Liebeskummer ist schlimm. Nick Cave singt mit, aber ich muss sagen, ich find ihn schnell etwas "over the top"... Cave neben Cash in einem Song, das ist, als würde man sich einen BMW Roadster kaufen und dann damit bei der Formel 1 mitfahren. Irgendwie sinnlos.

14. Tear stained letter
Gradlinig geht’s auch weiter, wieder ein gutes altes Country-Stück, ein Cash-Stück. Erinnert an lang zurückliegende Zeiten und warum auch nicht? Die Gitarren treiben den Rhythmus voran, Johnny erzählt seine Geschichte, ein verstimmtes Klavier klimpert, und dann ist es auch schon wieder vorbei. Minutenschinderei konnte man Johnny nun wirklich nicht vorwerfen.

15. Streets of Laredo
Schließt an seine Vorgänger an, ein Lied aus jüngeren Tagen. Kraftvoll, wenn auch reduziert interpretiert. Ein Mann und seine Gitarre, was braucht es mehr? Wieder eine schnörkellos erzählte Geschichte, Männer und Waffen und eine raue, untergegangene Epoche.. Cash zeigt, dass er noch alles drauf hatte, er hätte jederzeit noch den Titelsong für einen John Ford-Western einspielen können, nur dass der schon lange tot ist. Aber da kann ja Johnny nichts für.

16. We'll meet again
Die Überraschung kommt am Schluss: ein beschwingtes, swingendes Stückchen, Musik für Verliebte. Die Gitarren schnurren, eine Klarinette(?) umschmeichelt die Reibeisenstimme des Meisters.. man sieht fast die Jungs in Unterhemden in einem Wohnzimmer in Arkansas sitzen und zusammen swingen, während jemand für kaltes Bier sorgt. Sehr, sehr old-fashioned und überraschend fröhlich und leichtherzig. Interessant, dass die Scheibe gegen Ende immer leichter und heiterer wird. Was wollte uns Johnny damit sagen?

We'll meet again... ja, wenn's mal so gewesen wäre... The man comes around war die letzte Platte, die zu Johnny Cashs Lebzeiten erschien und hier als letztes Lied gewinnt diese leichte Weise natürlich noch mal ziemlich an Gewicht. Von dem man sich aber nicht erdrücken lassen sollte. Noch bis zu seinem Tod hat Cash an einem neuen Album gearbeitet, er hatte noch was zu sagen. Kam nur nicht mehr dazu. Auf jeden Fall kann ich mir kein besseres Vermächtnis vorstellen als ein Album wie "The man comes around" zu hinterlassen, ein Querschnitt durch eine Epoche, in Stein oder zumindest in Bits und Bytes gemeißelt.

Ich freu mich schon auf die anderen drei "American Recordings"-Alben.