13 März 2006 - 13:21 -- Celebrian

Brokeback Mountain - Sündenfall im Marlboro-Land

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Vorgestern war ich in Brokeback Mountain – verwegenerweise in der OV. Dies sei keinem geraten, der sich nicht sehr, sehr sicher fühlt, was (pseudo-)amerikanisches Genuschel angeht. Insofern kann ich zum Drehbuch nicht übermäßig viel sagen. Was ich verstanden habe, hat mir gefallen, überhaupt war der ganze Film zwar vielleicht nicht grandios, aber wunderschön.



Einige sehr, sehr schöne Szenen sind dem Film gelungen; der erste Abschied beispielsweise zwischen Ennis und Jack, der betont männlich-karg verläuft, doch als Jacks Wagen verschwunden ist, bricht Ennis zusammen, würgend, aber sich nicht wirklich übergebend: Das kann direkt so als Metapher stehenbleiben für seine Verschlossenheit, er kann nichts 'rauslassen', was seine Gefühle angeht. Um so plötzlicher wirken dann die wenigen Ausbrüche, die er sich gestattet, das Erste Mal, später nach Jahren das erste Wiedersehen mit Jack, sein Verhalten in Faustkämpfen (er meint es stets bitterernst), sein Beinahe-Gewaltausbruch gegen seine Frau, als sie ihn erahnen läßt, was sie weiß. Beeindruckend, wie Ledgers verschlossenes Gesicht sich dennoch wandelt im Verlaufe des Films: von einer Art verdrossenen Schüchternheit zu versteinerter Trauer. Ob dieses Lob dem Schauspieler oder dem Film gebührt, sei dahingestellt.

Ich rechne dem Film hoch an, daß er die Möglichkeiten zum Überzeichnen nicht nutzt. Der Familienalltag ist stressig, die Kinder schreien – aber es bleibt im Rahmen, und Ennis ist nicht einfach abgestoßen von allem, sondern müht sich nach Kräften, selbst beim Sex mit seiner Frau. Ein anderes Beispiel ist Jacks Schicksal: die Geschehnisse finden bloß in rascher Schnittfolge ziemlich vage in Ennis’ Kopf statt, es ist kein dramatisch ausgewalztes Geschehen. Auch eine allgemeine Predigt zum Leiden der Schwulen fehlt – dem Film geht es um Einzelschicksale.

Gut auch das Nichtfestlegen auf Rollenklischees: Jack ist der schneidige Rodeoreiter, der bei der Cowboy-Arbeitsteilung zu den Schafen reitet, Ennis der Zurückhaltende, der beim Zelt bleibt und kocht – im Bett ist es dann andersherum, zumindest bei dem einen Mal, das der Film zeigt, übrigens auch eine hervorragende Szene, ein verschämt-betrunkenes, hilflos-gewaltsames Zueinanderwollen. Man wünscht sich so sehr, daß die beiden sich küssen, aber dazu ringen sie sich erst viel später durch. Am nächsten Morgen findet Ennis oben bei der Herde ein gerissenes Schaf – die Eingeweide klaffen derart auseinander, daß es als Bild der Defloration ein bißchen holzhammermäßig wirkt, aber gut gewählt ist es allemal, Sündenfall und Ende der Unschuld im Tod des Lammes.

Was ich beim besten Willen nicht verstehe, ist, wieso die Filmmusik den Oscar gewonnen hat. Sobald die Marlboroberge (ich will da mal hin! *hachseufz*) auftauchten, kam dieses Zeugs – romantiktriefende Gitarrenakkorde, für meine Ohren wie Versatzstücke aus für die Allgemeinheit handzahm gemachten Countryballaden. Badldaschrumm! – halliges Nachklingen (*Übrigens, wir sind im Wilden Westen, deshalb die Gitarre, aber es ist nicht wild, sondern romantisch hier, deshalb der nachdenkliche Hall!*) – Badldaschrimm! – Entsetzlich. Die stimmungsvollsten Szenen hat mir das verdorben. Und gerade die Schwenks über den Brokeback Mountain – ich kann ja verstehen, daß ein Filmkomponist da die Sau rauslassen möchte, aber ich denke, sie hätten ganz ohne Musik am besten gewirkt, weite, tiefe Stille am Ort des Glücks für die beiden im Kontrast zu Rodeolärm und Kleinkindergebrüll.