16 März 2006 - 13:58 -- Gimli

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Der total schwule Kinoabend



Zuerst Capote, dann Brokeback Mountain. Die Hauptrollen in beiden Filmen sind schwul, wobei ich gestehen muss, dass im erstgesehenen Film dies eindeutig nicht im Vordergrund stand. Trotzdem ist es mir amüsiert aufgefallen, als ich "Capote" ziemlich spontan anschaute.

Möglicherweise kennen einige hier den amerikanischen Schriftsteller Truman Capote, ich tat es nicht und realisierte erst nach ca. 10 Minuten Film, dass es sich hierbei auch um einen biographischen Film handelt, genau wie bei "Walk the Line". Hier der Wiki-Artikel, für Leute, die sich näher mit der Person auseinandersetzen wollen.

Der Film handelt von eben jenem Schriftsteller und seiner langjährigen Recherche für seinen Roman "Kaltblütig", mit dem er internationalen Ruhm erntete. Es soll um den Mord an einer Farmersfamilie in Kansas gehen, über die Capote in der Zeitung gelesen hat. Er ist später live dabei, wie der Fall erst aufgeklärt und dann vor Gericht gebracht wird.

Kurz gesagt, der Film ist kalt. Dies ist wirklich das erste Wort, das mir dazu einfällt. Die Bilder zeigen fast ausnahmslos den Winter in Kansas, einer wirklich sehr weiten, flachen und trostlosen Landschaft, oder Räumlichkeiten, die ebenso kalt sind. Und auch bei der Hauptfigur gewinnt man bald den Eindruck, dass er innerlich kalt ist. In Gesellschaft seiner Freunde erscheint er ausgelassen, unterhält locker ein dutzend Personen, was wohl auch mit seinem famosem Gedächnis zusammenhängt. Aber als Künstler ist er selbst mindestens so kaltblütig wie die Mörder, über die er das Buch schreibt. "Ich lüge nie" sagt er zu seiner besten Freundin (der Autorin von "To Kill A Mockingbird") und lügt doch mehr als nur einmal Personen mitten ins Gesicht, die er an anderer Stelle behauptet zu lieben, nur um an Informationen für sein großes Werk heranzukommen.

Am ehesten ließe sich der Film wohl als Charakterstudie des Menschen Truman Capote bezeichnen. Die Handlung ist eigentlich kurz erzählt, Nebenfiguren sind wirklich Nebenfiguren und bleiben, bis auf den einen Mörder, sehr unscharf. Nicht umsonst hat der Hauptdarsteller, Philip Seymour Hoffman, den Oskar und den Golden Globe für die beste Hauptrolle erhalten. Der Film steht und fällt mit der Darstellung dieser Rolle und Hoffman schafft dies mit Bravour. Ich hatte wirklich das Gefühl, dass er die Rolle lebt. Er verstellt nicht nur seine Stimme, so dass sie etwas albern klingt, er lässt sie echt klingen und daraus resultierend wirkt sie albern. Und aus dieser perfekten Rolle heraus zeigt er auch alle Gefühle so real, dass man beinahe nicht mehr merkt, dass er überhaupt schauspielern muss.

Doch was lässt sich über Truman Capote sagen? Ich bezeichnete ihn als kalt. Doch das ist auch nur eine Schicht dieses mehr als nur leicht exentrischen Genies.
Mit Schmiergeld erkauft er sich den Weg zu einem der Täter des Massakers und unterhält sich wochen- und monatelang mit ihm. Scheinbar liebt er ihn, sein Gegenüber sieht ihn als guten Freund, und doch ist der Drang ein Meisterwerk zu schaffen, woran Capote von Anfang an glaubt, stärker. Lügend und alle Mittel einsetzend schafft er es aus dem Mörder seine Beschreibung der Tatnacht herauszuholen. Und dann bricht er dabei in Tränen aus. Capote beschafft den zum Tode verurteilten einen besseren Anwalt. Weil er sie retten will? Weil er sie noch lebend braucht? Erst ignoriert er die Briefe, dann kommt er doch noch zu der Hinrichtung. Auf einer Feier seiner Freundin Nelle Harper Lee betrinkt er sich maßlos und lamentiert darüber, dass die beiden möglicherweise freigesprochen werden könnten. "Wenn sie freikommen, erleide ich einen Nervenzusammenbruch!" verkündet er und macht den Eindruck, als wünschte er ihren Tod.

Kälte. Unterbrochen von sehr emotionalen Momenten. Und gleichzeitig weiß man nie, ob man ihm glauben kann oder nicht. Der Film gewinnt an dieser fehlenden Aufklärung, lässt Teile der Seele dieses Mannes im Dunkeln, die nunmal niemand kennt und damit muss man wohl leben. Hat er den Mörder geliebt? Und wenn er doch kaltblütig alles daransetzte sein Meisterwerk zu vollenden, was er ja auch schaffte, warum ging er dann an diesen Jahren zugrunde und vollendete danach nie wieder einen Roman?

Ein Film der ruhigen Bilder, Totalen der kalten Weite Kansas, der leisen Dialoge und unerhellten Abgründe der Seele eines Genies.



Danach der Film, über den ich im Vorfeld schon soviele überschwengliche Kritiken gelesen habe, dass ich beinahe kotzen musste. Speziell der Kultur-Spiegel hat sich auf eine so widerliche Weise an der Genialität dieses Streifens aufgegeilt, das es nicht mehr feierlich war.
Aber wir haben ja keine Vorurteile.
Hier in Münster läuft "Brokeback Mountain" übrigens nur in einem Winzigkino, keine Ahnung wieso. Die Abendvorstellungen sind alle ausverkauft und das große Cineplex könnte mit dem Besucheransturm locker einen gigantischen Saal füllen. Aber vielleicht wollte man ihn tatsächlich abschieben, dieses Winzigkino mit angeschlossenem Café ist nämlich bekannt für Filme über Homosexualität und als Szenetreffpunkt sowieso.
Vor dem Film lief Malboro-Werbung. smilie

Fangen wir mal mit negativen Dingen an. Die Musik ist wirklich mittelmäßig, da gebe ich Celebrian recht. (Hier geht es zu Celebrians Filmbesprechung) Man hört die ganze Zeit nur ein eintöniges Gitarrengezupfe im Hintergrund, das einen nie wirklich fesselt. Dafür kann ich mich nicht Waldelbs Kritik an der Langatmigkeit anschließen, ich fand den Film absolut passend von der zeitlichen Ebene her.

Also schwenken wir gleich auf positiv um. Der Film ist ein typischer Ang Lee, jedenfalls in meinen Augen (und "The Hulk" mal ausgenommen). Es ist ein Film, der dominiert wird von sanften Darstellungen der Natur, langen Einstellungen und einer allgemeinen inneren Ruhe. Das kriegt Ang Lee irgendwie immer wieder hin. Ich muss wohl nicht sagen, dass ich die Landschaftsaufnahmen wunderschön fand. Trotzdem hatte ich von der Handlung an sich lange Zeit das Gefühl, dass sie nicht besonders herausragend ist. Ja gut, es sind zwei Männer, aber wenn man den einen durch eine Frau ersetzen würde und man andere gesellschaftliche Hürden einbauen würde, könnte man den Film fast genauso lassen. Den Terz, der um diesen Film gemacht wird, kann ich daher nur schwer nachvollziehen.

Die Cowboys in der Malboro-Werbung trieben übrigens Pferde durch die Lande. Als dann die beiden Hauptfiguren ins Bild ritten und eine riesige Herde Wollknäule vor sich hertrieben, musste ich erstmal herzhaft lachen. Diese absoluten Klischeebilder schlichtweg dadurch zerstört und somit interessant gemacht, dass die Kühe oder die Pferde durch blökende Schafe ersetzt wurden.
Ansonsten musste ich in der ersten Viertelstunde häufig an Teenagerliebeskomödien denken. Der Coole auf der einen Seite, der sich lässig an seinen Truck lehnt, und der Schweigsame, der sich an seine Brottüte klammert. Verstohlene Blicke und wenn man nicht schon wüsste, dass die beiden sich ineinander verlieben, würde man sie wohl für verrückt halten.

Zum Glück entfernt sich der Film schnell davon. Das Zusammenleben mit den Schafen wird unkompliziert gezeigt, manchmal einfach nur ruhig, dann wieder kurzzeitig amüsant. Überraschenderweise ein paar total unpeinliche Nacktszenen - und dann das Besäufnis. Der Sex dann .. ehrlich gesagt weiß ich nicht was ich davon halten soll. Zwei Kerle halb zwischen sich Prügeln und Vögeln. Aber diese Härte ja Brutalität scheint auch das Einzige zu sein, das ihnen ermöglicht ihre Gefühle auszudrücken und verlässt die Beziehung ja auch über die Jahre nicht.
Auch eine der Szenen, bei denen teilweise gelacht wurde. Ich hatte da einen ähnlichen Eindruck wie Waldelb. Das Publikum überdeckt eigene Unsicherheit mit Gelächter.

Das weitere Leben war dann ebenfalls gut in Szene gesetzt. Wie meine Vorredner schon sagten, man hatte nie das Gefühl, dass hier übertrieben wurde. Die Ehen sind in ihrer Weise normal und nicht überzogen, nur die Treffen am Brokeback Mountain fallen dabei aus der Rolle, was ja auch die erste Ehe zerstört.

Am Ende hatte ich das Gefühl eine romantische Tragödie gesehen zu haben, die hin und wieder bewusst Ausflüge hin zur Komödie macht. Und das verfilmt von Ang Lee.
Als solche ist der Film auch wirklich verdammt gut. Ob er aber eine gewisse Zeitlosigkeit bewahren wird oder es auch hierzulande schafft die Kultur zu beeinflussen oder allgemein den Olymp der filmischen Meisterwerke erklimmt, wage ich mal zu bezweifeln. Dafür habe zumindest ich ihn als etwas zu normal empfunden.

Trotzdem ein sehenswerter Film mit eindeutigem Wiederanschauwert.