29 März 2006 - 14:11 -- Thanil

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Remember, remember the 5th of november – V wie Vendetta


Manchmal gibt es Filme, die man zugleich hoch loben und verreissen möchte. Zunächst einmal ist "V wie Vendetta" die vielleicht realistischste und glaubwürdigste Comic-Verfilmung, die ich je gesehen habe. Kein Vergleich zu den langen Videospielsequenzen von "Spider-Man" und Konsorten. Es gibt keine abgedrehten, durch Säurebäder und Selbstversuche wahnsinnig gewordene Erzschurken mit Superkräften, und auch der Held ist erstaunlich menschlich, auch wenn man sein Gesicht im Filmverlauf nicht ein einziges Mal sieht. Hinzu kommt, dass man bei "V wie Vendetta" keine Fortsetzung zu befürchten hat. Der Film ist völlig in sich abgeschlossen und schön abgerundet.

Auch bewahrheitete sich nicht meine Erwartung, dass die von den Wachowski-Brüdern produzierte deutsch-britische (!) Co-Produktion seinen Schwerpunkt im Stil, den Effekten und der Action finden würde. Dem war nicht so. Es gab im ganzen Film vielleicht drei kurze Kampfsequenzen, der Rest sind Charaktermomente. Hinzu kommt, dass eigentlich der ganze Film an realen Schauplätzen gedreht wurde und sich daher durchweg "echt" und sehr "europäisch" anfühlt. Es gibt keine Computerwelten, in denen sich die Charaktere bewegen.

Man könnte also sagen: "V wie Vendetta" fehlen alle Merkmale einer typischen Comicverfilmung, und daher sollte und kann man schlichtweg vergessen, dass es sich überhaupt um eine handelt. Er hebt sich somit sehr angenehm von anderen Comicverfilmungen ab.

Hinzu kommt die erstklassige Besetzung: Hugo Weaving als "V", Natalie Portman als Evey, Stephen Fry als homosexueller Showmaster mit viel Charisma und Witz, John Hurt als hetzerischer Großkanzler. Doch im Gegensatz zu der oft nur behaupteten Klasse der Besetzung vergleichbarer Filme, in denen die hochkarätigen Darsteller dann nur verheizt oder als Aushängeschilder oder als bessere Kulissen verwendet werden, schaffen es die Darsteller dieses Films tatsächlich etwas herüberzubringen. Hugo Weaving, der beileibe nicht in allen Szenen eine Rolle spielt, hat trotz Gesichtsmaske eine bemerkenswerte Präsenz, die sich in seiner Gestik und seiner Art der Bewegung sowie in den ausgezeichneten Dialogen ausdrückt. Natalie Portman erschien mir sehr glaubwürdig in ihrer Rolle einer unschuldigen jungen Frau, die gegen ihren ausdrücklichen Willen und trotz mehrfacher Versuche, in ihr altes, unpolitisches Leben zurückzukehren, mit dem amtierenden Regime in einen tödlichen Konflikt gerät. Sie macht im Verlauf des Films eine sehr schmerzhafte Transformation durch, die mir jederzeit glaubwürdig erschien. Sehr erwähnenswert auch die Rolle des ermittelnden Polizeibeamten, der durch seinen Drang, die Wahrheit herauszufinden, letztlich ebenfalls in Konflikt mit seiner Regierung gerät, die ausschließlich auf Lügen, Hass, Angst und Terror gebaut wurde.

Die eigentliche Filmhandlung ist hinreichend komplex und dreht sich um die alten Themen politische Repression, Rachedurst und Gerechtigkeitsdrang. Und hier beginnt meine Kritik: das ganze politische Setting ist im Prinzip ein Rückgriff auf die Nazizeit. Alles kommt einem wohlbekannt vor, und obwohl sich viel Mühe gegeben wurde, die dargestellte Welt des Jahres 2020 glaubwürdig in den aktuellen Kontext des "Kriegs gegen den Terror", den zivilisatorischen Konflikt mit der muslimischen Welt, die Einschränkung der Bürgerrechte und die frappierenden sozialen Ungleichheiten einzuordnen, kann das gewählte Setting meiner Meinung nach nicht vollständig überzeugen. Letztlich wird Geschichte - auch durch den Rückgriff auf Guy Fawkes und den "Gunpowder-Plot" des Jahres 1605 - als zeitloses Ringen von repressiven und freiheitsliebenden Kräften dargestellt. Somit wird natürlich die katholische Verschwörung gegen Jakob I. im frühen 17. Jahrhundert mit dem aktuellen Ringen zwischen amerikanischem Liberalismus und amerikanischem Neo-Konservatismus, und sogar mit dem Kampf gegen die Nazi-Diktatur gleichgesetzt.

Meiner Meinung nach trägt diese Parallele nicht. Bei dem "Gunpowder-Plot" handelte es sich um den "Aufstand" einer katholischen Minderheit gegen den Staatsprotestantismus der Anglikanischen Kirche. Es ging hier nicht um Freiheit im liberalen Sinne dieses Wortes, sondern um religiöse Heilsvorstellungen. Das, was wir heute unter Freiheitskampf verstehen - den Drang nach individuellen Freiheitsrechten, Menschenrechten und all diesen Dingen - war damals völlig unbekannt. Ebenfalls große Unterschiede muss man zwischen der Nazizeit und den heutigen weltanschaulichen Auseinandersetzungen sehen, sonst läuft man Gefahr heutige liberale Ansichten zu zeitlosen Konstanten zu verklären. Ähnliches geschah ja bereits in Monumentalfilmen wie "Gladiator", in denen im Prinzip historisch verbrämt heutige demokratische Ideale gefeiert wurden.

Hinzu gesellt sich, dass "V wie Vendetta" völlig berechtigt Hysterie und Panikmache anprangert, die wiederum dazu verwendet werden, elementare Freiheits- und Menschenrechte einzuschränken. Doch ist "V wie Vendetta" nicht genau Teil medialer Hysterie und Panikmache? Schürt der Film nicht die Angst vor dem Anbruch des "Vierten Reiches", diesmal in globalem Maßstab?

Alles in Allem ist "V wie Vendetta" ein sehr sehenswerter und unterhaltsamer Film, hochaktuell, handwerklich perfektes Kino mit Anspruch. Ich kann nur jedem empfehlen, sich selbst eine Meinung zu bilden!

7,5/10 Dolchen

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