02 April 2006 - 14:27 -- Gimli

,

Antike als Projektionsfläche moderner Ideen


Die letzten Jahre haben uns nach einer langen Dürreperiode wieder einige Historienfilme aus Hollywood beschert, die es tatsächlich schafften diesem schon beinahe todgeglaubten Genre wieder Leben einzuhauchen. Filme wie „Gladiator“ oder „Alexander“, von bekannten Regisseuren umgesetzt, in den Hauptrollen Schauspielgrößen unserer Zeit und mit einem großen Budget ausgestattet, wussten moderne Mittel zu nutzen, um die Menschen mit alten Themen zu fesseln. Und auch wenn die meisten Filme von Historikern stark kritisiert und manchmal so gar kein gutes Haar an ihnen gelassen wurde, so ist der Erfolg der Filme, angefangen bei „Gladiator“, doch nicht zu leugnen. Möglicherweise ist dies aber auch mit ganz anderen Faktoren verbunden.

Natürlich sind die Filme aus historischer Sicht ungenau oder sogar völlig falsch und es gab auch einige Zuschauer, die sich an Modifikationen der Vorlage, wie sie im Film „Troja“ zu finden sind, störten. Doch macht das einen guten Film aus? Scheinbar nur aus der Perspektive der Experten, denn die Millionen Zuschauer störten sich dann doch eher selten daran und auch Filmkritiker sahen meist eher die filmischen Schwächen als die historischen. Andere Kritikpunkte waren antiamerikanischer Natur und versuchten zu ergründen, warum der Gladiator im Römischen Imperium für amerikanische Freiheit kämpft. Und selbst wenn dem so sein sollte, konnten sich immer noch genügend Kinogänger für die neue Generation der Historienfilme begeistern.

Vielleicht hängt es damit zusammen, dass der moderne Historienfilm es wie der alte aus den 50ern und 60ern macht und der Gesellschaft eine Projektionsfläche bietet, für ihre Vorstellungen aber auch für ihre Ängste gegenüber gewissen Entwicklungen. Aber wo der alte Sandalenfilm in monumentaler Weise Heilserwartungen nach einem zerstörerischen Weltkrieg und erst am Anfang eines langen Kalten Krieges zu erfüllen schien, sieht sich der moderne Film gänzlich anderen gesellschaftlichen Grundlagen gegenüber. Die Gesellschaft hat sich verändert, andere Elemente und Ängste sind in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit gerutscht und mit dieser Entwicklung hat sich auch der Film und in diesem speziellen Fall der Historienfilm verändert.

„Gladiator“ bietet da sicherlich nicht die Grundlage für alle Dinge, die den Menschen von heute bewegen, aber zumindest für einen Aspekt. Der Titel des Filmes setzt da schon einen festen Ansatzpunkt, es soll um die Gladiatorenkämpfe gehen. Jedem Zuschauer sind die Bilder aus dem Kolosseum bekannt und sei es nur aus den Asterixbänden. Der Bezug zur Gegenwart scheint im ersten Moment nicht offensichtlich, ist aber klar zu sehen und durchzieht den Film auf langen Strecken wie ein roter Faden.

Die Hauptfigur hat anfangs allerdings nichts mit diesem Milieu zu tun, Maximus ist ein Feldheer, befehligt einige Legionen und steht im engen Kontakt zum Kaiser Marc Aurel. Eine nicht nur aus unserer sondern auch für die damalige Zeit mächtige Position und einer der Senatoren sagt es Maximus auch direkt ins Gesicht, dass er mit einer Armee im Rücken sehr politisch sein könnte, wenn er nur wolle. Doch diese althergebrachten Vorstellungen eines mächtigen Menschen, aus einer reichen Familie kommend und dann eine Führungsrolle einnehmend, gerät schnell ins Wanken. Maximus verliert alles und ist am Ende nicht mehr wert als ein Sklave, der irgendwo in den äußersten Provinzen des Reiches um sein Leben kämpfen soll. Er wird zum Gladiator, zu einer Ware, mit der man handelt und die seinem Besitzer Geld einbringen soll. Schnell wird klar worum es in der Arena geht und dem Kinobesucher wird dabei nichts erspart: Das Blut spritzt, die Kämpfe sind eher Gemetzel denn fairer Wettstreit und auch die Identifikationsfigur Maximus findet keinen Gefallen daran. Und doch, das Publikum ist begeistert, zumindest das in der Arena, das wiederum vom Publikum im Kinosaal beobachtet wird. So ekelt sich der Zuschauer einerseits vor dem Blutbad an sich und dann noch vor dem Publikum in der Arena, das sich an der Gewalt ergötzt. Das Gewissen in dieser nach Gewalt lüsternen Welt ist Maximus. Er beschimpft die Menschen, die ihm zujubeln, und kämpft nur, weil ihm nichts anderes übrig bleibt. Doch gerade dadurch wird er bekannt und sogar berühmt, denn erfolgreiche Gladiatoren ernten Ruhm und davon nicht wenig. Kurz bevor der Film dann nach Rom springt, gibt der Besitzer der Gladiatoren Maximus noch einen guten Rat: Ein Gladiator kann das Publikum für sich gewinnen und durch das Publikum erlangt er eine unvorstellbare Macht.

Im Rom ist inzwischen Commodus an der Macht und versucht die Bürger Roms auf seine Weise von innenpolitischen Problemen abzulenken, indem er Spiele veranstaltet. Wieder kommen die Senatoren zu Wort und wir erfahren „Rom ist der Mob“, und diesen weiß Commodus auf seine Seite zu bringen. Im Kolosseum erfreut er sich mit ihnen am Schauspiel, im Gegensatz zu Maximus. Doch auch dieser hat gelernt und liefert den Bürgern Roms eine Show, die sich gewaschen hat. Konfrontiert mit Commodus rettet ihn auch nur seine Beliebtheit beim Publikum vor dem sicheren Tod. Und der Film zollt dieser Tatsache durchaus Achtung, man merkt, dass es für den Film an sich wichtig ist. Sätze wie „I saw how a slave became more powerfull than the emperor“ oder „he musst kill your name before he can kill you“ verdeutlichen die Bedeutung dieser Präsenz und Beliebtheit Maximus beim Publikum.
Neben den Kämpfen in der Arena erinnert das Leben der Gladiatoren ein wenig an das eines Rockstars. Sie werden von Frauen umgarnt, haben unzählige Fans, die ihre Namen skandieren („Spanier“) oder Wetten abschließen und werden von den Fans mit Größen der Vergangenheit verglichen („Hektor“).
Es folgen noch zwei weitere Kämpfe in der Arena. Der erste endet damit, dass Maximus wieder einmal gewinnt. Das Publikum fordert den Tod des unterlegenen Gegners, Commodus gewährt den Wunsch, doch Maximus widersetzt sich. Fast sofort schwenkt das Publikum in seiner Meinung um und bejubelt den barmherzigen Maximus. Eine weitere Niederlage für den Kaiser.
Der Film endet mit einem Endkampf zwischen Kaiser und Gladiator. Ein undenkbares Ereignis für die Realität des Römischen Reiches und doch schafft Maximus es mit dem entgültigen Sieg in der Öffentlichkeit seine Vorstellung einer römischen Republik durchzusetzen.

Aus historischer Sicht ist dies alles ziemlich haarsträubend. Aber wenn man Vergleiche zu unserer heutigen Gesellschaft zieht ist es doch interessant. Wir haben eine Person, die politisch gescheitert und ganz unten angekommen ist, die es dann aber doch schafft einen Aufstieg hinzulegen, der seinesgleichen sucht. Allein durch seine Beliebtheit beim Publikum schafft er es bis ins Kolosseum und dort den Kaiser herauszufordern. In gewisser Weise ist er ein erfolgreicher Sportler oder, noch etwas mehr abstrahiert, ein Künstler, der im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses steht. Die Medien, und die aus ihr resultierende ständige Präsenz einiger Personen in der Öffentlichkeit, verschaffen diesen Personen eine nicht unerhebliche Macht, die sie sogar gegen führende Politiker und Regierungen einsetzen können. In „Gladiator“ fallen die Medien zwar weg, aber trotzdem beeinflussen bekannte Personen direkt die Meinung der Öffentlichkeit, in diesem Fall die Gladiatoren in der Arena.
Doch das ist noch die positive Sicht. Man kann auch problemlos die leichte Beeinflussbarkeit der Menschen, des „Mobs“, aufzeigen, die nicht nur von den berühmten Gladiatoren sondern auch von der medial ausgerichteten Politik der Politiker bestimmt wird. Der Kaiser besänftigt das Volk mit Spielen, lenkt sie von eigentlich viel wichtigeren Problemen ab. Und Maximus wickelt das Publikum um den kleinen Finger, das absolut nicht über das reflektiert was er sagt oder fordert.

Ein weiterer Ansatzpunkt wurde zwar schon in anderen Filmen aufgegriffen, ist aber auch in „Gladiator“ präsent, besonders im Zusammenhang mit einigen Fernsehsendungen der letzten zwei Jahre. Es ist die Freude am Leiden anderer. In den letzten Jahren konnte man sich im Fernsehen wirklich manchmal fragen wie weit wir noch von der Wiedereinführung von Gladiatorenkämpfen entfernt sind. Auch in diesem Punkt vermittelt der Film keine feststehende Meinung, aber spricht ihn doch an. Maximus, gewissermaßen der Vertreter unserer modernen Welt, prangert die Gladiatorenkämpfe an, der Philosophenkaiser Marc Aurel hat sie verboten und der Bösewicht Commodus führt sie wieder ein und ergötzt sich daran. Doch was ist mit dem Publikum? Im Film ist es eine gesichtslose Masse, die etwas unentschlossen scheint. Auf der einen Seite wollen sie die blutigsten Kämpfe sehen, aber wenn Maximus ihnen Barmherzigkeit vorführt, finden sie auch dies toll. Ist unsere Gesellschaft etwa ebenfalls so? Manchmal macht es diesen Eindruck. Skandalträchtige Shows werden von allen verurteilt und von allen gesehen. Man findet den Krieg grauenvoll und demonstriert gegen ihn und will doch die besten Bilder aus dem heimischen Sessel heraus sehen. Man möchte meinen, dass „Gladiator“ hier nicht einmal etwas Modernes sondern etwas allgemein Menschliches aufgreift.

Es könnte aber auch sein, dass diese menschlichen Wesenszüge erst durch die Möglichkeiten der modernen Medien so stark und auffällig zum Tragen kommen. So ist der Film „Troja“ geprägt von einer individualistischen Geltungssucht, die es sonst wohl nur in unserer heutigen Zeit gibt.

Wolfgang Petersen hebt in „Troja“ durch die Hauptfigur Achilles einen Aspekt der literarischen Vorlage hervor, der in dieser sicher nicht in diesem Ausmaß angelegt war. So wird der Film eingerahmt von den Worten Odysseus, der eingangs die rethorische Frage stellt, ob unsere Taten die Ewigkeit überdauern werden. Eine Frage, die für unsere säkularisierte und sehr auf das Individuum konzentrierte Gesellschaft durchaus von Bedeutung ist. In der ersten Hälfte des Filmes dann ist der einzige Antrieb der Hauptfigur Achilles der Wunsch nach unsterblichem Ruhm. Dieser Wunsch tritt aus jeder seiner Aussagen und jeder seiner Handlungen hervor, schon angefangen bei einem seiner ersten Dialogzeilen. Der kleine Junge, der ihn wecken sollte, meint, dass der gegnerische Krieger viel zu gefährlich sei und er selbst nicht gegen ihn kämpfen würde. Achilles erwidert nur, dass sich deshalb niemand an ihn erinnern würde. Auch der Wunsch in den Krieg gegen Troja zu ziehen wird so eingeleitet. Die Mutter Achilles stellt ihn vor die Wahl: Entweder bleibt er in seiner Heimat, dann würde er mit einer Frau und Kindern glücklich werden und bald vergessen sein, oder aber er nimmt am Krieg teil und sein Name wird unsterblich. Die Entscheidung ist schnell gefallen und bevor der Strand gestürmt wird verkündet Achilles seinen Männern, dass die Unsterblichkeit nur auf sie wartet.

An dieser Stelle zeigt der Film aber auch einen Gegensatz auf. Achilles steht für die moderne Suche nach den großen Taten, den 15 Minuten Ruhm oder gar nach der absoluten Bekanntheit, die den Menschen von heute unsterblich machen soll. Hektor dagegen für ganz andere Werte.
Die beiden Kontrahenten treffen zum ersten mal aufeinander und liefern sich keinen Kampf, weil niemand sehen würde wie Hektor fällt, so Achilles, sondern ein kurzes Wortgefecht. Achilles verkündet großspurig seine Meinung, dass man in 1000 Jahren noch von dem Krieg um Troja sprechen wird, Hektor dagegen stellt realistisch fest, dass sie beide in 1000 Jahren nur noch Staub sein werden. Später bringt Agamemnon noch die Sichtweise ins Spiel, dass man sich nur an Könige, also wirklich bedeutende Personen, erinnern wird.

Säkularisierung und Individualisierung verstärken die Angst vor dem Tod, die Angst davor unbedeutend zu sein und auch so zu sterben. Die Medien unserer Zeit schaffen hier auf vielfältige Weise Abhilfe. Über Bloggs im Internet kann man die Welt an seinem eigenen Leben teilhaben lassen und dadurch bekannt werden. Internetforen ermöglichen jedem anderen ihre Meinung mitzuteilen. Im Fernsehen braucht es nicht viel um 15 Minuten Ruhm zu erlangen. Und gewisse Fernsehshows machen aus vorher völlig unbekannten Personen Stars. Gleichzeitig ist das Guinnesbuch der Weltrekorde ein Zeugnis dafür, dass immer mehr Menschen versuchen durch teilweise abstruse Rekorde unsterblich verewigt zu werden. „Troja“ lässt hier Achilles auf modernen Pfaden wandeln, lässt ihn einen normalen Menschen werden, ohne göttliche Vorfahren, der schlichtweg nicht in Vergessenheit geraten will.
Den Gegensatz bildet Hektor. Er ist der Familienmensch des Filmes, weder so ruhmessüchtig wie Achilles, noch so religiös wie sein Vater oder so jugendlich naiv wie Paris. Hektor hat eine Frau und einen Sohn und ist damit zufrieden, also genau damit, womit Achilles nichts anfangen konnte. Es ist klar, dass hier alte Werte von Familie und einem daraus resultierenden glücklichem Leben propagiert werden und sie werden auch moralisch deutlich über die Werte des ruhmsüchtigen Achilles gestellt. Ein Plädoyer für die alten Werte in Zeiten der Mediengeilheit? Doch Hektor stirbt, erschlagen von Achilles, der sich während des Kampfes noch darum sorgt den Ruhm nicht an einen Stein zu verlieren. Resignation vor der schönen neuen Welt kommt aber ebenfalls nicht auf. Schon kurz darauf bekommen wir den Eindruck vermittelt, dass Achilles seine Meinung geändert hat. Er entscheidet sich für das Glück mit einer Frau und zuvor zeigt er nicht nur Mitgefühl mit Priamos sondern weint sogar über Hektors Leichnam. Und dann stirbt auch er. Eine bittere Ironie, dass gerade diese Tragik ihm den Ruhm beschert, den er schon gar nicht mehr suchte.

„Troja“ setzt keine Maßstäbe was die Neuinterpretation der Ilias angeht und geht streckenweise doch sehr frei mit der Vorlage um, aber der Film versucht andererseits einen recht realistischen Blick auf die in der Vorlage beschriebenen Ereignisse zu werfen. Eng damit verbunden ist die Mythenbildung und durch den Fokus auf der Suche nach Ruhm und der Frage nach der Unsterblichkeit wird der Mythos und seine Rezeption durch die heutige Zeit zum Thema des Filmes. Damit wird der für die Gegenwart wichtige Aspekt hervorgehoben, während andere zurückstecken müssen.


Allein schon dieser kurze Blick aus der Gegenwart heraus auf diese in der Vergangenheit spielenden Filme zeigt auf wie stark wir doch unsere Vorstellungen auf die Vergangenheit projizieren. Amerikanische Freiheitsgedanken, die Macht der Medien, die Suche nach unsterblichem Ruhm – die Antike scheint voll zu sein mit Gedanken unserer Tage. Doch sobald man sich die historischen Fakten bewusst macht, muss einem klar werden, dass hier viel zurechtgebogen wurde, um das Bild der Vergangenheit unserem Blick anzupassen.
So gesehen ist ein Film, auch wenn es ein Historienfilm ist, immer nur Kunst und als solche dem Zeitgeist unterworfen. Doch vielleicht ermöglicht es uns ein Historienfilm die Fragen unserer Zeit aus einer etwas distanzierteren Perspektive zu betrachten und sie somit in neuem Licht zu sehen.