13 Mai 2006 - 15:58 -- Gimli

, ,

Prinzessin Mononoke


Wenn ich sage, dass es ein recht typischer Film für die Ghibli-Studios ist, dürften viele schon wissen wie sich dieser Anime auf der Leinwand anfühlt. Aber noch wahrscheinlicher ist, dass ihn viele sogar kennen.
Zum ersten Mal gesehen habe ich ihn auf RTL 2 - eine Schande den Film an diesen Sender zu verschwenden - und er war sogar relativ ungeschnitten, zumindest im Vergleich zu späteren Ausstrahlungen; ich habe sowieso das Gefühl, dass die Privatsender in den letzten Jahren mehr geschnitten haben als früher. Doch ich schweife ab.
Wikipedia beschreibt diesen Film von Hayao Miyazaki als eine Geschichte über Umweltzerstörung, die bösen Menschen, die friedliche Natur und wie sie am Ende alle einen Weg finden friedlich zusammenzuleben. Klingt wie ein Werbefilm für Greenpeace. Ich sehe das allerdings etwas anders.

Nach dem ersten Sehen dachte ich mir auch, dass es wohl recht deutlich darum geht, wie der Fortschritt die Natur zerstört und es freute mich zu sehen, wie diese sich in Gestalt der Alten Götter wehrt. Aber schon nach dem zweiten mal Anschauen war ich mir unschlüssig, es waren einfach zuviele Grautöne vorhanden.

Um die Handlung kurz zu umreißen, es geht um den jungen Prinzen Ashitaka, Mitglied eines alten japanischen Volkes, der nach dem Kampf mit einem Dämon schwer verwundet auf eine Suche geht, um herauszufinden wo dieser herkam und vielleicht sich selbst zu heilen. In einem uralten Wald trifft er auf Götter, den Waldgott selbst, kleine Geister, ein Wolfsmädchen und viele interessante Charaktäre.

Was er findet mag in erster Linie ein Kampf zwischen Natur und Mensch sein, großartig in Szene gesetzt durch die beiden weiblichen Hauptfiguren San (Mononoke) und Lady Eboshi, die Herrin einer Eisenhütte, die ihr Ringen wohl auch mit einem Kampf auf Leben und Tod zu Ende gebracht hätte, wenn Ashitaka nicht eingegriffen hätte.

Aber zurück zum Anfang.
Etwas Bedrohliches lauert im Wald und schon nach wenigen Minuten bricht es aus diesem hervor und greift ein unschuldiges friedliches Dorf an. Der Prinz greift es nicht sofort an, er respektiert die Alten Götter und auch dieser Dämon kann nicht durch und durch schlecht sein. Irgendwann jedoch bleibt ihm keine Wahl mehr, er tötet den Dämon, auch wenn er dabei am Arm verwundet wird. Doch dann löst sich die Hülle den undefinierbaren Etwas auf und ein großer Eber kommt zum Vorschein, ein Gott. Man zollt ihm Respekt und begräbt ihn. Dabei findet man eine Eisenkugel. Sie muss die Eingeweide des Tieres zerrissen und ihn zu gewaltigem Zorn getrieben haben.


Zorn. Jähzorn. Ungezügeltheit. Hass. Ashitaka wird noch mehr Wesen und Menschen treffen, die von solchen Gefühlen angetrieben werden. Und er allein ist der ruhende Pol, er allein stellt sich auf keine Seite, lässt sich nicht von seinen negativen Gefühlen mitreißen, sondern bekämpft diese. Und dieses Ringen mit sich selbst wird immer wieder verdeutlich in seiner sich ausbreitenden Verwundung, die ganz offensichtlich von Zorn etc. angezogen wird, wie ein Magnet.

Zurück zu den Frauen: San ist eine Naturgewalt, so eng verbunden mit der Natur wie sonst kein Mensch in dieser Geschichte. Und angetrieben wird sie durch blanken Hass, der sie sich in Todesverachtung auf die Lady Eboshi stürzen lässt. Diese wiederum sieht in San die größte Gefahr für ihren großen Traum.
Doch was verteidigen die beiden Frauen eigentlich? San sieht sich dazu auserkoren die Natur zu schützen. Wir sehen diese unberührt, magisch, manchmal in eine Stille getaucht, die beinahe Angst macht. Wunderschön aber doch nicht unsere Welt.
Die Eisenhütte dagegen sieht aus wie ein kleines Industriezentrum, was es ja auch ist. Hochöfen, bewaffnete Wachen, schwarzer Rauch, gerodeter Wald vor den hohen Palisaden. Ja, wir haben hier Fortschritt. Man möchte gar an Tolkien und seine Angst vor diesem Fortschritt denken, grüne Landschaften zerstört durch Fabriken. Aber das verteidigt Eboshi nicht. Sie verteidigt die Schwachen und Unterdrückten dieser Gesellschaft. Um sich geschahrt hat sie Aussätzige und Prostituierte. Sie wehrt sich gegen die Angriffe eines feindlichen Fürsten, dem dieses Frauenregieme scheinbar gar nicht gefällt. Da kämpft das Patriarchat gegen die aufkommende Gleichberechtigung.


Plötzlich steckt man in einer Zwickmühle. Beide Seiten verteidigen hehre Ziele, Sympathieträger gibt es hier wie dort. Was trennt die Lager? Zorn? Hass? Es macht zumindest den Eindruck.

Es kommt zum großen Kampf, die Wildschweine wollen die entscheidene Schlacht, aller Vernunft zum Trotz. Dies ist nicht die friedliche Natur und überhaupt wirken die Alten Götter in keiner Szene friedlich oder gar nett. Sans Mutter sieht man nur mit gefletschten Zähnen, eine gar nicht so unterschwellige Drohung schwingt in jedem ihrer Sätze mit. Die Wildschweine verlieren, werden abgeschlachtet, nur ihr Anführer überlebt; doch langsam ergreift der Zorn Besitz von ihm, auch er wird zum Dämon.

Der Film findet seinen Showdown in der Köpfung des Waldgottes und die Jagd nach dem Kopf. Für einen Moment sehen wir den völligen Verfall. Die Waldgeister sterben zu tausenden, die Bäume sterben in Sekunden, die Natur geht zugrunde. Doch dann findet zumindest der Waldgott zu seiner Macht zurück.



Zorn ist der Auslöser für alles. Und dieser Zorn droht auch alles zu vernichten. "Prinzessin Mononoke" ist kein Film gegen den Fortschritt oder die Industrie oder ein Film für Aussteiger-Kommunen in der Karibik - es ist ein Film, der uns zeigen soll, welche Dinge wir hinter uns lassen sollten und welche nicht; welche Werte überholt sind, aber auch welche Werte erstrebenswert sind, trotz ihrer Modernität.

Die Lady Eboshi verteidigt Werte der Menschlichkeit, der Gleichberechtigung und des technischen Fortschritts. San verteidigt mit einem regelrecht heiligen Zorn die Vergangenheit und die Alten Götter. Bei den Menschen ist der eigentliche Feind der Kaiser und der angreifende Fürst. Sie wollen die neuen Werte von Eboshi unterbinden und die alten Werte zurückbringen. Sie schaffen es auch beinahe, denn im Kampf gegen den Waldgott vergessen die Menschen der Eisenhütte diesen Feind.
San und der Anführer der Wildschweine dagegen erkennen nicht, dass eine neue Zeit angebrochen ist, Sans Mutter dagegen schon. Die Zeit der Alten Götter, der wilden, ungezähmten aber auch rachsüchtigen Götter ist vorbei. Der Mensch muss sich ihnen nicht mehr unterwerfen. Aber er muss die Natur doch respektieren. Der zwischenzeitige Tod des Waldgottes zeigt die schrecklichen Auswirkungen einer völlig zerstörten Umwelt.

Alte Werte, neue Werte, Respekt vor der Natur, aber keine Unterwerfung vor den Alten Göttern, die doch wieder alte Ansichten verkörpern. Wenige Personen im Film erkennen dies, denn der Zorn vernebelt ihren Blick. Sie sehen Gegensätze, sie sehen alte Ordnungen in Auflösung begriffen und suchen ihr Heil in diesen starken Emotionen, um den neuen Weg, Seite an Seite, gar nicht erst suchen zu müssen.

Und der Zorn hat keine Seite weitergebracht, eine wichtige Erkenntnis. Er zerstört, den Feind und einen selbst. Aber er bringt keinen Schritt nach vorn. Ob man alte Ordnungen verteidigt oder neue Ideen durchsetzen will, der Weg kann nicht über Zorn und Hass gehen, denn diese Dinge zerstören Brücken, die wir brauchen, um in einer sich viel zu schnell entwickelnden Welt den richtigen Weg zu finden.