14 Mai 2006 - 16:21 -- Nichtraucher

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Neil Young Live



Nach 3 Tagen Weld-hören rund um die Uhr sag ich mal... sehr geile Mucke smilie

Wie erwähnt kenne ich das meiste bereits in anderen oder ähnlichen Versionen, Überraschungen sind nicht drauf, naja, vielleicht "Blowing in the wind" in der Jimmy-Hendrix-Gedächtnis-Fassung, damit hätte ich nun nicht gerechnet.

Ansonsten eben alles wie man es kennt... ein Katzenkonzert asynchron gestimmter E-Gitarren, der unwechselbar näselnde Gesang des Meisters, endlose Instrumentalphasen, eine Handvoll simpler Melodeien wechseln sich in ewigem Kreislauf ab wie die Jahreszeiten.. ich verstehe, wenn man Neil Young nichts abgewinnen kann.

Wenn jemand Johnny Cash oder Tom Waits nicht mag, wird er von mir auch schon mal zwangsmissioniert, aber bei Young bleib ich locker. Den muss man nicht mögen. Ich weiß manchmal selber nicht, was mir daran so gefällt. Ich glaube, es ist der Klangteppich, der hier gewebt wird. All das Getrümmer formt sich nach und nach auf geradezu wunderbare Weise zu einer dichten Sounddecke, einer Klangglocke, die sich über die Ohren stülpt und alles Böse und Verwerfliche draußen hält, alle Probleme dieser Welt und all den Unsinn. Neil Young ist die beste Musik, die ich kenne, um alles fernzuhalten, mit dem man sich gerade nicht beschäftigen will. Hört man Young, hört man nichts anderes mehr. Muss natürlich ordentlich laut sein, klar. Muss man laut hören. Und obwohl alles so laut und roh ist, ist es nie schnell und aggressiv, immer sehr laid back. Die wahrscheinlich lauteste Entspannungsmusik der Welt smilie

Der Opener rockt natürlich wie Sau, ist auch richtig so, den er heißt ja "Hey hey, my my, rock'n roll will never die" und nicht "While my guitar gently weeps" oder "Der Junge mit der Mundharmonika". Muss rocken, Herr Young zerschlägt mehrere Gitarren auf dem Kopf des ahnungslosen Hörers und legt damit die Grundrichtung fest.

"Crime in the city" ist ziemlich toll. Treibender Beat, und es geht irgendwie um böse Jungs. Solche wie Neil, der schlimme Finger. Dann folgt das erwähnte Dylan-Cover, untermalt von Bomben- und Maschinengewehrgewummse, war wohl auf den Golfkrieg von '91 gemünzt. Wirkt etwas angestaubt, Woodstock kommt in den Sinn, fast schon rührend, ein Rocker, der noch an die politische Kraft des Rock'n rolls glaubt..? Neil Young spielt sowieso immer so, als ob es die letzen 30 Jahre nie gegeben hätte, passt schon. Eine lebende Zeitmaschine, der Mann.

"Welfare mothers" ist ziemlich schräg.. das kannte ich noch nicht. Sechseinhalb Minuten, ziemlich eintönige Melodik, nach viereinhalb Minuten schreien mehrere Leute rum, keine Ahnung.. "I'M HUNGRY!" smilie Dann wird noch etwas weitergeknüpelt. Naja. "Love to burn" ist sehr solide, und das fast zehn Minuten lang. "Cinnamon girl" ist natürlich ganz toll, ein Klassiker smilie

"Mansion on the hill" ist mein Favorit auf dieser Seite des Doppelalbums. Ich liebe es. Das meinte ich mit perfekter Grillmusik - "There's a mansion on the hill, psychedelic music fills the air...", das in einer warmen Sommernacht, ein Bierchen in der Hand, Leute liegen im Halbdunkel auf der Wiese rum, nur ihre Kippen glimmen wie Glühwürmchen... könnte mir stundenlang sowas anhören. Kann ich auch, muss ja nur "Weld" hören :hehe:

Die erste Scheibe schließt mit "Fuckin up", wüst hingerotzt, greift das Gitarrengewitter von "Hey hey my my" nochmal auf, ein schöner Bogenschluss. Man hat einfach das Gefühl, dass es den Jungs auf der Bühne viel Spaß macht, ihre Instrumente zu quälen. Stundenlang geht das so. Tja. Muss man mögen. Neil Young halt smilie



Also... das Grillgut ist verputzt, die Bäuche voll und die Köpfe leer, über die Wiese weht der Duft illegaler Genussgifte und jemand hat die zweite Scheibe der Weld eingelegt. Eine einsame Gitarre leitet "Cortez the killer" ein, einer von Youngs größten Hits, ein großartiges Stück musikalischer Geschichtsklitterung: "Hate was just a legend, war was never known".. naja, ganz so friedlich waren die Azteken dann doch nicht, aber wie gesagt, die Texte von Young sollte man eher poetisch verstehen.

Ach, ein schönes Lied, waber, waber.. smilie Regelrecht harmonisch, unendlich langsam, manchmal scheint es komplett stehenzubleiben, dann treiben es leise grummelnde Gitarren doch wieder voran und Neils hier fast melodisch zu nennende Stimme schraubt sich über die Begleitung. Richtig langer Text auch. Ab Minute sieben schwingen sich die Musikanten zu einem unerwarteten Crescendo auf, um dann alles doch ganz sanft über den Köpfen der Menge ausrollen zu lassen. Hach...

Aber wer jetzt weggenickt ist, wird gleich von "Powderfinger" wieder aufgeweckt, die Moritat über einen jungen Mann, dessen Heim von einem Boot angegriffen wird.. smilie Er muss es verteidigen, mit Daddys rifle, denn er ist der einzige Mann im Haus. Dann kommt das Boot näher, er legt an und BUMM, alles wird schwarz, er ist tot. Oder so. Keine Ahnung. Wurde er erschossen? Hatte er einen Rohrkrepierer? Um was geht's? Um das Schusswaffenproblem? Amerikanische Wagenburgmentalität? Outlaws gegen das Gesetz? Oder macht sich Young einfach nur über doofe Rednecks lustig? Egal, es ist eine kraftvolle Ballade, die irgendwie gefährlich klingt und den Gitarren mal wieder gut zu tun gibt.

Mit "Love and only love" folgt ein waschechtes Liebeslied, es kreist um den zentralen Satz

Love and only love will endure
Hate is everything you think it is
Love and only love will break it down
Love and only love, will break it down

smilie

Viel mehr muss man nicht sagen, wenn man eine E-Gitarre in der Hand hat. Ein schönes, positives Lied mit einem starken Beat. Es geht voran, bläst die Marihuanaschwaden weg und leitet damit direkt über zu "Rockin in the free world", das ich ja leider nicht so mag. Hier aber, in der Liveversion, gewinnt es, der stumpfe Beat wird in der zweiten Hälfte von sich zerfasernden Gitarrencrescendi aufgelockert, das Tempo wird angezogen und dann wird schon mal ausprobiert, wie lange man einen Ton halten kann und solche Sachen :hehe: Ein bißchen kindisch, diese Freude am elektrischen Gerät, aber sympathisch. "Weld" klingt so als ob sie alle nach dem Konzert ihre Gitarren weggeworfen haben, oder vielleicht haben sie auch mit Gitarren gespielt, die eine andere Band vorher weggeworfen hat, schwer zu sagen.

Dumpfes Hubschrauberwummern leitet den längsten, tollsten und größten Lovesong ein, den ich von Young kenne, "Like a hurricane", gigantisch! Eigentlich fußt alles auf einem einzigen Gitarrenriff, aber was für einem! "Once I thought I saw you in a crowded hazy bar.." waahh, Gänsehaut! Neil mag den Song auch, keinem widmet er mehr Zeit. Wieviele Gitarren sind da eigentlich auf der Bühne? Klingt wie ein halbes Dutzend und jede darf mal das Thema durchnudeln. Eigentlich ist es ja ein trauriges Liebeslied, sie ist zwar ganz toll, aber es hat wohl nicht so recht geklappt. Ein Satzfetzen geht mir immer im Kopf rum:

I am just a dreamer,
but you are just a dream,
You could have been
anyone to me.


Irgendwie todtraurig und zugleich trotzig. Nach sieben Minuten rollen dann die Instrumente aus, Rückkopplungen pfeifen über die Bühne, ein Klacken und Klappern im Hintergrund, bauen die Roadies schon ab? Und gerade wenn man seine Decke einrollen und die Bierflaschen einsammeln will, legen sie nochmal los und spielen nochmal sieben Minuten. Verarscht! smilie Gegen Ende bleibt von der elegischen Weise nicht mehr viel übrig, gründlich wird der Song nach allen Regeln der Kunst defragmentiert. Die letzte Minute steht unter dem Motto "Geräusche, die man auch noch mit E-Gitarren machen kann" smilie

Hier folgt ein Hit dem nächsten, die zweite Seite lässt Scheibe eins deutlich hinter sich, jetzt kommt es richtig dicke! "Farmer John", ein kurzer Song, so roh und kantig wie aus einem Holzstamm gehauen, und zwar mit einem Vorschlaghammer. "Tonight's the night", ein weiterer Klassiker, den ich in der Studioversion nicht mehr gut hören kann, irgendwie abgenudelt. Hier aber funkelt er in neuem Glanz, Neil singt (für seine Verhältnisse) punktiert und sauber und wird sehr zurückhaltend begleitet. So ab Minute sechs geht's dann doch wieder zur Sache, klar. Letzter Song des Doppelalbums ist "Roll another number", ich glaub, da geht's um Fußball, kann mich aber auch irren smilie Ein richtiggehendes kleines Country-Liedchen, oder eher Country Trashpunk, wie eine Kritik Youngs Stil mal bezeichnete. Ein Mittwipp-Rhythmus, eine fröhliche Gitarre, sehr sehr entspannter Gesang, jetzt wird alles geraucht, was nicht weglaufen kann smilie



Und so wird man, windelweich geprügelt, aber glücklich und mit debilem Grinsen im Gesicht, vom Meister in die Nacht entlassen. smilie

10 von 10 explodierten Verstärkern