30 Mai 2006 - 23:53 -- parasite

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Parsifal – Und deiner Mutter letzter Gruß, ist dein allererster Kuß.

Bisher war der "Tannhäuser" von Wagner die einzige Oper mit der ich mich in Vinylform ein wenig beschäftigte. Das schien mir irgendwie angebracht, da ich doch den gleichen Namen trage, und der Wagnerbezug mir schon bis jetzt in meinem Leben weltweit als "Icebreaker" in Konversationen dienlich war.

Doch letzten Samstag wurde es ernst.

Der entmannte Klingsor, die spöttische Kundry



Parsifal, der letzte, große Brocken aus Wagners Hirn, wurde in einer erfreulich zugänglichen Inszenierung an der leipziger Oper aufgeführt.

Ein bisschen Anspannung machte sich schon breit bei mir vor der Aufführung. Es ist schliesslich nicht so, dass ich mich hinlänglich mit dem Gralsepos beschäftigt hätte oder ich überhaupt das Libretto der Oper gelesen hätte. Wie würde dieses 150 Jahre alte, fünfeinhalbstündige Werk, wenn überhaupt, auf mein medial hochkonterminiertes, kulturloses Gemüt wirken? Würde ich überhaupt ein Wort verstehen, wenn die dicke Frau singt?

Parsifal kehrt nach langen Irrwegen gealtert und weise mit der geläuterten Kundry zur Gralsgemeinschaft zurück




Die Geschichte Parsifals, des Tors der in die Gralsrittergemeinschaft hineinplatzt und durch sein rein empfundenes Mitleid den verwundeten Amfortas und die zur ewigen Lächerlichkeit verdammte Kundry letzten Endes erlöst und auch den heiligen Speer, den der kastrierte Klingsor mit Hilfe Kundries den Rittern entwendete, wiedererlangt, ist vielleicht bekannt und lehnt sich nur in grobem Maße an Wolfram von Eschenbachs mittelalterlichen Gralsepos "Parzival" an.
Hui, überhaupt, man muss feststellen, das Wagner noch vor Freud, seinen Freud verdammt gut kannte. Man ist direkt überwältigt von dieser bedeutungsschwangeren Symbolik: Klingsor, der sich selbst entmannte - ich vermute um den Verführungsversuchen Kundries zu widerstehen und sie zu unterwerfen - und nun den heiligen Speer, die mächtige Reliquie der Gralsritter stiehlt, wobei er Amfortas ein unstillbare Wunde (Menstruation?!) zufügt, die ihm das auferlegte Ritual zur Enthüllung des Grals zu einer unsäglichen Qual und fast unmöglich macht. (Die anderen Ritter denken nicht daran, ihn in Frieden sterben zu lassen, sie sind vom Gral, der ihr Leben erneuert, abhängig wie von einer Droge. Der krasseste Junkie ist dabei Titurel, Vater von Amfortas, der nicht auf der Bühne vertreten ist und noch aus dem Grabe heraus von seinem Sohn verlangt, dessen Leid zum Trotz, den Gral zu enthüllen.)
Oder Kundry, die Parsifal, der nichts von der Welt weiss, nichtmal seinen eigenen Namen kennt, versucht zu verführen, indem sie seine kindliche Liebe zu seiner Mutter nutzt und versucht sie umzukehren. "Und deiner Mutter letzter Gruß, ist dein allererster Kuß."
Dieser Kuß löst sie dann aus, seine Erweckung, sein Gewahr-werden für das Leid der Anderen. Und aus dem noch ungenauem Gefühl des bloßem Mitleids wird ein konkreter Wille zur Erlösungshilfe für den offensichtlich leidenden Amfortas, wie auch für die tief unglückliche Kundry, die noch nichtmal im Stande ist spottlos über ihr Leid zu klagen.
Im ersten der drei von zwei Pausen unterbrochenen Aufzüge der Oper, der auch der längste ist, wurde das Leid Amfortas bei der Gralsenthüllung so eindringlich vom Sänger, wie auch vom Orchester transportiert, das nicht weit von mir im Publikum ein älterer Herr vermutlich wegen eines Kreislaufzusammenbruchs aus dem Saal geführt werden musste. Da wird mir, dem jungen Spund, auch langsam klar, was er da vor sich erlebt und eine Legitimationshinterfragung dieser doch älteren Kulturleistung kommt gar nicht erst auf.

Kundry, beim Versuch den hin- und hergerissenen Parsifal zu verführen



Ja, ich muss gestehen, ich bin beeindruckt. Die SängerInnen waren deutlich, dennoch habe ich nicht alles verstanden; genauso habe ich von der musikalischen Tiefe, den tausenden, wichtigen Harmoniewechseln nur das wenigste begriffen, nur dieses eine Leitthema und das Glockengeläut beim Einmarsch der Ritter und überhaupt die dynamischen, brachialen Passagen für die Wagner bekannt ist, aber die nur einen kleinen Teil seiner Meisterschaft ausmachen, bleiben mir deutlichst im Gedächtnis verhaften. Das Bühnenbild war auch meisterlich hervorragend. Die Farbgebung war expressiv und doch weich und undeutlich in den Übergängen, die formhafte Ausgestaltung in geometrischer Schlichtheit und Präzision, der Gral war ein rotierender Kristall wechselnder Farbe in einer Röhre von verengenden Kreisen, verdeckt von einer Scheibe chaotisch angeordneter Schriftzeichen (kein Kelch; eher ein Stein wie bei Eschenbach), was die Tiefenillusion perfekt machte. Die Technik machte den optischen Eindruck kongenial zum akkustischen; ich war mir nicht im entferntesten über die gegenwärtigen Möglichkeiten der Ausleuchtung und Formgebung des Bühnenbildes im Klaren....was man aus so simplen Mitteln aus einer einfachen Bühne machen kann, ohne die Menschen darin untergehen zu lassen, ist mehr als verblüffend.
Ähja, man merkt, dass meine Begeisterung etwas ungeordnet ist, aber es ist Begeisterung. Tatsächlich habe ich die Erkenntnis gewonnen, dass auch eine so alte Kunstausdrucksform wie die der Oper in der heutigen Zeit von ihrer Stärke wenig eingebüßt hat, da der Katalog der Ausdrucksmittel sich mit dem technischen Fortschritt weiterentwickelt hat und die Oper, auch wenn sie ungleich langsamer und vielleicht auch handlungsarmer als beispielsweise der Film dasteht, bleibt in ihrer Bedeutung ungebrochen - auch für Leute in meinem Alter.