07 Juni 2006 - 23:11 -- Elessar

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United 93

Ich konnte gestern United 93 geniessen... smilie

Vorsicht: Kritik kann nicht markierte Spoiler enthalten!!!


Meine Einstellung diesem Film gegenüber war, nach dem ich zum ersten Mal von ihm gehört hatte, eher kritisch. Ich fand es unnötig einen Film über 9/11 zu drehen, da ich dachte, dass die Geschichte leicht als Heldenepos, in eine Glorifizierung der Fluggäste, in einen pathetischen Strunz abdriften könnte. (*) Nach dem Trailer und den ersten positiven Kritiken beschloss ich dann doch, mir den Film anzusehen.

Der Film war dann jedoch anders als erst erwartet:

Die Geschichte wird relativ nüchtern erzählt, Paul Greengrass verzichtet vollends auf reisserische, pathetische Elemente. Es gibt einen relativ langen, ruhigen Einstieg in den Film, in dem nicht viel passierte. Es wird das Einchecken der Passagiere, Piloten, die die Wetterkarte studierten, Anweisungen des Kontrollturmes, einfach die letzten Vorbereitungen auf den Flug gezeigt. Nachdem das Flugzeug schliesslich endlich gestartet war, springt die Handlung zwischen mehreren Handlungsorten hin und her: einem Control Tower des Flughafens, auf dem United 93 gestartet ist, einer Bodenstation bei New York und einer Militärbasis. Um das ganze authentischer zu machen, wurden – wie ich in einer anderen Kritik gelesen habe – die originalen Funksprüche zwischen den Crews der Maschinen und der Bodenstation verwendet; allerdings nur in der Originalversion und nicht in der Synchronisation.

Nach einiger Zeit wird den Bodenstationen schliesslich bewusst, dass sie es mit mehr zu tun haben, als mit „normalen“ Flugzeugentführungen. Jemand der Bodenstation sieht plötzlich, wie von einem der Türme des World Trade Centers Rauch aufsteigt, CNN meldet, es sei ein Sportflugzeug in einen der Türme geflogen; den Menschen in der Bodenstation ist jedoch schnell bewusst, dass dies eines der entführten Flugzeuge gewesen sein muss. In diesen Szenen am Boden wird besonders die Hilflosigkeit der zuständigen Behörden, des Militärs und der Flugsicherungsstationen gezeigt. Es gibt keinen, der die endgültigen Entscheidungen trifft und entschliesst, was man gegen die Entführungen unternehmen könnte. Das Militär versucht die Erlaubnis, die Flugzeuge abschiessen zu dürfen, zu erhalten, doch dieser Entscheid darf nur vom Präsidenten getroffen werden, welcher zu dieser Zeit jedoch weit weg in einem Kindergarten hockt.

Hier kommt nun eine ziemlich emotionale Szene, in der ein Fluglotse der Bodenstation bei New York bemerkt, wie plötzlich eine weitere entführte Maschine irgendwo über New York von seinem Radarschirm verschwindet. Die Mitarbeiter blicken fassungslos Richtung Manhattan, wo die eben verschwunden Maschine in raschem Sinkflug in den zweiten Twin Tower kracht.

Im Flug 93 spitzt sich die Lage nun auch zu, da die Terroristen das Flugzeug übernommen haben. Die Passagiere werden in den hinteren Teil des Flugzeuges zurückgedrängt und mit einer Bombenattrappe in Schach gehalten. Nach Telefongesprächen mit Angehörigen am Boden realisieren die Passagiere, dass ihr Flugzeug nicht aus „normalen“ Motiven wie einer Lösegelderpressung entführt worden ist, sondern dass sie Teil eines perfide ausgeführten Terroraktes sind und es für sie kein glückliches Davonkommen gibt. Aus einem Akt der Verzweiflung greifen die Passagiere die Terroristen an, wodurch es nach einem Kampf im Cockpit zum Absturz der Maschine kommt. Diese Szene ist sehr eindrücklich gefilmt: Man sieht weniger das Handgemenge zwischen den Passagieren und den Entführern, sondern viel mehr, wie im Hintergrund der Boden immer näher kommt. Hier endet der Film passend mit einem schwarzen Bildschirm, nüchtern wie der Rest des Filmes; es folgen keine patriotischen Ehrungen der Oper, untermalt mit schwülstiger Musik oder ähnliches. Der Film klingt passend mit kurzen Textblöcken aus.

Der ganze Film wurde – wie auch The Bourne Supremacy, der auch von Paul Greengrass ist – vor allem mit Handkameras gefilmt; auch in ruhigen Szene ist das Bild deshalb etwas verwackelt. Zudem ändert der Kameramann ziemlich oft die Schärfe des Bildes. Da glücklicherweise auf unnötig schnelle Schnittfolgen – wie es neuerdings Mode ist – verzichtet wurde, verliert man trotzdem nie den Überblick und die Geschichte wirkt authentischer, fast dokumentarisch, als ob die Geschichte live aufgenommen wurde. Diese Kameraführung mag einem missfallen, mir hat sie jedoch gefallen.
Trotz oder vielleicht gerade wegen dem trockenen, sachlichen Stil des Filmes, vermag er einen zu berühren. Man kann sich der Emotionalität und Wucht der Geschichte kaum entziehen. Ich habe mich allerdings zu wenig mit diesem Thema beschäftigt, um sagen zu können, was Fiktion und was Realität ist.

Es wurde bewusst auf grosse, bekannte Schauspieler verzichtet, was auch dazu beiträgt, dass der Film sehr dokumentarisch wirkt. Die Schauspieler meistern ihre Sache grossartig, ihr Spiel wirkt jederzeit glaubwürdig. Zudem spielen ziemlich viele reale Personen aus den Bodenstationen im Film sich selbst – und das sogar ziemlich überzeugend.

Fazit: Sehr sehenswertes, nüchternes Zeitdokument, das einen emotional sehr berührt.

9.5 von 10 Punkten

(*) Kritischer bin ich, nachdem ich den Trailer nun auch im Kino gesehen habe, gegen Oliver Stones World Trade Center eingestellt. Der Trailer drückt unglaublich auf die Tränendrüse, oder besser gesagt, er versucht es zumindest. Und zudem sieht Nicolas Cage mit Schnauzer noch blöder aus als sonst. :hehe: