12 Juni 2006 - 00:02 -- Lothiriel

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Rock am Ring 2006 - Teil 2

18.30Uhr: Franz Ferdinand


Franz Ferdinand noch unter den Vorgruppen zu haben ist schon irgendwie sehr dekadent. Mittlerweile ist die Sonne dabei, das Festivalpublikum zu grillen. Uns stört das jetzt zwar nicht so, wir haben ja Sonnencreme, aber die Menschen um uns herum beginnen langsam aber sicher, Farbe anzunehmen. Wir beginnen in der Umbaupause einen fröhlichen Tauschhandel mit der Security am Wellenbrecher, an den wir uns bei den Sportfreunden zurückgezogen haben: Biete Sonnencreme, will Sitzplatz in den Umbaupausen und Zugriff auf die Mineralwasservorräte. Deal!
Dann betreten Franz Ferdinand die Bühne und was soll man sagen? Schon wieder Nadelstreifen! Diesmal in weiß auf einem grünen Hemd. Briten...
Franz Ferdinand setzen da an, wo die Sportis aufgehört haben:

Bei der guten Laune. Der Gitarrist hat sichtlich Spaß daran, daß er mit dem Publikum Deutsch sprechen kann und der Rest der Band dabei fünf Fragezeichen im Gesicht hat. Zur Musik muss man wohl nicht mehr viel sagen, Franz Ferdinand eben, sehr rhythmisch, sehr treibend, witzig. Mir blieb besonders in Erinnerung, als sie zu dritt auf dem Schlagzeug rumgetrommelt haben. Ich frage mich, wie man dabei nicht im geringsten aus dem Takt und sich gegenseitig nicht in die Quere kommt. Sie beenden ihren Gig mit „Do you want to?“ und hinterlassen ein angeheiztes Publikum in Hüpflaune.


20.15Uhr: Placebo


Ich bin ein bißchen skeptisch. Ich mag Placebo wirklich, aber im Sonnenlicht? Nach den Vorgruppen? Wo „Meds“ jetzt auch nicht so das Gute-Laune-Album ist?

Placebo demonstrieren an diesem Tag vor allem eines: Was Perfektion ist. Das beginnt schon beim Umbau, man hat ihnen ganze 25min Zeit gegönnt zum Bühnenumbau und Soundcheck, was machbar, aber eher knapp ist. Ihre Truppe ist 10min vor Auftrittsbeginn fertig, außerdem sind sie so nett, dem Publikum keinen Soundcheck über die Lautsprecher zuzumuten, sie testen nur über's Monitoring und über Kopfhörer, stattdessen laufen auf den großen Monitoren an der Bühnenseite Musikvideos, u.a. Panic! at the Disco und „Down in the past“ von Mando Diao. :daumenhoch:
Punkt 20.15Uhr geht ein Ruck durch die Menge, Placebo betreten die Bühne und machen vom ersten Moment an klar, wer an diesem Tag Herr über die Center Stage ist und daß ab jetzt ein anderer Wind weht. Sie beginnen mit „Infra-Red“, bzw. einem halbminütigen Baß-Schlagzeugintro zu diesem Lied, bevor Brian Molko aus dem Bühnenhintergrund tritt und seinen Racheschwur losläßt.

One more thing before I shuffle off the planet,
I will be the one to make you crawl


Okay, die Ansage ist deutlich. Das ist nicht mein erstes Placebokonzert, aber so aggressiv habe ich sie noch nicht erlebt. Sie sind überhaupt angenehm rockig an diesem Tag, es gibt so gut wie nichts an technischen Effekten, weder im Bühnenbild (da gibt es die Effekte „Licht an“ und „Licht aus“, erkennt man aber auch nur in der Aufzeichnung, live konnte man das nur auf den Monitoren sehen oder wenn man die Augen zusammenkniff und mal ganz konzentriert die Hintergrundbilder anguckte, so hell war es) noch in der Musik, sie haben lediglich einen Keyboarder für die elektronischen Elemente dabei, dafür aber auch noch einen zusätzlichen Gitarristen.
Interessant ist der Vergleich zwischen der Fernsehaufzeichnung, die teilweise auf den Monitoren lief, und live. Für die Kameras hatten wir offenbar ein wunderbares Abendrot und einen traumhaften Sonnenuntergang, in der Realität war der Himmel hinter der Bühne noch richtig blau, wie man in einigen Einstellungen sieht, und in der anderen Richtung war es einfach hell. So hell, daß keine Kamera den Himmel direkt in diese Richtung filmte. Das, was da als Abendrot vorgegaukelt wird, sind einfach abgeschwächte Strahlen der tiefstehenden Abendsonne, die aus dem Schatten der Bühne gefilmt wurden. Ihr kennt doch sicher auch abends dieses gelbe Licht, daß noch so ein bißchen durch die Fenster scheint?
Vom Klang her ist die Aufnahme ebenfalls merkwürdig zu hören, da er direkt von der Anlage abgegriffen wurde, aber offensichtlich nicht für eine Aufnahme, sondern zur Beschallung eines riesigen Geländes ausgesteuert war, live klang es extrem gut, auf der Aufnahme teilweise ziemlich fiepsig bei den elektronischen Elementen und Molkos Stimme hatte live auch mehr Tiefe, das klang satter.
Nach „Infra-Red“ geht es weiter mit „Meds“, „Because I Want You“ und „Drag“, dann kommt eine doch etwas lasziv geratene Performance von „Space Monkey“. Auf der CD ist das das Lied, das ich immer weiterzappe, aber live... *rotwerd* “...raising the temperature 100 degrees...“
Es folgen „Special Needs“ und „Post Blue“, einer meiner Favoriten auf dem aktuellen Album. Es ist ja auf der CD schon sehr eingängig, live verwandelt es das Festivalgelände in einen regelrechten Hexenkessel, auch der Herr Molko scheint seinen Spaß zu haben, ich habe ihn noch nie so viel hüpfen sehen. Es kommen noch der „Song To Say Goodbye“ und „Follow The Cops Back Home“ vom aktuellen Album, dann widmen sie sich den Klassikern: „Every You, Every Me“ kennt wohl jeder im Publikum, der Mitbrüllfrequenz nach zu urteilen, dann „Black-Eyed“, Molko gibt sich die Bad-Guy-Nummer sehr überzeugend mit einem Hauch von Selbstironie. Die nächsten Lieder sind „One Of A Kind“ (nicht alt, sondern neu, paßt aber gut in die Reihe), „The Bitter End“ und „Twenty Years“, dann folgen schon die Zugaben: Das Kate-Bush-Cover „Running Up That Hill“, „Special K“, geht gut ab, und mit „Nancy Boy“ noch ein Ausflug in die Anfänge von Placebo.
Alles in allem ein sehr runder Gig, Placebo in Bestform, mit einer Band, die gewaltig nach vorne spielt und einem Frontmann, der nicht umsonst als einer der charismatischsten im Rockbusiness gilt und sein Publikum komplett im Griff hat. Es war sehr faszinierend zu beobachten, wie gekonnt er auf dem schmalen Grat zwischen eigenem Seelenstriptease und Hingabe ans Publikum und totaler Kontrolle von selbigem balancierte, ich konnte nur noch staunen, als er in einem Instrumentalpart mitten auf der Bühne stand, dem Publikum zusah, dann langsam anfing, ganz leicht mit dem Kopf zu nicken (wenn er den Kopf dabei 5mm bewegt hat, dann ist das großzügig geschätzt), sonst völlig regungslos blieb, und 70.000 Menschen sprangen im Takt. Wahnsinn!

Modisch gab's übrigens auch hier die Nadelstreifen, aber kein weißes Hemd zwischen Weste und Hose, sondern einen weißen Gürtel. Clever, der verrutscht auch nicht.


22.20Uhr: Depeche Mode


Der Headliner. Zumindest offiziell.
Kurzfassung: Die Bühnenshow war fantastisch, der Funke sprang jedoch nicht über, sie haben mehr für die Fernsehkameras gespielt als für das Publikum vor Ort, bei „I Feel You“ und „Personal Jesus“ ging das Publikum zwar trotzdem ab, richtig Stimmung kam aber zumindest da, wo ich stand, nicht auf, gegenüber Placebo fielen sie deutlich ab, aber die Projektionen von Corbijn sahen klasse aus. Der Sound war offenbar auch eher für's Fernsehen gedacht, eine weltweite Ausstrahlung ist wohl wichtiger als die Leute, die gerade vor der Bühne stehen. In Fernsehen muss es auch fantastisch gewesen sein.


0.10Uhr: Bela B.



Bela hat sich auf der Alternastage Nachtclubatmosphäre geschaffen, mit rotem Samtvorhang und leicht bekleideten Tänzerinnen. In einem Anfall von Größenwahnsinn schallen Bela-Sprechchöre aus den Lautsprechern, er ist ein bißchen verwirrt, daß doch so viele Leute hingefunden haben, schließlich ist er der Allerletzte auf dem Festival, er findet's toll, ein Rockstar zu sein und so viele Frauen um sich zu haben, lacht sich über sich selber kaputt, weil er öfter mal patzt und hat einfach seinen Spaß mit seiner eigenen Party. Es gibt – wie auch auf seiner CD – bei „1., 2., 3.“ einen Gastauftritt von Charlotte Roche. Die ist auf der CD schon lustig, aber wenn dann auch noch die Optik dazu kommt... Was hat er ihr geboten, damit sie in babyblauer Hotpants auf die Bühne tritt und einen auf albernes Girly macht? Bela ist jedenfalls witzig, es hat sich gelohnt, bis zum bitteren Ende zu bleiben.