28 Juni 2006 - 00:25 -- kpm

, , ,

Gegendarstellung: Southside.

Fr
Morgens noch in der Schule gewesen, danach überraschend zielsicher alle Züge und Schienenersatzverkehre gefunden und richtig benutzt, sogar der Shuttlebus kam pünktlich und unüberfüllt. Dann noch ausführlich mit dem Typen verpasst, der von den anderen ausgeschickt wurde, um meine Freundin und mich zu holen - trotzdem irgendwann nur wenige Stunden später als geplant auf dem Campingplatz angekommen, wo unser Zelt dankenswerterweise schon inkompetent, aber fertig aufgebaut war. Dann erstmal noch ein bisschen mit den anderen 20 oder so schönen Indie-Mädchen und schönen Indie-Jungs unter dem Pavillon rumhängen.
Um 7 Uhr wollte ich eigentlich die lieben, netten und freundlichen Death Cab for Cutie ansehen, ließ mich dann aber doch in Richtung Mando Diao überzeugen. Die traten zwar nicht wie sonst so gern gesehen in Unterhemden auf, sahen aber dennoch bestens aus und die Menge wusste den schönen skandinavischen Indiemafiarock sehr zu schätzen.

Wir gingen aber natürlich schon vor Schluss, weil ich mit einer Freundin den Plan einzuhalten hatte, bei Adam Green in der ersten Reihe zu stehen, um bei "Bunnyranch" auf die Bühne geholt zu werden, wie Bella und ich das auf dem Frequency gesehen hatten. Wurden wir zwar nicht, genossen aber trotzdem sehr die uns etwas peinliche 1-Reihe-Position direkt vor einem Adam Green in betrunkener Bestform (also Adam, wir noch nicht). Ganz ganz ganz ganz ganz großartig. Statt uns durfte dann ein noch betrunkenerer Mensch auf die Bühne, um den "Hey Dude"-Part von "Hey Dude" zu singen.
Weil das Freitags-Line-Up viel zu gut war, mussten wir gleich nach dem letzten Ton rüber zu den Hives rennen, um noch die Hälfte des Auftritts zu sehen. Die Hives ausnahmsweise mal nicht in Markenzeichen-Weiß, sondern Schwarz mit weißen Hosenträgern. Die schwedischen Bands dieses Festivals sahen im internationalen Vergleich im Schnitt garantiert am wooohoooosten aus. Wow! Die Musik und How-are-youuu-Hurricaneeee???-no-wait-on-which-one-are-we-Rockstarscheiße zieht natürlich auch wie immer und es ging sehr sehr ab. Zum Glück war der Bodenbelag zu diesem Zeitpunkt noch nicht zu Staub zerfallen, sodass man noch atmen konnte.
Element of Crime zu verpassen tat mir sehr leid, aber die STROKES lieferten den stilvollsten Auftritt des Abends mit geradezu stylischer Abgefucktheit. Herr Julian "Bei dem Namen braucht man echt keinen Künstlernamen mehr" Casablancas sah irrsinnig mitgenommen und dennoch umwerfend aus, brachte bei den Ansagen seine eigenen Songs durcheinander, die sie dann aber spielten wie Rockgötter.
Von 0:30 bis 2:00 spielten Sigur Ros. Wahnsinns-Konzertanfang, Wahnsinns-Konzertende (bei dem nur noch ein Bruchteil der Anfangs-Menge da war, und alle saßen) und dazwischen anderthalb Stunden Unglaublichkeit. Darüber kann ich wirklich gar nicht schreiben. Später meinte so ein völlig fertiger Rocktyp "So... viele... EMOTIONEN... hab ich noch nie... VERSPÜRT... uahhhh..." !


Sa
Erst bin ich vor Kälte alle paar Minuten aufgewacht, bis es dann um 8 Uhr schlagartig wieder 30° im Schatten und 30.000° im Zelt waren. Kotzen?, nicht kotzen?, kotzen?, nicht kotzen?... draußen ging's dann doch wieder. Aber nicht nur an den Duschen, sondern sogar an den Dixies kilometerlange Schlangen. Wir hingen bei den Nachbarn rum, die mit ihrer 3-Pavillons-Konstruktion etwas mehr Schatten hatten als wir, wo wir versuchten, unsere Milchbrötchen und kalten Ravioli runterzukriegen, was dann aber naturgemäß zu einem Alkoholfrühstück entgleiste. In Kombination mit der Hitze und dem Schlafmangel wurde es dann aber schon am zweiten Tag sehr schnell sehr hart und nach dem Duschen legte ich mich in die Sonne zum Pennen, weil die Zelte unerträglich und die Pavillonschatten mehr als überfüllt waren, von wo mich aber nach ner Stunde einer wegtrug, weil er zu Recht meinte, das wäre aggressiv für die Haut. Als wir danach noch aus Mangel an Intelligenz Ewigkeiten in der Sonne zwischen albernen Ständen rumliefen, weil eine Freundin sich Schmuck kaufen wollte, war ich glaub ich näher an einem Hitzeschlag als jemals zuvor. Während ich immer auf dem Boden wartete, bis sie fertig war, kamen immer besorgte Leute und fragten, ob alles okay sei.

Nachmittags sahen wir uns The Gossip (im ZELT! Die Gluthitzenhölle) an, die sehr sehr klasse waren und später die Eagles of Death Metal, die ich früher immer für eine - haha - Death-Metal-Band hielt, die aber sehr klassischen Garagenrock spielen mit sehr klassischer Rockstararroganz dazwischen und sehr vielen Ansprachen an, and now, the laaadieees.
Zurück zum Zeltplatz, wo im Allgemeinen versucht wurde, durch nasse Einkaufstaschen auf dem Kopf und Bier am Leben zu bleiben, was so mittelmäßig funktionierte. Interessant war es, von dort aus die beiden Tore, die Deutschland schoss, zu hören. Keine Ahnung, wo das überhaupt übertragen wurde, aber die 10.000 Leute dort übertrugen uns wiederum akustisch jedes Spielereignis. Überhaupt übertönten oft Fußballsprechchöre und fast Non-Stop-Singen von 54, 74, 90, 2006 (obwohl die Sportfreunde nicht mal da waren) die gesamte restliche Hintergrundgeräuschkulisse.
Dann also zu Wir sind Helden, die sehr sehr nett waren und sogar "Why Can't I Be You" von The Cure coverten, und zwar wirklich gekonnt, super!!
Danach: Muse. WAHNSINN. An Stil nicht zu überbieten. Ihnen beim Spielen der Instrumente nur zuzusehen war ekastatisch. Schade nur, dass nach dem Tag zu dem Zeitpunkt nicht mehr so viel Energie übrig war, wie angemessen gewesen wäre, aber trotzdem der ideale Abschluss.


So
Am Sonntag hab ich zum Glück sehr viel besser geschlafen (trotz zig Spinnen und anderen Tieren im Zelt), vielleicht weil ich noch sehr viel kaputter war. Es war trotzdem absolut unmöglich, länger als bis acht im Zelt zu bleiben. Am Abend zuvor hatten schon riesige, bedrohliche Wolkenmassen unsere Hoffnungen geweckt, die waren morgens aber zu Gunsten der üblichen 30 Grad restlos verschwunden. Die wichtigste Diskussion des Tages war, ob Sonnencreme auf schon passiertem Sonnenbrand schadet, hilft oder einfach wirkungslos bleibt. Und Sonnenbrände waren sehr ausgiebig passiert. Die Menschen an der Trinkwasserstelle drehten komplett durch; nass ist gar kein Ausdruck für den (angenehmen) Zustand, in dem man da wieder rauskam, wenn überhaupt - nach spätestens 15 Minuten waren aber alle Klamotten wieder komplett trocken. Die Videoleinwände zeigten Warnungen, dass die Wasserversorgung der gesamten Umgebung bedroht sei und man sich bitte auf das Nötigste beschränken solle. Am deutlichsten war der Ernst der Lage aber daran zu erkennen, wie viele Menschen an den Beck's-Ständen Cola und Wasser bestellten, ich hab am Sonntag kaum noch jemand ein Bier kaufen sehen. Das ging bis zu verzweifelten "TAUSCHE BIER GEGEN WASSER!!"-Aktionen. Den Plan, uns Wallis Bird anzusehen, wurde schnell verworfen, obwohl jemand irgendwann jemanden getroffen hatte, der sie kannte oder so ähnlich, und jedenfalls meinte, sie habe bei einem Unfall ihre Finger verloren, die alle bis auf einen wieder angenäht wurden, weswegen sie jetzt umgekehrte Rechtshändergitarre spielt.
Meine Milchbrötchen waren von Fremden aufgegessen worden, aber es war echt schwierig, überhaupt was zu essen ausser Eis. Manche leerten aber doch schon tapfer ihre letzten rohen, aber warmen 5-Minuten-Terrinen.

Um drei schleppten wir uns zu den Raconteurs. Ich sah Jack White zum ersten Mal nicht in White-Stripes-Farben! Und obwohl er in Interviews immer betont, dass alle Bandmitglieder gleichberechtigt sind, war alles doch ziemlich auf ihn ausgerichtet und ansonsten großartig. Alle beschlossen danach, sich das Album zu kaufen oder sogar extra einen Plattenspieler, um die zunächst nur auf Vinyl erschienene Single abspielen zu können.
Zu den Arctic Monkeys kamen wir zu spät, um weit genug vorne zu stehen, weil es ziemlich gedauert hatte, die völlig kaputt rumliegenden Menschen (uns) zu mobilisieren. Immerhin standen wir so aber noch in dem Bereich des Bodens, der noch intakt und nicht purer Staub war; die sich vor uns erhebenden Staubwolken waren dann recht hübsch anzusehen und betrafen unsere Lungen nicht. Die gebrochen-deutschen Ansagen mit wunderhübschem Akzent machten wieder wett, dass die Hives sich leider diesmal aufs Englische beschränkt hatten. Die Band ist tatsächlich sehr jung und, man muss es fast sagen, sehr süß. Wie erwartet auch super Musik, super Konzert.

Vor Tomte musste noch eine Weile lang rumtelefoniert werden, um alle aufzusammeln, die inzwischen so fertig und verpeilt sind, dass sie alle und alles verloren haben. Seeed zogen währenddessen die noch bewegungsfähigen Teile der Massen zur grünen Bühne und wir konnten nun so richtig nach vorne in den Staub. Inzwischen waren die bedrohlichen Wolken vom Vortag wieder da und Thees Uhlmann idenzifizierte sie als "Zorn der Plattenindustrie", als er auf die Bühne trat und zeigte ihnen the fuck off gesture. Nach drei HERRLICHEN Liedern mit wundervollem Publikum und wundervoller Band zeigte sich, dass die Wolken sich nicht off fuckten, sondern losbrachen, erst mit gemäßigtem Tröpfeln, das alle zum einem jubelnden Ausrasten brachte, gegen das der Fußballsieg wirklich NICHTS war, und dann mit einem spontanen Orkan, der die rechte Videoleinwand ablöste und hin- und herwehte, die gesamte Bühnendeko abriss und die Technik ausstöpselte, sodass Tomte ihr drittes Lied noch ohne funktionsunfähig gemachten Bass spielten und mit den Worten "Wir gehn mal die Lage checken!" die Bühne verließen, um nicht mehr wiederzukommen. Da Tomte-Fans ja von Natur aus optimistisch sind, blieben wir noch mit ihnen 15 Minuten stehen, um ihren beeindruckenden "WIR WOLLEN TOMTE SEHEN!", "NUR WEGEN TOMTE FAHREN WIR HIERHER!" und "WEITERSPIEEEELN!" (nachdem wirklich alles von der Bühne runtergetragen worde nwar) zuzuhören, bis wir dann in großer Sorge um unsere Sachen durch massenpanische Menschen und herumfliegende Zelte und Pavillons zum Campingplatz zurückkehrten. Beim Abbauen haben wir vermutlich alle Rekorde gebrochen. Nur einer traute sich zu übernachten, was wir eigentlich auch vorhatten.

Von außerhalb des Festivalgeländes konnten wir dann noch Tomtes "Ich sang die ganze Zeit von dir" hören, das sie vor der Maximo-Park-Kulisse noch als Nachtrag spielen durften, und ich brach mit den vier verpeiltesten (und sehr wunderbaren) Leuten der Welt nach Hause auf. Das Festivalgelände hatten wir um ca. acht verlassen und waren dann mit sehr viel mehr Glück als Verstand bzw. Zurechnungsfähigkeit mit Bus, Zug, Taxi und Auto um halb zwei daheim (an sich: weniger als 100 km). Von der Zeit entfiel aber auch einiges aufs vollkommen verplante tatenlose Rumstehen und Einkaufen von Süßigkeiten am Automaten, während uns die Züge buchstäblich vor der Nase wegfuhren. Gehörte aber mit zum Besten am Festival.
...Daheim beim Duschen dann erst gemerkt, was alles weh tut.