31 August 2006 - 16:10 -- Ramujan

Die kleine Seifenblase


Huhu! Hallo, da hinten! Hier schwebt die Musik. Ich interferiere. Ach, wir kennen uns noch gar nicht? Um mich vorzustellen: Bin Seifenblase. Wurde in einem Ring geboren, oder besser: Aus einem Ring gepustet. Hallo! Gestatten, angenehm. Auch ich habe die Ehre.

Und nun schwebe ich hier zusammen mit meinen Brüdern - oder mit meinen Schwestern, so genau lässt sich das nicht sagen; ein Drittel Luft, ein Drittel Seifenwasser, ein Drittel Mundgeruch. Vielleicht sollte ich erwähnen, teils der Information wegen, teils aufgrund der Freude, die angeben bereitet, dass ich aus einem dünnen, bipolaren Wasserfilm bestehe; innen und außen klammern sich Seifenmoleküle an der Membran, zur Kugel gekrümmt: hydrophiles Carboxylat, hydrophober Alkylrest. O, wir singen Lieder der Vergänglichkeit.

Woher ich das weiß? Dumme Frage, ich kann schließlich auch sprechen.

Hallo? Na? Hallo! Warum schaut denn niemand?

„Du bist zu kla-ha-hain“, interferiert eins meiner Geschwisterblasen und schwebt an mir vorbei.

„Zu kla-hein. Kla-hein. Kla-hein“, interferieren drei weitere Seifenblasen im Chor und überholen mich ebenfalls.

„Klein. Ha-hein.“ Die nächste. Ja, wo bin ich denn hier? In der Oper?

„Im Ba-aa-lett.“

Und da geht der Tanz tatsächlich los: Wenn die Vorstellung noch nicht angefangen hat, dann tut sie es jetzt. Seifenblasen umkreisen mich; sie wirbeln; sie gleiten auf Wellen aus Luft - große und kleine und noch größere und ich die kleinste.

„La-Lala. Lalalalalala“, singen meine Geschwister und ich versuche, ihnen zu folgen.

Nun wartet doch mal, interferiere ich. Will mitmachen, bin nicht so schnell. Hey, du da ... Ein Lufthauch ergreift Besitz von mir und zieht mich mit – in die Tiefe des Raums, einer dicklichen Blase hinterher, die rot und violett und grünlich schimmert. Sie dreht sich in einen – und nun: in einem – Lichtstrahl. Dreht sich um. Leuchtet. „Laaaa-laa ...“, singt sie und kreist den Lichtsprenkeln einer Wand entgegen. Dann platzt die Blase und löst sich auf in Seifengeruch.

Nun ja, das kann ja jedem Mal passieren.

Ich wende mich um, der Hauch trägt mich fort. Die Geschwister tänzeln im Raum verteilt. Ihre Musik wird leiser. Eine mittelgroße Blase gerät ins Blättergewimmel einer Yucca-Palme und kommt auf der anderen Seite der Flora nicht wieder hervor, eine weitere verschwindet im Maul eines Stoffkrokodils. Die Tenside rutschen nach unten und ziehen weitere Blasen auf links und in die Endlichkeit.

„La-la-la-la-la“ - nur noch vereinzelte Stimmchen, wenige Farben. Der Lufthauch hält mich in der Schwebe. Unter mir fallen die letzten Geschwister in den Teppich wie zu üppig geratene Sommerregentropfen; sie verlöschen wie Funken. Aus und vorbei. Die Musik wird zur Stille.

Hallo? Sieht mich jetzt jemand? Nur noch ich! Schaut her. Ich bin allein. Niemand mehr da, den man sonst noch betrachten könnte. Hallo! Nun guckt schon her, gleich ist alles vorbei. Hier bin ich, betrachtet mich. Schaut her, ich interferiere.

Bin so klein. Der Lufthauch kommt zurück, durch das Fenster oder die Tür, ich weiß es nicht. Er lässt die Blätter der Yucca-Palme erzittern, fährt durch das offene Maul des Krokodils und reisst mich ins Licht, in die Sonne, zu den Sprenkeln an der Wand. Mein Leben zieht wie ein Seifenfilm an mir vorüber: Der Ring, das Pusten, die Geschwister. Alles ist da.

Ja? Hallo? Nun guckt doch endlich. Das ist eure letzte Gelegenheit. Hallo? Hallo? Gleich, gleich ist alles zu Ende. Guckt doch. Jetzt.


Für Nimmermeer, ohne die es diese Geschichte
nicht gäbe, und für meine Eltern, ohne
die es mich nicht gäbe.