27 September 2006 - 21:50 -- Nichtraucher

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Notes from the Heart of Darkness

Ergebnisse einer näheren Beschäftigung mit einer seltsamen Musik


Hank WilliamsHank Williams

Der Übervater der Countryszene, der Mann, der den Hillbilly in den 40ern aus den Holzfällerhütten in die gute Stube der Nation brachte. Er mixte die schwerfällige Hinterwäldlermusik mit Jazz- und Swingelementen, wie sie die populäre Musik der Zeit bestimmten und brachte den Country zum Schwingen. Er trug gerne stylische Anzüge, hatte einen jungenhaften, Errol-Flynn-artigen Charme, die Damen schmolzen dahin, auch wegen seiner sorgfältig gepflegten Attitüde des "sad and lonsesome Cowboys". Seit Hank Williams darf ein Countrysänger auch mal weinen. Dass sie das seitdem andauernd machen, ist natürlich die Kehrseite der Medaille. Er wurde furchtbar berühmt, lebte auf der Überholspur und erfand den Rock'n Roll-Tod als er mit 29 Jahren an Drogen-, Pillen- und Alkoholmissbrauch titanischen Ausmaßes starb und so zur sakrosankten Legende wurde. Der Kurt-Cobain des Country smilie

Die Mucke hat was, auch wenn die Aufnahmen alle reichlich verrauscht sind. Aber gerade das hat auch wieder Charme. Sein swingender Stil verströmt den Zeitgeist einer vergangenen Epoche und erinnert mich manchmal etwas an die "Comedian Harmonists" und andere Größen der Vorkriegszeit. Sehr gepflegter und technicolortauglicher Salo(o)n-Country.


Doc and Merle WatsonDoc and Merle Watson

Meine persönlichen Favoriten, Vater und Sohn. Doc Watson ist ein Urgestein und zupft den Bluegrass seit den frühen 50ern. Er ist übrigens seit seiner Kindheit blind, wie romantisch, der blinde Barde des amerikanischen Folks. Seine Liebe gilt der Musik der kleinen Leute östlich des Mississippi, der Holzfäller, Köhler und Kleinbauern der Appalachen und der Baumwollpflücker am großen Fluss. Bluegrass, Hillbilly, Folk-Blues, Mountain Music.. die Musik aus den ländlichen Regionen von Kentucky, Tennesse und den Mississippi runter bis Louisiana. Hat noch nicht viel zu tun mit dem Westernstil, den Nashville geprägt hat. Riesige Gürtelschnallen, Cowboyhüte, Sporen und Helden, die in den Sonnenuntergang reiten, sucht man hier vergebens, wahrscheinlich waren die Hillbillys schlicht zu arm für ein Pferd.

Ich mag die Musik, sie zeigt noch Spuren der irischen und schottischen Einwanderer und deutliche Einflüsse der Schwarzen des Südens, eine interessante Mischung. Der Kitsch des Westernstils fehlt, es geht um Wanderarbeiter, Armut, Hunger, Tod und Naturkatastrophen, so richtig gutgelaunte Volksmusik eben. Technisch beeindruckend ist die unglaubliche Geschwindigkeit, mit der gezupft wird, wahre Fingerbrecherstücke. Dazwischen gibt es aber auch düstere Bluesstücke, in der die rauchige Stimme dominiert. Doc Watson musizierte mit seinem Sohn Merle viele Jahre lang, bis Merle tragisch, aber stilecht mit einem Trecker tödlich verunglückte. Jetzt sitzt der blinde alte Mann allein zuhause und zupft die Gitarre.. smilie

Fazit: Country für Leute, die Country nicht mögen, aber schon mal ganz gerne die Dubliners hören.


Ralph StanleyRalph Stanley

Noch so ein Urgestein: geschätzte 120 Jahre alt, macht Musik, seit er eine Gitarre halten kann. Sein Stil fängt da an, wo der von Doc und Merle Watson endet. Deutliche Bluegrass-Wurzeln, aber mehr Einfluss des Südens und Westens. Einige Sachen sind waschechter Country, wie man ihn sich hierzulande vorstellt, Cowboymusik mit weinerlichen Gitarren und Lagerfeuerromatik, aber viele Stücke sind auch so bluesig und schwer wie der große Fluss selber. Hier gibt es den herrlichen mehrstimmigen Männergesang, den man von den "Soggy bottom boys" aus "O brother where art thou" kennt, zu dessen Soundtrack Ralph Stanley auch zwei Stücke beisteuerte. Kraftvoller Südstaaten-Folk, Musik wie aus einer "Southern Comfort"-Werbung. Einige Stücke werden a capella gesungen, in bester schwarzer Gospeltradition. Tolle und reichlich kaputte Stimme auch smilie

Musik, um auf der Veranda einen Bourbon auf Eis zu schlürfen und den Motten beim in der Lampe verzischen zuzuschauen.


Merle HaggardMerle Haggard

Ein Superstar der Szene, wird oft mit Johnny Cash verglichen. Alt und verknittert, mit mehr Number 1-Hits als Johnny, gilt als unantastbar. Anders als Johnny war Haggard auch wirklich im Knast und hat nicht nur davon gesungen, sieben Jahre saß er insgesamt wegen unterschiedlicher Delikte und hörte 1969 in San Quentin Cashs legendären Auftritt, was ihn endgültig davon überzeugte, Musiker zu werden. Sein Leben war nicht leicht, aber der Musik hört man das nicht unbedingt an. Er macht beschwingten, sehr sehr cowboylastigen akustischen Nashville-Country auf hohem Nivau. Aber, ganz ehrlich, ist mir schon zuviel Western-Style, zuviel von dem, was ich am Country zumeist ziemlich furchtbar finde: Gejodel, Steel guitars, weinerliche Texte und God-owns-country-Rhetorik. Sein größter Hit war dann auch auch "Oki from Muskogee", ein Anti-Hippie-Spottlied, das zur Redneck-Hymne der Vietman-Ära wurde. Ich befürchte, er ist ein reaktionärer Hund. Man muss ihm aber zugute halten, dass seine Arrangements vielseitig und technisch perfekt sind, keine Überinstrumentierung wie in Nashville so gerne gemacht, keine Backgroundheulbojen und reingesampelte Streichorchester, alles ehrlich handgemacht. Wenn schon Cowboymucke, dann Merle Haggard. Kann ich mir aber nur anhören, wenn ich ein wenig leiden will, ist schon grenzwertig.

Irgendwie hangele ich mich beim Country immer so am Rand entlang, finde meine Favoriten dort, wo es noch nicht so "richtiger Country" ist, jeder Schritt hin ins Zentrum kann ein Schritt zuviel sein und furchtbare Ausgeburten musikalischer Vorhöllen zu Tage fördern smilie Ein vorsichtiges Jonglieren am Abgrund sozusagen. Ich fühl mich etwas wie bei diesen Jahrmarktspielen, wo man einen Ring durch eine Spirale manövrieren muss und wenn man das Metall berührt, trötet es und man hat verloren.. Wie seltsam diese Szene ist, zeigt, dass mir Amazon zuletzt "Hero for Today" von der "US Army Band & Chorus" als Kauftipp angeboten hat.. smilie o shit.