29 September 2006 - 00:01 -- kpm

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...Momente wie Geschenke, wie Getränke mit Grenadine und Alkohol.

Spätsommersonnenstrahlen scheinen auf freundliche Tiere und freundliche Menschen, die selbstgemachtes Eis zu kaltem Bier und wundervoller Musik essen - was klingt wie eine verkappte Kitsch-Fantasie oder wie ein vermutlich ganz schlechter Anfang für jeglichen Text, ist manchmal einfach nur wahr.

Verträumte Schallplatten



... viele kleine klebrige Sekunden hängen zwischen Ziffern und dem Blatt, ach wie viele überflüssig-unnötige Stunden hab ich heute wieder mal verbracht ...

"Bei den Gleisen am Stuttgarter Nordbahnhof" ist als Ortsbeschreibung nicht sehr präzise, als Ort daher nicht so leicht zu finden, wirkt aber an sich umso bezaubernder. Auch von oben gesehen, von der Brücke aus, auf der wir uns versehentlich wiederfanden, woraufhin uns die Kleingeldprinzessin, deren Konzert wir dort besuchen wollten, von unten lachend den richtigen Weg zurief.
Der sogenannte Eintritt betrug einen so symbolischen Euro, dass er einen an jedem anderen Verhältnis zwischen jemals Bezahltem und dafür Erlebtem zweifeln ließ.

... wem soll ich jetzt im Rauschen der Welt morgens meine Träume erzählen? Und anderswo, anderntags längst, denkst du an dies und das, mal an nichts und mal an mich. ...

Die abgelegenen, stillgelegten und bewohnten Graffitiwaggons inmitten von Pflanzen und aufgehängten Schallplatten legten zumindest während des wenige Stunden kurzen Einblicks in diese Welt Gedanken an Freiheit und Frieden, romantisch und utopisch und wiesolebichwoanders? nahe sowie an andere Wörter aller Wortarten, aber das einzige, das wir davon zugaben, war "Cool!". Beim kühlen Bier in der warmen Sonne vergaßen wir auch die Uhrzeit, deren Druck, den sie während der Fahrt und Suche auf uns ausgeübt hatte, folgerichtig gleich verflog.

... ist es denn noch weit zum Paradies? Bin ich mittendrin, wenn ich die Augen schließ? Wieder ein Herzschlag, ein Atemzug, halt ich mich nicht fest, so vergeh ich im Flug - und ein Augenblick wär mir doch genug ...

In einem der Waggons befand sich auch die Bühne, vor die wir uns zusammen mit anderen Leuten, Kindern und Hunden setzten und der Kleingeldprinzessin (der Name: Berliner Straßenmusikerinnenhintergrund) beim Herumlaufen und nach Klebeband Suchen zusahen. Ihre Band, die Stadtpiraten, hatte sie nicht dabei. Als weit nach der geplanten Nachmittagsuhrzeit, deren pünktliche Einhaltung uns zuvor gestresst hatte, schließlich alles funktionierte, begann sie zu spielen, alleine mit Gitarre.

Kleingeldprinzessin


... und so sitz ich immer noch im Vorzimmer deiner Seele und baumel mit den Beinen, weil deine Unvergleichbarkeit so unerreichbar bleibt, wirst du nicht mich mit diesem Lächeln meinen ...

Das Schöne an der kleinen Menge an Menschen und dem kleinen Abstand zwischen selbigen und der Kleingeldprinzessin war, abgesehen von der Nähe selbst, die niedrige Lautstärke, die ausreichte, um ihr etwas zu sagen. So war das Konzert insgesamt auch ein angenehmer Dialog mit dem Publikum, der schon nett begann:

Kleingeldprinzessin (schüchtern, verwirrt, lachend) : "So, das ist jetzt noch halb Soundcheck, aber irgendwie geht's auch schon los. Hallo!"
Jemand: "Hallo, Prinzessin. =)" (Das Lächeln war genau in dieser Form auch akustisch zu hören)
Kleingeldprinzessin: "Schön, dass ihr da seid!"
Jemand: "Schön, dass DU da bist. =)"

Sie spielte vor allem neue Lieder, manche davon politisch oder portugiesisch (Portugal: Da lebte die Kleingeldprinzessin nie, aber ich glaube in Brasilien), die meisten aber doch unendlich reizende, den Verstand schmelzen und das Herz überbordern lassende Liebeslieder. Daraus entnommene verstreute Zitate kann der aufmerksame Leser auch hier zwischen den Absätzen versteckt entdecken, zum Beispiel:

... selten, aber manchmal, denk ich noch an dich. Selten, aber manchmal, zauber ich dann ein Lächeln auf mein Gesicht. Selten, aber manchmal, lache ich, wenn ich im Regen steh'- selten, aber meistens, tut das weh ...

Zwischen oder auch während ebendieser Lieder fügte die Kleingeldprinzessin (heißt eigentlich: Dota Kehr) Geschichten ein über die Änderung einer Berliner U-Bahn-Linie, die in einer dadurch nun überholten Zeile erwähnt wird, über die Schwierigkeit des Reimens auf "schwarz" und über den Ort Friedberg in Bayern, an dem sie am Tag zuvor gespielt hatte und über den einer der Zuhörer durch aufmerksames Raten ein Buch gewann, das die Prinzessin vom Bürgermeister überreicht bekommen hatte.

... wie die eine Hälfte einer zerrissenen Umarmung ...

Auf den CDs frage ich mich immer, wie in aller Welt es möglich ist, sich SOLCHE Texte mit Hunderten von Binnenreimen pro Zeile nicht nur zu merken, sondern, während man nebenbei Gitarre spielt, in diesem Tempo verhaspelfrei zu singen - beim Konzert wurden da schon mal selten, aber manchmal Strophenanfänge vergessen ("Blick zurück mmmmh nein, die Strophe hatten wir schon..." - "Macht nichts, war schön, nochmal! =)") oder einzelne Worte ver-"mmh-mmmh-mmmh"-t oder verlacht, was alles aber noch zusätzlich versympathisierte. Nett war auch die Ansage eines Diss-Liedes eines Typen mit Yuppie-Freunden, "es ist sogar in dis. Aber ich spiel's jetzt in d.".

... Erinnerungen an Momente mir dir, kostbar und rar, wie Diamanten aus Eis, halt sie nicht zu fest in meiner Hand, denn ich weiß - sie zerschmelzen zu Tränen, wenn die Kälte mir fehlt ...

Auf die Frage nach Wünschen bei der Zugabe folgte statt dem üblichen Gebrülle und Gekreische nur eine fast geflüsterte, aber vielstimmig-einstimmige Bitte nach "Alles Dur. =)", das dann auch vor dem letzten Lied über Justus, Peter und Bob gerne gespielt wurde. Die Einladung zum Kauf der neuen Platte konnten wir uns leider in dem Moment nicht leisten, werden aber sehr gerne der nach Tübingen zu einem Novemberkonzert folgen. Es gibt kaum etwas, was ich lieber empfehle, als auch so ein zauberhaftes Konzert zu erleben oder sich etwas Musik der Kleingeldprinzessin zu kaufen.

... Und dann in deinem Arm, alles gut, alles andre egal, alles du, alles Dur, alles nur ein Kitzellachen, fühl mich wohl - sind Momente wie Geschenke, wie Getränke mit Limettensaft und Alkohol.


--> www.kleingeldprinzessin.de (Musik zum Anhören, Musik zum Kaufen, Konzerttermine zu finden)
--> www.yardfestival.com (dazu gehörte das Konzert)