01 Oktober 2006 - 19:56 -- Psycho, Dad

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Vampire Live: Ein Erfahrungsbericht

Gestern war ich auf S. Geburtstag. S. ist meine Pen&Paper-Spielleiterin, die 5-6 Tage der Woche mit Rollenspiel verbringt. Darum gab es auch nicht nur eine Geburtstagsparty, sondern im Anschluss wurde Vampire Live gespielt und ich hatte eine Gastrolle. Ich erhoffte mir Einblicke in schwärzeste Untiefen der Gothic-Szene.

Beiss mich

Mit mir erschien D., den ich auch vom Pen&Paper-Rollenspiel kenne. Ansonsten waren auf der Party neben einigen ganz salonfähigen Leuten die vielleicht größten Geeks der Stadt - zu einer kritischen Masse versammelt! Natürlich waren die meisten Gäste auch eigentlich noch Kinder. Alkohol gab es auf der Party nicht, denn S. trinkt selbst keinen. Gottseidank hatte ich mich vorher informiert und welchen mitgebracht. Als D. und ich fröhlich das zweite Bier zischten, outeten sich die ersten Gäste, die "sich nicht getraut hatten, Bier mitzunehmen, weil sie nicht die einzigen sein wollten". Gut, soweit schonmal eher seltsame Umstände, aber ich bin sehr ambiguitätstolerant und komme notfalls auch mit Geeks klar. Und das, obwohl mir D. keine große Hilfe war und ihm bereits jetzt alles zu lächerlich erschien.

Neben den Vampire-Live-Spielern waren Vertreter aus den unterschiedlichen Rollenspielgruppen von S. anwesend, plus die Freundinnen, mit denen S. an einem Tag der Woche Battlestar Galactica, Babylon 5, Buffy, Charmed und ähnliche Serien auf DVD anschaut. D. steht auf die Galactica-Mädels, aber es war ihm nicht vergönnt, mit ihnen anzubandeln, denn nach drei Stunden wurde die Party offiziell für beendet erklärt und die salonfähigen Leute rausgeworfen. D. und ich spielten als Ghule. Das sind menschliche Diener der Vampire. Wir bekamen je einen Blutsauger als Mentor zugewiesen. Ich schmunzelte in mich hinein, als D. eine Vampirin im Ring-Con-Look zugewiesen bekam. Das Lachen verging mir bald. Mein vorgesetzter Vampir war noch nicht anwesend, wurde mir aber so beschrieben, dass mir nun selbst ein wenig graute. Jedenfalls fühlte ich mich spätestens jetzt, und mit der Aussicht, gleich spielen zu müssen, wie Tyler im Studentenwohnheim.

Nun war aber erstmal Warten angesagt, bis sich die Vampire verkleidet hatten. Überhaupt scheint es bei Vampire-Live vor allem um Warten zu gehen. Als alle in ihren Kostümen steckten (Ring-Con!), konnte D. das Lachen kaum noch verkneifen. Der ist auch so ein ironischer Typ, aber ich wollte dem Spiel eine Chance geben. Außerdem fürchteten wir beide, S. zu verärgern.
Hier ein paar Bilder davon, wie Vampire bei Vampire-Live nicht aussehen:


Nicht Grimmig

So nicht



So auch nicht

Bitte zum Diktat









Nein, diese Vampire hatten mehr etwas von Furry-Con und "Don't worry Ma'am, I'm from the internet!". Ich wagte einen verstohlenen Blick auf mein Geekometer: Ein Begräbnis der Nadel!

Die Vampire schritten nun nacheinander in den Raum, in dem gespielt werden sollte, und der zuvor noch als Partyraum diente. Jetzt gab es nicht einmal mehr nichtalkoholische Getränke oder Knabbereien. S. führte ein strenges Regiment, damit auch konzentriert gespielt wurde. Rauchen kostete Vampire einen sog. Blutpunkt. Mein Vampir ging mit mir im Schlepptau zu diversen Vampirgrüppchen und stellte uns vor. Das war noch ganz interessant und ich versuchte, meine Rolle auch ein wenig einzubringen. Dann ging das Warten los. Wie viele andere saß mein Vampir rum und machte nichts. Ich stellte ihm ab und an Ingame-Fragen, um die Langeweile zu unterbrechen. In meiner Ghulrolle durfte ich aber keine fremden Vampire unaufgefordert ansprechen. Kurz bevor das Herumsitzen unerträglich wurde, passierte etwas. Ich witterte Morgenluft. Ein wichtiger Altvampir fühlte sich (von der Spielleitung initiiert) von einem anderen Spieler beleidigt und forderte ihn zum Duell. Es kam zu einem kurzen Schaukampf (mit abgesprochenem Ausgang smilie ), der wirklich ganz nett war (vielleicht auch nur im Kontrast zum Warten). Danach ging es aber wieder mit der Langeweile weiter. Wenn Vampire nicht schweigend herumsitzen, führen sie furchtbar schlechten Smalltalk. Ich kenne das sonst so nur von Pen & Paper-Rollenspielen, wenn Spieler ohne Hintergrundgeschichte über ihre Person ausgefragt werden und dann auf die Schnelle etwas zusammenstottern. Verschlimmernd kommt bei Vampire allerdings noch hinzu, dass viele Spieler versuchten, besonders Bedeutungsschwangeres über das Vampirdasein und das Universum im Allgemeinen von sich zu geben.

Die Spielleitung hatte mit dem Duell scheinbar ihre Pflicht getan. Aber auch die Spieler hätten die Möglichkeit gehabt, Handlungsfortschritt zu initiieren. Leider waren die ausnahmslos Schnarchzapfen. Ich meine, die haben bis zu vier Waffen dabei und können alle zaubern. Da kann man doch mal was Interessanteres machen als zu sitzen. Nach ein, zwei Stunden gingen die ersten Vampire nach hause. Warum durften Ghule nicht heim? S. stauchte uns schon zusammen, als D. und ich nur eine Bierpause einlegen wollten.

Auch war ich etwas vom Anspruch der Polit-Simulation enttäuscht, die man mit Vampire-Live sonst verbindet. Zwar versprach man mir im Vorfeld, die Charaktere könnten im Wesentlichen das, was sie auch spielen können. Aber mir erschien es dann viel eher so, als würden die Charaktere ihren Einfluss durch das Ansammeln von Erfahrungspunkten (d.h. regelmäßiges Erscheinen) gewinnen und dies beim Larp dann nur noch nachspielen. Ich hatte mir da viel mehr Einflussmöglichkeiten durch geschicktes Intrigieren vorgestellt. Das war alles schrecklich harmlos. Aber nachdem sogar die Kämpfe abgesprochen waren...

Zwei Uhr morgens. D. ist neben seiner Vampirin eingeschlafen. Den ganzen Abend hatten wir uns schon gefragt, ob wir in der Disko nebenan nicht besser aufgehoben gewesen wären. Als ich schon nicht mehr daran geglaubt hatte, war der Spielabend irgendwann vorbei. Was bleibt, ist die Frage, welche Motivation begeisterte Vampire-Larp-Spieler antreibt. Nervenkitzel, Action, Spaß an der Intrige oder am Improvisationstheater kann es wohl kaum sein, denn davon habe ich nichts gesehen an dem Abend. Ich vermute, es ist das Verkleiden. Mit den Kostümen wurde ein ziemlicher Aufwand betrieben. Ich könnte mir vorstellen, dass das für Matrixmantelträger der Kick ist. Für mich jedenfalls wäre die einzige Motivation, nochmal zum Vampire-Larp zu gehen, der Ehrgeiz, dass ich das alles viel besser könnte.