07 Januar 2007 - 18:06 -- Thanil

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Mulholland Drive


Tjaaaaa, Mulholland Drive, David Lynch. Ach, wenn David Lynch im Spiel ist, dann fangen die Rezensenten an Bullshit zu schreiben. Es gibt ja so Regisseure, die dermaßen "präsent" sind, dass sie wie ein goldenes Kalb umtanzt werden. Krönung einer Kritik ist dann ein Satz wie dieser:

Das Großartige bei Lynch ist es aber, daß seine äußerst komplexe Montagetechnik durchaus Sinn zu haben scheint, und man nach Ende des Films das Gefühl hat, daß das ganze Geschehen absolut schlüssig ist; ähnlich wie bei "Lost Highway" hat man den Eindruck eines geschlossenen Kreises.

Wie kann man denn so einen Mist von sich geben und trotzdem für "Filmszene.de" schreiben dürfen? Da werden dann mal locker zehn von zehn Augen für die "gefühlte" Qualität des Films vergeben, nur weil David Lynch darauf steht. Und schon braucht man sich ja auch keine Mühe mehr zu machen, sich mit dem Film auseinander zu setzen. Der Grund, weshalb David Lynch angeblich den Ruf hat Filme zu machen, die den Zuschauer verarschen, weil sie "keinen Sinn ergeben", ist damit wohl eher die Unfähigkeit des Filmszene-Kritikers einen adäquaten Zugang zum Werk zu finden. Ganz peinlich wird es dann bei dieser Aussage:

"Mulholland Drive" gewährt dem Zuschauer einen Einblick in das faszinierende Lynchland, das wohl nur derjenige wirklich erfassen kann, der alle bisherigen Filme des Regisseurs gesehen hat und nachvollziehen konnte. Trotzdem scheint sich ein erkennbarer roter Faden durch seine Werke zu spinnen.

Soso, es scheint sich also ein erkennbarer roter Faden durch seine Werke zu spinnen. Wenn ein Kritiker damit beginnt, Verständnis vorzutäuschen, um den Kultregisseur abfeiern zu dürfen und mit einem wissenden Lächeln in die Runde blicken zu können, dann ist man am Bodensatz der Filmkritik angelangt. smilie

Ich will jetzt nicht so tun, als habe ich einen adäquaten Zugang zu "Mulholland Drive" gefunden. Ich kann zunächst einmal nur ganz subjektiv sagen, dass mich der Film ästhetisch unheimlich angesprochen hat. Die Frauen Betty/Diane (großartig gespielt von Naomi Watts) und Rita/Camille sind zusammen überirdisch schön und ergänzen sich gegenseitig perfekt. Die Szenerien sind stimmungsvoll belichtet, und obwohl sie fast immer ein surreales Ambiente auszustrahlen scheinen, sind sie zugleich doch sehr realistisch und glaubwürdig. Alle Rollen scheinen mir bis in die kleinste Nebenrolle hervorragend und markant besetzt.

Der Film weist gegen Mitte der Spielzeit einen gewaltigen Bruch des Plots auf. Seltsamerweise erschien mir aber die zweite Hälfte des Films "realistischer" als die erste. Im ersten Teil des Films hatten fast alle Szenen etwas an sich, das leicht entrückt und "fiebrig" schien. Manche Dinge waren zu schön um wahr zu sein: Betty wurde herzallerliebst in Los Angeles empfangen. Ihr erstes Vorsprechen als Schauspielerin war ein durchschlagender Erfolg. Sie traf die mysteriöse Rita, in die sie sich verliebte und die ihre Liebe auch noch erwiderte. Zugleich wurden sie in eine Abenteuergeschichte verwickelt, die zwar oft gruselig erschien, aber die beiden auch zusammen schweißte und ihrer Beziehung einen Sinn und ein Ziel gab. Die zweite Filmhälfte hingegen erschien mir viel "gebrochener" und daher auch irgendwie glaubwürdiger. Diane, also unsere vormalige Betty, war nun eine erfolglose Schauspielerin, die eine zerstörerische Beziehung zum attraktiven, aber manipulativen Star Camille, unserer vormaligen Rita, hatte und daran innerlich zerbrach, so dass sie letztlich sogar den Mord an ihr in Auftrag gab.

Letztlich erscheint es mir also so, als sei der erste Teil des Films ein Fiebertraum von Diane gewesen, in den sich Elemente ihres "wahren Lebens", nämlich dem des zweiten Teils des Films, hineinmischten. Es manifestierten sich Wünsche, Ängste und Figuren ihres vermasselten Lebens in diesem "Fiebertraum".

Obwohl mir diese Deutung nun relativ einleuchtend erscheint, greift sie natürlich zu kurz. Teil der Schönheit von "Mulholland Drive" ist vielleicht, dass man die Geschichte nicht "rationalisieren" kann. Wir haben es zu tun mit einer sehr symbolischen Bildsprache. Elemente und Situationen aus dem ersten Teil des Films werden irgendwie transformiert und manifestieren sich teilweise und in abgewandelter Form dann im zweiten Teil des Films. Es bleiben Zusammenhänge, die nicht restlos logisch sind oder klar aufgelöst werden können. Einen tieferen und damit adäquaten Zugang zum Film kann man wohl nur erringen, wenn man den Film mehrmals schaut und eine Analyse der Struktur vornimmt; eine Analyse, die sich eines psychologischen Instrumentariums von Interpretationsmethoden bedient. Es ist sehr naheliegend, den Film als Traum aufzufassen und die manifesten Szenen und Situationen auf ihre latente Bedeutung abzuklopfen, doch dafür ist es jetzt natürlich viel zu spät und ich will noch einen Muffin essen. smilie

10/10 finsteren Straßen