06 November 2007 - 11:01 -- Gimli
Easy Rider, Hippies
Easy Rider

Als ich das letzte Mal "Easy Rider" geschaut habe, ist mir vorallem aufgefallen, dass die beiden sich nicht wirklich wie Hippies verhalten.
Es beginnt schließlich damit, dass sie sich durch Drogenhandel einen Haufen Kohle verdient haben, und sich damit ein leichtes Leben mit Alkohol und Nutten verschaffen wollen. Billy (Dennis Hopper) ist dabei so richtig un-hippig. Zum Beispiel nehmen sie ja einen Hippie mit und Billy hat nur Angst, dass dieser ihr Geld klauen könnte, was diesem "wahren" Hippie natürlich nicht im Traum einfällt; stattdessen beschafft er die nächste Tankfüllung. Auch in der Hippiekommune, in die sie dann kommen, macht Billy einen eher genervten Eindruck, hält die ganzen Leute für bekloppt, und hofft praktisch nur eine der Frauen flachlegen zu können. Kurz gesagt: Billy ist ein Trittbrettfahrer, der seinen persönlichen amerikanischen Traum mit den simpelsten Mitteln ausleben will und dies gewissermaßen im Kielwasser der Hippie-Bewegung. Dafür übernimmt er im Endeffekt nur ein einziges ihrer Ideale, und zwar das Ideal der Freiheit glücklich zu werden wie man will. An gesellschaftlichem Wandel, oder dem Ausstieg aus der Gesellschaft, oder einer völlig neuen Form der Gesellschaft, wie sie im Summer of Love ausprobiert wurde (und scheiterte, muss man wohl sagen), ist er sicherlich nicht interessiert.
Wyatt (Peter Fonda) lebt nun zusammen mit Billy den selben Traum aus, die pure Freiheit also, ist sich aber, im Gegensatz zu seinem Kumpel, spätestens am Ende bewusst, dass die völlige Zügellosigkeit und Ungebundenheit ihn nicht weiterbringt. Den ganzen Film über sehnt er sich nach mehr, was auch immer das sein mag. Er bewundert den simplen Farmer mit seiner Großfamilie und überlegt ernsthaft sich der Kommune anzuschließen. Im Drogenrausch von New Orleans sieht er dann entgültig ein, dass seinem Leben die Substanz fehlt (seiner Meinung nach jedenfalls).
Natürlich habe ich keinen Schimmer von der Hippie-Bewegung. Einmal war ich nicht dabei und muss mir alles anlesen und aus der Musik, den Filmen, und anderen Ton- und Film-Dokumenten versuchen zu ergründen worum es damals ging; zweitens war es nunmal keine geschlossene Bewegung mit einem Weg und einem Ziel. Schon die vielbeschworenen deutschen "68er" sind mehr ein Mosaik von Weltvorstellungen, als eine geschlossene Masse. Wenn ich daher von den Idealen der Blumenkinder spreche, ist dies immer ein sehr beschränkter Blick zurück, vermischt mit allen gesellschaftlichen Entwicklungen, die ich selbst erlebt habe.
Also, meiner Einschätzung nach, brauchte die Nachkriegsgesellschaft der westlichen Industriestaaten das Extrem der völligen Ungebundenheit, um sich aus ihrem Extrem der absoluten gesellschaftlichen Unfreiheit lösen zu können, auf dass sie in den Jahrzehnten danach eine ausgeglichene Mitte finden konnte.
Nehmen wir als Beispiel die Freie Liebe: Manche Konservative, die heute zurückblicken, können sich noch immer darüber aufregen, dass die 68er angeblich herumhurten, zu Beziehungen nicht fähig waren, und schon gar nicht treu sein konnten, weil sie einfach ihren Trieben freien Lauf ließen. "Wer zweimal mit der selben pennt, gehört schon zum Establishment", wer kennt den Spruch nicht.
Aber wenn man sich einmal klarmacht, wie die Situation zuvor aussah, und wo wir heute stehen, lässt sich dieses extreme Ausleben der Freiheit durchaus nachvollziehen. Die Beziehungen zwischen Mann und Frau waren zuvor noch durch unglaublich rigide gesellschaftliche Normen geprägt und in ein staatlich-religiöses Korsett gezwängt. Wer nun also die Freie Liebe auslebte, wollte im Prinzip nicht mehr, als das, was wir heute haben. Beziehungen beginnen und beenden, wie man möchte, sie führen, wie man will, zusammenleben und Sex haben, ohne verheiratet sein zu müssen und ohne dafür gesellschaftlich geächtet zu werden; die Freiheit der Liebe halt, sei sie homosexuell, heterosexuell, monogam oder polygam, religiös oder staatlich legitimiert, wenn man das möchte, oder auch nicht, oder auch im heiligen Hain gesprochene Liebesschwüre vor der neo-paganistischen Priesterin - alles ist erlaubt.
Und so stand die Hippie-Bewegung in meinen Augen in allen Aspekten für mehr Freiheit. Politisch, gesellschaftlich, künstlerisch - man wollte erst einmal zweifeln dürfen, an der Moral der Eltern, am politischen System, am Kapitalismus, und an den Lebensentwürfen, die dem Individuum schablonenhaft übergestülpt wurden ("The Wanderers" passt da noch gut zum Thema).
Negiert somit "Easy Rider" diesen Traum von der Freiheit? Ich denke nicht. Der Sommer der Liebe mag ein Ende gefunden haben, was sich sicherlich auch in diesem Film wiederspiegelt, die fundamentalen Änderungen, die der Großteil der Bewegung vorantreiben wollte, haben scheinbar nicht stattgefunden, die Ikonen, wie Janis Joplin und Jimi Hendrix, verglühten auf dem Zenit ihres Schaffens - und der Film zeigt dann noch auf, wie die intolerante ängstliche Gesellschaft sogar den kleinsten Traum von ein wenig Freiheit vernichten kann. Aber obwohl der Film so deutlich die Schattenseiten des Sommers aufzeigt, verstehe ich ihn eher so, dass er vielmehr die Mitte aufzeigen will, also weder in extremer Unfreiheit noch in extremer Freiheit das Positive sucht.
Meiner Meinung nach hat dieser kurze Ausbruch ins selbstzerstörerische Extrem der absoluten gelebten Freiheit durchaus etwas bewegt, hat die Gesellschaft als Ganzes aus ihrem konservativen Extrem herausgeholt und somit im Endeffekt viel für die Freiheit getan.