21 September 2008 - 22:38 -- Nichtraucher

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Von wegen Tarantino...

Musste gestern glatt noch mal was aus meiner Sammlung anschauen, Annie Hall von Woody Allen. Der ist so toll Yes

Woody Allens



Mir fiel auf, wie modern der Film wirkt, obgleich er 30 Jahre alt ist. Wirkt wie ne taufrische Hollywood-Romanze. Dieser lakonische Tonfall, der trockene Humor, dauernd erinnern Szenen an "Harry und Sally", aber das ist natürlich umgekehrt zu sehen. Rob Reiner hat glatt ne Hommage an Allen gedreht, bis hin zu Sallys Outfit, das diverse Kombinationen von Diane Keaton aus "Annie Hall" wiederholt.

Zeitlich geht alles durcheinander, von wegen Tarantino, das hatte Allen schon 1977 drauf. Der Film wird in Rückblenden erzählt, aber auch die sind noch mal durcheinander gewürfelt, man muss einfach raten, welchen Abschnitt ihrer Beziehung man gerade zu sehen bekommt. Sie lieben und sie streiten sich, sie trennen sich und kommen wieder zusammen, und sie trennen sich wieder. Da passt der unchronologische Schnitt irgendwie zum Chaos der Beziehung, die Szenen werden eher nach "lieben sich" und "streiten sich" sortiert als nach zeitlicher Abfolge.

Allen spielt dazu noch jede Menge Spielchen mit der Meta-Ebene, das muss ganz schön modern und verwirrend gewesen sein:

In mehreren Szenen wandeln die Protagonisten durch ihre eigene Vergangenheit und kommentieren das Geschehen dort, ohne dass sie einer der Anwesenden wahrnimmt. Da gab es mal eine "King of Queens"-Folge mit Ben Stiller als Arthurs Vater, die das genau so gemacht hat. Tja, gute Ideen setzen sich durch.

Auch super: in der Kinoschlange wird Alvy Singer (Allen) von einem Dummschwätzer genervt, der absurdes Zeug über den Medientheoretiker Marshall McLuhan erzählt und nebenbei Allens Lieblingsregisseur Bergmann beleidigt. Alvy Singer hät es irgendwann nicht mehr aus und mischt sich ein. Der Dummschwätzer entpuppt sich als Professor für Medientheorie und spielt sich überhaupt ziemlich auf. Da zieht Singer den echten Marshall McLuhan am Ärmel ins Bild, "Zufällig habe ich Marshall McLuhan hier, er soll Ihnen selber erzählen, was er von Ihren Theorien hält..." - "Sie haben mich vollkommen missinterpretiert. Sie haben nicht im Ansatz verstanden, worum es mir geht!" sagt McLuhan und Singer schaut den Zuschauer an und seufzt "Warum kann es nicht einmal so im echten Leben sein?" hähö

Klar, heute gibt es solch surreale Szenen in jeder Scrubs-Folge, aber irgendwo muss es ja herkommen. In einer anderen Szene amüsieren sich Alvy und Annie, indem sie überlegen, was für Menschen die Leute im Park sein könnten.. "Schau der da," feixt Alvy und zeigt auf einen älteren Gentleman mit Hut, "der war Sieger des 'Truman Capote-Look-alike-Contest'". Der Statist ist der echte Truman Capote, solche Scherze halt, die hab ich auch erst über imdb erfahren. Großartig grins

In Nebenrollen tauchen Paul Simon auf (der unfassbar klein ist), Jeff Goldblum (ca. 10 Sekunden zu sehen, darf aber was sagen), Sigourney Weaver und, ganz arg toll wie immer, der junge Christopher Walken. Er spielt einen Psycho, klar.

Es ist eine sehr unromantische Romanze, die Liebesgeschichte wird erzählt, als sie zu Ende ist, man weiß die ganze Zeit, dass es nicht hält, aber das verleidet nichts, macht die Szenen der Beziehung nur umso wertvoller. Ein Woody-Allen-Film sowohl zum Verlieben als auch für Liebeskummer geeignet Smilie Deckt alles ab.